Berlin Babylon – “Kopf oder Zahl” bietet reißerische Dramatik in Videoclip-Ästhetik

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Manchmal kann man nur verlieren. “Kopf oder Zahl” – mit dem titelgebende Spruch zum Münzwurf entscheiden die Kleinkriminellen Samy (Harris) und Aron (Afrob), wen sie entführen oder ob sie jemanden erschießen. Neben dem Intellekt der beiden Protagonisten lässt dies auf den der Autoren schließen. Die Strategie des Münzwurfs verwendete bereits Comicschurke Two-Face in “Batman”. Abgesehen von der Heftserie klauen die Macher von amerikanischen Kriminalfilmen der Sparte “Erzkonservativ, brutal und knallhart”. In betont dokumentarischer Videoästhetik begibt sich  “Kopf oder Zahl” auf den Abstieg in den Sündenpfuhl Berlin. Hier versucht der gerade aus dem Gefängnis entlassene Ritchie (Mark Keller) seinen Sohn Tommy (Joschua Keller) zu retten. Wovor bleibt unklar, wie so einiges in dem zusammenhanglosen Geschehen. Korrupte Polizisten wie Ron (Ralf Richter), der auf dem Schrottplatz gerne Verdächtige foltert und anschließend verbrennt, und rassistische Fernsehmoderatorinnen wie Valerie Kaiser (Saskia Valencia) geben in der Stadt den Ton an.

In der Dämonisierung Valerie Kaisers verrät der vorgeblich gesellschaftskritische Film seine reaktionäre Position. Die attraktive Karrierefrau wird als lasterhafte Rassistin dargestellt. Sexistisch rückt Markus Stotz’ Kamera Ausschnitt und Rundungen der Darstellerin ins Bild. Die ihre Sexualität selbstbewusst lebende Frau bleibt als einzige Figur gänzlich negativ konnotiert. Ihr Gegenstück ist die nur als Stimme präsente Traudl Haas. Für ihre Vernachlässigung der Mutterrolle gegenüber Sohn Tommy hat die Prostituierte eine gute Entschuldigung: “Ich bin tot.” Wie, wo und warum erfährt man nicht. Bei dem wirren Reigen schematischer Figuren interessiert es auch keinen. Abgesehen von Valerie sind Frauen in “Kopf oder Zahl” Huren. Eines der harmloseren Stereotypen. Der brutale Zuhälter Thomas trägt weißen Anzug mit Goldkettchen und tritt in Begleitung knapp bekleideter Betthäschen auf. Der kleine Tommy ist “ein Junge von der Strasse”, wie es Bushido rappte. An ein Musikvideo von ihm oder Maskenträger Sido erinnern die gewollt schockierenden Szenen. Mein Block, mein Berlin, meine filmische Blamage.

In ihrer Drastik sind die präsentierten Vorurteile eine Unverschämtheit. Ebenso der Versuch von “Kopf oder Zahl”, mit angeblichem sozialem Problembewusstsein politisch korrekt zu erscheinen. Ausländischstämmige Figuren werden von der Mutterstimme – tot ist sie anscheinend allwissend – im Hintergrund als gut charakterisiert. Gleichzeitig verfällt die Darstellung in rassistische Klischeebilder: Frauen schlagende Muslime, osteuropäische Prostituierte, türkische Räuber, arabische Heroinhändler und allesamt illegale Einwanderer. Höhepunkt ist ein sogenanntes “Zigeunerlager“, wo bei Lagerfeuerromantik getanzt wird. Zu Gitarrenklängen fälscht man hier Ausweise und die Frauen – vermutlich auch Prostituierte – sehen aus, als hießen sie Esmeralda oder Carmen. “Haben wir einen Wahl oder ist alles vorbestimmt?”, fragt Traudl Haas als vokalisiertes Gewissen. 

Die Wahl, sich das aufdringliche Krimidrama anzutun oder nicht, hat man. Mit einem Münzwurf sollte man es nicht entscheiden. Man könnte eineinhalb Stunden seines Lebens verlieren. “Wer gibt uns das Recht, über andere zu urteilen?”, tönt es in einer Szene bedeutungsschwanger. Wollte sich das Regieduo Benjamin Eichler und Timo Joh. Mayer vor zu erwartender Kritik rechtfertigen? An dem zusammengestoppelten Drehbuch schrieben außer ihnen Michael Glasauer und Markus Stotz mit. Deren einzelne Handlungsstränge fügen sich nicht zu einer stringenten Erzählung. Überzeugende Charaktere existieren nicht. Schonungslos authentisch sollen die Ereignisse um Drogen, Kriminelle und Randexistenzen sein. Und bleiben überstrapazierter Abklatsch eines amerikanischen Großstadtkrimis.

Das großspurige Auftreten von “Kopf oder Zahl” verärgert besonders. Renommierte Darsteller wie Ralf Richter, Heinz Hoenig und Jana Pallaske müssen in unwürdigen Rollen agieren. Die letzte Szene zeigt die Deutschland-Flagge zerknüllt auf der Strasse. Autos fahren darüber hinweg. „Heimat, was ist aus dir geworden, dass es soweit kommen konnte?“, soll man hier wohl aufgewühlt ausrufen. Stattdessen stellt man sich die Frage angesichts des überspannten Melodrams “Kopf oder Zahl”. Was ist los in einem Filmland, in dem solche Schundstreifen entstehen?

Titel: Kopf oder Zahl
Start: 24. April
Regie: Benjamin Eichler, Timo Joh. Mayer
Drehbuch: Benjamin Eichler, Michael Glasauer, Markus Stotz, Timo Joh. Mayer
Darsteller: Ralf Richter, Mark Keller, Heinz Hoenig, Jana Pallaske, Saskia Valencia, Harris, Afrob
Verleih: Los Bandidos
www.kopfoderzahl-derfilm.de

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