Tervetuloa – Willkommen in Finnland! – Mit High-Tech-Fähre in den Natur-Urlaub

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Sonnenuntergang über dem Sainaa-See in Finnland.

Drei Uhr morgens Ortszeit. Die Passagiere träumen in ihren Kabinen schon längst dem Seetag entgegen, als die vier je 10.395 kW starken Diesel anspringen. Vibrationen spürt man nicht.

Auf der Brücke konzentriert sich derweil Kapitän Jukka Tapiovaara auf das Auslaufmanöver. Es ist eng – nach vorn und achtern nur je 30 Meter – auf der Trave für den 219 Meter langen 46.000-Tonner, die größte Ro-Pax- (Fracht-Passagier-) Fähre der Welt. Ihre 5400 Quadratmeter Seiten- oder Segelfläche können bei Starkwind zum Problem werden. Aber der smarte, freundlich-gelassene 59-Jährige, der auch gut einen Kreuzfahrt-Kapitän abgegeben hätte, kann auf geballte 42 Jahre seemännische Erfahrung verweisen. Davon zehn Jahre als Staff-Captain auf der schnellen „Finnjet“ und – mit Zwischenspielen auf „Finnfellow“, „Olau Finn“ und „Antares“ – zwölf Jahre als Stammkapitän auf der schon legendären „Finnhansa“. Sie und die drei Schwesterschiffe haben ihre Fangemeinde, die sich die drei Neubauten – die neuen Sterne am Ostsee-Fährenhimmel? – noch erobern müssen. Generationswechsel bei Finnlines. „Vergleichen“, so die Leiterin der Lübecker Passage-Abbteilung Bärbel Horn, „kann und sollte man die beiden Fährtypen nicht, das sind zwei zu unterschiedliche Produkte“.

Entspannung mit Geschichten

Die Neuen sind nicht nur viel größer und schneller, sondern bieten auch die fünffache Passagierkapazität. Und noch einiges mehr. Zum Beispiel eine Kabinenpalette von zehn bis 38 Quadratmetern Größe, von der schlichten Innenkabine bis zur luxuriösen Außensuite.

Vor uns liegt ein Seetag. Da ist erst mal Ausschlafen angesagt. Begünstigt auch durch den üppigen Brunch von neun bis 13 Uhr im Restaurant „Mare Balticum“. Weitläufige Decksflächen und eine ausreichende Zahl von Liegestühlen laden zum Sonnenbad. Währenddessen sind Kinder im Spielzimmer gut aufgehoben.

Schwitzen ist am Nachmittag angesagt in einer von zwei geräumigen Saunen (geöffnet von sieben bis 22 Uhr) – getrennt nach Männlein und Weiblein. Dort oder im Whirlpool kommt man locker ins internationale Gespräch: mit Urlaubern, Fernfahrern oder Geschäftsleuten. Zum Abendessen von 18 bis 19.30 Uhr findet man wieder zusammen in fröhlicher Runde. Und kann dabei so manche erstaunliche und spannende Geschichte hören.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Nach flotter 27-Stündige-Fahrt (statt bisher 36) mit urlaubseinstimmender Kreuzfahrtatmosphäre über die kajakruhige Ostsee – bei Sturm sorgen Stabilisatoren für ein schaukelfreies Fähr-Vergnügen – Ausschiffung in Helsinki. Ab 2008 nicht mehr in der City, sondern im neuen Hafen Sompassari-Vuosaara zwölf Kilometer östlich der finnischen Hauptstadt.

Ohne deutschen Straßenstress rollen wir „unserem“ Ferienhaus mitten im Saimaa-See-Gebiet entgegen. Die Blechlawine verflüchtigt sich Gott sei Dank schon gleich hinter der Stadtgrenze.

Endlich da!

Hügelauf, hügelab, durch dichtes Nadel- und Birkenwaldspalier, windet sich das schwach befahrene Asphaltband. Immer öfter blitzt ein Seestück von insgesamt 188 000 durchs Gehölz. Das älteste Gestein der Welt, der granitene Baltische Schild, und die Eiszeiten standen Pate für diese attraktive Landschaftstrilogie aus Wald, Wasser und Fels.

