Emser Therme Triathlon oder Die härteste Langdistanz Deutschlands – Serie: Bis an die Grenzen gehen: Die härtesten Wettkämpfe Deutschlands hautnah miterlebt (Teil 1/3)

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Die Urkunde für den Autor.

Dabei las ich erstaunt von dem Ironman-Distanzangebot mit ca. 2500 Höhenmetern, zwei mal bis zu 14% steil. Da ich die Lahn, Bad Ems und das romantische Ambiente der Strecke vom Motorradfahren her kannte, war ich sofort interessiert. Ich hatte schon mit dem Triple in Lensahn geliebäugelt, aber auf Anraten meiner werten Gattin und meines doch etwas fortgeschrittenen Alters verzichtet. Ich stellte mir einen romantischen Wettkampf vor, soweit man bei einer derartigen Strecke von Romantik reden kann.

Beim Durchgehen der Starterliste stieß ich erstaunt auf den 71 jährigen Bernd Malle von Spiridon, meinem Laufverein. Ich rief ihn an. Er sagte, "das ist geheim, da er nicht wüsste, ob er 2 Wochen nach dem Allgäu-Triathlon das überhaupt schaffen würde. Ich solle es niemanden sagen.". Die Emser waren von bis zu 300 Startern einschließlich Staffeln ausgegangen, es traten aber nur 96 Einzelstarter und ca. 15 Staffeln an. Ich dachte mir, da müsste doch noch ein Plätzchen zu ergattern sein. Peter Appelt, der Präsident des deutschen Quadrathlonverbandes, meinte auch, er könne mir noch einen Startplatz besorgen. Nach Immenstadt sah ich in der Ergebnisliste, daß Bernd nur mit dem Schwimmen verzeichnet war, rief ihn wieder an, und er erzählte, er sei beim Schwimmausstieg ausgerutscht und habe sich einen komplizierten Oberarmbruch zugezogen. Pech! Er bot mir seinen Startplatz an, und am nächsten Tag stand ich gut 1 Woche vor dem Start auf der Teilnehmerliste.

Anderthalb Wochen vorher fuhr ich mit Freimut Frohne mit dem Motorrad nach Bad Ems, um mir die Radstrecke anzusehen, als ich noch nicht gemeldet war. In einem Café kamen wir mit einem Herrn ins Gespräch, der meinte, dann würden wir uns an der Laufstrecke sehen. Als ich ihm beim Wendepunkt begegnete, er war für das Laufen zuständig, meinte er, daran hätte er nicht geglaubt, wohl deswegen, weil er mich Zigarillos rauchen sah..

Martin Schytil fuhr 2 Wochen nach dem Triple in Lensahn mit mir hin. Er wollte beim Quadrathlon starten, und ihm war von Peter Appelt ein Kajak zugesagt worden. Wir zelteten in Dausenau, 4 km entfernt, direkt an der Lahn. Bei der Wettkampfbesprechung am Vortag wurde mir ganz flau. Ich hatte nur negative Gedanken im Kopf, "die knallharte Radstrecke, zu wenig trainiert, in der letzten Zeit 2 Wochen nur 1 mal in der Woche radgefahren, insgesamt nur gut 3500 km dieses Jahr, seit Anfang Juni, dem Mitteltriathlon in Steinberg, kaum mehr als 10 km am Stück gelaufen, wöchentlich knapp 40 km, und bei meinen beiden Triathlons im Schwimmen nur letzter".

Ich hätte am liebsten gekniffen, musste mich innerlich zurecht pfeifen, und nahm mir vor, das Ganze nur locker durchzuziehen. Der Veranstalter gab das Finishen vor ohne Wettkampfcharakter, ohne Alterswertung und Siegerehrung, sprach von einem Openend. Jeder würde bis zum Ende versorgt. Im Startpaket war neben einer Tasche und einem Handtuch auch eine Stirnlampe. Neben dem sogenannten Ultra fand noch eine Sprintdistanz mit Liga und 600 Startern statt, an der auch einige Eintrachtler teilnahmen.

