Aufstiegschancen – „Kabale und Liebe“ und andere Experimente im Deutschen Theater

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Schwer verständlich ist dieses Stück wahrlich nicht. Es geht um „die da oben“, die mit „denen da unten“ machen, was sie wollen und dabei in ständiger Angst leben, aus ihren privilegierten Hochsitzen herausgeschleudert zu werden.

Die Liebe zwischen zwei arglosen jungen Menschen, die diesen unterschiedlichen Welten entstammen, muss zwangsläufig scheitern.

Bühnenbild und Kostüme erwecken den Eindruck, die Geschichte spiele in der heutigen Zeit, in der es keinen klaren Standesgrenzen mehr gibt, wohl aber eine Elite, die eine bedrohliche Willkürherrschaft ausübt.

Schillers story kann durchaus aktuell erscheinen. Der Text jedoch entspricht nicht  heutigem Sprachgebrauch, und das Denken und Handeln der Personen wird vielfach von derzeit nicht mehr gültigen gesellschaftlichen Übereinkünften bestimmt.

Stephan Kimmig und Dramaturgin Juliane Koepp haben das Stück respektvoll gekürzt und ein bisschen zurechtgeschliffen, ohne es wesentlich zu verändern.

Aufgabe des Schauspielensembles scheint es zu sein, die dargestellten Figuren psychologisch zu ergründen und gegenwärtige Ausdrucksformen für sie zu finden.

Ulrich Matthes fällt in einer Szene aus seiner Rolle, indem er die Souffleuse auffordert, ihm seinen Text zu sagen. Das weist darauf hin, dass nicht eine fertige Inszenierung zu sehen ist, sondern eine Probe, oder jedenfalls die fertige Inszenierung einer vorgegebenen Probensituation.

Damit erklärt sich auch die Gestaltungsweise der meisten DarstellerInnen. Sie probieren Verschiedenes aus, ohne sich in die dargestellten Personen hineinzufinden. Das bringt Unruhe ins Spiel und geht auf Kosten der Spannung.

Als in sich geschlossene Persönlichkeit präsentiert Ulrich Matthes den Präsidenten von Walter. Der machtbesessene Zyniker erscheint tatsächlich wie ein Vertreter der modernen Elite, ein im Grunde uninteressanter und langweiliger Mensch. Matthes gestaltet ihn ein bisschen zu glatt und zu routiniert, eben wie auf einer Probe mit nur halbem Einsatz.

Eine außerordentlich erfreuliche Erscheinung in dieser Inszenierung ist Maria Wardzinska als Sophie, Kammerzofe der Lady Milford, die auch den Text des Kammerdieners bekommen hat. Maria Wardzinska ist sehr überzeugend und beeindruckend als Dienerin, die dennoch ihren Stolz hat und sich ihrer Herrin moralisch überlegen fühlt, und sie ist sehr anrührend, wenn sie, scheinbar leichthin, und doch mit unüberhörbarer Verbitterung und unterdrückten Tränen, von den Männern berichtet, die vom Fürsten als Söldner verkauft wurden.

Ansonsten wird viel geweint in dieser Inszenierung, ohne dass Schmerz vermittelt würde.

Ole Lagerpusch als Ferdinand steht das Weinen gut an. Er ist kein hölzerner, engstirniger Militarist, der sich einfach zum Opfer einer Intrige machen ließe. Aber dieser Ferdinand steht sexuell so unter Druck, dass er nicht mehr klar denken kann. Mit seiner geliebten Luise kommt er beinahe zu einer leidenschaftlichen körperlichen Vereinigung, doch obwohl sie ihm immerhin das Hemd vom Leib gerissen hatte, wird Luise in letzter Sekunde von moralischen Skrupeln gepackt.

