Donnerstag, 02. Juli 2026
Politik Leo XIV. ist ein Jahr im Amt – Wie sieht die Bilanz...

Leo XIV. ist ein Jahr im Amt – Wie sieht die Bilanz des „Einheitspapstes“ aus?

Namensgebender "Heiliger Stuhl" in der Kathedra des Papstes in der Lateranbasilika. Unter Kathedra wie Katheder darf man einen Lehrstuhl verstehen. Wer auf diesem Stuhl sitzt und lehrt, der gilt als unfehlbar. Wer nicht daran glaubt, der dürfte auch nicht Mitglied der römlisch-katholischen Kirche sein. Quelle: Wikimedia, CC BY 3.0, Bild: Sailko - Eigenes Werk

Berlin, BRD (Weltexpress). Am 11. Mai 2026 war Robert Francis Prevost, der den Namen Leo XIV. annahm, ein Jahr als Oberhaupt der katholischen Kirche und zugleich Staatsoberhaupt des Vatikanstaates im Amt. Begangen wurde der Jahrestag bereits am 8. Mai, dem Tag, an dem er 2025 vom Kardinalskollegium gewählt worden war. Nach nur vier Wahlgängen, einem weniger als bei der Wahl seines am 21. April 2025 verstorbenen Vorgängers Franziskus (mit bürgerlichem Namen Jorge Mario Bergoglio), war er bereits am zweiten Tag des Konklave zum 267. Pontifex gewählt worden. Wie aus Vatikankreisen bekannt wurde, stimmte eine große Mehrheit der 133 wahlberechtigten Kardinäle für ihn. Auffällig war, dass noch vor Beginn der Abstimmung von einem kurzen Konklave, das ein Zeichen der Einheit der katholischen Kirche setzen werde, die Rede war. Das konnte darauf deuten, dass es Absprachen, Prevost zu wählen, gegeben hatte.

1955 in Chicago geborenen, kam mit ihm erstmals ein US-Amerikaner auf den Heiligen Stuhl. Er hat Eltern mit französischen, spanischen, italienischen und kreolischen Wurzeln und besitzt auch die Staatsbürgerschaft Perus, wo er lange Jahre als Missionar tätig war. 2015 hatte ihn Franziskus zum Bischof von Chiclayo, einer Diözese im Norden des Andenstaates, ernannt.

„Vatikan News“ schrieb, sein Wirken werde davon geprägt sein,   engagiert  den  Dialog und Frieden zu fördern und für eine  Kirche, die sich nicht an die Mächtigen „anlehnt“ und die Mission nicht mit religiösem Marketing verwechselt, einzutreten. Jetzt schrieb das offizielle Mitteilungsblatt des Vatikans, er habe beharrlich dieses Friedensengagement und weltweite Herausforderungen auf seine unaufgeregte, durchdachte und sorgfältige Art angegangen. Dabei sei zentrales Thema, dass sich unter Leo XIV. wieder mehr „an der Tradition orientiert“ werde, er mit seinen Worten und Handlungen die Kirche und die Welt beeinflusst und sich dabei als Vorbild für Frieden und spirituelle Autoritätg erwiesen habe.

Nicht wenige Aspekte des bisher von Leo XIV. eingeschlagenen Kurses, sprechen eine andere Sprache. Die Frage, wohin die Reise des seitdem in den „Vatikan News“ medienwirksam vorgestellten „Einheitspapstes“ geht, ist nicht einfach zu beantworten, da der neue Pontifex unermüdlich betont, das Werk seines Vorgängers Franziskus fortzusetzen, zu Frieden aufruft, und sich zuletzt medienwirksam gegen US-Präsident Trump in Szene setzte. Gleichzeitig flankiert er seinen Weg mit Rückblicken auf die Geschichte, deren Verlauf die heutigen Generationen der Katholiken kaum oder überhaupt nicht kennen und er darauf setzen kann, dass ihm Glauben geschenkt wird.

Prevost galt als Kompromisskandidat, mit dem die Wahl eines reaktionären Kandidaten verhindert worden sei, wie sie manche Teile des Klerus und politische Kreise verfolgt hatten – etwa in den USA, wo bereits das Pontifikat von Franziskus der Trump-Regierung ein Dorn im Auge war. Aber es ist so, dass Leo XIV. Pflöcke einschlägt, die markieren, dass er an den Grundsätzen der katholischen Soziallehre festhält und ihre maßgeblichen Begründer als Leitbilder für die Gegenwart herausstellt. Und das, folgt man „Vatikan News“ in „sorgfältiger Art“.

Er war kaum einen Monat im Amt, als er auf einem Symposium am 7. Juni 2025 zum 1700. Jahrestages des Konzils von Nizäa erklärte, dieses solle zu einem Kompass werden, der „zur vollen sichtbaren Einheit der Christen führen muss“. Laut Vatikan News“ sagte der Papst, das Konzil habe unter anderen „par excellence“ die „Norm des christlichen Glaubens“ verkündet, und hob hervor, das erste Konzil In Nizäa, dem heutigen Iznik in der Türkei, hat nicht etwa ein Papst, sondern ein Kaiser, Konstantin der Große, einberufen.

Stütze weltlicher Macht

Es war der einsetzende Zerfall des riesigen römischen Imperiums der Sklavenhalterordnung, der Konstantin I. veranlasste, die christliche Kirche zum Verbündeten zu machen, um diesen aufzuhalten. Zunächst tolerierte er die verfolgte Kirche bis 313, privilegierte sie dann und erhob sie schließlich zur Staatskirche. Als äußeres Zeichen ließ er das Christusmonogramm auf die Schilde seiner Soldaten malen (Konstantinische Wende). Endgültig wurde das Christentum dann durch das Religionsedikt „Cunctus populos“ (An alle Völker) 380 von Kaiser Theodosius I. (379-395) zur herrschenden und allein tolerierten Religion des Reiches erklärt.  Es verbot „alle heidnischen Religionen und schaltete die vom Katholizismus abweichenden mit Zwangsmaßnahmen“ aus. Damit wurde die Mehrheit der Bewohner des Römischen Reiches der katholischen Religion unterworfen. Der durchschnittliche Anteil der Christen dürfte um 350 bei fünf bis fünfzehn Prozent gelegen haben. Der Sklavenhalterstaat vereinnahmte so den Katholizismus als Staatsreligion. Nur die dem Gesetz folgten, wurden als katholische Christen anerkannt, alle nichtkatholischen Varianten „für wahrhaft toll und wahnsinnig“ erklärt. 

