Berlin, BRD (Weltexpress). Am 8. Mai 1996 nahm sich der Hochschullehrer Dr. Hans Schmidt durch einen Sprung aus dem 13. Stockwerk seiner Hochhauswohnung das Leben. Er gehört zu den Tausenden, die die „Friedliche Revolution“ von 1989/90 in den Tod trieb.
Entgegen den verbreiteten Lügen, beim Anschluss der DDR an die BRD habe es keine Toten gegeben, sieht die Realität bei genauerem Hinsehen anders aus. Die Verlierer der Geschichte wurden nicht, wie der damalige Justizminister der BRD, Klaus Kinkel (FDP) erklärte, in Lager gesperrt, sondern ins soziale Abseits gedrängt. Das bedeutete, dass Unzählige mit Berufsverbot belegt, ihre Menschenwürde mit Füßen getreten, gegen sie eine unsägliche Lügen- und Hetzkampagne geführt und Hunderte vor Gericht gezerrt und verurteilt wurden. Zu ihnen gehörte der habilitierte Hochschuldozent Dr. Hans Schmidt, der sich nach einem vierjährigen zermürbenden und entwürdigenden Rechtsstreit um seinen Arbeitsplatz, der für den Schwerbehinderten nicht ohne gesundheitliche Folgen blieb, am 8. Mai 1996 durch einen Sprung aus dem 13. Stockwerk seiner Hochhauswohnung das Leben nahm.
Als Experte für Geldtheorie im Fachbereich Politische Ökonomie des Sozialismus war Schmidt in den 1980er Jahren im Rahmen der Hochschulreform von der Hochschule für Ökonomie (HfÖ) an die Humbold-Universität gewechselt, die als Schwerpunkte Teilbereiche der Finanzpolitik, der Bevölkerungstheorie und Wirtschaftspädagogik übernahm. 1988 wurde er für zwei Jahre nach Nikaragua delegiert. Als er zurückkehrte, hatte unter der Regierung von Lothar De Maiziere die Abwicklung der Lehrkräfte an den Universitäten und Hochschulen begonnen und Schmidt erhielt seine Entlassungspiere zugesandt. Da er aber zu dieser Zeit krank war, durfte ihm nicht gekündigt werden. Er legte Einspruch ein, gewann und konnte zunächst weiter arbeiten. 1991 wurde ihm, wie zahlreichen anderen DDR-Wissenschaftlern auch – „wegen mangelnden Bedarfs und mangelnder fachlicher Qualifikation“ ordentlich gekündigt, obwohl ihm ein Gutachten der Freien Universität außerordentliches Engagement, solide theoretische Grundkenntnisse und den Anschluss an den wissenschaftlichen Standard westlicher Universitäten bescheinigt hatte. Auch die Wirtschaftsuniversität Wien würdigte sein hohes theoretisches und international anerkanntes Wissen.
Henker Nazikriegsverbrecher
Als Schmidts Henker agierte der Nazikriegsverbrecher Prof. Wilhelm Krelle, den es nach dem Anschluss der DDR als Gründungsdekan des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften an die Humboldt-Universität gespült hatte. Krelle, der der berüchtigten 164. Infanteriedivision des XXX. Armeekorps, die in Griechenland an Kriegsverbrechen beteiligt war, sowie als Erster Generalstabsoffizier der SS-Panzerdivision Götz von Berlichingen angehört hatte, war in der Bundesrepublik mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. 1994 verlieh die neue Präsidentschaft der Humboldt-Universität ihm die Ehrendoktorwürde. Krelle erklärte öffentlich, er werde den „Marxisten Dr. Schmidt unter allen Umständen von der Humboldt-Universität entfernen“. Krelle verstarb im Juni 2004 wohlpensioniert im Alter von 88 Jahren als einer der unzähligen für ihre Teilnahme an faschistischen Kriegsverbrechen nicht zur Verantwortung Gezogenen. Die Leitung der Universität widmete ihm ein „ehrendes Gedenken“.
