Wissen ist Ohnmacht – Nicholas Cage kennt das Ende der Welt in “Knowing”

Nicolas Cage in "Knowing"

Die belanglosere der beiden Apokalypsen ist der Weltuntergang in “Knowing”. Dass es darauf hinausläuft, nimmt dem Film nichts an Spannung. Zum einen müsste er dazu überhaupt welche besitzen, zum anderen ist es so offensichtlich, dass jeder Rest Mysterium verfliegt. Dafür lernt man einiges über Retortenfilme. Erstens: Eine Prophezeiung läuft immer auf den Untergang der Welt hinaus. In subtileren Werken betrifft der nur die persönliche Welt des Protagonisten. Subtilität war jedoch nie Alex Proyas Stärke, nicht im verstaubten “The Crow”, nicht im überspannten “Dark City” und nicht im verkrampften “Garage Days”.  In “Knowing” tut es jedenfalls nur das Ende der Menschheit. Hauptdarsteller Nicholas Cage könnte sich darauf eigentlich freuen, würde es ihn doch vor dem künstlerischen Abstieg retten. Nach vielversprechenden Anfängen in David Lynchs ”Wilde at Heart” und einem Oscar für “Leaving Las Vegas” sieht man den fähigen Darsteller in letzter Zeit in geistlosen Werken, in denen viel explodiert oder gemordet wird. “Knowing” fällt in die erste Kategorie. Witwer John Koestler (Nicholas Cage) fällt die fünfzig Jahre alte Niederschrift der kleinen Lucinda (Lara Robinson) in die Hände. Sie und ihre Klassenkameraden sollten für ein Schulprojekt malen, wie sie sich die Zukunft vorstellen. Der mit Zahlenkolonnen beschriebene Zettel Lucindas wird bei der Öffnung der Kinderbriefe an der Schule Johns Sohn Caleb (Chandler Canterbury) überreicht. Durch Zufall erkennt John in den Ziffern einen Zusammenhang. Sie alle geben Opferzahl, Datum und Ort einer verheerenden Katastrophe an.

Zweitens: Die Hauptfigur hat einen Bekannten, dessen Beruf für entscheidende Informationen sorgt. Hier ist es ein Astrophysiker, der wuchernde Sonnenflecken beobachtet. Auf eine gigantische Katastrophe verweisen die letzten Ziffern. Da kann nur noch eine höhere Macht helfen – und tut es. Denn “sie” sind längst unter uns. Drittens: Wenn sich ein Fantasyfilm in der eigenen Handlung verheddert, löst das ein Zauberer. Bei einem Endzeitthriller tun das Aliens.

Was, wenn man weiß, wo es demnächst brenzlig zugeht? Nichts wie hinfahren! So handelt John. Natürlich nicht aus persönlicher Schaulust, sondern wegen der des Publikums. Bei seinen erfolglosen Verhinderungsversuchen diverser Katastrophen krachen Flugzeuge nieder und rasen U-Bahnwagen in Menschen. Ein geschickter Regisseur hätte aus der Erwartung des Zuschauers, daß gleich etwas unbestimmtes Schreckliches geschehen wird, Nervenkitzel schlagen können. Proyas schert sich nur um bombastische Effekte. Deren gute Qualität entschädigt nicht für ihre Belanglosigkeit. Die Katastrophenopfer sind einem so gleichgültig wie Johns angespannte Beziehung zu seinem Sohn Caleb. Cage, der in “Leaving Las Vegas” hervorragend den Trinker spielte, nimmt man den Beinahe- Alkoholiker John nicht ab. Bei dem eindimensionalen Filmcharakter ist sein desinteressiertes Spiel verständlich. Die psychischen Konflikte der Figur bleiben unberührt: Die Last des Wissen um Katastrophen, ohne sie verhindern zu können. Der private Glaubensverlust. Der unbewusste Wunsch, den Tod seiner Frau vorausgesehen zu haben und stellvertretend für sie andere Menschen zu retten. Viertens: Wer sich mit der Religion überworfen hat, findet im Angesicht des Todes zu ihr zurück. John ist da keine Ausnahme und versöhnt sich rechtzeitig mit seinem Pastorenvater. Doch um welche Religion geht es eigentlich? Die symbolträchtigen Zeichnungen Hesekiels verweisen noch auf die Bibel, Calebs Vision einer Feuerwalze ist universeller. Aber – dies muss einfach verraten werden – ein Ufo, daß die Auserwählten aufnimmt und auf einem paradiesischen Planeten neu beginnen lässt? In der nächste prophetische Botschaft will man da über Sektenideologie in Hollywood schreiben.

Wissen ist Macht. Hätten die Macher von “Knowing” nur Bescheid gewusst, über Spannungsaufbau, interessante Charakter und Plausibilität. Zumindest ein unterhaltsamer Mysterystreifen hätte heraus kommen können. Doch der überlange Thriller mit abstrusem Ausgang lässt einen das Weltende geradezu herbeisehnen. Dann hört auch “Knowing” endlich auf. Wer Bescheid wusste, hat die Macht, sich den Film zu ersparen.

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Originaltitel: Knowing

Deutscher Titel: Die Zukunft endet jetzt

Genre: Mystery-Thriller

Land/Jahr: USA 2009

DVD-Start: 28. August 2009

Regie und Drehbuch: Alex Proyas

Darsteller: Nicholas Cage, Rose Byrne, Chandler Canterbury, Lara Robinson

Verleih: Concorde

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