Eine wichtige Rolle spielte die Schrift des 248 von Papst Fabian (236-250) zum Bischof von Karthago geweihten Cyprian „Die Einheit der katholischen Kirche“, die den Aufbau einer einheitlichen autoritären hierarchischen Herrschaft der Kirche einleitete, mit der ein gnadenloser Kampf gegen Andersgläubige begann. Bezeichnenderweise kam ein Mann aus Karthago, der Provinz Bischof Cyprians, der Prediger Aurelius Augustinus (354-430), ein Anhänger des Manichäismus, der zum Christentum übertrat und 395 zum Bischof geweiht wurde, nach Rom, um für die unter Konstantin I. eingeleitete Verfolgung von Abtrünnigen das theoretische Rüstzeug zu liefern.

Als sich der Papst dann zum 1700. Jahrestag nach Nizäa begab, wurde das Thema in den Berichten von „Vatikan News“ nicht berührt. Das ist typisch für Leo, heikle Themen eine Weile ruhen zu lassen, um sie dann wieder aufzugreifen. Das geschah bei seinem Besuch in Algerien im August 2025, wo er Aurelius, der dort geboren wurde, als Bichoff wirkte und dort auch verstarb, in seiner Predigt am 23. August Politikern und Gesetzgebern als „Orientierung in Zeiten des Umbruchs“ empfahl. Augustinus habe die Menschen ermutigt, „die irdische Gesellschaft mit den Werten des Reiches Gottes zu

durchdringen“ und so menschliches Wachstum möglich zu machen. Diese Vision gebe auch angesichts der heutigen Veränderungen Halt“, so Leo, der mit Bezug auf das „Aufkommen neuer Machtzentren, des Wandels alter Allianzen und des beispiellosen Einflusses globaler Konzerne und Technologien“ der Bedeutung des reaktionären Theoretikers einen fortschrittlichen Anstrich zu geben versuchte.

En Passant demonstrierte Leo wieder einmal, dass er, im Gegensatz zu einem Vorgänger Franziskus, mit den Befreiungstheologen nichts am Hut hat, in dem er den am 12. April 2023 in Algerien verstorbenen früheren Bischof von Evreux (Frankreich), Jaques Gaillot, keines Wortes würdigte.

Gaillot hatte die am 8. Juni 1993 von Johannes Paul II. erlassenen Enzyklika „veritatis splendor“, die die absolute Unterwerfung unter den (von dem polnischen Papst verkündeten) Glauben und unbedingten Gehorsam der Gläubigen verlangte, abgelehnt. Der in Rom als Querulant verschriene Geistliche stand nicht nur an der Seite der Befreiungstheologen, sondern verkörperte so ziemlich

alles, gegen das die Spitze der Kurienhierarchie vorging. Er fühlte sich den Armen und Obdachlosen verpflichtet, kümmerte sich um Aidskranke und hatte Verständnis für Homosexuelle. war ein Sympathisant der palästinensischen Befreiungsbewegung und Yasir Arafats persönlich. In einem Schauprozess 1995 des Glaubensgerichts unter Vorsitz seines Präfekten, des deutschen Kardinals Ratzinger, des späteren Papstes Benedikt XVI., der nur eine halbe Stunde dauerte, wurde Gaillot seines Amtes enthoben. Der Verurteilte weigert sich, seine Amtsenthebung zu unterschreiben. Da man nicht wagte, den verehrten Bischof völlig jede seelsorgerische Tätigkeit zu verbieten, schickte man ihn im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste, indem er als Titularbischof in die einstige, de facto nicht mehr existente nordafrikanische Diözese Partenia in der algerischen Sahara nahe der Stadt Setif geschickt wurde. Schon bald wurde Gaillott auch dort ob seiner volksverbundenen Seelsorge weit über die Grenzen seines Bischofssitzes hinaus bekannt. An Stelle eines ihm nicht zur Verfügung stehenden Bistums schuf er sich ein Äquivalent im Internet und konnte auf seiner Hompage schon bald monatlich Tausende Pilger verzeichnen. Größer konnte die Abkehr von seinem Vorgänger Franziskus kaum demonstriert werden. Dieser hatte u. a. den Peruaner Gustavo Gutiérrez 2018 anlässlich dessen 90. Geburtstages in einem Brief für dessen Dienst an der Kirche und der Menschheit sowie für dessen Liebe zu den Armen und Ausgestoßenen der Gesellschaft gedankt. Den führenden Befreiungstheologen, den von faschistischen Todesschwadronen im März 1980 ermordeten Erzbischof von San Salvador, Óscar Arnulfo Romero, der offen den bewaffneten Kampf der Befreiungsbewegung Farabundo Martí unterstützte, hatte Franziskus 2015 selig- und 2018 heiliggesprochen.

Vorbilder: Prediger der „Demut, Ergebenheit und Leidensliebe“

Eine weitere Gelegenheit zu einem Ausflug ins Mittelalter bot am 4. Oktober das Gedenken an den großen Kirchentheoretiker Franz von Assis, der an diesem Tag bereits zwei Jahre nach seinem Tod am 3. Oktober 1226 heilig gesprochen wurde. Er war Begründer des Ordens der Franziskaner, der sich binnen weniger Jahre in ganz Europa ausbreitete und gegen Ende des 13. Jahrhunderts in verschiedenen Ländern Europas über 1000 Klöster zählte. 1230 gründete er im Herrschaftsgebiet der Deutschordensritter eine Niederlassung in Riga. Er trug auch die Christianisierung/Eroberung der Ostgebiete durch den Deutschen Ritterorden, die unter dem Motto „Taufe oder Tod“ erfolgte, mit. Während die Deutschritter ihre Herrschaft mit dem „Schwert“ durchsetzten, bestand ihre Aufgabe darin, die Macht der Feudalherrscher und des Papstes zu sichern, indem sie „den Volksmassen Demut, Ergebenheit und Leidensliebe“ predigten. Franz von Assis lehrte, dass der Mensch sich zu seinem Körper verhalten solle wie zu einem Esel und ihn deshalb „einem strengen Joch unterwerfen, häufig peitschen und mit schlechter Speise nähren müsse“. Der Mensch müsse so dahin gebracht werden, „alle Leiden und Kränkungen, und Ungerechtigkeiten und Demütigungen mit Geduld und Gleichmut zu ertragen“. Eine andere Aufgabe war, „keine Kritik an der offiziellen Kirche und ihrer Hierarchie“ zu üben, sondern im Gegenteil auf jede Weise die Loyalität „gegenüber dem päpstlichen Stuhl“ zu sichern. 1 Das führte zwangsläufig dazu, dass die Franziskaner neben den  Dominikanern 2 sich ab der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts vor allem in Italien, Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich auch an der Verurteilung von Häretikern im Rahmen der Inquisition beteiligten. 3 Aber der Orden nahm „nicht nur an der Unterdrückung „fremder häretischer Bewegungen teil, sondern sah sich gezwungen, auch den Aufruhr in den eigenen Reihen zu unterdrücken. Das geschah, wie gewöhnlich in solchen Fällen, mit größter Grausamkeit“. 4

