Kreativität, Selbstreflexion und Differenzierungsvermögen – eine Errungenschaft des menschlichen Geistes, die den Menschen einzigartig macht

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© Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow, 2016

Frankfurt am Main, Deutschland (Weltexpress). Die Selbstreflexion, zu sich sich selbst und anderen auf Abstand zu gehen und auf sich selbst, seine Hintergründe und Prägungen hin zu betrachten, in der Psychoanalyse Mentalisierung bezeichnet, und das Differenzierungsvermögen, die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und zwischen aktuellen Personen, wird durch die Prägungen einer frühkindlichen Traumatisierung, dadurch dass die Bedrohung alles überlagert, erst gar nicht entwickelt und bei einer späteren Traumatisierungen geht es wieder verloren. Der Mensch lebt sozusagen im Dunkeln, wie Gott in der Schöpfungsgeschichte. Es besteht eine emotionale Taubheit und Blindheit. Zu einer Selbstbetrachtung gehört wie selbstverständlich die Betrachtung des anderen, des sozialen Bezuges, weil der andere Mensch genau so, wie ich selbst, nicht alleine lebt, durch seine Mitteilungen verbalen oder averbaler Natur in mir ist und ich in ihm.

Die Traumatisierung ist dadurch gekennzeichnet, dass die Welt z.B. in entweder – oder, alles oder nichts, oben oder unten, entweder ist der eine oder der andere Verursacher dieser schlimmen Dinge und Schuld daran, einer Spaltung, Aufspaltung und Dissoziation, geteilt ist und durch die Pauschalisierung, z.B. einmal gleich immer, Fantasie gleich Realität. Dann dürfen die Fantasien nicht mitgeteilt werden, denn sie werden mit der Realität gleichgesetzt oder mit ihr verwechselt. Die Pauschalisierung stellt eine Umkehr der Spaltung dar, weil in ihr die verschiedenen Anteile zusammengeführt werden.

In der Geradlinigkeit oder Linearität ist der Geradlinige im auf und ab und hin und her des Lebens, je nachdem, was jemand gerade im Kopf hat in der Ambivalenz des Lebens, immer neben der Spur, gekennzeichnet durch eine gerade Linie durch die Kurven und Ecken des Lebens. Manchmal entscheidet das Tüpfelchen über dem I, wie sich entschieden wird. Gradlinigkeit im Charakter stellt aber in unserer Kultur überall einen hohen Wert dar.Dieser Umstand zeugt davon, daß unsere Kultur von traumatisierenden Elementen duchsetzt ist.

Gerade bei der Depression besteht daher eine Angst vor Entscheidungen, ob nun dies oder jenes im absotuten Sinne richtig ist, die oft zum Nischtentscheiden und zu einer unerträglichen Lähmung führt. Aber Nichtentscheiden ist auch eine Entscheidung, der Entscheidung ist also nicht zu entrinnen, und es wird so oder so entschieden, läuft also ganz von selbst. Und wenn der Depressive sich doch einmal entschieden hat, quält er sich weiter mit der Richtigkeit oder Falschheit seiner Entscheidung herum, ein wahrer Eiertanz, der bei ihm Selbstzweifel, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit hervor ruft.

Vergangenheit ist nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart und prägt den Zukunftsentwurf, an den geglaubt und der umgesetzt wird und somit Vergangenheit Zukunft ist. In eine Art Vermächtnis über Generationen hinweg werden sie in das emotionale Gedächtnis eingeschrieben. Die Kreativität, die den Menschen auszeichnet, etwas Neues zu schaffen, ist nicht so sehr von der Traumatisierung betroffen, er kann durchaus in seiner Not kreativ sein, es sei denn, sie ist so tief und furchtbar, dass sämtliche Bereiche des Menschen betroffen sind, und er vollständig von ihr eingenommen ist.

