Orient als Bühne – „Der Traum ein Leben“ in der Oper Bonn

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© Foto: Barbara Aumüller

Als einer der größten Musiker seiner Zeit verharrte er dennoch nicht in Passivität. Vielmehr komponierte er aufwändig nach der Textvorlage von Franz Grillparzer ein „dramatisches Märchen“. Ein Werk von hohem musikalischem Rang, das jedoch selbst nach dem Ende der Naziherrschaft, abgesehen von wenigen Ausnahmen, seinen Durchbruch auf den großen Bühnen Nachkriegsdeutschlands verfehlte. Vielleicht weil es keine erkennbare Abrechnung mit dem Naziregime darstellte, wie sie nach dem demütigenden Berufsverbot des Komponisten  zu erwarten gewesen wäre?

Traumhaftes Feuerwerk

Doch Braunfels hält sich an seine Vorlage und stellt einen jungen Mann namens Rustan (Endrik Wottrich) in den Mittelpunkt der Handlung. Einen Abenteurer, der sich aus der Wirklichkeit des realen Lebens verabschiedet, um im Streben nach Höherem auf der Karriereleiter Ruhm und Ansehen zu erwerben. Weder sein Onkel, ein reicher Landmann (Rolf Broman) noch Mina, seine bezaubernde Tochter, können ihm diesen Plan ausreden. Voller Tatendrang begibt er sich mit seinem Gehilfen Zanga (Mark Morouse) auf den Weg ins Ungewisse.

Mitten hinein in das traumhafte Feuerwerk eines orientalischen Lebens, das dem auf Heldentaten bedachten Rustan von allen Seiten entgegen brandet. Eine knallbunte Märchenwelt, die Regisseur Jürgen E. Weber vor dem Hauptakteur ausbreitet, unterstützt von einem üppigen Bühnenbild (Hank Irwin Kittel), phantasievollen individuellen Kostümen (Kristopher Kempf) und den dazu passenden Lichteffekten (Max Karbe).

Streben nach Macht und Liebe

Im Rausch der Farben und Motive lässt die Regie den moralischen Aspekt, besser im Lande zu bleiben und sich redlich zu nähren, zunächst außen vor. Webers Konzept zielt vielmehr auf sinnenfreudige Unterhaltung. Und darin enthalten die Erkenntnis, dass es sich beim Streben nach Macht und Liebe um eine die Zeiten übergreifende anthropologische Grundkonstante  handelt. Denn wer würde das Angebot des Königs von Samarkand (Rolf Broman in Doppelrolle) schon ausschlagen, ihm nach gelungener Lebensrettung auf den Thron nachzufolgen? Und dazu, als Krönung des Traumes von Ruhm und Ehre, seine Tochter Gülnare (Manuela Uhl in Doppelrolle)an seiner Seite?  

Als Augenschmaus und Gipfel orientalischer Prachtentfaltung dient der von Chor (Volkmar Olbrich) und Statisterie des Theaters Bonn unterstützte triumphale Einzug des künftigen Königspaares auf einem lebensgroßen Nilpferd und Nashorn. Fordert ein polykratisches Glück solchen Ausmaßes nicht geradezu den Zorn der Götter heraus?

Vorahnung der Endkatastrophe

Erste Schönheitsfehler in der Glückssträhne zeigen sich bereits in den Schuldverstrickungen Rustans, der auf Betreiben Zangas vor Lüge und selbst vor Mord nicht zurückschreckt. Vorwürfe sind die Folge, wie sie der alte Kaleb (Graham Clark) wortkarg und doch in voller Bühnenpräsenz erhebt. Und trägt nicht der resolute Auftritt des Alten Weibes (Anjara I. Bartz) vollends dazu bei, die Vorahnung der Endkatastrophe zu bestätigen? Am Ende deutet alles darauf hin, dass der Traum im Albtraum endet.

Doch dazu lassen es Braunfels und Weber nicht kommen. Sie führen Rustan nach bösem Erwachen zurück zu seinem Ausgangspunkt, wo dieser um einige Erkenntnisse reicher in seine frühere Lebenswirklichkeit zurück findet. Symbolisch dafür das halbe Herz, das Mirza hoffnungsvoll an die Wand malt und das von Rustan ohne zu zögern zu einer Einheit vervollständigt wird.

Spielerische Leichtigkeit

Eine Inszenierung, die sich nicht zuletzt in ihrem spritzig-augenzwinkernden Humor als sinnliches Erlebnis präsentiert.  Allein die jeweils eingeblendeten Szenen-Überschriften tragen mit ihrer ironischen Distanz dazu bei. Bis hin zur in der Projektion dick aufgetragenen Ankündigung vom „Ende“, die das Publikum für einen kurzen Augenblick in eine Kino-Vorstellung hinein versetzt und den abschließenden Beifallssturm des Premierenpublikums schon einige Takte vor dem Schlussakkord freisetzt.

Doch nicht nur die Regie, sondern auch die Gesangssolisten, die durchweg ihren jeweiligen Figuren Glanz verleihen, haben Anteil an diesem großartigen Erfolg. Lautstarke Bravo-Rufe ziehen dabei besonders Manuela Uhl und Mark Morouse auf sich. Ebenso das bravourös aufspielende Beethoven Orchester Bonn unter der Leitung von Will Humburg. Denn seiner spielerischen Leichtigkeit waren die nur in handschriftlicher Form vorliegenden Partituren und die damit verbundenen erhöhten Anforderungen nicht im Geringsten anzumerken.

Weitere Aufführungen: 6., 12. April, 07., 11., 30. Mai 2014.

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