Berlin, BRD (Weltexpress). Wikipedia, die von der Wikimedia Foundation, mit Sitz in San Francisco, USA, herausgegeben wird, startete am 25. Januar 2001 mit ihren ersten Veröffentlichungen. Die deutschsprachige Wikipedia ist seit dem 16. März 2001 aktiv. Wikipedia ist eine Mischung aus Wahrheiten, Halbwahrheiten, Nichtwahrheiten und der Fälschung oder auch einfach des Verschweigens von Tatsachen. Aus meiner eigenen Arbeit dazu ein Beispiel von Unzähligen:
Die Haltung zur Rolle der CIA und ihrer italienischen Komplizen bei der Entführung des christdemokratischen Parteivorsitzenden Aldo Moro am 16. März 1978 und seine Ermordung am 9. Mai durch die Roten Brigaden. Dazu habe ich das Buch „Agenten, Terror, Staatskomplott. Der Mord an Aldo Moro, Rote Brigaden und CIA“, PapyRossa Verlag, Köln 2000, geschrieben. Als Zeuge der Ereignisse vor Ort 1 habe ich, belegt mit einer Vielzahl vor allem italischen Originalquellen, nachgewiesen, dass Aldo Moro im Ergebnis dieses von der CIA und ihren italienischen Komplizen inszenierten Komplotts, in das die von Geheimdienstagenten unterwanderten und manipulierten linksextremen Roten Brigaden, die ein fanatischer Gegner des Compromesso storico des Generalsekretärs der PCI mit der Democrazia Cristiana (DC) waren, einbezogen wurden. Das Thema wird auch in weiteren meiner Bücher, so der Geschichte Italiens, 2. Auflage, ebenfalls PapyRossa 2015, abgehandelt. In dem Buch greife ich, behauptet Wikipedia, „Verschwörungstheorien“ auf und führt dazu Rezensenten an, darunter einen Armin Pfahl-Traughaber, zu dieser Zeit Referatsleiter für Rechtsextremismus im Bundesamt für Verfassungsschutz, der allen Ernstes äußerte, „Feldbauer habe kaum neuere Fachliteratur verwendet“ und neige auch immer wieder zu „konspirationsideologischen Ausführungen“, etwa wenn er behauptet: „Die CIA inszenierte zunächst die Entführung und am 9. Mai die Ermordung Moros.“ Diese Haltung verwundert nicht, waren doch aus der Bundesrepublik zahlreiche Beamte des Bundeskriminalamtes, des Innenministeriums und des Bundesnachrichtendienstes nach der Entführung Moros nach Rom geeilt, um an der Seite der Amerikaner auf den Verlauf Einfluss zu nehmen und die Meinung zu vertreten, die von der deutschen Bundesregierung ein Jahr vorher im Fall Schleyer praktizierte worden war: Nicht verhandeln, allenfalls hinhalten, Befreiungsaktionen ankündigen, den Tod der Geisel in Kauf nehmen. Und so war bzw. ist bis heute Aufgabe eines Mannes wie Pfahl-Traughaber, natürlich, die Komplizenschaft seiner Kollegen in den Geheimdiensten in Rom zu vertuschen. Das umso mehr, als, wie u. a. die Mailänder Zeitschrift „Giorni“ in ihrer Ausgabe 16/1977enthüllte, der BND seinen „Kollegen“ in Italien half, Agenten in linksradikale Gruppen einzuschleusen, in denen sie Terroranschläge organisierten.
Aus der Zeitschrift „Analyse & Kritik“ eines Rens Renner, dessen Publikationen auch vom Berliner Auswärtigem Amt gesponsert werden, verbreitet Wikimedia die Rezension eines Ralf Mattes, der ebenfalls behauptete, ich verbreite „Verschwörungstheorien“. Gestützt auf das angeführte Buch „Agenten…“ und weitere meiner zahlreichen Publikationen zum Thema werde ich beweiskräftig den Werdegang der Brigate Rosse, ihre Manipulierung durch die Geheimdienste und auf dieser Grundlage ihre Einbeziehung in das von der CIA und italienischen Gehilfen inszenierte Mordkomplott gegen Moro darzulegen. Die Fakten sprechen lassen ist noch immer die beste Methode.
