Der Schweizer „Bär“ brummt laut in Berlin

0
1375
Der neue Chef bei den Eisernen - Trainer Urs Fischer. © Foto: Hans-Peter Becker

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Ein neues Spiel, ein neues Glück! Union-Trainer Urs Fischer will nichts wissen vom Orakel des schweren zweiten Saison in der Bundesliga: „Diese Saison war schwer, die nächste Saison wird schwer und die dritte Saison wird ebenfalls schwer“, meint Fischer gegenüber Journalisten und schränkt dann ein: „Wenn wir eine dritte Saison schaffen.“

Der Schweizer ruht in sich, wie der Zürich See bei Windstille. Nur nach dem Sieg gegen Paderborn, als der Absturz in die zweite Liga endgültig abgewendet war, sahen wir den Union-Trainer jubeln. Urs (der Bär) passt zu Berlin, denn mit dem Schweizer lachte am Saisonende fürwahr der Bär an der Spree.

In diesen Tagen dürfte der Union Trainer vielleicht irgendwo am Wasser sitzen und die Angel auswerfen. Der 53-Jährige gilt unter den Bundesligatrainer als passionierter Fliegen-Fischer. Derzeit genießt er mit Ehefrau Sandra den Urlaub. Der einstige Verteidiger passt zu den Eisernen. Bodenständig und ehrlich sind seine wichtigsten Tugenden.

So erinnerte er sich in einem Interview an das Spiel gegen Mainz (1:1): „Ich habe der Mannschaft gesagt 30 Punkte reichen nicht, als wir die auf dem Konto hatten, dann waren es 31 und dann für längere Zeit 32. Immer noch zu wenig. Mit dem Sieg gegen Köln und Paderborn stehst du plötzlich bei 38. Das fühlt sich wie ein Sektdusche an, denn du weißt, es kann dir nichts mehr passieren.“

Beim 3:0-Sieg am letzten Spieltag gegen Düsseldorf, als die Eisernen längst am rettenden Ufer standen, spielten die Wuhlheider für die Ehre. Fürwahr, durch den 11. Rang auch für vier Millionen zusätzliches TV-Geld. Dennoch – Ausrufezeichen und Doppelpunk -, im Bremer Weser-Stadion spielten sie vor lauter Ehrfurcht sogar die Union-Hymne. Nach dem verstorbene Werner Schwenzfeier. Mit ihm holte Union 1968 den FDGB-Pokal.

Mit dem Bulgaren Georgi Wassilew glückte der Einzug ins DFB-Pokalfinale 2001, der Eidgenosse Fischer wiederum konnte mit dem Aufstieg in dies Bundesliga den Fußball-Fans im Berliner Osten einen Traum Wirklichkeit werden lassen. Wir erinnern uns gern noch der Szenen, als nach der geglückten Relegation gegen Stuttgart die Fans den Rasen küssten und so manches Stück des „heiligen Grüns“ mit für den eigenen Garten nahmen.

Die Eisernen lebten nach dem Motto: “Was wir allein nicht schaffen, schaffen wir zusammen.“ Die Wuhlheider haben es geschafft – und nun sogar die Bundesliga für die Alte Försterei für mindestens für ein weiteres Jahr bewahrt. Und en passent wuchs unter Fischer die Mitgliederzahl bei Union auf rund 33 000.

Der Schweizer kam keineswegs als Fußball-Amateur an die Alte Försterei. Mit dem FC Zürich und St. Gallen brachte er es auf insgesamt 545 Erstliga-Spiele. Als Trainer beim FC Basel musste er zunächst die Fan-Proteste über sich ergehen lassen. Ein Züricher Exprofi als Trainer in Basel, das geht eigentlich gar nicht. Die Fans wurden kleinlaut, denn nach zwei Schweizer Meistertiteln und ein Pokalsieg für den FCB, verneigten sich auch die Heartcore-Fans vor dem Trainer.

Fischer setzt seine Worte mit der Zielgenauigkeit eines Wilhelm Tell, wenn er mit Blick auf die Corona-Krise sagt: „Unsere Planung steht. Wir beeinflussen das, was wir beeinflussen können. Wir gehen davon aus, dass es irgendwann im September mit der Meisterschaft oder dem Pokal wieder losgeht, dem entsprechend haben wir geplant.“

Wenn jetzt nach der Saison acht Spieler oder vielleicht sogar noch mehr der „Alte Försterei“ den Rücken kehren, schockt das den Schweizer Haudegen nicht, deshalb erklärt er im Union-Programmheft: „Es gehört zum Fußball, dass uns einige Spieler verlassen und andere kommen. Das ist nichts Außergewöhnliches. Ich falle nicht aus allen Wolken, wenn neue Spieler kommen. Ich muss mich nicht fragen, wer ist das jetzt, denn ich arbeite mit Sportdirektor Oliver Ruhnert eng zusammen.“

Wer die Neuen sind, verrät Fischer noch nicht. „Aber einen Kader von 32 Spielern werden wir nicht mehr haben“, sagt er.

Union-Präsident Dirk Zingler, unter dessen Regie sich die Unioner nie verbogen haben und immer auf die seit 1906 gepflegten Traditionen der Bescheidenheit verweisen, meinte spontan: „Urs Fischer hat uns gut getan. Er ist zugänglich und lässt sich auf die Leute ein.“ Natürlich kommt auch der Schweizer in der Wuhlheide klar. „Ich liebe Berlin“, gesteht er, gibt jedoch gegenüber Landsleuten gern zu: „Meine Wurzeln stecken aber in Zürich.“ Dennoch halten sich auch Ehefrau Sandra und die beiden erwachsenen Töchtern gern einmal in der schmucken dreieinhalb Zimmerwohnung direkt am Ufer der Spree in Berlin auf.

Zur WELTEXPRESS-Newsletter-Anmeldung