Der Mont Saint Michel bekommt das Meer zurück

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© WELTEXPRESS, Fotos: Elke Backert

Auf dem Rückweg könnte man im Sterne-Restaurant „La Mère Poulard“ die Spezialitäten kosten: Omelette und Salzwiesenlamm. Man kann auf dem Inselberg auch übernachten.

Seit 2006 läuft ein einzigartiges Renaturierungsprojekt: Der Mont Saint Michel, Teil des Unesco-Welterbes, soll 2015 wieder sanft von Meerwasser umspült werden. Mit gemütlichen Watt-Wanderungen wird es dann vorerst vorbei sein.

3,6 Millionen Touristen aus aller Welt scheuen jedes Jahr keine Mühe, stapfen auch in der größten Sommerhitze und bei eisigem Regen entschlossen den Berg hoch, um der schönen Geschichte um die Entstehung des „magischen Glaubensberges des Abendlandes“ zu lauschen: Der Legende nach erhielt Bischof Aubert von Avranches im Jahre 708 im Traum vom Erzengel Michael den Auftrag, auf dem Mont Tombe (Grabesberg) eine Kapelle zu errichten. Doch der Bischof mochte dieser nächtlichen Aufforderung nicht Folge leisten – da brannte ihm der Erzengel mit seinem Finger ein Loch in den Schädel. Auberts Haupt, das heute als Reliquie in Avranches liegt, weist tatsächlich ein Loch in der Schädeldecke auf. Jahrhundertelang war der Berg samt Kloster beliebtes Pilgerziel für Reisende aus aller Welt.

„Es ist fünf vor zwölf für den Mont St. Michel“, erklärt eine Fremdenführerin. Immerhin rund 300 Arbeitsplätze schafft das Wahrzeichen, dank der reisefreudigen Japaner und Chinesen gibt es hier in der Normandie mittlerweile keine „Saison“ mehr, die Reisenden kommen das ganze Jahr über. Rund 164 Millionen Euro ist für das Renaturierungs-Großprojekt veranschlagt, bei dem die Versandung um die weltberühmte Benediktinerabtei gestoppt werden soll. Ursprünglich war die Insel von der Küste aus nur bei Niedrigwasser erreichbar, weshalb Ende des 19. Jahrhunderts ein Damm gebaut wurde. Dieser Straßen-Damm soll durch die Umbauarbeiten künftig überflüssig werden. 2009 wurde an der Mündung des Flusses Couesnon ein Staudamm errichtet. Die Stauanlage dient ebenfalls als Aussichtsplattform auf die Bucht und den Glaubensberg. Seit der Eröffnung hat sich die Plattform zu einem neuen Besuchermagneten und beliebten Fotostopp entwickelt. Neben dem Ausblick auf den Glaubensberg und die Bucht kann man auch Einblicke in die Funktionsweise der Anlage erhalten – besonders interessant bei auflaufendem Wasser. Die Stauanlage wird zur Entsandung der Bucht maßgeblich beitragen, da die Sandpartikel mit hohem Druck zurück ins Meer geschwemmt werden. Experten gehen davon aus, dass innerhalb von zehn Jahren 80 Prozent der Sedimente allein durch die hydraulische Kraft des Flusses aus der Bucht geschwemmt werden. Langfristig wird sich somit der Wasserstand in der Bucht um rund 70 Zentimeter erhöhen. Infolgedessen wäre der „Mont“ wieder eine richtige Insel. Es klingt wenig elegant, aber das Prinzip funktioniert wie eine Toilettenspülung: Bei Sperre des Damms bei Flut wird Meerwasser in den Fluss gelassen, das bei Ebbe mit hohem Druck wieder abgelassen wird und Sand und Sedimente aus der Bucht tragen soll.

2013 soll auch der jetzige Damm durch eine Stelzenbrücke ersetzt werden. Ab 28. April 2012 sind die inselnahen Parkplätze entfernt.

Langfristig soll sich der Wasserstand der Bucht um das Kloster um rund 70 Zentimeter erhöhen – der Mont St. Michel wird dann wieder im Wasser stehen. Und vielleicht werden die Besucher dann wieder wie einst Victor Hugo staunen, er beschrieb die Geschwindigkeit der Fluten so: „,,,mit der Schnelligkeit eines Pferdes im Galopp“, das Wasser kommt mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu einem Meter pro Sekunde, der Tidenhub liegt bei bis zu 14 Metern. Die Bauarbeiten für die Renaturierung werden, selbst wenn sie sich verzögern, mit vergleichsweise geradezu atemberaubender Geschwindigkeit vollzogen: Die Gebäude auf dem Glaubensberg, das „Wunder des Abendlandes“, wurde erst 800 Jahre nach Baubeginn fertiggestellt. 966 gründete eine Gruppe von Benediktinermönchen das Kloster, vor einigen Jahren zog der letzte Mönch aus, heutzutage, so erfährt der Reisende, sei es gar nicht mehr so einfach, Mönche für ein Kloster zu finden. Denn so ein Gebäude erscheint nur jenem romantisch und interessant, der nach ein paar Stunden im Sonnenschein weiterreist, der niemals im feuchten Winter lange Abende hier verbringen musste.

Nach langem Suchen zogen schließlich Glaubensbrüder und -schwestern des Ordens „Fraternité monastique de Jerusalem“ ein, und seitdem rätseln Anwohner, was sie, die seit Jahrhunderten an Benediktinermönche gewöhnt waren, von diesen „Neuen“ halten sollen. Klarheit könnte man bekommen, wenn man sich hier für eine Woche zur Meditation anmeldete – dabei kann man mit den Mönchen leben, beten, kochen und nachdenken. Zumindest scheinen sie gut im 21. Jahrhundert angekommen zu sein: Unter www.abbaye-montsaintmichel.com bieten sie virtuelle Spaziergänge durch ihr Kloster an.   

Um zum Glaubensberg zu gelangen, muss man ab dem 28. April 2012 ungefähr 750 Meter zu Fuß vom Parkplatz zu dem Abfahrtspunkt des Pendelverkehrs gehen.

Folgende Transportmittel stehen ab dort zur Verfügung: Pendelbus "Le Passeur" (im Parkplatzpreis inkl.),  Pferdekutsche "La Maringote" (Hin- u. Rückfahrt: 6,50 €, Einzelfahrt: 4 €). Parkplatzgebühren: Pkw 8,50 €/Tag, Motorrad 3,50 €/Tag, Wohnmobil 12,50 €/Tag, Bus 55,00 €/Tag.

Preise inkl. MwSt. vom 28. April bis zum 31. August 2012/Tag: bis 2 Uhr nachts. Alternativ kann man zu Fuß zum Mont-Saint-Michel laufen, eine gute halbe Stunde für die Strecke von ca. 2,5 Kilometern zwischen dem neuen Parkplatz und dem Glaubensberg einplanen. Wichtiger Hinweis: Ab dem 28. April 2012, ca. 1 1/4 Stunden mehr Zeit für Hin- und Rückweg vom neuen Parkplatz auf dem Festland zum Mont-Saint-Michel einplanen, wenn man den Pendelbus nutzen möchte.  
Info: www.accueilmontsaintmichel.com, www.projetmontsaintmichel.org, Atout France in Frankfurt/M., info.de@france-guide.com, www.franceguide.com

Die Fotos von WELTEXPRESS-Autorin Elke Backert werden bald der Vergangenheit angehören.

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