Auch wenn in den letzten Jahrzehnten Autoren versuchten, der katholischen Kirche ein gemäßigteres, menschlicheres und weniger legendenhaftes Bild von der Person des Franziskus zu vermitteln, steht dem entgegen, dass Franz von Assis von Leo XIV. in einem „Vatikan News“ gegebenen Interview zu den Lehren der Kirche sagte, sie  werde „so bleiben, wie sie ist“, womit er bekräftigte, auch an denen Franz von Assisis, als eines maßgeblichen reaktionären Kirchenlehrer des Mittelalters, anzuknüpfen. 

Als er auf einer Messe am 3. November der verstorbenen Kardinäle und Bischöfe der Kuriengeschichte gedachte, die „neue, österliche Hoffnung gelebt, bezeugt und gelehrt“ haben, gehörte Franz von Assisis dazu und er stellte ihn an die Spitze. Und da er auch seinen Vorgänger Franziskus hier einreihte, lieferte er wieder einmal ein Beispiel seiner Sicht auf die Einheit der Kirche, die er als „Papst der Einheit“ zu verkörpern vorgibt. Wohl wissend um dessen gegen das Volk gerichtetes Wirken bezog er sich ausdrücklich auf ihn und erklärte, der Tod habe ihn „von einem Feind zu einer Schwester 5 gemacht, ihn gezähmt“.

Der  Kirchenhistoriker Volker Leppin 6 kritisierte zum 1. Jahrestag  von Papst Leo XIV. , dass „der Heilige Franziskus – Franz von Assisi – in Italien instrumentalisiert wird“.  „Domradio“ gab am 9. Mai die „FAZ“ wieder, in der er in einem Beitrag sagte,    die aktuelle Franziskus-Verehrung sei  „eine politische Instrumentalisierung des Heiligen von Assisi“.   Ministerpräsidentin Giorgia Meloni mache den Heiligen  zur Identifikationsfigur italienischer Einheit. Die Einführung des 4. Oktober als offizieller Feiertag sei „ein Baustein in Giorgia Melonis Versuch, das Land hinter sich zu einen“. Leppin ziehe dabei „eine direkte historische Linie zum italienischen Faschismus und verweise   darauf, dass  Meloni  an   Benito Mussolini anknüpfe, der den Franziskaner  zu dessen 700. Todestag als nationale Ikone neben Dante, Kolumbus und Leonardo da Vinci inszeniert hatte. Auch die Ernennung des Franziskus zum Nationalpatron Italiens 1939 sei vom Druck der Faschisten begleitet gewesen. Lepin beschreibt   das Franziskusbild der Gegenwart als vielfach überformte Figur. Der Heilige erscheine heute als Friedensapostel, Umweltfreund und freundlicher Tierliebhaber. Historisch sei das Bild jedoch deutlich widersprüchlicher. Der Franziskaner habe seinen Mitmenschen „mit aller Wucht Gottes Drohungen“ entgegenschleudert.  Heute umfasst die franziskanische Familie weltweit rund 650.000 Mitglieder in Laienbewegungen, Bruderschaften und klösterlichen Gemeinschaften. „Domradio“ erinnerte daran, dass  Giorgia Melonis rechtsradikale Partei Fratelli d’Italia  (FdI), die nach  Hochrechnungen auf mehr als 26 Prozent der Stimmen kommt, sich auf diese Massen bei ihrer Wiederwahl 2027 stützen kann.

Klare Distanz zu Franziskus

Auch hier ist die Distanz zu seinem Vorgänger offen sichtbar.  Während Leo sich zu den reaktionären Kirchentheoretikern und ihrer Gültigkeit in der Gegenwart bekennt, hatte Franziskus zwar am Zölibat festgehalten, aber in vielen Fragen mit reaktionären Traditionen gebrochen. Herausragend war, dass er am 28. September 2013 eine Arbeitsgruppe – offiziell als »Kardinalsrat« und »ständiges Beratungsorgan« – gebildet hatte, mit dem er, wie der Vatikankenner Marco Politi schrieb, Voraussetzungen schaffen wollte, »das Modell einer absoluten Monarchie zu überwinden und der Kirche eine gemeinschaftliche Struktur zu geben, in der die Episkopate mitentscheiden können, welche Strategien die Kirche in der gegenwärtigen Epoche verfolgen soll und wie der Glaube in der heutigen Gesellschaft gelebt werden kann«. 7 Franziskus trat den reaktionären Kreisen im Klerus so gut es ging entgegen. Zuletzt hatte er am 24. Juni 2024 mit der Ernennung Kardinal Georg Gänsweins zum Apostolischen Nuntius für Litauen, Estland und Lettland – was faktisch einer Abschiebung gleichkam – nochmals ein Zeichen gesetzt. Zuvor hatte er ihn bereits ohne feste Aufgabe in dessen Heimatbistum Freiburg verbannt. Damit drängte Franziskus den Einfluss des klerikalfaschistischen Opus Dei (Gotteswerk) im Vatikan zurück. Benedikt XVI. hatte nicht nur Opus Dei gefördert, sondern auch Gänswein, eines der führenden Mitglieder der Vereinigung, zu seinem Privatsekretär ernannt. 8

