Was eine Idee und Glauben vermögen – „Die Säulen der Erde“ nun auch auf DVD und Blue-Ray

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Bis heute ist dieser Wälzer ein Bestseller, der sich vor allem über die begeisterten Leser durchsetzte, weniger über die Literaturkritiken, die – mit Verzögerung – nach und nach die immense kulturelle Dimension dieses Werkes erfaßten, das alles in einem ist: ein Thriller, ein Geschichtsbuch, ein kunsthistorisches Buch und eines über Architektur, eines über die Religiosität des Mittelalters und vor allem auch eine Familiensaga gleich mehrerer gesellschaftlichen Schichten, in der die Gefühle der Menschen der damaligen Zeit die gleiche Rolle spielen, wie ihre Gedanken und dementsprechend guten oder bösen Taten und uns der Autor auf diese Reise mitnimmt, wir also immer mitten drin sind beim Verhindern und Aufbau der gotischen Kathedrale, deren Säulen dem Buch den Namen geben, weil Kirche damals die ganze Welt bedeutete.

Und nun auch im Fernsehen, auch auf DVD und Blue Ray!? Schon bevor man sich die ersten Folgen ansieht, wundert man sich, weshalb darauf noch kein Hollywoodproduzent kam, denn das, was so vielen schon beim Lesen gefiel, das muß doch auch in mittelalterlicher Bekleidung, in den vielen Details der damaligen Welt bunt und bewegt erst recht den Zuschauer fesseln. Die Antwort auf die 595 Minuten Film ist durchaus zwiespältig, aber es überwiegt die Bewunderung für den Kraftakt, den die deutsch-kanadische Gruppe beim Drehen rund um Budapest unter der Regie von Sergio Mimica-Gezzan zuwege brachte. Deshalb wollen wir uns auch nicht einreihen in den Chor der Besserwisser, sondern sind froh, daß überhaupt noch geschichtliche Themen als menschliche Ereignisse unserer Vergangenheit visualisiert werden und nicht nur Außerirdische, Horrorgestalten oder Superhelden unsere Filme beherrschen, womit wir wieder bei Hollywood wären.

Dem Kenner muß man nichts zur Geschichte dieses Kathedralenbaus sagen, den Ken Follett sehr geschickt und auch historisch richtig zum Motiv erhebt, um das herum er diese mittelalterliche Welt in England von 1123 – 1173 rankt. Aber hören wir lieber für alle Zuschauer dem Drehbuch von John Pielmeier zu, das Follett ausdrücklich lobte, weswegen er erst ihm die Filmrechte gab, wie er überhaupt dieser Verfilmung durch sein Mitspielen als „Volk“ den Segen gab, wobei er wohlbeleibt als französischer Kaufmann auftritt. Fiktiv daran ist der Ort Kingsbridge, wo Baumeister Tom Builder (Rufus Sewell) im Auftrag von Philip (Matthew Macfadyen) nach dem Brand der alten diese neue Kathedrale errichten will, aber wirklichkeitsnah ist die Zeit der blutigen Auseinandersetzungen, die in England Staat und Kirche, zwischen Adel, Klerus und dem einfachen Volk auch im Film stattfinden.

Keine gemütliche Zeit, das empfindet auch der Zuschauer, der sich in das Geschehen erst hineinfinden muß, was ihm Untertitel, wo und wann diese Szene spielt, erleichtern. Denn, wenn auch Follett selber seine Kapitel nicht am selben Ort und mit dem gleichen Personal spielen ließ, sondern weitumspannend den gesellschaftlichen Grundkonflikt um Haben und Sein niederschrieb, man den Kontext also immer mitliest, können das jäh wechselnde Szenen weniger, weshalb man dem Zuschauer einfach auch zum Vertrauen raten sollte: am Schluß verstehen sie die Geschichte mit den einzelnen Gruppen und Details auf jeden Fall. Das aber, die einzelnen Gruppen im ständischen Staat des Mittelalters überhaupt zu identifizieren, bleibt ein Problem der Verfilmung, die in unserem, dem aufgeklärten Sinn sehr auf die Individualität und Entscheidungsfreiheit des Einzelnen setzt, weniger auf seine und mittelalterlich gegebene Gebundenheit an seine Gruppe.

Dazu tragen auch die abenteuerlich kostümierten und dramatisch agierenden Schauspieler bei. Mit dem aufrechten Burgherren – ja, es gibt auch solche, wie es auch fiese Mönche und böswillige einfache Leute gibt, denn vom ausbeuterischen Adel und dem frommen Klerus und dem aufrechten einfachen Mann geht man ja normalerweise aus – mit dem aufrechten Burgherren von Shiring geht es los. Den verkörpert alt und grau geworden Donald Sutherland, den man hier als Kanadier kennenlernt, der aber auch schon in der allerersten Verfilmung des allerersten Bestsellers von Follett die Hauptrolle spielte. Doch, die Schauspieler sind sehr gut ausgewählt, was besonders bei Toms Stiefsohn Jack (Eddie Redmayne) auffällt, der die innere Glut bei schüchternem Wesen glaubwürdig gibt, aber auch bei Ellen, der Frau aus dem Walde (Natalia Wörner) der Fall ist, die Ängste und Lüste produzierende Urfrau: sowohl Hexe wie Sexsymbol. Auch Aliena (Hayley Atwell), des Burgherrn Tochter kann ihren Fall aus dem adligen Nest in die Niederungen einer, die den Wollhandel erfolgreich aufbaut, sehr gut vermitteln. Und die Schurken sind sowieso immer die dankbarsten Rollen.

So kann man also in den Fernsehszenen die Geschichte, die auch unsere ist, verfolgen. Einziges Problem scheint die Rolle der Kathedrale zu sein. Sie spielt eigentlich die Hauptrolle. Und tatsächlich wird die Verfilmung immer dann am Wickel gepackt, wenn der Aufbau der Kathedrale dem Zuschauer vermittelt, daß hier nicht die typischen mittelalterlichen Kämpfe oder Märkte oder Volksbilder ablaufen, sondern daß es um die Verwirklichung einer Idee geht, all die Szenen also ein tieferer innerer Sinn besitzen.

Dazu müßte aber unbedingt das Wissen gehören, daß sich um diese Zeit, noch Hochmittelalter, ein gehöriger Wandel im christlichen Glauben der Mitteleuropäer abspielte. Von der alten trutzigen Festung in Form von romanischen Kirchen mit dicht gedrängten Gläubigen nahm man Abschied, weil sich der Gottesbegriff vom strafenden zum herrscherlichen gewandelt hatte, und die Höhe und Lichtdurchflutung der Gotik diesem Lebensgefühl den architektonischen Rahmen bot, eine Bewegung zur Individualisierung des Glaubens, der mit der Devotio Moderna, der neuen Innerlichkeit dann im 14. Jahrhundert seinen Höhepunkt fand. Das darzustellen, ist allerdings ein hehres Ziel, weshalb wir froh sind, wenn Zuschauer über den Kostüm- und Actionsfilm hinaus die mittelalterliche Geschichte in den Blick bekommen.

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Info:

Am Montag, 6.Dezember die vierte Folge in Sat 1

Ab Dienstag, 7. Dezember, 5 DVDs in Deutsch/Englisch mit deutschen/englischen Untertiteln in eleganter Verpackung, wie es heißt: “12-seitiges Digipack in edler Klappbox“

Leider stellte Universum Film nur die erste CD als DVD sowie halbstündiges Bonusmaterial über den Dreh (sehr interessant!) der Presse zur Verfügung. Wir hätten gerne alles besprochen. Als Folge, so wie im Fernsehen.

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