Um überhaupt zu unserer Hütte – sie soll uns die nächsten zwei Sommerwochen gehören – zu finden, haben wir vom Vermieterbüro eine detaillierte Wegbeschreibung mitbekommen. Letztes Stück: eine kilometerlange Sandpiste, auf der der Wagen ins Schleudern gerät wie im Winter auf eisglattem Untergrund. Die Kajak-Resonanzböden verstärken das markerschütternde Rütteln der Wellblechpiste. Undurchdringliche Staubwolken vernebeln die Sicht nach hinten. Ende der Wüsten-Wald-Strecke. Vor uns auf einer baumbestandenen Halbinsel unsere Blockhütte aus hellen, abgeschälten Kiefernstämmen, gleich dahinter der See. Weit und breit kein Nachbarhaus.

Erste „Amtshandlung“: Abladen der Boote und „Taufe“ mit Saimaa-See-Wasser. „Tervetuloa! „Willkommen!“ Die Besitzer-Familie, zu unserem Empfang 100 Kilometer weit angereist, versucht uns dann in bestem Finnisch und wenigen Brocken Englisch mit dem Häuschen vertraut zu machen. Dazu gehören eine separate Schlafhütte, Ruderboot, Sauna, Herd, Kühlschrank und Quelle im Wald. Gas, Holz und sogar Solarkraft sind unsere Energiequellen.

Bis ich deutschsprachige Gebrauchs- und "Verhaltensanweisungen" entdecke. Beide Seiten sind zufrieden, und die Finnen verabschieden sich, unaufhörlich lächelnd, landesüblich mit: „Näkemin!“ „Auf Wiedersehen!“

Haus statt Zelt

Wir sind allein in der Wildnis! Ringsum, so Karte und Augenschein, nur die typischen Landschaftselemente. Vor allem viel, viel Wasser. Das ideale Kajakrevier. Früher ging so eine Tour nur per Zelt ab. Heute, „ein bisschen älter geworden“, freuen wir uns auf das gemütliche Haus mit seinem bescheidenen Komfort. Bei Regen in ein nasses Zelt zu kriechen – keine wahre Freude. Nach einem langen Tages-Kajaktörn noch in der „eigenen“ Sauna zu schwitzen und anschließend vor dem knisternden Kaminfeuer zu hocken – ein durchaus angenehmes Gefühl. Außerdem ist dies die landestypische Urlaubsform.

Der riesige rund 400 Kilometer lange Saimaa-See bietet so viele Tourenmöglichkeiten – auch mit dem hauseigenen Boot, wenn man kajaklos ist -, die vom jeweiligen Standort aus unternommen werden können. Das Landschaftsbild ändert sich auch nicht entscheidend, so dass wir auf eine Wanderfahrt im klassischen Sinne verzichten können. Kilometerfresserei adé.

Standortgebunden, doch bootsaktiv

Wir staunen, was man so alles im Umfeld einer Finnenhütte unternehmen kann!

Nach der Morgentoilette – für „das andere“ gibt’s ein Trockenklo – vom Bootssteg aus, dort liegt auch der Kahn vertäut, gehen wir erst mal auf „Kontrolltour“, die Fischreusen nachsehen. Könnte ja das „Abendbrot“ drin sein.

Auf der topografischen Karte (am besten 1: 20 000) wird ein Rundkurs abgesteckt, der mit Pausen gut abzupaddeln oder -rudern ist. Mal geht es über den offenen See, so dass das Seayak „Pero“ wellenfreudig reagiert; mal durch schmale Felskanäle und an Dutzenden von Inseln vorüber. Deren glattgeschliffene Buckel mit vom Eis ausgeschürften Einlaufbuchten verlocken zum Anlegen. FKK-Baden im klaren See, Sonnen auf durchwärmtem Fels, Blaubeeren- oder Pilzesammeln – oder auch nur ein entspannendes Erholungsschläfchen halten. Die Seele vom Boot aus baumeln lassen, das läßt sich hier trefflich machen.

Zum „Fünfuhrtee“, je nach Lust und Laune, aber ohne Uhr, machen wir wieder am heimischen Steg fest.