Ich möchte dies einmal anhand von Ängsten und Phobien durchspielen: Ängste sind dadurch gekennzeichnet, dass an sie als Zukunft und Realität geglaubt wird, dadurch gewinnen sie ihre Bedrohlichkeit, durch die sämtliche Unterscheidung von anderen Verläufen und anderen Ergebnissen verloren geht. Der Ängstliche ist also ein Wissender. Deswegen ist mein Motto „die Kunst des Nichtwissens“. Es findet eine Entdifferenzierung statt, im Gegensatz zu einem Differenzierungsvermögen. Sie sind sogar durch den Glauben und die Überzeugung berechtigt, da der Mensch den Glauben durch Handlungen umsetzen wird und somit die Ängste bestätigt – eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, selffulfilling prophecy. Der Mensch ist sein eigener Prophet. Die Angst ein schlechter Ratgeber.

Beispielsweise sagt die Platzangst, Klaustrophobie, über die Enge seines Weltbildes aus, indem es ihm durch seine inneren Gebote und Verbote nicht möglich ist, durch Differenzierungen über den Tellerrand hinaus zu blicken. Oder durch die Straßenangst, Agoraphobie, erblickt er in den Augen und Blicken der Menschen auf der Straße überall seine Versagen, seine Schande oder seine Entwertung und glaubt daran. Ansonsten hätte er keine Straßenangst. Er wird diesen anderen nicht wohl gesonnen sein. Oder in einer Angst vor Streitigkeiten neigt er dazu, all seinen Ärger zu unterdrücken. Da ihm dies des öfteren nicht möglich ist, platzen die Aggressionen an allen Ecken und Kanten inadäquat heraus, und er lebt im Streit mit den anderen. Infolgedessen besteht in Familien, wo der Angstpegel hoch ist und ein Streitvermeidungsverhalten besteht, meist eine Pseudoharmonie und somit eine Zwangsharmonie. Gegen Zwänge muß der Mensch aufstehen und sich wehren. Auch aus diesem Grund bestätigen sich die Ängste.

An sich ist es völlig normal, dass der Mensch die Vergangenheit im Kopf hat und diese Erfahrungen in Gegenwart und Zukunft als Maßstab angelegt werden, aber im Falle der Folgen von Traumatisierung überlagern diese schlimmen Erfahrungen sämtliche neuen Erfahrungen und Erlebnisse, so dass diese bei tiefer Traumatisierung erst gar nicht erlebt werden.

Im biblischen Alten Testament, einem Urvermächtnis, waren die Erfahrungen von Gott im Dunkeln, jedenfalls wurde nichts davon berichtet, in Analogie zu der traumatisierten Familie, wo ebenfalls von den früheren Erfahrungen der Eltern nichts berichtet wird, sie sozusagen verleugnet sind. Die Verleugnung ist ein Schutz vor dem Schrecklichen und Unfassbaren, aber trotzdem bestimmen sie den weiteren Verlauf, in dem die Regeln, Gebote und Verbote zur Verhinderung dessen erhoben werden, und gerade dadurch werden sie durch eine Verführung zum Ungehorsam übertreten und wirkten sich als die Erbsünde aus. Die traumatisierten Eltern versündigen sich bei bestem Wissen und Gewissen, sie wissen es ja nicht besser, an ihren Kindern. Als Hintergrund erkläre ich mir, dass diese Verbote autoritär zur Absolutheit erhoben wurden und dadurch sämtliche Selbstbestimmung außer Kraft gesetzt wird. Wenn ein Mensch keine Selbstbestimmung hat, dann wird bei ihm Wut und Trotz erzeugt, und er tut gerade das, was er nicht tun darf. Das ist in seinen Genen festgeschrieben. Wenn er jedoch zu unbedingten Bravheit und Gehorsam erzogen wurde, wird er trotzdem auf der unteren, vielfach auf der Krankheitsebene, wütend reagieren. Dann drückt sich das zum Beispiel in Schmerzen oder Depressionen aus.