Zehntausende in den Tod getrieben
Über die Zahl derer, denen die Kraft fehlte, der Hetze und Verleumdung nach 1990 zu widerstehen und die Hand an sich selbst legten, liegen keine Angaben vor. Einer Studie der Zeitschrift Icarus der Gesellschaft für Bürger- und Menschenrecht (GBM) aus dem Jahr 2006 ist zu entnehmen, dass die Zahl in die Zehntausende geht. Autoren der Studie waren u. a. der bekannte Faschismusforscher Manfred Weißbecker, der Ökonom Harry Nick, der Pfarrer Dieter Frielinghaus, die Schauspielerin Käthe Reichel und der Rechtsanwalt Peter Michael Diestel.
Laut der französischen Nachrichtenagentur AFP töteten sich bereits im Jahr nach der Einverleibung der DDR in Ostdeutschland 4.294 Menschen selbst. Wie viele von den über 11.000 Menschen, die bis dahin in der Bundesrepublik jährlich Selbstmord begingen, Opfer der „Wende“ waren, ist nicht bekannt. Laut dem bundesdeutschen Statistikamt hat sich die Selbstmordrate in Deutschland seit den 1990er Jahren signifikant nicht verändert. Danach beendeten Im Jahr 2024 10.372 Menschen ihr Leben durch Suizid, was 0,7 Prozent mehr als im Vorjahr und 7,1 Prozent mehr als im Durchschnitt der letzten zehn Jahre war. Eine Aufteilung nach Bundesländern wird nicht vorgenommen, ebenso nicht angeführt, welche Ursachen diese Menchen in den Selbstmord trieben, die oft in den sozialen Bereichen liegen, und mit denen vor allem Bewohner aus der DDR, die solche Lebensverhältnisse nicht kannten, konfrontiert wurden.
Die Opfer nach der „Wende“ waren im Anschlussgebiet Arbeiter und Genossenschaftsbauern, Lehrer, Ingenieure und Journalisten, Ärzte, Künstler und Wissenschaftler, von den Massenentlassungen Betroffene, obdachlos Gewordene, Kinder, die die Demütigungen ihrer Eltern nicht ertrugen. Der Suizidexperte Udo Grashoff berichtete, dass von 1989 bis 1991 die Selbstmordrate in den neuen Bundesländern um rund zehn Prozent angestiegen sei. Zu den Opfern gehörten: der Grafiker Thomas Schleusing vom Jugendmagazin Neues Leben, sein Kollege, der sensible Zeichner und Gestalter Christoph Ehbets, bekannt u. a. durch seine Cover beim VEB Deutsche Schallplatte, der Vizepräsident des Deutschen Turn- und Sportbundes Franz Rydz, der Minister für Bauwesen der DDR Wolfgang Junker, der Raubtierdresseur Hanno Coldam (Heinz Matloch) der international bekannten Löwen-Gruppe des VEB Zirkus Aeros und der Schauspieler Wolf Kaiser.
Wolfgang Junker war der Architekt und Realisator des gigantischen Wohnungsbauprogramms der DDR. Nach dem Motto „jedem seine Wohnung“ sah es vor, bis 1990 durch den massiven Bau von Plattenbauten und die Modernisierung bestehender
Wohnungen die Wohnungsnot zu beseitigen. Als Sohn eines Arbeiters und gelernter Maurer wuchs Junker in Warnstedt bei Quedlinburg auf und arbeitete dort bis 1948 als Maurer. Nach Abschluss eines Ingenieursstudiums für Bauwesen wurde er 1951-52 Bauleiter beim Bau der Stalinallee, 1957-61 Betriebsdirektor des VEB Industriebau Brandenburg. Zunächst Stellvertreter leitete er seit 1963 das Ministerium für Bauwesen. Im Rahmen des Wohnungsbauprogramms übergab Erich Honecker 1984 in Berlin-Marzahn die Zwei-Millionste Neubauwohnung. Es entstanden neue Stadtteile oder komplette Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern wie Halle-Neustadt. Zum von Junker konzipierten komplexen Wohnungsbau gehörte eine soziale Infrastruktur mit Schulen, Kindergärten, Sportstätten, Polikliniken, Kaufhallen, Gaststätten, Kinos, Freizeitzentren, Jugendklubs u. ä. Einrichtungen. Für eine Wohnung mit Einbauküche, Bad und Balkon zahlte der DDR-Bürger maximal 1,25 Mark pro Quadratmeter inklusive Heizung und Warmwasser. In einer Genossenschaft – Mitgliedsbeitrag 4000 Mark, betrug die Miete für eine 90 m² Vierzimmerwohnung 117 Mark. Nach dem Anschluss der DDR an die BRD stieg sie mit einem Schlag auf 860 DM. Junker wurde während der „Wende des Amtsmissbrauchs beschuldigt und im Januar 1990 in Untersuchungshaft genommen. Nach der Entlassung im Februar war er der Schmutz- und Hetzkampagne, so in der „Bild“- Zeitung, ausgesetzt, die ihn beschuldigte, Staatsgelder veruntreut zu haben, weil er als Ehrenmitglied der Bauakademie jährlich 20.000 DDR-Mark entgegen genommen hatte.
