Moskau schreibt die „Zeichen an der Wand“ – die endgültige Unterwerfung Russlands und Deutschlands

Der Wagen von Compiègne. Das schändliche Waffenstillstandsabkommens vom 11. November 1918 mussten Deutsche in einem Eisenbahn-Salonwagen im Wald von Compiègne unterzeichnen. Es kam aber noch schlimmer. Foto: gemeinfrei

Berlin, Deutschland (Weltexpress). In wenigen Wochen wird die Erinnerung an ein besonderes Datum Europa und die Welt wieder erschüttern. Wie immer dann, wenn das nationale und internationale Gedenken auf den 22. Juni 1941 fiel, den Tag des Angriffs des Deutschen Reiches auf die damalige Sowjetunion.

Es gibt jedoch für dieses Gedenken einen besonderen Umstand, der einmalig in der historischen Beschäftigung mit der Erinnerung an das ist, was in Russland und weiten Teilen der ehemaligen Sowjetunion der „Große vaterländische Krieg“ genannt wird. Wie besonders dieser Umstand ist, wird seit den Tagen vor Weihnachten 2019 in St. Petersburg in den Reden des russischen Präsidenten Putin zu der verhängnisvollen europäischen und globalen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts deutlich. Gerade in der Zeit der jetzigen russischen Präsidentschaft wird alles das, was zur Erinnerung an die Zeit zwischen dem 22. Juni 1941 und dem 3. September 1945 in der Bucht von Tokio zählt, nicht nur vor dem Vergessen bewahrt. Die Erinnerung wird besonders hervorgehoben und es gibt gute Gründe für dieses Verhalten. Nicht zuletzt der Eindruck, es in Anbetracht der globalen Situation wieder mit einer existentiellen Herausforderung für Russland in der Auseinandersetzung mit dem „angelsächsischen Block“ zu tun zu haben. Ist das Werk, das mit der Gründung des Deutschen Reiches am 18. Januar 1871 in Versailles begonnen wurde, die Verhinderung einer gedeihlichen und gutnachbarschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland zum Ziel hatte und bei dem die endgültige Unterwerfung Russlands und Deutschlands unabdingbar ist, noch nicht vollendet?

Muss Russland dafür entweder aus Europa hinausgedrängt werden oder in anderer Weise fremdem Willen unterworfen werden?

In seinen öffentlichen Reden wagt der russische Präsident etwas, das in dieser Auseinandersetzung „einzigartig“ genannt werden muss. Präsident Putin nimmt eine historische Zuordnung der Ereignisse, die zu diesem grauenvollen Abschnitt in den Beziehungen zwischen beiden Nachbarn in Europa führten, in einer Art und Weise vor, die „verbindend“ genannt werden muss, indem er auf die desaströse Bedeutung von „Versailles 1919“ und die fürchterlichen Folgen für die Entwicklung Deutschlands hingewiesen hat. Es blieb aber nicht bei der Rede in St. Petersburg. Eines um das andere Mal und zuletzt vor wenigen Tagen bei einer Rede vor Gouverneuren des Riesenreiches, hat Präsident Putin sich zu den historischen Fakten in einer so umfassenden Weise geäußert, dass die von ihm geäußerte Sicht der Dinge auch für jeden Deutschen gelten kann, der sich offen und ohne Vorurteilen mit der tragischen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts beschäftigt. Präsident Putin steht dabei nicht alleine, was die Ebene verantwortungsbewusster Staatsmänner anbetrifft. Wenige Monate nach Präsident Putin hat der französische Präsident Macron die besondere Verantwortung Frankreichs für das Verhängnis von „Versailles 1919“ und den Weg von Herrn Hitler in Deutschland hervorgehoben. Es ist ohnehin der französische Präsident Macron, der sich als Europäer der Verantwortung für eine Politik der „guten Nachbarschaft mit Moskau“ als Konsequenz aus den Tragödien des letzten Jahrhunderts und den heutigen Konfliktlinien stellt. Die öffentlichen Darlegungen der Präsidenten Putin und Macron weisen auf einen Umstand besonders hin. Wo sind vor dem Hintergrund einer objektiven Darlegung aller historischen Fakten die Aussagen des amerikanischen Präsidenten und des britischen Premierministers, von der deutschen Bundeskanzlerin ganz zu schweigen? Ist es für den Mann in Washington unmöglich, dem russischen Präsidenten zu folgen und darzulegen, welche Verantwortung die Vereinigten Staaten für das europäische Verhängnis tragen? Nicht nur aus historischen Gründen sondern wegen der aktuellen amerikanischen Politik gegenüber Russland, die auch den Ersten und den Zweiten Weltkrieg lediglich als Durchgangsstadien zur endgültigen Auseinandersetzung mit der kontinentalen Macht Russland erscheinen lässt.