Werfen wir noch einen Blick darauf, wie Papst Leo zur von Franziskus eingeleiteten Teilnahme von Frauen am Leben der Kirche steht. Franziskus hatte 2024 erstmals Frauen zur Synode zugelassen. Als die Synode in ihrem Abschlussdokument, das von ihm vorgeschlagene Frauendiakonat ablehnte, nannte er es »interpretationsoffen« und gab der Hoffnung Ausdruck, dass vieles sich ändern könne. Ausdrücklich erklärte er, das Thema Frauendiakonat ist »nicht vom Tisch ist« und es werde weiter diskutiert. Außerdem könne jeder Katholik und jede Katholikin bei zehn synodalen Studiengruppen, die sich mit dem Frauendiakonat und anderen Fragen beschäftigen, Vorschläge einreichen. Zur Bekräftigung dieses Anliegens sollte die mittelalterliche Äbtissin und Gelehrte Hildegard von Bingen mit einem eigenen Gedenktag bedacht werden.

Als Kardinal hatte Prevost sich dagegen zum Frauendiakonat skeptisch geäußert und gemeint, dass es »nicht unbedingt ein Problem löst, sondern vielleicht ein neues Problem schafft«. 9Unter ihm ist als Papst von den von Franziskus eingesetzten Studiengruppen keine Rede mehr. Wie „Vatikan News“ im November mitteilte, hat Papst Leo XIV. zur Teilhabe von Frauen am Leben und an der Leitung der Kirche im vatikanischen Glaubensdikasterium eine eigene Studienkommission gebildet, die gegen Jahresende ein eigenes Dokument zum Thema Frauendiakonat vorlegen sollte. Bisher ist dazu nichts bekannt geworden.

Nebenbei bemerkt, gab es bereits bei seiner Amtseinführung einen kaum wahrgenommenen Fakt. Leo kleidete sich wieder im traditionellen päpstlichen Gewand mit der roten Mozzetta, das Franziskus nicht mehr getragen hatte. Das sind keine Nebensächlichkeiten: Die Gewänder spielen eine wichtige Rolle in der katholischen Kirche und dienen auch der Demonstration von Glanz und Macht.10

Auch in der großen Politik deuten sich Unterschiede an. Franziskus hatte beispielsweise die russische Eingliederung der Krim per Referendum wie auch den Angriff auf die Ukraine nicht verurteilt. Leo XIV. bezeichnete Russlands Krieg als eine »echte Invasion«, die imperialistischer Natur sei und bei der Russland versuche, aus Machtgründen »Territorium zu erobern«. Mit der 2maligen Privataudienz für den ukrainischen Präsidenten Selenskjy nahm er offen Partei für ihn.

In Bezug auf Israels Völkermord in Gaza beschränkte er sich bisher darauf, einen Waffenstillstand zu fordern. Am 22. September äußerte er in „Vatikan News“ zur „schrecklichen“ Situation in Gaza, dass wir der gegenüber „nicht abstumpfen dürfen“ betonte aber, der Heilige Stuhl sei derzeit nicht der Ansicht, „dass man eine Erklärung zur Definition von Genozid abgeben könne“. Die Definition sei „ sehr technisch, und offiziell sieht der Heilige Stuhl derzeit „keinen Grund für eine Stellungnahme“. Damit stellt sich das Oberhaupt von weltweit 900 Millionen Katholiken gegen die vom  Internationalen Strafgerichtshof der EU erlassenen  Haftbefehle gegen den israelischen Premier Netanjahu und  Ex-Verteidigungsminister Gallant  unter anderem wegen Völkermord und mutmaßlicher Kriegsverbrechen.

Beziehen sich die Aufrufe Leos, den Predigern der Hinnahme von Elend und Leid in Demut und Hingabe zu folgen, schon indirekt darauf, dass die von der Meloni-Regierung ausgehende gegenwärtige Unterdrückung und Ausbeutung, die Millionen ins Elend stürzt, Migranten dem Tod im Mittelmeer ausliefert, so hinzunehmen, wurde das deutlicher, als Leo XIV. bei einem Empfang durch den italienischen Staatschef, Sergio Mattarellla,   auf dem Quirinale (Amtssitz) im Oktober 2025 erklärte, die „herzlichen bilateralen Beziehungen zwischen Italien und dem Heiligen Stuhl“ seien „stets von aufrichtiger Freundschaft und wirksamer gegenseitiger Zusammenarbeit geprägt“ gewesen. Und er betonte ausdrücklich, dass es „eine glückliche Verbindung“ sei, die ihre Wurzeln in der Geschichte dieser Halbinsel und in der langen religiösen und kulturellen Tradition dieses Landes hat“. Da betrieb das Staatsoberhaupt des Vatikanstaates nun eine den Tatsachen gründlichst widersprechende Geschichtsklitterung.

Bringen wir die wichtigsten Fakten kurz zur Sprache: Sein Namensgeber Leo XIII. der sein Pontifikat am 20. Februar 1878 antrat, hatte die marxistische Arbeiterbewegung, ihre Partei und alle, die sich an ihre Seite stellten oder auch nur mit ihnen sympathisierten zum Hauptfeind des bürgerlichen Staat erklärt und in der 1891 erlassene Enzyklika „Rerum Novarum“, welche die Fortsetzung der katholischen Soziallehre festschrieb, geforderte, „der Staat muss sich zum unerbittlichen Hüter des Privateigentums machen“ und ihm durch „die öffentlichen Gesetze (…) Schirm und Schutz bieten“. Wer die Aufhebung des Privateigentums fordere, müsse „im Namen der Moral, deren Fundament er zerstört, als außerhalb des Gesetzes stehend erklärt werden“. Sollte „eine Vereinigung einen Zweck verfolgen, der in flagrantem Gegensatz zur Rechtschaffenheit, zur Gerechtigkeit und zur Sicherheit des Staates steht, dann haben die öffentlichen Gewalten das Recht, deren Bildung zu verhindern oder, falls sie schon bestehen, sie aufzulösen.“ Die Enzyklika wandte sich gegen „jede Form des Sozialismus“, den sie als „Pest“ brandmarkte und forderte: „Wenn die Massen sich von üblen Doktrinen hinreißen lassen, darf der Staat nicht zögern, mit starker Hand zuzufassen“. Ignazio Silone charakterisierte die päpstliche Schrift als „konterrevolutionäre Waffe im Schoße der Massen“. 11