Wolf Kaiser war ein über die DDR hinaus international bekannter Theater- und Filmschauspiele. Er stand in Paris, Stockholm, Venedig und weiteren Städten auf der Bühne, erhielt Lob für seine schillernde Vielschichtigkeit und überraschenden Rollenauffassungen. In London verglich man ihn mit Laurence Oliver. Auch Wolf hatte seine Karriere als Hilfsarbeiter und Kellner begonnen, ehe er diese große Schauspielerpersönlichkeit wurde. Zwanzig Jahre lang, von 1950 bis 1970, gehörte er dem Berliner Ensemble an, wo er als der Communarden Papa in „Die Tage der Commune“ ebenso glänzte wie als Feldprediger an der Seite Helene Weigels in „Mutter Courage“ oder als Menenius Agrippa in Shakespeares „Coriolan“. Als Brecht-Interpret war Kaiser nahezu unübertroffen. Rezensenten hoben hervor, das Regiekonzept Brechts habe seinen direktesten Ausdruck in der Diktion Kaisers gefunden. Unvergessen sind seine Darstellung des Mackie Messer in der Dreigroschenoper oder in Internationalen Filmen wie „Das tapfere Schneiderlein“ und „Kleiner Mann was nun“. Nach dem Fall der Mauer wurde es still um ihn. Zuletzt stand er in der Schweiz als der „weise Seher“ in Sophokles „Antigone“ auf der Bühne. Sein Traum, noch einmal den „Lear“ zu spielen, erfüllte sich nicht. Die mit ihm befreundete Regisseurin Ingrid Fausek sagte, Kaiser habe „kapituliert vor einer Welt, die immer kälter wurde“. Eberhard Esche würdigte ihn in seiner Grabrede als einen „ungekrönten Monarchen der Schauspielzunft“.
Die 60jährige stellvertretende Vorsitzende des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FdGB), Mitglied des Staatsrates, Johanna Töpfer, die ihren beruflichen Werdegang 1945 bei der Deutschen Reichsbahn als Wagenputzerin begonnen hatte, nahm sich am 7. Januar 1900 das Leben. Auch ihr hatte man „Amtsmissbrauch, Korruption und Bereicherung“ bei der Ausstattung ihres Hauses vorgeworfen und sie öffentlich an den Pranger gestellt. Nachdem sie sich vergiftet hatte wurde bekannt, dass sie Extras ihres Hauses selbst finanziert hatte.
Es waren Unzählige, die den Freitod wählten. Käthe Reichelt schrieb, dass ein Pfarrer Ende November 1991 äußerte, dass er vom Friedhof gar nicht mehr runterkomme, und auf die Frage nach den „letzten Briefen“ antwortete: „Sie schreiben keine“. Wenn das so ist, haben sie sich in das Schweigen der Dritten Welt eingefügt. Von einer Frau immerhin blieb als Zettel die Botschaft liegen: „Wir hatten nicht alles, aber sehr viel“.
Nicht nur SED-Mitglieder waren unter den Opfern. Unter ihnen befanden sich auch die Jugendbildungsreferentin der Evangelischen Akademie Meißen, Anne-Kathrin Krusche, und der frühere Abgeordnete der sächsischen CDU Herbert Schicke und der Arbeitsmediziner und Vorsitzende der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen in der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Lichtenberg, Rudolf Mucke, der weder der SED noch der FDJ angehört hatte. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) hatte 1976 Anwerbungsversuche wegen „dekonspirativen Verhaltens“ aufgegeben. Die „Ehrenkommission“ der Berliner Charité, die die überlieferten Akten schlicht falsch interpretierte, hielt Muckes Weiterbeschäftigung dennoch für „unzumutbar“.