Kurz darauf liegt Lady Milford, ebenfalls beinahe nackt, in Ferdinands Armen. Weil der diese Frau nicht am Hals haben möchte, bleibt nun ihm keine andere Möglichkeit als die, sein Begehren in letzter Sekunde zu überwinden und die Lady zurückzuweisen. Ferdinand geht daraufhin zwar die Wände hinauf, vermag sich jedoch keine Erleichterung zu verschaffen. Als er dann den Brief findet, aus dem hervorgeht, dass seine Luise, die sich ihm verweigert hat, sich mit einem Anderen vergnügt, nimmt die Tragödie ihren Lauf.

Ole Lagerpusch, der schon als Prinz von Homburg so wunderschöne schwärmerische Töne gefunden hat, darf auch als Ferdinand ausgiebig in Gefühlen schwelgen.

Luises Träume dagegen sind zusammengestrichen, und was davon übrig ist, west in Ferdinands Schatten dahin. Frau Miller, die alle hochfliegenden Pläne ihrer Tochter fördert, fehlt in dieser Inszenierung. Claudia Eisingers Luise ist zu Beginn ziemlich unscheinbar. Sie gibt sich als Heulsuse und als Betschwester und scheint überfordert damit, zwischen ihrem Vater und Ferdinand hin und her gezerrt zu werden.

Im Verlauf des Stücks gewinnt Claudia Eisinger jedoch an Überzeugungskraft, wenn Luise aufbegehrt oder auch wenn sie, ganz zurückgenommen, ihre tiefsten Empfindungen und Seelenqualen zum Ausdruck bringt. Diese sehr intensiven Momente verlieren sich jedoch in dem Durcheinander, in dem alle vor sich hin experimentieren ohne miteinander zu spielen.

Mathias Neukirch gibt den alten Miller betont jugendlich, wohl in Konkurrenz zu den jungen Verehrern seiner Tochter und präsentiert unterschiedliche Facetten dieser Persönlichkeit, die nicht recht zusammenpassen.

Elias Arens hat ein paar komische Momente als Hofmarschall von Kalb, verschenkt aber die Rolle im vergeblichen Bemühen, ihr einen seriösen Anstrich zu verleihen.

Lady Milford (Lisa Hagmeister) torkelt betrunken umher und artikuliert unverständlich, und Alexander Khuon ist als verklemmter Sekretär Wurm nahezu ausdruckslos in sich selbst eingeschlossen.

Kostümbildnerin Andrea Schraad hat die Klassenunterschiede farblich zum Ausdruck gebracht. Die Elite ist mit Anzügen in verschiedenen Blautönen ausgestattet und somit sehr präsent vor den hellen Kulissen, während das Bürgertum, vertreten durch Luise und ihren Vater, weniger augenfällig braun und beige gekleidet ist.

Das Bühnenbild von Katja Haß ist ein bewundernswertes Kunstwerk. In die Wände, die Decke und den Fußboden sind, senkrecht und waagerecht angeordnet, Türen eingelassen, schlichte Zimmertüren, pastellfarbig lackiert, die geöffnet und geschlossen werden können. Die oben befindlichen Türen sind nur durch Aufstieg an den Wänden mit Hilfe der dort angebrachten Haltegriffe erreichbar. Ferdinand unternimmt so einige stürmische Klettertouren. Die dreh- und verschiebbaren Wände lassen sich zu Räumen in unterschiedlicher Form und Größe zusammenstellen.

Bei der Konstruktion handelt es sich jedoch nicht nur um einen variablen Raum, sondern, wie später erkennbar wird, um ein ganzes Haus, das sich um die eigene Achse drehen kann wie ein Karussell. Dieses Haus hat Katja Haß bereits für die „Maria Stuart“ – Inszenierung von Stephan Kimmig entworfen, die ab 23. April als Übernahme vom Hamburger Thalia Theater im Deutschen Theater zu sehen sein wird.

„Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller hatte am 05.02. Premiere am Deutschen Theater Berlin. Weitere Vorstellungen: 11. und 23.02., 03., 17. und 20.03.

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