Ich beginne mit den angezweifelten Quellen: Hier sind an erster Stelle die scharfsinnigen Analysen von Sergio Flamigni zu erwähnen, der aus seiner langjährigen Arbeit in der Moro-Kommission des italienischen Parlaments in fünf Büchern eine Fülle von Fakten und Beweisen ausgewertet hat. 2 Seine Publikationen belegen, dass die amerikanischen und italienischen Geheimdienste und höchste Staatskreise das Komplott gegen Moro inszenierten. 3 Sie waren durch eingeschleuste Agenten nicht nur frühzeitig über den Anschlag auf den Parteiführer informiert, sondern nutzten die Brigate Rosse, wie andere linksradikale Organisationen auch, für ihre Spannungsstrategie. Deren entscheidendes Ziel bestand übrigens nicht in erster Linie darin, eine Beteiligung der mit 34 Prozent Wählerstimmen (1976) stärksten, aber bereits auf sozialdemokratischem Kurs liegenden westlichen KP an der Regierung und damit ein – überhaupt nicht anstehendes – Ausscheiden Italiens aus der NATO zu verhindern, sondern die mit der Besetzung des Landes während des zweiten Weltkrieges begonnene amerikanische Vorherrschaft zu sichern. Das belegen unter anderem Einschätzungen des damaligen Sicherheitsberaters des USA-Präsidenten Zbigniew Brzezinski.
Aufschlussreiche Hintergrundinformationen zur Einbeziehung der BR in das Staatskomplott gegen Moro lieferte Gianni Flamini mit der »Magliana-Bande« (Mailand 1994) und Giorgio Galli in »Die bewaffnete Partei« (Mailand 1993). Flamini deckt in seinem Buch das Beziehungsgeflecht von Mafia, Geheimdiensten, Wirtschaftskreisen und Vatikan auf. In unmittelbarer Nähe der Via della Magliana, wo die Bande ihre Zentrale unterhielt, befand sich ein BR-Stützpunkt, in dem Moro angeblich gefangen gehalten wurde. Mit »Staatsgeschäfte – Affären, Skandale, Verschwörungen« (Hamburg 1994) liegt von Giorgo Galli, dem Altmeister der italienischen Politologie, ein weiteres Buch, das den Mord an Moro berührt, in deutscher Übersetzung vor. Zu den raren Übersetzungen italienischer Quellen in Deutsch gehört auch von Giovanni Ruggeri und Mario Guarino »Berlusconi – Showmaster der Macht«. Berlusconis Name wurde auf den Mitgliederlisten der Staatsstreichloge P2 des Altfaschisten Licio Gelli geführt, und so enthält die Publikation eine Fülle von Informationen über diese Putschzentrale. Die Autoren machen publik, dass die P2 zirka 2.500 führende Personen aus tatsächlich allen Bereichen der Gesellschaft erfasste und als Zentrale der terroristischen Spannungsstrategie und des Anschlags auf Moro fungierte.
