Olympia: Russland-Bashing, Doping und der große Bluff

Thomas Bach in Rio mit der olympischen Fackel. Photograph by Ian Jones/IOC

Berlin, Deutschland; Rio de Janeiro, Brasilien (Weltexpress). Erst sollte Darja Klischina als einzige russische Leichtathletin bei den olympischen Wettbewerben starten dürfen. Weil sie vorwiegend in den USA lebt und trainiert, sich internationalen Dopingkontrollen gestellt hat und nicht in die Dopingmanipulationen in Russland verwickelt war.

Dann wurde sie vom Leichtathletik-Weltverband IAAF nach neu aufgetauchten Vorwürfen ausgeschlossen. Und darf nach Anruf des vom IOC installierten Sportgerichtshof CAS nun doch um Medaillen in Rio mitspringen…

Das Beispiel verdeutlicht, dass es bei diesen Olympischen Spielen nicht nur um sportliche Siege und Niederlagen geht. Sondern auch um politische Auseinandersetzungen und die Deutungshoheit im Weltsport!

Anders ist nicht erklärbar, nach dem McLaren-Bericht im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA vom IOC der Komplett-Ausschluss Russlands von den Olympischen Spielen gefordert wurde. Wegen vorgeblich staatlich gelenkten Dopings und Dopingmanipulationen des russischen Gastgebers der Winterspiele 2014 in Sotschi.

Die Forderung war ganz im Sinne einer Kollektivstrafe oder einer „Sippenhaft“ im dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte.

Das augenblickliche Kennzeichen der globalen Sportpolitik lautet: Russland-Bashing statt rechtsstaatlichem Handeln! Eine Anhörung der Russen hat es nie gegeben. Und auch kein Nachweis der individuellen Schuld. Wenn es gegen die Russen geht, dürfen schon mal Regeln und Fair play außer Kraft gesetzt werden.

Die internationale Sportpolitik folgt dabei der übergeordneten Weltpolitik. Da beansprucht der Westen die Wahrheit über Gut oder Böse, Recht oder Unrecht.

Pound mit einer Trump-Rhetorik

Die Anti-Russland-Haltung im Sport kommt nicht von ungefähr. In den Welt-Fachverbänden und im Internationalen Olympischen Komitee (IOC- trotz des deutschen Präsiden Thomas Bach) geben die Vertreter anglo-amerikanischer Herkunft den Ton an.

Der Verantwortliche des McLaren-Reports kommt aus Kanada. Präsident des Welt-Leichtathletik-Verbandes ist der Brite Sebastian Coe. Die vom IOC ins Leben gerufene WADA wird von dessen Landsmann Craig Reedie geleitet. Dessen Vorgänger und Mitbegründer war der Kanadier Richard Pound.

Als Pound im Herbst Kunde vom McLaren-Report erhielt, entfuhr ihm eine brisante Bemerkung. Der Bericht enthalte „eine nukleare Option“, sagte er. Also die Möglichkeit, wie mit einer Atombombe den russischen Sport zu zerstören! Eine Wortwahl, die fatal an den US-Präsidentschaftskandidaten Trump erinnert („Wir haben die Atombombe. Warum setzten wir sie nicht ein?“).

Die Anti-Russland-Strategie hat Mehrfach-Effekte als Ziel: Sie soll die Sportgroßmacht Russland schwächen und erhöht die Medaillenchancen der Topnationen für die Länderwertung. Da haben die Russen im Winter 2014 in Sotschi in beiden Kategorien – behindert und nichtbehinderte Sportler – Rang eins erkämpft.

Zugleich kann man sich der Weltöffentlichkeit als Bewahrer des sauberen Sports inszenieren – und so von Versäumnissen bei der Anti-Doping-Politik ablenken!

IOC-Präsident Bach wehrt Hardliner Forderungen ab

Der erste deutsche IOC-Präsident Thomas Bach wehrt sich gegen politische Einflußnahme im Sport. Sein Schlüsselerlebnis dafür ist der politisch motivierte Olympiaboykott des Westens 1980 in Moskau, wo der Fecht-Olympiasieger von 1976 sich auch Gold im Einzel holen wollte – aber nicht durfte.

So hat Bach den Komplett-Ausschluss der Russen mit Billigung seiner IOC-Exekutive abgewehrt. Und die Zuständigkeit über den Teilnahme-Entscheid den Fachverbänden übergeben. Dafür wurde er heftig gescholten. Doch seine Vermutung, dass die Mehrzahl der Verbände dem Rechtsgrundsatz „Ohne Schuldnachweis keine Strafe“ folgen würde, ging auf. Lediglich der Leichtathletik-Verband und die Gewichtheber-Föderation verhängten die Komplettsperre. Ausnahme Darja Klischina.

