Zwischen Jungfernfahrt und Höllenritt – Auf der Suche nach dem Licht während der schönsten Seereise der Welt

MS „Nordlys“ in winterlichen Gewässern Norwegens

Die norwegische Stadt nahe der russischen Grenze an der Europastraße 105 nach Murmansk ist nach rund 1200 Seemeilen Wendepunkt für die elf Hurtigruten-Schiffe. Seit fast schon 120 Jahren verbindet die „schwimmende Reichsstraße Nr. 1“ 34 oft entlegene Häfen an der norwegischen Küste zwischen Bergen im Süden und Kirkenes im hohen Norden. Jeden Tag verlässt eins der kombinierten Passagier- und Frachtschiffe die alte Hansestadt. Drei von ihnen – die 120 Meter langen 12.000-Tonner „Kong Harald“, „Richard With“, „Nordlys“ – wurden zwischen 1993 und 1994 auf der Stralsunder Volkswerft gebaut. Erinnerungen werden wach.

Auf Wiedersehen”¦

Dreimal dröhnt das gewaltige Dreiklang-Typhon der „Nordlys“ im März 1994 über den Sund. Die Stralsunder wissen es spätestens jetzt: Heute verlässt der 11.000-Tonner seine Geburtsstätte für immer. Nach dem traditionellen Flaggenwechsel – Werft- gegen Landesflagge – soll es losgehen. Am Werftkai und an Bord Abschiedsstimmung, Tränen gar. Weiße Laken werden hüben wie drüben wellenförmig auf und ab geschwungen. Die Stewardessen intonieren sogar ein Lied: „Auf Wiedersehen, Stralsund ”¦“ – vom Winde verweht. Norwegische Besatzung und Werftpersonal sind sich während der über einjährigen Bauzeit auch menschlich näher gekommen. Der Schlepper zieht an, die Jungfernfahrt über Kopenhagen, Hamburg, London, Newcastle und Oslo – dort wird der Verkehrsminister noch eine „offizielle Taufe“ zelebrieren – nach Stavanger und Bergen beginnt.

Stück Werbung

In den Unterwegshäfen soll das deutsch-norwegische Gemeinschaftsprodukt vorgestellt werden. Ein gutes Stück Werbung auch für die Stralsunder Werft. Dann legt das luxuriös ausgestattete Schiff zu seiner ersten regulären Reise ab: hin und zurück rund 2.400 Seemeilen und 66 Häfen entlang der norwegischen Küste. In Kennerkreisen gilt die Route schon lange als „die schönste Schiffsreise der Welt“. Sie dauert elf Tage.

Einige norwegische Passagiere wollen es sich nicht nehmen lassen, „ihr“ neues Schiff „nach Hause“ zu begleiten. Mit von der jungfräulichen Partie sind auch Vertreter der Werft, Reederei und internationaler Zulieferfirmen. Ein Manager lädt in die Fjordstadt Bergen ein, „weil es mir in Stralsund so gut gefallen hat und Bergen auch auf Rügen liegt“, freut sich der ältere Herr, dessen Textilprodukte überall an Bord verarbeitet worden sind.

Kapitän Harold Widding, der jeden Gast beim Anbordgehen per Handschlag begrüßt hat, manövriert seinen 120 Meter-Liner behutsam ins Sundfahrwasser. Von der gläsernen Brücke aus schweift sein Blick ein letztes Mal über die Hansestadt. Wetterkulisse: Sonnenschein vor dunkler Regenwand. Die unermüdlichen Abschiedswinker bleiben langsam als Punkte zurück.

MS „Nordlys“, letztes Schiff einer ungewöhnlichen Dreier-Serie, nimmt Fahrt auf.

Die Inneneinrichtung kann sich sehen lassen. Vor allem ihr maritimes Flair aus nautischen Accessoires, Leder, Messing und viel Holz beeindruckt und lässt den Passagier sich wohl fühlen. Es liegt auf der Hand, dass Kunst, Dekor und Farben (übrigens bis heute in unveränderter Qualität) vom Nordlicht (Aurora Borealis) inspiriert sind.

Im Hurtigruten-Museum in Stokmarknes wird übrigens der Schiffs-Generationswechsel eindrucksvoll präsentiert. Auf der kleinen „Finnmarken“, die an Land steht, ist das besonders augenfällig.