Aus den nicht wenigen Landesquellen seien noch erwähnt Giovanni Bellu und Giuseppe D’Avanzo »Die Tage von Gladio« (Rom 1991), Sandro Provvisionato »Italienische Geheimnisse«, Rom 1993. Von Mario Moretti, dem offiziell bekannten BR-Chef der zweiten Generation, liegt ein Interview von Rossana Rossando und Carla Mosca vor, siehe „Eine italienische Geschichte“, Hamburg 1996. Im gleichen Genre die Darstellung der Brigadegründer Renato Curcio „Mit offenem Blick“, Berlin 1997, und von Alberto Franceschini „Das Herz des Staates treffen“, Wien 1990. Während Curcio und Franceschini die BR-Geschichte auch kritisch reflektieren, gibt es in dieser Hinsicht in den konfusen, widersprüchlichen und oft nicht glaubhaften Äußerungen Morettis kaum Ansatzpunkte. Die Rotbrigadistin Laura Braghetti, die zur Bewachung des “Volksgefängnisses” Moros gehörte, hat ihre Sicht der Dinge in “Il prigionero” (Der Gefangene), Mailand 1998, niedergeschrieben. Aus den zur BR-Geschichte bzw. zur radikalen Linken und ihrem bewaffneten Kampf auf Deutsch erschienenen Publikationen sind zu erwähnen: Primo Moroni und Nanni Balestrini »Die goldene Horde«, Berlin 1994, Peio Aierbe, »Bewaffneter Kampf in Europa«, Berlin 1991, und von Stefan Seifert eine Abhandlung »Bewaffneter Kampf in Italien. Die Geschichte der Roten Brigaden«, Berlin 1991. Beachtenswert an der Arbeit sind 280 Anmerkungen und ein Literaturverzeichnis mit über 230 Publikationen, die für eine tiefgründigere Beschäftigung mit dem Thema eine Fülle von Quellen anführen.
Von deutschen Autoren liegen an Sekundärdarstellungen weiter vor: Werner Raith, »In höherem Auftrag«, eine für 1984, den Veröffentlichungszeitpunkt, solide Analyse auf der Grundlage der damals verfügbaren Quellen zu Hintergründen und Zusammenhängen des Komplotts gegen Moro. Von Regine Igel erschien »Andreotti – Politik zwischen Geheimdienst und Mafia« (München 1997), in dem die These von der Alleintäterschaft der BR in Frage stellt und Beweise für deren Instrumentalisierung durch die Geheimdienste unter Führerschaft der CIA angeführt werden. Klaus Kellmann verfolgte mit »Der Staat lässt morden« Berlin 1999, wie schon der Titel sagt, Spuren des Staatskomplotts gegen Moro.
Ohne auch nur ein Argument widerlegen zu können, behauptet Wikipedia dagegen bis heute, ich vertrete in dem Buch „Agenten…“ und weiteren Publikationen „Verschwörungstheorien“ und will damit der CIA und ihren italienischen Gehilfen eine „saubere Weste“ verschaffen. Zu den Fakten, die ich hier nur Auszugsweise darlege, folgende: Vom ersten Tage an gab es eindeutige Indizien dafür, dass »echte« Brigadisten nur Statisten des Kommandounternehmens vom 16. März 1978 waren. Die römische „La Repubblica“ veröffentlichte bereits am 18. März 1978 die ihr von einem Geheimdienstoffizier übermittelte Information, dass die Entführung Moros und die Ermordung seines Begleitkommandos „eine militärische Aktion“ war, ein „Glanzstück an Perfektion“, die nur „von Militärs mit ausgetüfftelter Spezialausbildung oder von Zivilisten, die in für Kommandounternehmen spezialisierten Militärstützpunkten einem langen Training unterzogen wurden, durchgeführt werden konnte“. Die Ausbildung dieser Spezialisten erfolgte, wie der Chefredakteur der römischen Wochenschrift „Tempo“, Livio Januzzi, bereits am 14. Juni 1975 auf einer Pressekonferenz in Rom enthüllt hatte, für Rotbrigadisten in einem geheimen NATO-Stützpunkt auf Sardinien. Der Bericht der „Repubblica“ verdeutlichte, dass es offensichtlich wie schon in der Vergangenheit, verfassungstreue Offiziere, die das Mordkomplott nicht mitmachen wollten, gab. Diese Einschätzung der „Repubblica“ bestätigte der langjährige Kommandeur der Gladio-Division, General Gerardo Serravalle, der vor der Gladio-Kommission des Parlaments aussagte, »der Schütze, der für die Via Fani ausgesucht wurde«, habe über eine derartige Fähigkeit verfügt, die man nur durch ständige, quasi tägliche Ausbildung erwirbt, über die in Italien nur wenige Männer verfügen (Flamigni: Spinnennetz, S. 41). Zu beachten ist, dass der General von »einem Schützen« spricht, was die Schlussfolgerung zuläßt, dass die Eskorte Moros möglicherweise von nur einem Spezialagenten liquidiert wurde. Das konnte ein in die BR eingeschleuster Spezialagent gewesen sein, oder auch ein Mann, der zum Zeitpunkt des Überfalls auftauchte und parallel handelte. Die Brigadisten, die den Anschlag ausführten, müssen das, vom Anführer Moretti abgesehen, gar nicht bemerkt haben, denn in den BR war eine derart geheime Abschirmung üblich, dass selbst an einer Aktion beteiligte Mitglieder nichts voneinander wussten und sich nicht einmal kannten.