Daneben dürften Bach auch die Unzulänglichkeit des Wirkens der WADA (Hauptsitz Montreal) bewogen haben, das Aus für die Russen zu verhindern. Die Dopingkontrollen der WADA sind im modernen Hochleistungssport eher ein große Bluff für die Öffentlichkeit mit begrenzter Eindämmungswirkung.

Diese Auffassung vertrat Perikles Simon jedenfalls in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung vor den Spielen.

Designer-Drogen und Wachstumshormone kaum nachweisbar

Der Leiter der Sportmedizin an der Uni Mainz, also unabhängig von irgendwelchen Funktionen bei WADA, NADA (nationale Antidoping-Agentur), DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) oder IOC, erwartet die dopingträchtigsten Spiele aller Zeiten. Weil modernste Dopingpräparate derzeit kaum oder gar nicht nachweisbar seien: sogenannte Designerdrogen bei Steroiden mit „veränderten Seitenketten“, synthetisches Testosteron, Humaninsulin, Wachstumshormone oder gewisse Bluttransfusionen… Wer dafür über das das nötige Geld und Know how verfüge, sei kaum bei Doping-Tests zu erwischen.
Auch deshalb bestimmen die modernen Industrieländer das Bild im Medaillenranking: USA, Großbritannien, Japan, China, Frankreich, Südkorea. Australien. Und traditionell sind auch die Russen ganz vorn mit dabei.
In Rio de Janeiro sind mehr als 5000 Dopingtests (Urin- bzw.- Blutanalysen) vorgesehen. Positive Proben gab es von einer bulgarischen Läuferin einer chinesischen Schwimmerin, einem brasilianischen Radsportler, bei Akteuren aus Griechenland, Zypern, Polen.

Bis auf die Chinesin also niemand aus dem Establishment!

Dabei fallen Athleten mit Leistungen auf, die „normal“ kaum erklärbar sind. So gewinnt eine Äthiopierin die 10 00 m mit Weltrekord und ist dabei fast eine Minute schneller als die Siegerin vor vier Jahren. So lässt ein US-Schwimmer (35) 16 Jahre nach seinem ersten Olympiasieg die Konkurrenz hinter sich und eine fast 43-Jährige schafft das Gleiche im Zeitfahren auf der Straße. Oder Fabel-Weltrekord des Südafrikaners Wayde van Niekerk über 400 m in 43,03 Sekunden.

Dass Aktive aus Dritte-Welt-Ländern mittlerweile durch Manager und Trainer aus dem Ausland oder durch College-Aufenthalte in den USA, Zugriff auf leistungsfördernde Mittel haben, vermittelt nicht nur die äthiopische Läuferin. So prahlte der Leichtathletik-Chef Kenias vor versteckter ARD-Kamera, dass er Ausdauer-Medikamente beschaffen könne, die 12 Stunden nicht mehr nachweisbar seien. Und der die Klienten durch Kontakte rechtzeitig vor WADA-Kontrollen warnen könne…Kenia, das Land der „Wunderläufer“, hatte in den letzten Jahren mehr als 40 Dopingfälle und rangierte bei der WM im Vorjahr auf Rang eins der Medaillenwertung!

CAS muss nun über Paralympics-Start der Russen entscheiden

Der CAS hatte vor Klischina schon eine andere IOC-Sperre kassiert. Ein paar im McLaren erwähnte russischen Sportler bzw. Sportlerinnen waren als Dopingsünder erwähnt worden. Und sollten nicht in Rio antreten dürfen. Doch dem CAS-Einspruch beispielsweise der Schwimmerin Julia Jefimowa (auch sie wohnhaft in den USA) wurde stattgegeben: Sie hat ihre Dopingsperre abgegolten und dürfe nicht doppelt bestraft werden! Entsprechend dem Fall des US-Sprinters Justin Gatlin, der hinter Usain Bolt dann auch Zweiter über 100 m wurde.

Eine dritte Anti-Russland-Sperre könnte vom CAS korrigiert werden. Denn in Folge des Reports hat der Weltverband der Behinderten, IPC, unter Regie des Engländers Philippe Craven die RUS-Mannschaft von den Paralympics, den Olympischen Spielen der behinderten Sportler, ausgeschlossen. Die gehen in Brasilien vom 7. bis 18. September über die Bühne. Die Betroffenen haben Einspruch eingelegt.

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