Die Sauna soll angeheizt werden (etwa eine Stunde braucht’s bis zur Schwitztemperatur zwischen 60 und 75 Grad Celsius); vielleicht muss noch Holz gehackt – das ist zwar vorhanden, die Arbeit macht aber Spaß – oder Wasser neben dem Ofen aufgefüllt werden.

Tierisches ohne Vorurteile

Zwischenspiel: Das intensive Abendlicht bietet sich Hobbymalern an zum Aquarellieren und Fotografieren. Unsere vier Privatinselchen rings um das Haus sind ideale Standorte dafür. Sie dienen allerlei Vogelarten wie Kanadagänsen – sie lassen sich sogar vom Steg aus füttern – Kranichen, seltenen Enten und Tauchern als Rast- und Ruheplätze.

Übrigens: Gegen das Finnland-Vorurteil Nummer eins „Mücken“ kann man sich schützen; die Nummer zwei heißt „Kälte“. In der Schule mal was von „kontinentaler Sommerwärme“ gehört? Na, also, die hatten wir nämlich schon ein paar Mal mit 32 Grad im Schatten "satt". Apropos: An Verpflegung haben wir fast alles im Auto aus Deutschland mitgenommen (in Finnland ist so manches doch teurer, vor allem Alkoholika). Dazu kommt, dass der nächste Laden 22 Kilometer von unserer Hütte entfernt ist. Sinnvoll erweist es sich, schon zu Hause einen Menüplan zu erstellen, so dass wir nicht in „Proviantnot“ geraten können. Außerdem wollen wir nicht Auto fahren! Lebensnotwendige Vitamine ergänzen wir gratis während unserer Streiftouren direkt aus der Natur. Angel-Freaks kommen zudem auf ihre fischigen Kosten.

Lange Nächte

Nach der Sauna mit Abkühlungssprüngen in den See ein eiskaltes Helles zum Abendbrot auf der Terrasse mit Naturblick – doppelter Genuss! Vor uns leuchten Wald und See im letzten Abendlicht. Die Tagesabschluss-Kajakfahrt zum Sonnenuntergang muss einfach noch sein. Wir durchschneiden die kilometerlange gleißende Sonnenbahn mitten auf dem stillen Seespiegel. Ein unendliches Gefühl der Ruhe durchströmt uns. Ich habe Hemmungen, dieses Bild durch Paddelschläge zu zerstören. Der hohe, weite Mittsommernachtshimmel glüht in allen Rottönen noch lange nach, während wir nur Wellenkreise hinterlassen.

Tagesausklang bei Spiel, Büchern und Wein. Kerzen und Kamin liefern stimmungsvoll Licht und Wärme. Die Kiefern rauschen uns in einen kuschligen Schlaf.

Infos:

Daten MS „Finnstar“, „Finnmaid“, „Finnlady“: Reederei Finnlines, Helsinki (zu 46 % in Händen der italienischen Grimaldi-Gruppe); Flagge: Finnland; ausgeliefert mit z.T. erheblicher Verspätung (hohe Konventionalstrafen waren dafür fällig) 2006/07 von den Fincantieri-Werften in Ancona und Neapel, Italien; Baukosten: 115 Mio. Euro; BRZ: 45.923; Ladung: 9800 tdw; Schiffsgewicht: 17.000 Tonnen; Displacement (Schiffsgewicht + Ladung): 28.600 Tonnen; Länge: 218,80 Meter; Breite: 30,5 Meter; Tiefgang: 7,1 Meter; Höhe: 49,6 Meter; Maschine: 4 x 10.395 kW Wärtsilä 9L46; Geschwindigkeit: 25 Knoten; Verbrauch: 160 Tonnen Schweröl pro Reise; Bugstrahlruder: 2 í  2000 kW; 2 KaMeWa-Bugpropeller; 2 Becker-Aktivruder; Stabilisatoren, höchste finnisch-schwedische Eisklasse: 1 A Super; Lademeter: 4200; 1 Hubschrauber-Deck;

