Mein Leben und ich – Interessanter Auftakt zur Konventionalität: Jean Beckers “Tage oder Stunden”

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Geradezu feige erscheint, wie sich Beckers auf einem Roman Francoise d`Epenoux basierendes Drehbuch entwickelt. Beim Versuch, seinen Protagonisten mit unbeschadeter Moral aus der Affäre zu ziehen, verläuft sich “Tage oder Stunden” in der Scheinheiligkeit. Jene rein äußerliche Anständigkeit,  welche die Anfangsszenen bissig sezieren, wird zur eigentlichen Motivation des Protagonisten erkoren. Beim erzwungenen Wandel Meliots vom Antihelden zum Gutmenschen stolpert Becker über das schauspielerische Talent Albert Dupontels. Zu überzeugend ist der in seiner Widerlichkeit. Angesichts der Bilder, welche seine Kinder ihm zum Geburtstag malen, hält er ihnen hämisch ihr mangelndes Zeichentalent vor. Die Freude an der doppelten Verletzung, einmal der Kinder, zum anderen seiner anwesenden Frau, ist Meliot ins Gesicht geschrieben. Dass alles nur vorgespielt ist, kann und will man später nicht glauben. Ernüchternd ist die unterschwellige Reinwaschung von Meliots Freundeskreis. Stück für Stück lässt der Zynismus der Hauptfigur deren Selbstgerechtigkeit zerbröckeln. Hier gelingt Jean Becker seine brillanteste Szene. Während seiner eigenen Geburtstagsfeier führt Meliot die Gäste in ihrer Verlogenheit vor. Die selbsterklärten besten Freunde kennen seinen Geschmack nicht. Teure Geschenke verteilen sie nur, um anzugeben. Ihr gegenüber einer illegalen Einwanderin geäußertes Mitleid ist abfällig. An deren Ausbeutung nehmen sie selbst teil, indem sie diese als Hausmädchen beschäftigen. Großspurig lassen sie sich beim gemeinsamen Essen über notleidende Menschen in Afrika aus. Für ihren eigenen Standesdünkel haben sie jedes Gespür verloren.

Mit ironischer Raffinesse schafft Becker Verständnis für seine als Antihelden begonnene Figur. Professionelle Heuchelei praktiziert Meliot selbst mit seiner Tätigkeit in der Werbebranche. In dreister Manier sagt er einem potentiellen Kunden seine Meinung ins Gesicht und schmeißt umgehend seinen Job hin. Es folgt die formelle Trennung von seiner Frau, die herrlich misslungene Geburtstagsfeier, schließlich Meliots Ausbruch aus der Stadt. Zu seinem Vater, der kaum für ihn da war, doch dessen Verlangen nach Zurückgezogenheit er nun verstehen kann. Sein Gespür für subtile Bildsprache beweist Becker in der unaufdringlichen Szene des gemeinsamen Abendessens Meliots und seines Vaters. Sie ist doppeltes Gegenbild, eines Familienessens und des Geburtstagsmahls. In schweigendem Einverständnis sitzen sich beide gegenüber. Gesalzenen Fisch gibt es, der schmeckt Meliot besser als die Crevetten mit Avocado, die ihm seinen Frau vorsetzt. Einen geschenkten Jahrgangswein lässt er einen Anhalter trinken. Dupontel spielt hier einen Menschen, den sein Umfeld stets verkannt hat, der sich sein Leben lang verbog, um sich den Vorstellungen von Frau, Freunden und Kollegen anzupassen. Eines Tages will er sich nicht mehr verstellen, kann es nicht mehr.

Eine tödliche Krankheit ist nicht nötig, um dies nachvollziehbar zumachen. Denn jedes Leben endet einmal. Was verbleibt genießen zu wollen, ist nur menschlich. Deshalb bleibt die reife Nachbarin, die eine späte Heirat plant, als einzige frei von Meliots Hohn. “Tage oder Stunden” wartet überflüssigerweise mit der tödlichen Krankheit auf und verzerrt seinen psychologische Studie zum Melodram. Die letzten zwanzig Minuten ziehen sich noch einmal so lange hin, wie der gesamte Film. Hätten doch beide vor der fatalen Schlußwendung abgedankt, “Tage und Stunden” und dessen Hauptfigur.

Titel: Tage oder Stunden – Deux jours a tuer
Start: 19. März
Regie und Drehbuch: Jean Becker
Darsteller: Albert Dupontel, Marie-Jose Croze, Pierre Vaneck, Alessandra Martinez
Verleih: Arsenal
www.tageoderstunden.de

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