Das Alte Testament war von den ewigen Kreisläufen, dem Verschweigen, den Verboten und Geboten und dadurch den Übertretungen und den Bestrafungen als Erbsünde gekennzeichnet. Das Neue Testament, ebenfalls ein Vermächtnis, sollte eigentlich zu einer Überwindung dessen führen, ein neuer Geist, der Vater und Sohn vereinigt, im Gegensatz zu der häufigen Zerstrittenheit, dadurch daß die Liebe, vor allem die Feindesliebe, gepredigt wurde. Aber wir alle wissen, dass sich nur wenig verändert hat. Kriege und Kreuzzüge, Diktaturen und sexueller Missbrauch in den Familien, in der Kirche und den Institutionen sind gang und gäbe, und viele Menschen verzweifeln an diesem Gott, der nun die Liebe und die Akzeptanz predigt und den Hass sät. Natürlich kommt das nicht von Gott , er stellt er nur eine Metapher dar, in die Welt, an den aus einer Sehnsucht nach göttlichem Schutz, Trost und Beruhigung vielfach in Religionen geglaubt wird. Es setzt sich sozusagen der alte Geist des geknechteten Menschen gegenüber diesem mit allen Fasern herbeigesehnten neuen Geist durch, wie das Vermächtnis des Alten Testamentes gegenüber dem Neuen. Dies entspricht einer Dominanz der Traumatisierung gegenüber allen früheren und späteren Erfahrungen.

Zurück zur Selbstreflexion und dem Differenzierungsvermögen. Ich möchte einige Beispiele aus eigener Erfahrung anführen: Ein Patient erzählte mir, er sei von seiner Mutter auf eine Darmverstopfung trainiert und gehoben worden und bekam in der Jugend Leinsamen und Hefe zu essen. Als Folge, als er seinen Sohn als Baby wickelte, tauchte in seinem Hinterkopf die Fantasie auf „Abführmittel!“ Dadurch, dass er durch seine Analyse schon vermehrt auf die Wahrnehmung seines Innenlebens geeicht war, sagte er sich „welch ein Unsinn!“, achtete darauf hin nicht mehr auf den Stuhlgang von sich und seiner Familie, und es gab dadurch keinerlei Probleme mehr.
Als ich im Taunus eine Arztvertretung machte, kam jede Woche ein Familienmitglied und verlangte für jedes Familienmitglied ein ganzes Rezept voller Abführmitteln. Da das in der Praxis so üblich war, verschrieb ich es kommentarlos, aber widerstrebend.
Bei meinem Hintergrundnotdienst, den ich als Arzt zu machen hatte, wurde ich einmal zu einer Schweizerin gerufen, die seit 14 Tagen keinen Stuhlgang hatte und unter heftiger Verstopfung litt. Die Frau berichtete, dass sämtliche Familienmitglieder unter Verstopfung litten. Ihr erzählte ich von diesen Erfahrungen. Am nächsten Tag rief sie an, irgendetwas wollend, und sagte mir, das Gespräch hätte ihr außerordentlich gut getan.

Als ein anderer Patient seine ca. drei und fünfjährigen Töchter streichelte, kam bei ihm im Hinterkopf die Fantasie auf „nicht unter die Gürtellinie, dass ist sündige Sexualität!“. Das sah er als unsinnig an. Daraufhin streichelte er seine Töchter ungeniert ohne inzestuöse Hintergedanken. Ihm war von seiner prüden Mutter durch das Streicheln die verbotene inzestuöse Sexualität beigebracht worden, wie in den Köpfen von prüden Menschen überall die Sexualität lauert, oder sie wird durch eine Verleugnung oder Verdrängung erst gar nicht erlebt. Dadurch wird eine Körperfeindlichkeit erzeugt.