Der blutige faschistische Terror, unter dem 1920 2.500 Italiener (Männer, Frauen, Kinder und Greise) unter den Kugeln der Faschisten starben, im ersten Halbjahr 1921 ungefähr 1.500 Menschen durch Kugeln Messer und Schlagstock der Faschisten getötet wurden, 20.000 Bewohner der Städte fliehen mussten, 12 hinderte den im Februar 1922 neu gewählten Papst Pius XI nicht, zusammen mit seinem Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri offen Partei für die Faschisten zu ergreifen. Die von dem Priester Don Luigi Sturzo im Auftrag des Vatikans 1919 gegründete katholische Volkspartei trat in die Mussolini-Regierung ein und verdeckte ihren faschistischen Charakter.

Als 1924 angesichts antifaschistischer Proteste gegen die Ermordung des Sozialistenführers Giacomo Matteotti der Sturz des Mussolini-Regimes drohte, rettete der Vatikan mit dem Industriellenverband Confindustria ihn davor. Sein Amtsblatt „Osservatore Romano“ lobte die „feste Haltung“ des Diktators und wandte sich gegen antifaschistische Aktionen, wofür sich der „Duce“ 1929 mit dem Abschluss der Lateranverträge, die die 1870 beseitigte weltliche Herrschaft errshcaftv des Papstesx wi3ederhestellten, des Papstes wiederherstellten, bedankte. In einer Rede an der katholischen Universität hob Pius XI. die persönlichen Verdienste des „Duce“ am Zustandekommen der Verträge ausdrücklich hervorhob und nannte ihn „einen Mann, mit dem uns die Vorsehung zusammenführte“.13 Ausdrücklich lobte er „der Name Mussolinis wird in goldenen Buchstaben in die Geschichte der katholisch en Kirche eingetragen“.

Nach der kolonialen Eroberung Äthiopiens 1935/36, bei der 275 .000 Einwohner durch Giftgaseinsatz umgebracht wurden, würdigte der römische Klerus Mussolini als „einen wunderbaren Duce, der das Kreuz Christi in alle Welt trägt“. Der Mailänder Kardinal Ildefonso Schuster feierte im Dom der Stadt die Heldentaten des italienischen Heeres, das in seiner Pflichterfüllung das „Licht der Zivilisation nach Äthiopien getragen“, einen „Evangelisationsfeldzug“ geführt und „ein Werk der christlichen Zivilisation zum Wohle der äthiopischen Barbaren.“ vollbracht habe. Durch das Werk des „Duce“ habe „Gott vom Himmel geantwortet“.

Als nach dem Abzug der Internationalen Brigaden es den spanischen Faschisten, darunter italienische Verbände, am 28. März 1939 gelang, in Madrid einzumarschieren, stellte sich Pius XII. der am 2. März gerade sein Pontifikat Angetreten hatte, wie sein Vorgänger an die Seite des Faschismus und übermittelte Franco eine Botschaft, in der es hieß: „Die von Gott als wichtigster Diener der Evangelisation der Neuen Welt und als uneinnehmbares Bollwerk des katholischen Glaubens auserwählte Nation hat soeben den Anhängern des materialistischen Atheismus unseres Jahrhunderts den erhabensten Beweis dafür geliefert, dass über allen Dingen die ewigen Werte der Religion und des Geistes stehen.“ 14

Nach dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 ging es dem Vatikan mit den Palastverschwörern darum, sich „von Mussolini und die Deutschfreundlichen zu befreien, das System aber zu erhalten“ 15

Bei Kriegsende 1945 fügte der Vatikan seiner Politik des Bündnisses mit dem Faschismus eine neue Seite hinzu. Für Tausende und Abertausende führende Faschisten organisierte er unter Pius XII. die Flucht über die im Geheimdienstjargon „Rattenlinie“ genannte Route nach Südamerika oder beteiligte sich aktiv daran. Dazu gehörten neben international gesuchten Kriegsverbrechern wie Adolf Eichmann, der KZ-Arzt von Auschwitz Josef Mengele, der Kommandant der Vernichtungslager von Sobibor und Treblinka, Franz Sprangl, und der des Ghettos in Przemysl, Josef Schwammberger, der Führer der Ustascha-Faschisten und Chef des unter der Okkupation Hitlerdeutschlands proklamierten „Unabhängigen Staates Kroatien“, Ante Pavelic, mit fast seinem gesamten Kabinett. Wie der argentinische Historiker Uki Goni in seinem Buch „Odessa“ 16 recherchierte, waren wenigstens 300 der ausgeschleusten Faschisten bereits in Europa abgeurteilte oder angeklagte Kriegsverbrecher. Im Staatssekretariat des Vatikan leitete die Rettungsaktion Giovanni Battista Montini, der spätere Papst Paul VI. Zu seinen Helfern gehörte der SS-Sturmbannführer Karl Hass, der zusammen mit dem SS-Chef von Rom, Herbert Kappler, und dessen Stellvertreter Erich Priebke u. a. an der Ermordung der 335 Geiseln im März 1944 in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom beteiligt war. Laut 1975 in Washington freigegebenen Aufzeichnungen von Beamten des Finanzministeriums hat der Vatikan bei Kriegsende vom faschistischen Ustascha-Regime in Kroatien Gold im Werte von 250 Millionen Schweizer Franken „in Verwahrung“ genommen. Die Summe stammte aus dem Vermögen von insgesamt 350 Millionen Schweizer Franken von mehreren Hunderttausend Serben, Juden, Sinti und Roma sowie oppositionellen Kroaten, die das Ustascha-Regime von 1941 bis 1945 umbrachte. Battista Montini hatte während der Rettungsaktionen für die Ustascha-Faschisten mit dem Pavelic-Vertrauten Krunoslav Draganovic im Kloster San Girolamo in Rom extra für diese zur Flucht eine „kroatische Sektion“ gebildet.17