Flugzeugtechnik auf der Brücke

Mit ruhiger Hand dirigiert Lotse Peter Klotz den Liner aus dem norwegischen Tromsö zum nächsten Wegpunkt Palmer Ort, Rügens südwestlichster Spitze. Die Hochspannungsleitung zwischen der Insel und dem Festland scheint die Antennen zu streifen.

Ein entgegenkommender Binnenfrachter, von der Brücke aus flach wie eine Flunder, weicht respektvoll nach Steuerbord aus. MS „Nordlys“ braucht Raum. Lotse Klotz hat das Manöver über Funk abgesprochen. „Ein Bonbon von einem Schiff“, kommentiert er navigatorische Ausrüstung samt Manövriereigenschaften und ergänzt: „So etwas habe ich noch nicht gefahren, optimal!“

Auffallend sind auf den geschmackvoll gestylten Konsolen zwei große farbige Tageslichtbildschirme. Das neueste jedoch ist eine elektronische Seekarte, die Kurs und Position selbsttätig aufzeichnet. „Hier ist Flugzeugtechnik eingezogen“, meint der Lotse anerkennend. Der Vergleich zu einem Jumbo-Cockpit hinkt nicht.

Lunch mit Heckaussicht auf den Sund und die Insel Rügen. Auch die Speisenauswahl – von diversen Salaten über Roastbeef und Lachs bis zu Hummer – lässt nicht den Eindruck aufkommen, man befinde sich auf einem kombinierten Fracht-Passagier-Schiff. Dazu das flussartige Fahrwasser samt Kreuzfahrtatmosphäre.

Ums Nordkap

Beim „Kap“ Nordperd nach Thiessow dreht Klotz das Schiff mit Daumen und Zeigefinger auf Nordkurs. Von Steuerbord nähert sich ein grau-schwarzes Schiff mit der Aufschrift „Fischereiaufsicht“. Der Radarschirm zeigt nur noch 1,8 scheinbar beängstigende Seemeilen bis zur Schnittstelle beider Kurse, dem Kollisionspunkt. Laufend koppelt der Computer Kurs und Geschwindigkeit des „Gegners“. Parallel dazu werden Kurs und Geschwindigkeit der jeweiligen Situation automatisch angepasst. Alles im Interesse höchster Sicherheit im künftigen Fahrtgebiet, den norwegischen Fjorden und Schären mit tückischen Untiefen und Klippen. Kapitän Widding, langjähriger Hurtig-Ruten-Fahrer, spricht denn auch von einem „excellent ship, made in Stralsund.“ Weil der Neubau als Post- und Frachtschiff auf der „schwimmenden Reichsstraße Nr. 1“ verkehren wird, hat der norwegische Staat Steuergelder dafür lockergemacht.

Ha det bra – und Tschüss! Wann wird es in Norwegen ein Wiedersehen geben – vielleicht mit sogar einer echten Nordkap-Umrundung?

Durch Nordmeer-Alpen

12. Dezember 2010: Die kleine Schar der 30 Passagiere kehrt pünktlich von Ausflügen zur Grenze und mit Hundeschlitten durch die Taiga an Bord zurück. „Wir sind kein Kreuzfahrer“, sagt Reiseleiterin Mette Indrevik, der „gute Geist des Schiffes“, „darum wird auch keine Rücksicht auf Zu-spät-Heimkehrer genommen“. Wie bestellt dröhnt das Typhon über den Bökfjord. Letztes Signal an die Landgänger und die Besucher. Viele kommen mal kurz zum Kaffee-Plausch an Bord, bei längeren Liegezeiten auch zum Essen.

Jedes Hurtigruten-Schiff, auch die beiden Oldtimer von 1956 und 1964, bietet Kreuzfahrtstandard. Im Sommer allerdings wird es eng an Deck. Kenner aus aller Welt hingegen fahren in den weniger gebuchten Wintermonaten, wenn arktisches Licht den Himmel dramatisch mit Pink-, Orange-, Grau- und Blautönen anstreicht, Schnee die „Alpen des Nordmeeres“ überpudert oder sogar giftgrüne Nordlichtschleier – größter Advents-Wunsch aller Mitfahrer – durch die Dunkelheit wabern. So steht denn die Reise – für Viele ein Lebenstraum – auch unter dem Motto „Hunting the light“. „Nordlys“ – der Name „Nordlicht“ ist Programm.

