Er pfeift, wann er will … und geht damit baden – Berlinale Wettbewerb: Der rumänische Film „Eu cand vreau sa fluier, fluier“

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George Pistereanu

Silviu sitzt seit acht Jahren erst im Gefängnis, jetzt in einer Besserungsanstalt für ältere Jugendliche. Nur noch fünf Tage sind es bis zu seiner Entlassung, als überraschend der kleine Bruder, den er aufgezogen hat, weil die Mutter ins Ausland abgehauen war, zur Visite kommt und ihm mitteilt, daß die Mutter nach vielen vielen Jahren zurückgekommen ist und ihn nach Italien, wo sie arbeitet, mitnehmen will. Er will auch. Silviu aber – und das erfährt man erst spät – hatte dasselbe zweimal mit der Mutter erlebt, die ihn nach Italien mitnahm und jeweils zurückschickte, wenn sie einen neuen Liebhaber hatte, so daß er keine geregelt Schulausbildung erhielt und abrutschte in die Szene, die seinem Bruder erspart bleiben soll, weshalb er mit ihm leben und in die Schule gehen soll.

Das ist die Hauptproblematik des Films, der aber erst einmal dominiert ist vom Leben in der Anstalt, wo von den Wärtern zusammengeschlagen wird, wer vom Wege abgeht, und wo innerhalb der jungen Männer – ein Film, der fast nur aus Männern besteht und auch reine Männerproblematik vermittelt – eine innere Struktur von Herrschaft und Abhängigkeit permanent errichtet wird, die sich über Gewalt, aber auch psychische Dominanz konstituiert. Der hatte sich Silviu lange entziehen können und bleibt in den Augen des Direktors ein guter Junge, bis jetzt die Rückkehr der Mutter alle alten Wunden aufreißt, was zum Eklat führt, den der Direktor durchaus hätte verhindern können. Einen einzigen Tag wollte Silviu nach Hause, um Mutter und Bruder von dem Vorhaben abzubringen.

Hinzu kommt, daß die bald zu Entlassenden von Psychologen interviewt werden und sich Silviu in Ana mit den schönen Lippen verguckt. Mitten im Interview rastet er aus, schlägt einen Wärter zusammen, schickt alle anderen raus und behält Ana als Geisel, der er die Glasscherbe an den Hals hält, um erst den Direktor, dann die Mutter, dann ein Auto herbeizupressen. Die Mutter muß ihm bei allen ihr heiligen Dingen schwören, daß sie den jungen Sohn im Land läßt, was sie tut, mit Ana fährt er im Wagen des Direktors davon, eigentlich nur, um mit ihr einen Kaffee zu trinken und darüber auch noch belanglos zu reden , wo er dann, als er die Stätte verläßt, gefaßt und abtransportiert wird. Ende des Films, aber Anfang einer neuen Leidenszeit.

Schwierig sich eine Meinung zu bilden Einerseits ist das Leben in der Besserungsanstalt, ein besseres Wort für Gefängnis, sehr eindrücklich dargestellt, wo es nicht nur Leid und Demütigung gibt, sondern auch Spaß, den sich junge Männer mit Lachen leisten. Die Auswahl der Typen ist hervorragend und im Pressegespräch erzählt der Regisseur Florin Serban, wie lange er dafür Mitspieler suchte, auch in Gefängnissen fündig wurde, auf jeden Fall wußte er, daß es Laien sein müßten, die diese Orgie von Wichtigtuerei, Erpressen, Guter-Freund-Sein, sich im Sport austoben, sadistisch den Schwächeren quälen, aber auch lustig zu sein und zu singen glaubwürdig rüberbringen können. Dies ist geschehen und die starke Seite des Films. Aber auch der Hauptdarsteller George Pistereanu, zu den Zeiten des Drehens noch Oberschüler und inzwischen auf der Schauspielschule – obwohl er schon alles könne, fügte der Regisseur ein – , bildet ein glaubwürdiges Psychogram eines jungen Mannes, der sich einerseits verantwortlich fühlt, hier für seinen Bruder, der aber andererseits irgend etwas aus einer Laune, einem Gefühl wie Wut heraus tut, ohne die Folgen abzuschätzen, weder die Folgen für andere, aber auch nicht die Restriktionen für sich selbst. Im Film kommt es einem vor, als ob dem Jungen ein Wahrnehmungsorgan fehle für seine Umwelt, aber auch für sich selbst.

Schaut man sich aber um, ist das vom Regisseur gezielt als falsches jugendliches Verhalten gekennzeichnete Tun heute unter jungen Männern weit verbreitet. Erst die Klappe auf, dann die Gewaltbereitschaft und erst danach im Kopf die Überlegung, was das eben war, was es sollte und welchen Schaden man nun selber hat. Und da Silviu als Person erst einmal scheitert, denn seine Gewaltattacke auf den Wärter, die Geiselnahme und die erpreßte Flucht werden sicher mit längerer Gefängnisstrafe geahndet, vor allem weil er Wiederholungstäter ist, ist die Meinung des Films und seines Regisseurs auch eindeutig, daß es so nicht geht.

Das ist aber nur das eine. Dies ist ein Film, der wieder einmal die Familie als Gefängnis darstellt, denn Silviu sieht sich als Opfer der Familie, einen Vater gibt es zwar, aber der sei im Krankenhaus und der Sohn weiß nicht einmal, warum. In der Familienkonstellation sieht auch das Theaterstück und somit der Film den Grund für das soziale Abrutschen und die Gewaltbereitschaft. Das allerdings ist nicht neu, aber neu erzählt der Regisseur diese Geschichte aus der rumänischen Perspektive in Bildern, die einem Lust machen, Rumänien zu besuchen. Natürlich nicht die Besserungsanstalten, die Gefängnisse und auch nicht Silviu, wenn wir ehrlich sind.

Originaltitel: Eu cand vreau sa fluier, fluier

Englischer Titel: If I Want to Whistle, I Whistle

Land/Jahr: Rumänien/Schweder 2010

Regie: Florin Serban

Darsteller: George Pistereanu Ada Condeescu

Bewertung: * * *

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