Mit Ausnahme von Johannes XXIII. und Franziskus standen Pius XII. und alle seine Nachfolger grundsätzlich an der Seite der faschistischen Regimes der italienischen Nachkriegszeit, die auch mit der wiedergegründeten Mussolinipartei Movimento Sociale Italiano (MSI) paktierten. Pius XII. ließ „zur Kontrolle der innenpolitischen Entwicklung und des Kampfes gegen den Kommunismus in Italien“ im Vatikan ein Sonderbüro bilden, das Batista Montini leitete. Zu den im April 1948 anstehenden ersten Parlamentswahlen nach Kriegsende fürchteten die USA und die italienischen Rechtskräfte einen Wahlsieg der auf einer Einheitsliste antretenden Kommunisten und Sozialisten. Erzbischof Flannally hetzte in Anwesenheit von Kardinal Francis Spellmann in der St. Patrick’s Cathedral von New York: „Das Mittelmeer ist ein christliches Meer, das nicht durch den atheistischen Kommunismus mit seiner tödlichen Faust rot gefärbt werden darf“. Pius XII. rief öffentlich auf, die Democrazia Cristiana (DC) zu wählen. Durch einen Erlass des Heiligen Officiums ließ er massenweise Kommunisten und Sozialisten exkommunizieren, um von der Wahl der Arbeiterparteien abzuschrecken. Die von den USA finanzierte klerikale „Azione Cattolica“ bildete 20.000 Bürgerkomitees, die in hasserfüllten Losungen verkündeten, bei der Wahl gehe es um Christ oder Antichrist, Gläubige oder Gottlose, Rom oder Moskau. Der Komitee-Vorsitzende, Luigi Gedda, forderte, die Mussolini-Nachfolgerpartei MSI in ein „nationales Bündnis“ einzuschließen. Der Faschismus, so Gedda, sei lediglich „ein Exzess großherziger und gesunder Ideale von Patriotismus und Autoritätsgläubigkeit“ gewesen. Die Pfarrer schrien von den Kanzeln herab von „mongolischen Lagern im Schatten des Kolosseums“. Der General der Jesuiten, Giovanni Batista Jansen, setzte sich dafür ein, die Wahlkampagne des MSI auch finanziell zu unterstützen. Im Ergebnis der vom Vatikan aktiv unterstützten Hetzkampagne erreichte die DC 48,5 %, während Kommunisten und Sozialisten dennoch 37 % errangen.

Der einflussreiche Kleriker Don Luigi Sturzo, 1919 Gründer der katholischen Volkspartei, rief 1952 die DC und die anderen bürgerlichen Parteien auf, zusammen mit dem MSI und den Monarchisten einen Einheitsblock gegen die „rote Machtübernahme“ zu bilden.18 Als sich mit Beginn der 50er Jahre die Forderungen verstärkten, das MSI als Nachfolger der Mussolinipartei zu verbieten, wandten sich Vatikankreise dagegen. „Civiltà Catolica“ verurteilte es am 18. März 1953, „die 20 Jahre Faschismus als völlig negativ zu bewerten“ und nannte das „eine Verleumdung des Vaterlandes“. Das alles muss man schon im Blick haben, um zu verstehen, dass das für Papst Leo XVI. Ausdruck der „herzlichen bilateralen Beziehungen zwischen Italien und dem Heiligen Stuhl“ sind, „eine glückliche Verbindung“ die ihre Wurzeln in der Geschichte dieser Halbinsel und in der langen religiösen und kulturellen Tradition dieses Landes hat“.

Im Grunde ist die Erklärung des Papstes gegenüber Staatspräsident Mattarella, der die Regierung Giorgia Melonis toleriert, auch eine wohlwollende Zustimmung seinerseits zu ihr. Dazu hat der führende kommunistische Philosoph Luciano Canfora erst unlängst an Hand der Herkunft ihrer Partei der „Brüder Italiens“ aus der im Dezember 1946 von dem Staatssekretär Mussolinis, Giorgio Almirante, wiedergegründeten Nachfolgeorganisation der faschistischen Partei des„ Duce“ in Gestalt des Movimento Sociale Italiano (MSI) klar gestellt, dass Meloni zu dessen Erben gehört, die »nicht abschwören«. 19

In diesem Kontext wachsen Befürchtungen, dass Leo XIV. den faschistenfreundlichen Pius XII. seligsprechen will, was bekanntlich die Vorstufe zur Heiligsprechung ist. Auch hier gibt es Zeichen, die nur den Insidern auffallen und selbst ihnen erst im Nachhinein. So hatte Prevost zu seiner Amtseinführung neben Vertretern der Ostkirchen persönlich den Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinde Roms, Riccardo Di Segni, eingeladen und dazu ausdrücklich mitgeteilt, dass er die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Zusammenarbeit mit dem jüdischen Volk im Geiste des »Nostra Aetate« – der Erklärung von 1965 zur Haltung der katholischen Kirche zu nichtchristlichen Religionen – einhalten werde. Das jüdische Oberhaupt in Rom folgte dann der Einladung mit 15 Vertretern der Gemeinde. Drei Wochen später folgte ein Ereignis, das dann zum Nachdenken führte. Während eines Besuchs in der päpstlichen Resistenz Castel Gandolfo machte Leo XIV. am Kryptoportikus – den archäologischen Überresten der Audienzhalle des Kaisers Domitian – Halt und sagte, er wolle an das mutige Handeln von Papst Pius XII. erinnern, der 1944 im Zweiten Weltkrieg über 12.000 Menschen vor der Bombardierung in den Castelli Romani Zuflucht gewährt habe. Das sollte offensichtlich vergessen machen, dass Pius XII. die ihm von dem späteren Papst Johannes XXIII. , damals Nuntius (Botschafter) des Vatikans in Istambul im Jahr 1944 übermittelten Informationen über die Greuel in Auschwitz ignorierte. Die Informationen stammten von zwei Juden, die im April 1944 aus Auschwitz fliehen konnten, und deren Berichte später Teil der »Protokolle von Auschwitz« wurden. 20 Das ließ die Betonung der Einhaltung von »Nostra Aetate« im Zusammenhang damit sehen, Israel dafür zu gewinnen, einer Würdigung von Pius XII. in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem als Schritt zu seiner Seligsprechung zuzustimmen.