Alles ins Gegenteil verkehren
In der Icarus- Studie wird geschildert, wie im Januar 1992 in den frühen Morgenstunden Polizisten die Wohnung des Ehepaares Fuchs in der Grunaer Straße 12 in Dresden besetzten und Otto Fuchs verhafteten. Dessen Frau Martha, eine Jüdin, die KZ-Häftling gewesen war, erlitt einen schweren Nervenzusammenbruch. Die furchtbaren Erlebnisse der Nazizeit wurden wieder lebendig. Mit einem schweren Schock wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert. Die Leipziger Staatsanwaltschaft erhob gegen Otto Fuchs Anklage wegen Rechtsbeugung und Mord. Er war 1950 in den Waldheim-Prozessen gegen Kriegsverbrecher und Naziaktivisten Vorsitzender Richter gewesen. Man warf ihm vor, er habe Unschuldige zum Tode verurteilt. Mit Hilfe seines Anwalts kam er für kurze Zeit aus der Untersuchungshaft frei. Um den Richtern nicht die hämische Genugtuung an „seiner langsamen und qualvollen prozessualen Hinrichtung“ zu ermöglichen, beschlossen er und seine Frau aus dem Leben zu scheiden. Im Abschiedsbrief hieß es: „Meine Frau würde eine Trennung von mir nicht überstehen. Ich versichere Ihnen, dass wir in meiner Strafkammer nur Kriegsverbrecher verurteilt haben und ich bin mir sicher, dass wir uns über kein Urteil schämen müssen. Alle Zeichen deuten aber darauf hin, alles ins Gegenteil zu verkehren und in einem Schauprozess mich zum Verbrecher zu stempeln. (…) Heute, nach einer langen Periode der Naziverbrechen, fühlen sich doch alle – und sind sie auch noch so schwer belastet – als völlig unschuldige Menschen. Die Verdrängung ging und geht ja so weit, dass Auschwitz als Lüge hingestellt wird.“
Am 13. Februar um 23.15 Uhr sprangen Otto und Martha Fuchs vom Balkon ihrer Wohnung aus dem siebten Stock in den Tod. Im Prozess gegen den Mitangeklagten 87jährigen Otto Jürgens musste das Tribunal die Mordanklage fallen lassen. Schließlich wurde ein reines Gesinnungsurteil verhängt und der Angeklagte zu zwei Jahren Haft auf Bewährung, 6.000 DM Geldstrafe und zur Übernahme der Verfahrenskosten verurteilt. In seinem Schlusswort sagte Jürgens, der 1933 von der Gestapo verhaftet und gefoltert worden war: „Die Naziverbrecher, die in Waldheim abgeurteilt wurden, hatten ihre Strafe mehr als verdient.“
Nun kommt man nicht umhin, zu erwähnen, dass kein Geringerer als der langjährige Vorsitzende der PdS, Gregor Gysi, denen, die DDR-Bürger, wie das Ehepaar Fuchs in den Tod trieben, Schützenhilfe leistete, indem er erklärte, es habe auch in der DDR „Fehlleistungen“ bei der „Bewältigung der Vergangenheit“ gegeben und dazu die von westdeutscher Seite erhobenen Anschuldigungen aufgriff und erklärte , dass auch in der DDR der „Umgang mit Nazikriegsverbrechern einer kritischen Analyse“ bedürfe. „Bei den sogenannten Waldheimprozessen, in deren Verlauf von der UdSSR übergebene Nazis in Schnellverfahren verurteilt wurden“ habe es „erhebliche rechtsstaatliche Defizite“ gegeben, womit er auch die von der BRD-Justiz, so vom damaligen Justizminister Minister Klaus Kinkel aber auch von Bundespräsident Wolfgang Thierse vertretene Phrase von den 60 Jahren „zweier unterschiedlicher autoritärer Regimes“, damit der Gleichstellung der Regierung der DDR mit der faschistischen Diktatur unterstützte. Auch der betriebene Abwicklung der DDR-Intelligenz, die eine entscheidende Ursache war, die die Tausenden und Abertausenden in den Tod trieb, stimmte Gysi grundsätzlich zu, weil sie sich daraus ergeben habe, „dass die BRD aus der DDR existenziell nichts benötigte“.1
International anerkannt
Am 1. November 1995 nahm sich Prof. Armin Ermisch das Leben. Nach dem Neurowissenschaftler der Karl-Marx-Universität Leipzig ist bis heute der „Armin Ermisch Memorial Award benannt, der für herausragende studentische Abschlussarbeiten in den Neurowissenschaften verliehen wird. Ermisch war international bekannt für seine Arbeiten zu Emotionen und Motivationen sowie zur Struktur des Gehirns. Obwohl er anerkannte Leistungen vorzuweisen hatte, wurde er wegen seiner Mitgliedschaft in der SED nach der „Wende“ abgewickelt. Es halfen keine Solidaritätsbekundungen seiner Kollegen aus vielen Ländern, nicht Ehrenerklärungen seiner Leipziger Kollegen, nicht die Unterschriftensammlungen seiner Studenten und auch nicht das Urteil des Amtsgerichts Dresden, das seinem Widerspruch gegen die Entlassung Recht gab.