Will man in Washington unter allen Umständen verhindern, sich mit den Worten auseinandersetzen zu müssen, nach denen unter allen Umständen und um jeden Preis ab 1871 eine Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland verhindert werden müsse?

Will man keine Auseinandersetzung mit der Frage, was die Motive für den amerikanischen Eintritt in den ersten Weltkrieg gegen Deutschland und die Mittelmächte gewesen sind, weil das bis zur heutigen NATO-Politik gegenüber Russland durchschlägt. Scheut man die Auseinandersetzung mit der verhängnisvollen Rolle des späteren US-Außenministers John Foster Dulles auf der Konferenz von Versailles, der die Kriegsschuldbestimmungen gegen Deutschland in das Diktat fingerte und gegen jede faire historische Betrachtung den Weg von Herrn Hitler in Deutschland erst ermöglichte? Wohlgemerkt in Zusammenspiel mit einer späteren amerikanischen Regierung, die Herrn Hitler in München vor dem Absturz rettete und mit gewaltigen Finanzmitteln unter ihrer Ägide erst auf den Weg schickte? Zuvor musste noch Außenminister Rathenau mit seiner sowjetfreundlichen Politik ermordet werden, damit Herr Hitler mit seiner sowjetfeindlichen und antisemitischen Agenda geradezu „auf Kiel“ gelegt werden konnte.(1)

Ohne Versailles kein Herr Hitler und ohne Herrn Hitler kein Angriff Deutschlands am 1. September 1939 auf Polen. Auffallend ist auch das Schweigen in London. Hat die Entwicklung über zwei Weltkriege und den Brexit wieder jenes Maß an britischer Einflussnahme auf Europa zurückgebracht, die bei der Reichsgründung 1871 der damalige britische Premierminister Disraeli glaubte eingebüßt zu haben? London war es gewohnt, auf dem Kontinent schalten und walten zu können und ganz im Stile heutiger NATO-Politik deutsche Soldaten für seine Kriege „mieten“ oder anderweitig einsetzen zu können. Da war es ein Bruch mit liebgewordenen Gewohnheiten, Deutschland zu eigenständiger Politik über die Reichsgründung heranwachsen zu sehen. Nicht zuletzt der Mord an Rasputin mitten im Ersten Weltkrieg hat deutlich gemacht, wie sehr es immer darum ging, Russland im Konflikt mit Deutschland zu halten und möglichst ausbluten zu lassen. Der Blick auf London und Washington verdeutlicht, in welchem Maße sich das politische Berlin unfähig erweist, dem von den Präsidenten Putin und Macron vorgelegten historischem Verantwortungsbewusstsein zu entsprechen oder gar eigene Beiträge zu leisten. Dafür muss es Gründe geben. Will man unter allen Umständen eine Auseinandersetzung mit der aktuellen amerikanischen Politik deshalb vermeiden, weil die antieuropäischen Konsequenzen der amerikanischen Politik sich über fast 150 Jahre hinweg deutlich nachweisen lassen? Will man sich dem historischen Dialog verweigern, weil ansonsten deutlich würde, wie schäbig man sich einem Land gegenüber verhält, das wie kein anderes den Zweiten Weltkrieg erleiden musste und dennoch Deutschland die staatliche Einheit wieder ermöglicht hat?

Anmerkung:

(1) Alexander Sosnowski und ich haben 2019 in unserem gemeinsamen Buch „Und immer wieder Versailles“, 216 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag, Verlag: Zeitgeist, ISBN: 978-3-943007-23-7, Preis: 21,90 EUR (Deutschland), auf den Weg des Verhängnisses aufmerksam gemacht.

Vorstehender Artikel von Willy Wimmer wurde unter dem Titel „Moskau schreibt die ‚Zeichen an der Wand‘“ in „World Economy“ am 28.2.2021 erstveröffentlicht.