Zur Durchsetzung der Lehren reaktionärer Kirchentheoretiker sollen weiterhin auch die mit der Teufelsaustreibung beauftragten Exorxisten beitragen. Wie „Vatikan News“ am 23. September 2025 berichtete, sprach Leo XIV. auf einer Konferenz der Internationalen Vereinigung der Exorzisten (AIE) in Rom seine „Wertschätzung für die Priester, die sich dem heiklen und zugleich notwendigen Dienst des Exorzisten widmen“ aus und ermutigte sie, diesen „als Dienst der Befreiung und des Trostes“ zu leben, „indem sie die Gläubigen, die tatsächlich vom Bösen besessen sind, mit Gebet und der wirksamen Anrufung der Gegenwart Christi begleiten, damit der Herr durch das Sakramentale des Exorzismus den Sieg über Satan schenke“. An der Konferenz nahmen etwa 300 Exorzisten aus allen Kontinenten sowie ihre Helfer teil. Nach festgelegten liturgischen Instruktionen soll die »Teufelsaustreibung« angeblich in Gebeten und Lesungen aus der Bibel in aller Stille und ohne flackernde Kerzen erfolgen und die »Besessenen« sollen auch nicht schreien, was aber wohl meist nicht so abläuft. Denn beim Exorzismus werden die Opfer heute zwar nicht mehr wie im Mittelalter auf dem Scheiterhaufen verbrannt, können aber dennoch zu Tode kommen. Wie oft das der Fall ist liegt im Dunklen. Bekannt wurde, dass am 1. Juli 1976 im deutschen Klingenberg am Main die 22-jährige Studentin Anneliese Michel, die dämonischer Besessenheit beschuldigt wurde, in der Folge mehrere Monate dauernder Exorzismus-Rituale, nach denen sie noch 31 Kilo wog, an Entkräftung starb. In den Fall war der spätere deutsche Ratzinger-Papst Benedikt XVI. verwickelt. Der damalige Theologie-Professor war, wie auch später als Pontifex, ein fanatischer Einpeitscher der Teufelsaustreibung und hatte das Exorzistenteam beraten. Die Exorzisten selbst wurden der fahrlässigen Tötung wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt und zu Bewährungsstrafen verurteilt. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Josef Höffner, stellte sich schützend vor die Teufelsaustreiber und erklärte, dass eine dämonische Besessenheit möglich sei.

Die letzte Operation, die konservativ-reaktionäre Basis des Wirkens des „Einheitspapstes“ auszubauen, fand im Februar dieses Jahres statt. Wie „Vatikan News“ am 12. des Monats berichtete, fand an diesem Tag im vatikanischen Dikasterium für die Glaubenslehre ein Gespräch des Glaubens-Präfekten Kardinal Victor Manuel Fernandez mit dem Generaloberen der Pius-Bruderschaft, Don Davide Pagliarani, statt, in dem  die Aufnahme eines Dialogs mit ihr vereinbart wurde.  Es war von einem „freundlichen und aufrichtigen Treffen“ die Rede, dem der Papst zugestimmt habe. Die von dem Erzbischof Lefebrve 1970 gegründete, nach  Pius X. benannte Brüderschaft steht  mit ihrem Hass auf Juden, Muslime, Homosexuelle und alle irgendwie Abtrünnigen auf dem äußersten rechten Flügel des Katholizismus.  Lefebvre hatte sich  auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962/63) der  von Johannes XXIII. angestrebten vorsichtigen Anpassung der katholischen Kirche an neuzeitliche Entwicklungen widersetzt, vor allem dem Dekret „Über die Religionsfreiheit“, einer Absage an Antijudaismus und Antisemitismus, seine Zustimmung verweigert.   Lefebvre sah diese Beschlüsse als eine Folge satanischen Einflusses auf die Kirche. 1988 weihte er ohne päpstliche Zustimmung vier Bischöfe, darunter den Holocaustleugner Richard Williamson, worauf der polnische Papst Johannes Paul II. nicht umhin kam, ihn und die Geweihten zu exkommunizieren.

Den deutschen Ratzinger-Papst Benedikt XVI. hielt das nicht ab, nach seinem Amtsantritt 2005, am 24. Januar 2009, die Exkommunikation zurückzunehmen, um die Betroffenen, wie er erklärte, wieder in die „volle Gemeinschaft“ der Kirche einzugliedern und ein „Zeichen zur Förderung der Einheit der Kirche“ zu setzen. Noch vor der Anerkennung durch Benedikt hatte die Pius-Bruderschaft im Dezember 2008 in einem Rundbrief ihres deutschen Priesters Franz Schmidberger (1982-1994 zweiter Generaloberer) an alle 27 deutschen Bischöfe wiederholt, dass „die Juden unserer Tage“ des „Gottesmordes mitschuldig“ sind. Bischof Williamson hatte seine Leugnung des Holocaust bekräftigt: „Kein einziger Jude ist in einer Gaskammer umgekommen“ (Spiegel 4/2009). Der damalige, 2018 verstorbene, Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, hatte auf die Verwurzelung der Piusbrüder, u. a. mit ihrer Tradition der „Action francaise“, von der Viele 1940 das Pétain-Regime (Vichy-Regierung) und die Besatzungsmacht Hitlerdeutschlands unterstützten, verwiesen. In dieser Tradition pflegte Lefebvre auch Beziehungen zum weiter bzw. wiedererstehenden Faschismus der Nachkriegszeit, so zu Frankreichs Front National-Chef Jean Marie Le Pen, für dessen Neonazis der damalige Generalobere der Bruderschaft, Bernard Fellay, Gottesdienste zelebrierte. Die Vatikaninsider Gordon Thomas und Max Morgan-Witts nannten 1984 in ihrem Buch „Der Vatikan. Mechanismen kirchlicher Macht” (Zürich 1984), das einen “religiösen Faschismus Lefebvrescher Prägung“.  

Laut „Vatikan News“ seien jetzt  einige Punkte geklärt worden. Dabei könnte eine Rolle spielen, dass Hauptbeteiligte inzwischen verstorben sind – Lefebrve 1991, Holocaustleugner Williamson 2005 und Fellay 2019 nicht wieder gewählt wurde. Das einzige Zugeständnis war bisher jedoch, dass Williamson untersagt worden war, seine Haltung zum Holocaust nicht weiter zu verbreiten (eine Zurücknahme war nicht gefordert worden). Als er sich daran nicht hielt, wurde er 2012 aus dem Orden ausgeschlossen. Don Pagliarani erklärte 2022, eine Anerkennung des zweiten Vatikanischen Konzils werde “weiter ausgeschlossen”.