Ein anderer Patient berichtete, er litt unter chronischer fieberhafter Halsentzündung, Angina, und fehlte deswegen öfter in der Schule. Wahrscheinlich waren die Hintergründe mangelnde Geborgenheit und dadurch unterdrückte Aggressionen. Ich interpretierte das Geschehen als ein Schreien , er war ein Schreikind, was durch Unterdrückung des Schreiens sich durch eine Halsentzündung bemerkbar machte. Auch hatte er öfter Kopfschmerzen. Deswegen lag er bis über 20 Jahren mit einem Halstuch aus Angst vor einer Erkältung im Bett, immer kopfschüttelnd, weil er dann am ehesten feststellen konnte, wenn wieder Kopfschmerzen als Vorboten der Halsentzündung kamen. Ich deutete ihm das Geschehen, dass er den Kopf aufgrund mangelnder Geborgenheit und seiner Aggressionen schüttelte, sozusagen „nein“ sagte. Mit Anfang 20 sagte er sich „was für ein Unsinn“ und kam sich lächerlich dabei vor. Daraufhin lief er sogar ohne Halstuch im Winter mit freiem Hals ohne Halsentzündungen herum. Was doch alles eine Selbstbestimmung bewirken kann, und sogar die ewigen Kopfschmerzen waren weg, was ihm aber erst Jahre danach auffiel, wahrscheinlich, weil er sich seine Wut früher eingestand. Jawohl, Kopfschmerzen sind Wut.

Jetzt erzähle ich mal von mir selbst. Mit Anfang 20 litt ich unter Fußbeschwerden am Quer- und Längsgewölbe, wahrscheinlich, weil mein Vater ständig wegen meines Ganges an mir herumnörgelte, bekam Korkeinlagen, das war auch recht gut, und als sie nach einem Jahr kaputt waren, bekam ich Plastikeinlagen verschrieben. Die habe ich noch heute. Ich sagte dem Fußtechniker, dass er an dem Quer- und Längsgewölbe noch etwas drauf machen sollte, so dass es etwas drückte, spazierte mit den Einlagen herum, und dann konnte ich auf die Dauer sogar ohne Einlagen beschwerdefrei gehen. Mir waren nämlich das Stehen bei der Visite und die langen Krankenhausflure beschwerlich, so dass ich später nie mehr an ein großes Krankenhaus ging und somit mein eigener Herr war. Mir waren nämlich die Chefärzte suspekt aufgrund meiner Erfahrungen mit meinem Vater. Wegen dieser Fußbeschwerden wollte ich Orthopäde werden, aber als sie verschwunden waren, habe ich nicht mehr daran gedacht, wie ich hinterher mit Erstaunen feststellte. Ein Schelm ist, wer böses dabei denkt, warum ich Psychotherapeut geworden bin.

Ebenso wurde ich von meiner Mutter auf eine Herzerkrankung gehoben. Sie selbst suchte einen Arzt regelmäßig wegen ihres Herzens auf, wurde aber mit gesundem Herz 98 Jahre alt. Zur Vorgeschichte, ihre Brüder waren deswegen mit 52 gestorben. Als ich mich einmal mit 23 in München, wo ich Medizin studierte, aus einem anderen Grund untersuchen ließ, stellte der Arzt einen betonten 2. Aortenton fest. Voller Beunruhigung suchte ich in den Lehrbüchern, was das zu bedeuten habe, fand aber nichts. Als ich im Alter von 26 Jahren auf der Inneren arbeitete, wertete ich EKGs aus. Einmal ließ ich auch von mir eins anfertigen und stellte voller Erstaunen fest, daß ich eine ST-Senkung und ein negatives T hatte, an sich ein Zeichen für eine schwere Coronarsklerose. Ich konnte aber problemlos wie ein Wiesel die Berge hinauf steigen. Ich sagte mir, man sollte nicht die EKG-Befunde überbewerten. Bei meiner Mutter ließ ich mir ein EKG zeigen und diagnostizierte einen Linksschenkelblock, ein Zeichen für eine schwere Herzerkrankung, für ihren Arzt ein Grund zur Behandlung. Später war dieser wieder verschwunden.