Am 15. Februar 1992 ging der Jenaer Professor Gerhard Riege den Weg in den Freitod und erhängte sich im Garten seines Hauses. Am 23. Mai 1930 im thüringischen Gräfenroda in einer Glasbläserfamilie, die teils sozialdemokratischen, teils kommunistischen Ideen anhing, geboren, arbeitete er 1944 zunächst als Postjungbote. Bei einer Begegnung mit Häftlingen einer Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald sah er mit Entsetzen, wie diese geschunden und gemartert wurden. Das prägte seine weitere Entwicklung wie die vieler anderer seiner Generation. Riege wurde ein herausragender Wissenschaftler und ein außerordentlich beliebter akademischer Lehrer in Jena, seit 1965 Ordinarius für Staatsrecht, zeitweilig Prorektor für Gesellschaftswissenschaften bzw. für Prognose und Wissenschaftsentwicklung sowie von 1974 bis 1983 Dekan der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät. 1983 stand seine Wahl zum Rektor der Universität an, zu der es aber nicht kam, weil Riege kein bedingungsloser Ja-Sager war. Schon bevor in der DDR die „Wende“ einsetzte, hatte er sich für eine Demokratisierung der Verhältnisse eingesetzt. In seiner Dissertationsschrift schrieb er über die Arbeitsprinzipien sozialistischer Volksvertretungen sowie die Wahlsysteme und die Stellung der Volksvertretungen und Abgeordneten in den europäischen volksdemokratischen Ländern Polen, Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Als sie am 14. März 1957 von der Juristischen Fakultät angenommen wurde, war indessen das „Tauwetter“, das nach dem XX. Parteitag der KPdSU eingesetzt hatte, wieder vorbei. Die Schrift wurde zum internationalen Leihverkehr und Schriftenaustausch nicht zugelassen, Riege in einem Parteiverfahren eine Missbilligung ausgesprochen.
Alle Veröffentlichungen und Lehrveranstaltungen Rieges, die er auch in der Bundesrepublik und an Universitäten anderer Länder hielt, durchzog der Grundgedanke der Subjektwerdung des Volkes im geschichtlichen Prozess, um Demokratie zu befördern und Volkssouveränität zu verwirklichen. Seine Arbeiten zu den verfassungsrechtlichen Garantien für die realen Entwicklungsbedingungen persönlicher Individualität des Staatsbürgers enthielten oft kritische Akzente. Aufgabe und Ziel des sozialistischen Staates müsse es sein, die Bürger zu gleichberechtigter Mitarbeit zu gewinnen. Anders könne keine enge Bindung zwischen Staat und Bürgern entstehen und verfassungsrechtlich deklariertes Gemeinwohl könne nicht Wirklichkeit werden. Rieges Hinwendung zur Rechtsstaatlichkeit, zu den Staatsbürger-, Grund- und Menschenrechten ergab sich nicht nur aus der internationalen Entwicklung, sondern vor allem aus den Einsichten und Erkenntnissen über die Notwendigkeit einer demokratischen Entwicklung im sozialistischen Staatswesen. So wandte Riege sich auch gegen die von einigen Vertretern des Zentralkomitees der SED und der DDR-Regierung beabsichtigte Auflösung der Juristischen Fakultät oder gegen die Übernahme des eigentlich für den Zeiss-Betrieb gebauten und für wissenschaftliches Arbeiten völlig ungeeigneten Turmes als Sitz der Jenaer Universität.
