Ewig die Alte und doch neu – Gitte Haenning mit dem neuen Album: „Was Ihr wollt“

Und das ist bei „Was Ihr wollt“ der Fall. Warum sollte Gitte Haenning auch auf die Erfolge von gestern verzichten, wenn sie auf dieser Platte zwölf Lieder vereint, von denen acht der Vergangenheit angehören und vier (das Begleitmaterial allerdings spricht von fünf neuen Titeln) in die Zukunft gehören – wie sie gerade im Fernsehen selber sagte, habe die Plattenfirma das so gewünscht, was man verstehen kann. Denn „Ich will nen Cowboy als Mann“, Nummer vier, hat mit 3 Minuten und 17 Sekunden wirklich einen aberwitzigen Text, der so was von zeitbezogen ist, daß man sich heute noch wundert, wie aufregend und frech damals dieses Lied – Text und Musik von Rudi Lindt und Peter Strom – empfunden wurde.

Wann das war? Das ist das einzige Manko, das wir dem kleinen Begleitheft attestieren, daß es keine Zeitangaben der alten Lieder trägt, denn ansonsten ist alles perfekt aufgeführt, die Originaltexte, die Übersetzung ins Deutsche – wie wunderbar, daß man jedes Wort der so selbstverständlich Deutsch singenden Dänin versteht -, die Komponisten, die Arrangeure und eine Auflistung sämtlicher Instrumentalisten. Und dann gibt es auch noch die Liedertexte abgedruckt, zum Mitsingen, denkt man da manchmal, denn verständlich sind sie ja absolut.

Aber dann kann man ganz neue Entdeckungen machen, wenn man die Texte erst liest und sich dann die Vertonung anhört. Dann kann auf die Pausen achten, die Gitte Haenning macht, auf die Verzögerungen beim Einsatz oder auch die Stimmfärbung, die auf einmal dunkel wird oder wie am Anfang glockenhell. Das klingt alles so selbstverständlich, aber man fängt an, darauf zu achten, wie sie was auf welche Art singt.

Sie selbst erzählt, daß der einem Lustspiel von Shakespeare entlehnte Titel seine Berechtigung dadurch habe, daß sie gerade in Ludwigsburg/Ruhrfestspiele (wieder zwei differierende Angaben) im selbigen Lustspiel den Narren gegeben habe, weshalb man „Was Ihr wollt“ zum Arbeitstitel machte, der dann blieb und durch die Neuproduktion der letzten Nummer „Shakespeare beschwören“ auch inhaltlich angereichert wurde. Die Komposition ist von Christian Lohr und Maya Singh (laut G.H. ’das Liebes- und Kreativpaar`), die für den Text besonders verantwortlich ist, der vom Tollhaus spricht, wenn er das Leben meint.

Und tatsächlich hat dieses Abschlußlied etwas Weises und Tröstliches, wenn es heißt:

„Wir spielen unsre Rollen in der

Großen weiten Welt

Und immer wieder kommt ein Narr

Der uns vom Glück erzählt

Wir glauben immer wieder neu an

Liebe Macht und Geld

Der Vorhang fällt zu schnell

Die Zuhörerin denkt sich ihren Teil, zu dem auch gehört, daß Gitte Haenning ihre Rolle auch äußerst professionell spielt, wobei die ihr innewohnende Natürlichkeit auch eine Vermarktungsrolle spielt. Warum auch nicht. Denn ihre Lieder handeln von menschlichen Situationen, die jeder kennt. Wenn allerdings als zweite Nummer „Mit jedem Abschied fängt was an“ ertönt, denkt man beim Text zu sehr beschwingter Musik „Mit jedem Abschied hört was auf und Mit jedem Abschied fängt was an“ erst einmal an eine Liebesbeziehung. Und – wie sie über dieses Lied sprach – ist es auch ein Liebeslied, allerdings eines auf ihre Mutter, der sie es nach deren Tod widmete. Und so zeigt sich ein guter Text (wieder Maya Singh) auch darin, daß er vieldeutig ist, also auf viele Situationen des Abschied nehmen Müssens paßt.

„Ich will alles“ darf man auf keinen Fall unterschlagen, dessen Verdeutschung wie viele Lieder von Michael Kunze stammen. Denn diese Ankündigung ist ein Reflex auf das Lebensgefühl einer ganzen Generation, insbesondere einer Frauengeneration. Im Lied allerdings heißt es sehr viel differenzierter:

„Nie mehr bescheiden und stumm

Nie mehr betrogen und dumm.

Nein ich will alles

Ich will alles und zwar sofort

Eh der letzte Traum in mir zu Staub

Verdorrt

Ich will leben

Will mich geben

So wie ich bin

Und was mich kaputt macht nehme

Ich nicht mehr hin.“

Auch die anderen Strophen machen Laune.

Gute Laune macht das gesamte Album, gerade weil man dazu nicht aufgefordert wird. Gitte Haenning singt so nonchalant von den Höhen und Tiefen des Lebens, so unangestrengt, daß sich alleine ihre Vortragsart auf die Zuhörer überträgt. Durchatmen, frei werden, Schmerzen ertragen und alles andere genießen.

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Info:

Gitte Haenning, WAS IHR WOLLT, Koch Universal Music, seit dem 19.11.2010 erhältlich

Internet: www.universal-music.de