Im zarten Alter von Anfang 50 sagte ich meinem Internisten, dass ich öfter Herzbeschwerden hätte, Herzkrämpfe und ein Brennen. Ich hatte Angst vor einem Herzinfarkt. Da machte er eine wegwerfende Handbewegung „ach, das kommt von der Wirbelsäule!“, und ich war unheimlich beruhigt. Wenn ich wieder mal Herzbeschwerden bekam, rief ich mir seine Worte ins Gedächtnis, war beruhigt, und die Schmerzen ließen nach. Schließlich ließen die Beschwerden überhaupt nach, und ein paar Jahre später war ich völlig beschwerdefrei. So hilfreich kann manchmal eine differenzierende Stimme von außen sein, aber nur, wenn der Patient sie annehmen kann, wenn nicht, wird er sich nicht ernst genommen fühlen, und die Symptome bleiben bestehen. Schließlich will er ja recht haben und unrecht haben, ist für ihn die größte Blamage, eine erneute Traumatisierung. Die Traumatisierung hat Priorität bei der Interpretation von späteren Aussagen.
Als ich mit 50 Jahren 2 Wochen nach einem Ironman einen Mitteltriathlon vorhatte, teilt mir meine Mutter mit, daß sie Angst um meine Gesundheit hätte, und verwies auf ihre Brüder. Ich machte mutig den Mitteltriathlon trotz ihrer Ängste.

Tatsächlich neigen eher Herzinfarktgefährdete zu einer Bagatellisierung ihrer Beschwerden, während die Herzphobiker eher gerade durch ihre Ängste bis zu einem gewissen Grade geschützt sind. Dazu möchte ich ein krasses Beispiel schildern: Deutschlands anerkanntester Herzpapst der 80er Jahre, der auf allen Kongressen herumsprang und Vorträge hielt, wunderte sich immer wieder, wie leichtsinnig die Herzinfarktgefährdeten trotz einer realen Gefährdung mit ihrer Gesundheit umgingen. Eines Tages bekannte er voller Scham in einer Fachzeitschrift, daß er genauso bei drohendem Herzinfarkt mit sich umging, und erst seine beunruhigte Gattin, also die Umgebung, ihn der adäquaten Behandlung zugeführt hatte. Unter der Bedrohung neigen anscheinend die meisten Herzkranken, und nicht nur die, zur Verleugnung.

Bis Ende 20 litt ich unter Handschweiß, vor allem bei für mich attraktiven Frauen und vor Autoritäten, Vätern, wischte mir den Schweiß häufig an der Hose ab. Als ich dann an einer psyhotherapeutischen Klinik tätig war, empfingen mich die meisten meiner Patienten mit feuchtnassen Händen in der angstvollen Erwartung, was nun wieder problematisches besprochen würde. Als ich eines Tages mehrere in einer Gruppe am Ende des Ganges stehen sah, bekam ich Angst vor den Patienten, dieser Übermacht, und ich sagte mir, „die haben Angst vor mir, und ich vor denen, und aufgrund meiner Arztrolle ist es nicht möglich, über diese gemeinsamen Ängste zu reden.“ Aber ich gestand mir meine vielfältigen Ängste ein, und, oh Wunder, ab diesem Zeitpunkt war der Handschweiß verschwunden und trat nicht mehr auf.

Früher litt ich unter Rückenschmerzen, meist einem Hexenschuss, der mich tagelang lahm legte. Vor etwa 10 bis 15 Jahren kam ich mir auf die Spur, was dazu in mir vorging. Als ich den Hühnerstall säuberte, – ja, ich habe mitten in Frankfurt frei laufende Hühner und indische Laufenten im Garten – stellte ich mir vor, was sich alles im Garten zu machen hätte, alles auf einmal, und dann fuhr mir aufgrund dieser Überlastung ein Schmerz in den Rücken, der mich wochenlang lahmlegte. Als dieser wieder vorbei war, machte ich alles peu a peu nacheinander und ohne jegliche Rückenschmerzen. Diese Erfahrung ging mir im Nachhinein durch den Kopf, und ich lernte daraus, mir nicht allzu viel vorzunehmen, insbesondere alles auf einmal, so dass ich in der Folge nicht mehr zu einem Hexenschuss neigte. Die Hexe war meine Mutter.

Ein Chirurg erzählte mir, „der Kreuzschmerz ist das Kreuz des Lebens, das der Kranke sich selbst aufgeladen hat und nicht bereit ist zu tragen.“ In vielen Familien und überhaupt in der Gesellschaft ist es halt üblich, dass das Nacheinander der Tätigkeiten durch ein „alles auf einmal“ ersetzt wird, dadurch eine Überforderung eintritt, und der Kranke in einer Trotzreaktion sich dagegen wehrt. Somit werden die Schmerzen noch verstärkt. Rückenbeschwerden sind der beinahe häufigste Grund zur Krankschreibung und Fehltagen.