Am Morgen um sieben Uhr erfolgte der Start. Da mir bei einem Schnellstart leicht die Luft wegbleibt, und ich in den letzten Jahren beim langen Schwimmen immer eine Krampfneigung hatte, schwamm ich locker los, schaute mich nach ca. 200 m um und sah niemanden mehr hinter mir. Oje, dachte ich, werde ich schon wieder letzter. Aber in der 2. Runde, lahnaufwärts bis zur 3. Brücke um den Mittelpfeiler und -abwärts, überholte ich ein paar Leute und zwei sah ich 50 m vor mir aussteigen. Zu den Helfern beim Ausstieg meinte ich "ich bin nur deshalb da, weil ein Freund sich beim Schwimmausstieg den Arm gebrochen hat". Auf der Uhr sah ich 1.34 — ganz zufrieden stellend. Ein paar Räder standen noch da. Von einer Frau hörte ich, sie habe Krämpfe gehabt. Überraschend schnell saß ich auf dem Rad.

Zwei große Runden mit je zwei dicken Bergen bis an den Rand von Montabaur und durch das romantische Gelbachtal und zwei mal kleine Runden, die Radsprintstrecke, waren zu absolvieren. Aus Bad Ems heraus ging es erst durch ein romantisches Tal und dann bergauf. Fünf Leute überholten mich, denen ich durchaus hätte folgen können. Aber ich sagte mir "mach‘ langsam". Den Einen überholte ich wieder auf einer rasenden Gefällestrecke, wo durch ein Schild Langsamfahren angemahnt wurde. Zum Beginn der 2. Runde geriet ich in den Sprint, fuhr mit den Langsamen bergauf und sah die Spitze in rasender Abfahrt, darunter einige Eintracht-Trikots, mir entgegen kommen.

In der 2. Runde wollte der Schaltgriff links nicht mehr recht herunterschalten (den hatte ich von einem Sperrmüllunfallrennrad), aber es klappte doch noch nach einigen Versuchen, und der rechte Syntace-Bügel lockerte sich und klappte nach unten. Ich versuchte die Brücke wieder reinzustecken, aber auf einem kleinen Stück Kopfsteinpflaster sprang sie mir heraus. Ich hielt an, las sie von der Straße auf und gab mir endlich mal die Gelegenheit zu einem kleinen Bedürfnis, dem Pinkeln. Beides störte, aber hielt nicht viel auf. Ansonsten genoss ich, verhalten fahrend, die wunderschöne Strecke, so wie ich es mir versprochen hatte. Nach dem Weg durch die "Grüne Hölle" und am "Hübinger Monster" rief ich den klatschenden Zuschauern euphorisch zu "wo bleibt denn der versprochene steile Berg!" Mit dem 3er-Kettenblatt und 30/25 war das für mich kein Problem. In der 1. kleinen Runde spürte ich doch allmählich meine Oberschenkel. Zu Beginn der 2. kleinen Runde stellte sich eine Krampfneigung ein. Ich hatte wohl zu wenig getrunken und hatte trotz der wirklich guten Versorgung mit vielen Ständen nichts mehr in den Flaschen. Ich kurbelte ohne Druck locker hoch. So ging es ganz gut.

Die Radstrecke war ich in gut 7.20 gefahren — also auch ganz gut. Ich hatte vorher gedacht, es nicht unter 8 Stunden zu schaffen, da ich 1993 Embrun mit 3500 Höhenmetern, der wohl härtesten Langdistanz auf der Welt, in gut 8 Stunden gekurbelt war. Damals konnte ich aber die 180 km in etwa 51/2 Stunden fahren und heute in vielleicht 7 Stunden. Man hat halt so seine Vergleiche im Kopf.

Die Laufstrecke führte zuerst etwa 1/2 km lahnabwärts, über eine Brücke lahnaufwärts bis zu unserem Campingplatz in Dausenau als Wendepunkt, zurück größtenteils den gleichen Weg, dann am Bahnhof vorbei über eine romantische Brücke durchs Kurviertel und die Hauptstraße an Cafés und am Ziel vorbei. Am Kurhotel war ein Stimmungsnest und vom Kurorchester war erstaunlich fetzige Musik zu hören. Das Ganze 4 mal. Man kam sich also viel entgegen. Die Versorgung war perfekt, etwa 7 Verpflegungstände pro Runde. Die Lahn, die Berge, Hotels, Kirchen und Türme waren herrlich anzuschauen. Deswegen war ich ja auch gekommen.