Daraus wird wohl an diesem Tag nichts. Schwarz-graue Wolken jagen im Tiefflug aus Nordwesten heran. Geradezu unheilverkündend! Ein Schneeschauer nach dem anderen peitscht seine Flocken waagerecht durch die Luft. Im Nu ist das grüne Deck weiß. Der Wind heult durch den Signalmast. 15 Uhr: Zwei dick vermummte Festmacher werfen die Leinen los. In der verglasten Backbord-Brückennock Kapitän Kai Albrigtsen. Seine seemännische Karriere fing vor 30 Jahren bei der Reederei an. In der Zeit avancierte der freundliche 45-Jährige vom Schiffsjungen zum Kapitän. Das Revier kennt er wie seine Westentasche.

Manöver greifen nicht

Doch heute nützt ihm das nichts, der Wind ist stärker und nimmt zu. Albrigtsen versucht sein Schiff mit dem Bugstrahlruder von der Pier zu drücken. Gegen die Steuerbordflanke, die wie ein riesiges Segel wirkt, stemmt sich der Wind. Schließlich rasselt der Steuerbord-Anker ins aufgewühlte Fjordwasser, um dem Schiff vorn Halt zu geben. Chief-Ingenieur Tor Olaf Jakobsen bringt durch seine 12.000 PS das Heckwasser zum Kochen.

Keine Chance! Die Manöver greifen nicht. Irgendwann torkeln Lichter durch das Schneechaos auf die „Nordlys“ zu: ein Schlepper mit Heimathafen Murmansk. Er hat versteckt hinter in Stralsund gebauten russischen Atlantik-Supertrawlern gelauert, die wegen offener Rechnung arretiert worden sind.

Seine 50 Tonnen Zugkraft lassen die Schleppleine wie eine Klaviersaite vibrieren. Mit 100 Tonnen Gegendruck pro Quadratmeter reagiert der Sturm. In Zeitlupentempo siegen schließlich die geballten Maschinenkräfte. Schwerfällig legt sich „Nordlys“ auf die Seite, bis ihr Steven auf Kurs voraus zeigt und die Trosse ins schwarze schaumgekrönte Wasser klatscht. Es war das erste Mal, dass Schlepperassistenz beim Ablegen angefordert werden musste.

Beginn der Seereise. Kaum ist der große Varangerfjord erreicht, fängt das Postschiff an zu nicken. Beim Abendessen lässt sich nur noch eine Handvoll Passagiere blicken. Draußen türmen sich die Wellenberge und waschen an den Restaurantfenstern entlang. Immer wieder erzittert der Rumpf wie unter Riesenhammer-Schlägen, wenn er in ein Tal taucht. Mettes Durchsage in vier Sprachen elektrisiert alle: „Meine Damen und Herren, bitte sichern Sie alle Gegenstände in Ihrer Kabine und suchen Sie das Bett auf. Es wird heute Nacht bis morgen Vormittag sehr stürmisch!“

Aus einigen Kabinen dringen unmissverständliche Geräusche, die auf Seekrankheit schließen lassen.

Zertifizierte Unwetter-Bilanz

Mittlerweile hat man sogar auf Deck sieben die Wellen auf Augenhöhe, schätzungsweise zwölf Meter. Und damit nicht genug: Bis zu 45 Grad legt sich das Schiff, trotz ausgefahrener Stabilisatoren, auf die Seite und richtet sich ächzend mühsam wieder auf. Die Stühle wirbeln, obwohl gelascht, durch die Kabine, Schubladen fliegen auf, der Kleiderschrank schießt seinen Inhalt an die gegenüberliegende Wand, Gläser zerspringen, Flaschen rollen aus dem Kühlschrank. Es wird gefährlich. An Schlaf ist nicht zu denken, nur an Eigenschutz und –sicherung. Eine Schreckensnacht, die so leicht niemand vergessen wird! Nicht umsonst ist die Barents-See für ihr Wüten so berüchtigt.