Mir fällt ein weiteres Beispiel dazu ein, vorgebracht von Professor Graul aus Kiel bei einem Kongress 1987 in Bad Orb „Sportpsychologie und Medien im Gespräch“. Wenn in einer Mannschaft an der Spitze der Bundesliga sich die Fantasie einschleicht und breitmacht “ alle gegen einen“, werden sie vor der vermeintlichen Übermacht wie gelähmt und verzagt spielen, oder in einer Trotzreaktion gegen diese Übermacht sich aufbäumen. Beides ist schlecht, sondern eher gelassenes Weiterspielen ist angebracht. Wenn sich dagegen die Fantasie breitmacht “ einer nach dem anderen“, wie es der Realität entspricht, werden sie jedes Wochenende weiterhin so spielen, wie sie an die Spitze der Bundesliga gekommen sind. Der Stolz darüber, dieses heraus gefunden zu haben, war ihm anzusehen.

Ich schildere nun von Patienten und am eigenen Leib, wie durch spontane Einfälle, Offenheit, Kreativität und infolge Selbstbetrachtung das Wahrnehmungsvermögen, infolgedessen das Selbstbewußtsein und das Differenzierungsvernögen gestärkt oder neu erlangt wird, und dieser Umstand zur Heilung beitrug. Wir sind halt in der Kindheit durch viele Faktoren traumatisiert worden. Bei diesen Beispielen von den Patienten oder vor mir selbst habe ich auf den Moment der Überraschung, Verwunderung oder das Erstaunen hingewiesen. In dieser liegt die Chance zur Veränderung, also des neuen Testamentes, in dem wir alle unsere eigenen Götter sind, der Mensch als Gott, indem er selbst die Beschwerden herbei ruft, natürlich unbewußt, und sie wieder, manchmal durch göttlichen Beistand in Gestalt des Gottes in Weiß, beseitigt. Die Erwartungen waren halt völlig anders entsprechend früherer Traumatisierungen und Festlegungen. Beispielsweise klammert der Angstneurotiker sämtliche unberechenbaren Fortläufe seiner Ängste aus, weil er ansonsten ubiquitäre Ängste, eine ihn überschwemmende Panik, fürchtet.

Beispielsweise kann ich mich nicht erinnern, jemals auf den Schoß genommen worden zu sein und mich an meine Eltern zu schmiegen. Es ist auch kein Wunder, denn wir alle sind mehr oder weniger durch die Kriegserlebnisse und vor allem als Folge durch die Schreber‘sche Pädagogik, ich nenne sie Schwarze Pädagogik, „der Wille des Krieges ist um jeden Preis zu brechen!“ traumatisiert worden. Ich werfe dies meinen Eltern nicht vor, denn sie konnten nicht anders und handelten nach bestem Wissen und Gewissen.
Aber meine Patienten und ich, ich verdiene an ihnen, bin somit Profiteur von ihren Problemen, müssen in ihrem Leben die Suppe auslöffeln, die die Eltern uns eingebrockt haben. Ähnliches gilt für die Ärzte als Profiteure. Ohne diese Traumatisierungen wäre das Gesundheitssystem nicht so aufgebläht.

Die Geister oder die Gespenster der Vergangenheit, auch generationsübergreifend, finden in der Symptomatik ihre Auferstehung, entsprechend dem Alten Testament gegenüber den Versprechungen des Neuen. Das Neue Testament hat sich als Irrweg erwiesen. Dann ist es unsere Aufgabe, durch Selbstreflexion und Differenzierungen sie aufzulösen. Das kann auch geschehen mit fremder Hilfe eines Dritten, guten Freundes oder eines Fachmannes, der dann jeweils der Erlöser ist.

Anmerkung:

Vorstehender Beitrag von Dr. Bernd Holstiege wurde in Salon Philosophique am 10. April 2019 erstveröffentlicht.

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