Angst vor der Hetze
Das alles hinderte die Vertreter der von Justizminister Kinkel eingeläuteten Hetz- und Verleumdungskampagne im Bundestag nicht, Gerhard Riege, der 1990 frei zum Rektor der Universität Jena gewählt worden war und als Abgeordneter für die PDS im Bundestag saß, zur Zielscheibe ihrer Angriffe zu machen. Manfred Weißbecker von der Jenaer Universität schrieb, Gerhard Riege sei im Bundestag „blanker antikommunistischer Hass“ entgegen begegnet. Darin habe sich ein „Ungeist, der noch Schlimmeres als Keim in sich trägt“ entäußert, urteilte Gerhard Haney, einer der Jenaer Kollegen Rieges, der sich ebenfalls solidarisch an seine Seite stellte. „Sie werden den Sieg über uns voll auskosten. Nur die vollständige Hinrichtung ihres Gegners gestattet es ihnen, die Geschichte umzuschreiben und von allen braunen und schwarzen Flecken zu reinigen“. Gerhard Riege schrieb in seinem Abschiedsbrief: „Mir fehlt die Kraft zum Kämpfen und zum Leben. Ich habe Angst vor der Öffentlichkeit, wie sie von den Medien geschaffen wird und gegen die ich mich nicht wehren kann. Ich habe Angst vor dem Hass, der mir im Bundestag entgegenschlägt“.
Unvergessen
,Den Toten sind zahlreiche Ehrungen gewidmet, darunter mehrere von Professor Weißbecker, so eine 1995 im damaligen Jenaer Forum für Bildung und Wissenschaft herausgegebene „Gedächtnisschrift“, Neuausgabe 2010, und der von ihm 2006 in Jena zusammen mit Mario Hesselbarth und Eberhart Schulz veröffentlichte Band „Gelebte Ideen. Sozialisten in Thüringen. Biographische Skizzen“, jeweils mit Texten auch zu Riege. „Wir ehren Menschen, keine Idole“ sagte Weißbecker zur Herausgabe. „Uns begegnen Sozialisten unterschiedlichster Parteizugehörigkeit, auch gewerkschaftlich gebundene, parteilose oder religiöse Sozialisten. Oftmals lassen sich in einer Person alle Seiten des geschichtlichen Wirkens von Sozialisten erkennen: Klarsicht ebenso wie Fehlurteil, Urteilskraft wie Irrtum, Tatwille wie Versagen“. Sie standen „für ihren Traum von einer anderen, einer besseren Welt“ aktiv ein. Zuletzt erschien, wiederum von Weißbecker, mit Kurt W, Fleming, Walter Schmidt und Erika Schwarz „Wider das ,Vergessen“, Erinnerungen an DDR-Historiker der Faschismus- und Weltkriegsforschung.
Harry Nick würdigte die Toten in einer Schrift „Ehre ihrem Andenken“ im Oktober 2004 als „überzeugte Sozialisten, die sich für dieses Gemeinwesen DDR abrackerten, meist, indem sie sich für ihre Mitmenschen einsetzten, in Elternbeiräten, Schiedskommissionen, betrieblichen Konfliktkommissionen, in Ehrenämtern, von denen es manche leider nicht mehr gibt“. Und er betonte, „was sie uns zu sagen haben, ist gerade heute wichtig. Ihrer zu gedenken, sie nicht dem Vergessen auszuliefern, ein elementares menschliches, demokratisches Gebot“.
Schluss mit Auschwitz und Holocaust
Mit der Entsorgung der akademischen DDR-Elite und der Aktivisten des Sozialismus aller Arbeitsbereiche wurde nicht zuletzt dem von ihnen zu erwartenden Widerstand gegen den bereits ein Jahr nach der Einverleibung der DDR im September 1991 auf einem „Fürstenfeldbrucker Symposium“ von führenden Vertretern der Industrie- und Bankenwelt mit hochrangigen Generälen der Bundeswehr mit Ex-Verteidigungsminister Ruppert Scholz an der Spitze, beschlossenen neuen Expansionsprogramm ein Riegel vorgeschobenen. Es verkündete die Rückkehr zu weltweiter Aggressionspolitik als Wiederherstellung der „Normalität“ Deutschlands, umschrieb die Teilnahme am Kampf um den Weltherrschaftsanspruch als „Partner in Leadership“ mit den USA. Konzipierte Militäreinsätzen der Bundeswehr out of Area, ihre Umstrukturierung zur Herstellung der Einsatzfähigkeit entlang einer 4.000 km langen EU-Außengrenze, der Bildung eigener Eingreifkräfte, die das „Selbstbestimmungsrecht“ von Minderheiten und „unterdrückten“ Völkern durchsetzen, sich der Gefährdung von Rohstoffzufuhr, der Begegnung von Immigrationswellen und diversen ähnlichen Problemen zuwenden sollten. Dazu wurde ein neues Geschichtsbild gefordert, dass mit Auschwitz und Holocaust (den braunen Flecken, vor denen Otto Fuchs, Gerhard Riege und viele andere gewarnt hatten) Schluss machen und stattdessen „Nation und Vaterland“ zum Inhalt haben sollte. Es zeigte sich, dass nach der Liquidierung der DDR von deutschem Boden wieder Krieg ausging, was im Nachhinein die friedenssichernde Rolle des sozialistischen deutschen Staates, für den die in den Tod Getriebenen eingetreten waren. verdeutlichte.