Erst nach siebzehn Stunden, querab schält sich – auf 71 Grad Nord und nur noch 2080 Kilometer vom Nordpol entfernt – der 307 Meter hohe Nordkap-Felsklotz (seit 1976 umrunden die Hurtigruten-Schiffe ihn nicht mehr, sondern nehmen den kürzeren südlichen Weg durch den Mageroysund) aus den tiefhängenden Wolken, ist der Wetterspuk weitgehend ausgestanden und Kapitän Albrigtsen stolz auf die Stabilität seines Schiffes: „Gute Volkswerft-Qualität“, meint er anerkennend, „so was haben weder ich noch das Schiff je mitgemacht, obwohl ich hier schon seit dreißig Jahren bei jedem Wetter fahre“. Bilanz: Windstärke 12 Bft plus, 180 Kilometer pro Stunde Windgeschwindigkeit, bis zu achtzehn Meter hohe Wellen, drei über Bord gerissene Rettungsinseln „Da hat uns“, informiert Albrigtsen, „ein ausgewachsener Hurricane erwischt, den Mensch und Schiff zum Glück heil überstanden haben!“ Die Sturmprobe wird jedem per Zertifikat bescheinigt und vom Kapitän überreicht – wie ein Weihnachtsgeschenk.

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Infos:

MS „Nordlys“ (TYP PCV 917-Schwesterschiffe: „Kong Harald“, „Richard With“, auch sie schon 1993 mit großer internationaler Resonanz): Bauwerft: Volkswerft Stralsund; Baujahr: 1994; Bau-Nummer: 303; Reederei: Hurtigruten ASA; Flagge: norwegisch; BRZ: 11.204; Länge: 121,8 m; Breite: 19,2 m; Tiefgang: 4,5 m; 2 MaK-Hauptmaschinen: 12.000 PS (9000 kW); Geschwindigkeit (max): 18 kn; Reisegeschwindigkeit: 15 kn (Verbrauch: 1000 l Diesel/Std.); 2 Bugstrahlruder; Stabilisatoren; Crew: 35; Passagierzahl (max.): 691, Bettenzahl: 475; Ladefläche: 1005 Quadratmeter (1 Backbord-Seitenpforte, 2 Lastfahrstühle).

Für die Passagiere:

umfangreiches Infomaterial vorab, Ausflugsangebot, Fahrrad-, Schiebeschlitten-Ausleihe, Polartaufe, Vorträge, Filmvorführungen, keine Kleidervorschriften, Essen sehr gut (immer frische Meeresprodukte im Büffet-Angebot) und reichlich, alkoholische Getränke sehr teuer (z.B. 0,4 –l-Glas Bier: rund 10 €).

Sehr kompetente, freundliche und (auch in Bezug auf ihre Hobbys Segeln, Skilaufe, Reisen) vielseitige Reiseleitung. Mette Frederikke Indrevik ist nicht nur studierte Hotelmanagerin mit Master-Diplom, sondern spricht neben Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch auch fließend Deutsch.

Ihr Hinweis ist nicht zu überhören: „Die Gäste denken manchmal, dass sie auf ein Kreuzfahrtschiff kommen, aber dies ist ein Arbeitsschiff, Teil des norwegischen Alltagslebens, mit ruhiger Atmosphäre“.

Empfehlung für beste Reisezeit: Mai (im Norden noch winterlich, im Süden frühlingshaft und Sonnenlicht, noch nicht so voll wie im Sommer); auch Kapitän Kai Albrigtsen ist dieser Meinung.

Sehr empfehlenswert Hurtigruten im Internet: www.hurtigruten.de; www.norwegische-postschiffe.de; www.visitnorway.de

Sehr empfehlenswerte Lektüre: Michael Möbius, Annette Stehr: „Die schönste Seereise der Welt“, Dumont Reise-Taschenbuch (erhält man mit der Buchung, ebenso „Hurtigruten – die schönste Seereise der Welt“).

Am Rande vermerkt der Reiserekord (geradezu Guinness-Buch-verdächtig): 800 Fahrten mit Hurtigruten-Schiffen (Knut, „ehrenamtlicher“ Festmacher von Aalesund)!

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