Zum Laufstart soff ich wegen der Krampfneigung erst mal richtig. Dann konnte ich ganz normal ohne schmerzende Beinen loslaufen. Das letzte lockere Kurbeln und Bergabfahren hatte den Muskeln wohl gut getan. Ich lief locker mein durchschnittliches Trainingstempo, etwa 7 min/km, 2 Runden lang. Am Beginn der 3. Runde bekam ich zuerst Probleme, als ich 2 andere überholte, aber dann ging es wieder. An jedem Wendepunkt gab es ein Bändchen. Martin begleitete mich vom Wendepunkt aus ein Stück auf dem Rad. Ich ließ mir von ihm aus meinem Zelt Vaseline und den Photo bringen, da es an einem Fuß rieb. Ich sah, von Digitalphotographie hat er keinerlei Ahnung. Er knipste von viel zu weit weg, oder hatte die Kamera schon abgewandt, wenn der Blitz kam.

Nicht nur von Zuschauern und den vielen Betreuern, auch von entgegen kommenden Athleten, völlig ungewohnt, bekam ich viel anerkennenden Beifall. Aber, dachte ich auch, bei fortgeschrittenem Wettkampf sah ich wohlmöglich immer älter aus, und der Alte lief ununterbrochen weiter. Die Photos sprechen Bände. Ich wurde bei jedem Zieldurchlauf mit vollem Namen und als ältester Teilnehmer angekündigt. Die letzte Runde fiel mir schwerer, ich fühlte mich kaputter, der linke Fuß hatte die Neigung wegzuknicken, so daß ich 2 bis 3 mal kurz gehen musste. Dann konnte ich wieder laufen, und an den Ständen ließ ich mir mehr Zeit. Einmal musste ich fast kotzen. Inzwischen hatten die Getränke, wohl das viele Cola und das Iso meinen Magen angegriffen. Mehr Wasser wäre wohl besser gewesen. Martin begleitete mich mit dem Rad vom Wendepunkt bis ins Ziel.

Bei einbrechender Dunkelheit lief ich überglücklich in 14.31 ins Ziel. Verglichen mit Frankfurt und Moritzburg bin ich in 7 Jahren nicht langsamer geworden. Ab 60 war nach einem Knöchelbruch und 8 Wochen Krücken der große Muskelschwund und Kraftverlust eingetreten, aber nicht die Ausdauer. Hauptsächlich muß ich aber deswegen beim Laufen und Radfahren verhalten trainieren, weil ich sonst Kniebeschwerden bekomme, die mich in diesem Jahr weniger, sonst aber teilweise begleitet hatten. Das eröffnet Zukunftsperspektiven. Ich wurde 56. von 65 Finishern. 22 Gemeldete waren nicht erschienen, auch ein anderer Gemeldeter in der AK65, und 5 hatten aufgehört. Der langsamste Schwimmer mit 2.52 kam auch spät im Ziel an. Der war wohl am Anfang schon so weit zurückgeblieben, daß ich ihn nicht mehr gesehen hatte. Es galten halt keinerlei Limits. Im Ziel reizte das Bier meinen Magen, aber das Würstchen und der Kuchen schmeckten. Der Sieger Christoph Streiß, angeblich ein deutscher Spitzentriathlet, brauchte 9.25. Aber herausragend finde ich die Leistung von Rolf Masius aus der AK60 mit 11.07 und dem 10. Gesamtplatz.

Martin war 5. beim Quadrathlon unter 11 Finishern. Nebenbei hörte ich vom Veranstalter, daß der Quadrathlon eine Bereicherung dargestellt habe. Peter Appelt animiert uns, am nächsten Samstag bei den deutschen Meisterschaften auf einer Sprintdistanz in Arendsee (Sachsen-Anhalt) teil zu nehmen. Bis auf Muskelkater fühle ich mich 2 Tage danach schon wieder recht fit, so daß ich mir 5 km Laufen am Schluss noch zutraue, und dann wäre ich als einziger Teilnehmer (Ich sehe gerade, das stimmt nicht) in der AK65 deutscher Meister. Dieser Gedanke schien Peter zu amüsieren. Ich habe mit ihm schon die Fahrt abgesprochen.

Wir übernachteten noch in den Zelten und fuhren am nächsten Tag über die B 260 heim. Insgesamt war es ein nicht nur für mich gelungener Wettkampf, eine herrliche Landschaft, gute Betreuung, eine echte Empfehlung für solche, die nicht nur der Ironmanhype unterliegen. Vorhin hat auch Bernd Malle aus dem Urlaub in Kroatien angerufen, um sich nach dem Ablauf zu erkundigen. Er meinte, nächstes Jahr wolle er starten.

Zweieinhalb Wochen danach erhielt ich noch einen Brief aus Bad Ems mit 31/2 Seiten Zeitungsartikeln, einer Urkunde mit Bild und einem Bild.

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