Vom wieder erweckten „braunen Geist“ zeugt auch , dass im deutschen Bundestag heute Vertreter der Ukraine, die die Waffen-SS-Division „Galizien“ und die Angehörigen dieser berüchtigtsten Massenmörderorganisation des „Dritten Reichs“ verehren, in ihren Reden den Faschistengruß „Slawa Ukraini!, der ukrainischen Variante des deutschen “Sieg Heil!“, ausrufen. Die BRD beteiligt sich an der Militarisierung der EU und liefert Waffen und Kriegsgerät an die Ukraine, das auch an die in die ukrainische Armee eingegliederten faschistischen „Asow“- Verbände geht.
Überspringen wir die Teilnahme der nunmehrigen Großmacht BRD an den Aggressionen der USA und der NATO in Jugoslawien, Irak, Afghanistan und anderswo und halten fest, dass im Ergebnis der Verwirklichung dieses Expansionsprogramms die Bundeswehr heute an den Grenzen Russlands steht und dieses Land als Nachfolgestaat der UdSSR im Stile Hitlerdeutschlands wieder als Aggressor diffamiert wird. Wobei die Außenministerin von SPD-Bundeskanzler Olaf Scholz, Annalena Baerbock, vor ihrem Amtsantritt öffentlich den Endkampf ihres Großvaters in Hitlers Wehrmacht gegen die heranrückende Rote Armee als „wertvollen Beitrag für ein geeintes Europa“ lobte.2
Russen „Untermenschen“
Welches Ausmaß der in der BRD verfolgte „Russenhass“ wieder angenommen hat, verdeutlichte auch ein Interview der ZDF-Journalistin Anna Loll, die prorussische Bewohner des Donbass vor laufender Kamera als „Untermenschen“ bezeichnete. Diese Aussage wurde dann zwar nicht ausgestrahlt, aber in den sozialen Netzwerken verbreitet. Von einer chauvinistischen Pervertierung zeugte auch, was die Münchner Politikwissenschaftlerin Florence Gaub in einer „Markus Lanz“-Talkshow sagte: „Ich glaube, wir dürfen nicht vergessen, dass, auch wenn Russen europäisch aussehen, es keine Europäer sind, im kulturellen Sinne“.
Die Journalistin Susann Witt-Stahl fasste das so zusammen: „Einst in den finstersten Tiefen der Kollektivpsyche abgelagerte, aber nie überwundene nazistische Ideologeme finden im gegenwärtigen deutschen Zustand der durch das Bündnis der NATO mit dem ukrainischen Faschismus forcierten Verhetzung der Gesellschaft wieder zurück ins Bewusstsein – auch und vor allem in das der Propagandisten dieser verabscheuungswürdigen Allianz“.3
Die Journalistin Susann Witt-Stahl schlussfolgerte: „Einst in den finstersten Tiefen der Kollektivpsyche abgelagerte, aber nie überwundene nazistische Ideologeme finden im gegenwärtigen deutschen Zustand der forcierten Verhetzung der Gesellschaft wieder zurück ins Bewusstsein“.
Anmerkungen:
1 Gregor Gysi: Ein Blick zurück. Ein Schritt nach vorn, Hamburg 2001).
2 In einem Interview mit der US-amerikanischen Denkfabrik „Atlantic Council“.
3 „Junge Welt“, 6. Oktober 2023.
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