Passagiere: 500; Kabinen: 201 Kabinen unterschiedlicher Preisklassen (2-Bett-Außen, 4-Bett-Außen; 3-Bett-Innen, 6 Bett-Innen; rollstuhlgerechte 3-Bett-Außen; 4-Bett-Außen; 4-Bett-Eck-Luxus; 4-Bett-Eck-Suite; 4-Bett-Eck-Deluxe; Ausstattung: Satelliten-TV, Telefon, Fön, gegen Gebühr auch Nutzung des Internets möglich; einige Kabinen können mit der Nachbarkabine verbunden werden) auf drei Decks (7 – 9); Ereignisdeck, Büffet und Restaurant, Konferenzräume, Hansa-Lounge, 2 Bars, 2 Saunen, 2 Whirlpools, Sonnendeck, Sailors Shop, Kinderspielecke, Internet-Café.

Mit den drei Schiffen hat Travemünde sieben Jahre nach Abzug der „Finnjet“ wieder eine schnelle Fährverbindung nach Finnland.

Buchung der „Finnstar“ und ihrer beiden Schwesterschiffe (tägliche Abfahrten 04 Uhr – Einschiffung ab 23 Uhr – von Travemünde, 18 Uhr – Einschiffung ab 15 Uhr – von Helsinki; Achtung: für alle Zeitangaben gilt finnische Zeit, d.h. + 1 Stunde; Fahrtzeit direkt nach Helsinki: 27 Stunden; Vollverpflegung mit alkoholfreien Getränken und Sauna inklusive; Tischreservierung): möglichst lange – ca. ein halbes Jahr – im Voraus sowie Prospektanforderung bei: Finnlines, Tel.: 0451-1507-443; die zehn Jahre alte „Finnhansa“ der teureren „Business-Class“ verbleibt als einzige von drei weiteren Schwesterschiffen (sie und zwei Nachbauten der „Finnstar“-Klasse fahren im Laufe des Jahres 2007 auf einer neuen Travemünde-Malmö-Route) für Wochenenddienste noch im Finnland-Dienst.

Fax: 0451-1507-444; E-mail: passage@finnlines.de; Internet: www.finnlines.de

Ferienhäuser: sehr große Auswahl in allen Preislagen mit detaillierter Beschreibung und Fotos für alle Regionen Finnlands bei Interchalet unter: www.interchalet.com oder: 0761-210077

Kartenmaterial Finnland: über jede Buchhandlung (Topografinen Karta 1: 20 000, 1: 100 000); Routen-Übersichtskarte 1: 800 000 bekommt man mit den Reiseunterlagen zugeschickt.

Lebensmittel: nach eigenen Vorstellungen zusammenstellen und aus Deutschland mitnehmen, auch Getränke. Kühltasche für den Transport von empfindlichen Produkten zu empfehlen. Küchengeräte und Geschirr sind vorhanden. In den finnischen Supermärkten kann man seinen Proviant ergänzen (Obst, Gemüse, Frischmilch, Fleisch etc.). Zur Erleichterung beim Blaubeerenpflücken sollte man dort auch für rund vier Euro das entsprechende Kämmgerät kaufen. Zu empfehlen sind außerdem frisch geräucherte oder gebratene Seiblinge und Maränen auf den lokalen Märkten.

Kleidung: so wenig wie möglich, so viel wie nötig – Jogginganzug, Sweat- und T-shirts, Turnschuhe, Hausschuhe, Regenzeug. Mit dem warmen Saunawasser läßt sich auch schnell etwas durchwaschen und in der Sauna über Nacht trocknen. Ansonsten kann frau/man hüllenlos herumlaufen, sofern man kann und mag.

Bettwäsche ist mitzubringen, ebenso Körper- und Geschirrtücher.

Kohleanzünder: mit dem lassen sich Sauna- und Kaminfeuer problemlos entfachen.

Auch sollte man an Mückenmittel, Saunakonzentrat, Bücher, Spiele, Kerzen, Bademantel und Badelatschen denken. Eine kleine Hausapotheke ist ratsam.

Keine Angst vor Transportproblemen: in den meisten Autos findet all das ohne weiteres Platz. Am besten, man legt sich vorher eine Checkliste an, die immer wieder benutzt und ergänzt werden kann.

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