Verlierer mit neuem Führer – Kann Keir Starmer die Corbynistas einbinden, die zerrissene Labour Party einen und führen oder kommt es zu Säuberungen?

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Keir Starmer. Quelle: Wikimedia, gemeinfrei, CC BY-SA 3.0, Bild: Official portrait of Keir Starmer, taken in June 2017

London, VK (Weltexpress). Jeremy Corbyn ist Geschichte. Er führte von 2015 bis 2020 die Labour Party und war Oppositionsführer im House of Commons genannten Unterhaus. Nun hat die mehr oder weniger als sozialdemokratisch geltende Partei im Vereinigten Königreich (VK) wählen lassen.

„Partei- und Gewerkschaftsmitgliedern sowie Unterstützern der größten Oppositionspartei“ stimmten ab und laut „Spiegel“ (4.4.2020) unter dem Titel „Großbritannien – Keir Starmer wird neuer Labour-Chef“ seien das „rund 600.000 Labour-Anhänger“ gewesen, die „vom 21. Februar bis 2. April ihre Stimme“ abgaben. „Wegen der Coronakrise wurde das Ergebnis nicht wie geplant auf einem Parteitag bekannt gegeben, sondern im Internet.“ Heraus kam Keir Starmer.

Laut „BBC“ (4.4.2020) unter der Überschrift „New Labour leader Keir Starmer vows to lead party into ’new era'“ hätten sich „etwas über 490.000 von den 784.151 Abstimmungsberechtigten“ beteiligt und Starmer hätte „275.780 Stimmen (56,2%)“ bekommen. Für Rebecca Long-Bailey hätten 135.218 gestimmt (27,6%) und für Lisa Nandy 79.597 (16,2%). Ein klarer Sieg für Starmer.

In „1815.ch“ (5.4.2020) wird unter der Überschrift „Der Nachfolge von Jeremy Corbyn – Oppositionschef mit Starqualitäten: Kann Keir Starmer Labour einen?“ heißt es, das Labour am Samstag mitteilte, dass „der 57-Jährige zum neuen Labour-Chef gewählt“ worden sei. „Er tritt die Nachfolge von Jeremy Corbyn an. Unter dessen Führung hatte Labour bei der Parlamentswahl im vergangenen Dezember die schwerste Niederlage seit 1935 eingefahren. Zur Vizechefin wurde die bisherige bildungspolitische Sprecherin Angela Rayner gewählt.“

Ferner wird mitgeteilt, dass die Wahl von Starmer „als Abkehr von dem stramm linksgerichteten Kurs der britischen Sozialdemokraten in den vergangenen Jahren, der für die Partei zur Zerreissprobe wurde“, verstanden werde. „Der 70-Jährige Altlinke Corbyn und seine Mitstreiter standen immer wieder in der Kritik, antisemitische Tendenzen in ihrer Partei zu dulden. Auch hier dürfte Starmer auf einen Neustart hinarbeiten.“

Wer Corbyn für einen „Antisemiten“, für einen Judenhasser oder Judenfeind hält, der irrt gewaltig. Doch das soll hier und heute nicht Thema sein. Dennoch sei angemerkt: Was John Le Carré, Frederick Forsyth, Anthony Beevor, Peter Frankopan, Tom Holland, Joanna Lumley und andere, die in einem offenen Brief Wahlberechtigte im VK aufforderten, Corbyn wegen seiner angeblichen „Antisemitismus-Verbindungen bei der anstehenden Unterhauswahl nicht zu wählen, trieben, das war schändlich.

Jochen Buchsteiner meint unter dem Titel „Labour wird moderat“ in „Frankfurter Zeitung“ (4.4.2020), dass „noch immer … viele Anhänger des ehemaligen Parteichefs den Ton“ angeben würden. Buchsteiner notiert zudem: „Starmer übernimmt eine zerrissene Partei, in der die ‚Corbynistas‘ weiter auf vielen Ebenen den Ton angeben. Ob er dem Ruf der Zentristen nach ‚Säuberungen‘ folgen wird, bleibt abzuwarten. Starmer, der auf dem gemäßigten linken Flügel der Partei verortet wird, hatte stets Distanz zum Parteichef erkennen lassen, aber als Brexit-Fachmann im Schattenkabinett spielte er nicht gerade die Rolle des Rebellen. Seine – ebenfalls neu vom Parteifußvolk gewählte – Stellvertreterin Angela Rayner ist noch viel enger mit dem „Corbyn-Projekt“ verwoben und wird sich gegen eine allzu radikale Neupositionierung wehren.

Anzunehmen ist, dass die Labour Party nun wieder zu einer eindeutig EU-freundlichen Haltung zurückfindet. Starmer gilt als Gegner des Brexits, auch wenn er die unentschiedene Linie, die Corbyn der Partei verordnet hatte, mehr oder weniger loyal mittrug.“

Da es für einen Exit vom Brexit längst zu spät ist, kann man nun viel in diese Richtung formulieren und sich stilisieren. Auch ein Machtwechsel im Unterhaus ist weit entfernt. Die Mehrheitsverhältnisse sind, wie sie sind. Und sie werden es lange bleiben. Wer meint, die Corona-Pandemie könnte Boris Johnson mit seinen Konservativen und Unionisten zu Fall bringen, die im Unterhaus eine Mehrheit von 56,2 Prozent haben, das sind 365 Mitglieder und Mandatsträger, der ist ein Träumer. Der wird auch nach Ablauf der regulären Wahlperiode in fünf Jahren verlieren.

Dem nette Herr Starmer, der erst als Anwalt und dann als Staatsanwalt arbeitete, und 2015 erstmals ins Unterhaus einzog, stehen schwere Jahre in einer oppositionellen Fraktion und Partei bevor, deren Mitglieder und Mandatsträger nicht wirklich wissen, was sie wollen.

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