Letzter Akt war gerade, dass ihm die Piusbrüder mit der Weihe von vier Bischöfen eine neuerliche Afuhr erteilt haben. Leo blieb nichts anderes übrig, als die neu geweihten Bischöfe Pascal Schreiber, Michael Goldade, Michel Poinsinet de Sivry und Marc Hanappier „ipso facto“ zu exkommunizieren „latae sententiae“, weil sie „einen Akt schismatischer Natur“ vollzogen hatten, nämlich die „bischöfliche Weihe von vier Presbytern ohne päpstliches Mandat und gegen den Willen des Papstes“, heißt es in dem Dekret, das von Kardinal Víctor Manuel Fernández, Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, unterzeichnet wurde. 21 Alle Gläubigen werden ermahnt, in Gemeinschaft mit dem Römischen Papst, mit den mit ihm in Gemeinschaft stehenden Bischöfen und mit der ganzen Kirche standhaft zu bleiben und sich der Teilnahme an den Feierlichkeiten und Aktivitäten zu enthalten, die von der vorgenannten Priesterbruderschaft des Heiligen Pius X. veranstaltet werden“, so das Dikasterium für die Glaubenslehre. Leo selbst hat sich bisher noch nicht geäußert, Fest stehen dürfte, dass er an seinem Ziel, der Aussöhnung mit den Piusbrüdern und ihrer Rückkehr in seine Kirche festhalten wird.

Anmerkungen:

Gerhard Feldbauer, ein ausgewiesener Vatikankenner. Er ha u. a. publiziert:

  • Benedikt XVI. und das Bündnis der Kurie mit Reaktion und Faschismus, Hannover 2008
  • Der Heilige Vater, Benedikt XVI. – ein Papst und seine Tradition, PapyRossa, Köln 2010

1 J. R. Grigulevic: Ketzer – Hexen Inquisitoren, Bd. 1, Berlin/DDR 1980, S. 96ff.

2 Der römisch-katholische Orden der Dominikaner, auch Predigerorden,  wurde im frühen 13. Jahrhundert von Dominikus gegründet. 1231 übertrug Papst Gregor IX. den Dominikanern die Leitung der 1183 zur Ketzerverfolgung geschaffenen Inquisition. Zu den prominentesten Opfern der Inquisition in Italien gehörte der Philosoph der Renaissance und Denker des aufsteigenden Bürger­tums Giordano Bruno, der am 17. Februar 1600 auf dem Campo di Fiori, dem Platz der Blumen, in Rom, dem Feuertod ausgeliefert wurde. Galileo Galilei, der glän­zende Verteidiger der kopernikani­schen Lehre, entging diesem Schicksal nur, weil er 1633 diesem Weltbild abschwor. Die restlichen neun Jahre seines Lebens verbrachte er im Gefängnis, in dem er 1642 erblindet verstarb.

3 Karlheinz Deschner; Kriminalgeschichte des Christentums, Bad. 7, Hamburg 2002, S. 331.

4 Grigulevic, S. 98.

5 Es müsste wohl Bruder heißen, steht aber so in der Mitteilung von „Vatikan News“.

6 Leppin, der sich 1997  in Heidelberg habilitierte, begleitete Lehrstühle an verschiedenen Universitäten, darunter in Jena, 2014 bis 2020 war er Sprecher bzw. Ko-Sprecher des Graduiertenkollegs „Religiöses Wissen im vormodernen Europa (800–1800)“ und 2019 bis 2021 Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Tübingen. Seit 2006 ist er Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, seit 2012 Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, seit 2022 Mitglied der European Academy of Sciences and Arts, 2021 wurde er Horace Tracy Pitkin Professor of Historical Theology an der Yale University. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift für Kirchengeschichte, der Arbeiten zur Kirchen- und Theologiegeschichte, der Forschungen zur Kirchen- und Dogmengeschichte, der Studien zur christlichen Religions- und Kulturgeschichte und Hauptherausgeber der Reihe Spätmittelalter, Humanismus und Reformation. Von 2008 bis 2021 war er außerdem Wissenschaftlicher Leiter des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen (ÖAK).

7 Seine Heiligkeit: Johannes Paul II. und die Geheimdiplomatie des Vatikans, München 1997.

8 Hubertus Mynarek: Die neue Inquisition, Marktheidenfeld 1999.

9 „Katholik News Agency“, 27. Oktober 2024.

10 Ders.: Ratzinger und das biologische Wunder der Kirche, in: „Neues Deutschland“, 15./16. April 2006.

11 Ignazio Silone: Der Faschismus, Frankfurt/Main 1984.

12

13 Marco Palla: Mussolini e il Fascismo, Florenz 1993, S. 60.

14 Stübler, S. 156.

15 „Life“, 14. Dezember 1943.

16 Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher, Berlin/Hamburg, 2006.

17 Uli Weyland: Strafsache Vatikan, München 1994, S. 452 ff.

18 I Giorni della Storia, Cronaca quotidiana dal 1815, Novara 1991, S. 555.

19 In: Der untote Faschismus, PapyRossa, Köln 2025.

20 „Historia y Vida (spanische Geschichtszeitschrift), Nr. 467/2007, auch Netzeitung, 18. Oktober 2008.

21 „Vatikan News“, 2. Juli 2026.

Anzeige:

Reisen aller Art, aber nicht von der Stange, sondern maßgeschneidert und mit Persönlichkeiten – auch Bildungs- und Studienreisen mit Themen aus Politik, Wirtschaft (Politische Ökonomie und Geopolitik) und Geschichte und so weiter und so fort in einer Welt im (Wirtschafts-)Krieg, zudem kulturelle und kulinarische Reisen auf der Apenninenhalbinsel –, bietet Retroreisen an. Bei Retroreisen wird kein Etikettenschwindel betrieben, sondern die Begriffe Sustainability, Fair Travel und Slow Food werden großgeschrieben.

Vorheriger ArtikelAngriff auf die Hauptstadt der Faschisten in Banderastan
Nächster ArtikelBeharrt Iran auf dem Bau einer Atombombe?