Hier eine Einfügung zu den Roten Brigaden. Sie wurden im August 1970 von dem Soziologie-Studenten der Universität vom Trentino Renato Curcio und Alberto Franceschini, dessen Großvater zu den Mitbegründern der PCI 1921 gehörte und der Vater am antifaschistischem Widerstand gegen das Mussolini-Regime teilnahm, als eine linksradikale Bewegung gegründet, die den bewaffneten Kampf gegen die faschistische Gefahr führten. Ihre Gründer praktizierten individuellen Terror lehnten aber den später praktizierten Tötungsterror ab. Bereits an der Gründung der BR war der CIA-Agent Corrado Simioni beteiligt, der vorschlug, 3 NATO-Generale zu ermorden (Curcio, S. 59). Curcio und Franceschini lehnten das ab. Abgesehen davon, dass kaum die sozialen Wurzeln und politischen Ursachen (neofaschistische Gefahr und mit dieser liierte staatliche Repression) aufgezeigt werden, fehlt in bürgerlichen Quellen eine Differenzierung der politischen Linie der BR unter der Führung von Curcio und Franceschini bis 1974 und dem unter Mario Moretti und Corrado Simioni einsetzenden Tötungskurs. Dieser setzt ein, nachdem im September 1974 Curcio und Franceschini verhafteten wurden (Franceschini, S. 93ff.). Festzuhalten ist dennoch, dass der individuelle Terror auch unter Curcio/Franceschini der Arbeiterbewegung schwer schadete.
Nach ihrer Ausschaltung übernahm offiziell Moretti die BR-Führung, aber Simioni wurde ihr tatsächlicher Chef und unter ihnen begann die massive Infiltration durch V-Leute und Einflussagenten der Polizei und Geheimdienste. „La Repubblica“ schrieb am 29. Januar 1983, dass Simioni von einer als Sprachinstitut in Paris getarnten CIA-Zentrale am Quai de la Tournelle aus die BR leitete. 4 Der so von der CIA angeheizte Terror der Spannungsstrategie führte zu einer von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr zunehmenden Zahl von Attentaten, die das ganze Land erfassten und oft mit Massenmord endeten. Von 150 Anschlägen 1969 stieg ihre Zahl 1978 auf fast 2400 an. In dieser Zeit kamen Hunderte unschuldige Menschen ums Leben, wurden Tausende verletzt. Zwischen 1969 und 1984 forderte der von den Spannungsstrategen mit aktiver Teilnahme der Neofaschisten entfesselte Terror allein in der »roten Emilia«, wo Kommunisten und Sozialisten die Landesregierung bildeten und die meisten Städte und Gemeinden beherrschten, 140 Tote und ein vielfaches an Verletzten. 85 Tote und über 200 Verletzte gab es bei nur einem einzigen Attentat, jenem auf dem Hauptbahnhof in Bologna im August 1980. Wie nach der Aufdeckung von Gladio 1991 ans Licht kam, führte einen Großteil der Attentate die geheime NATO-Truppe Gladio selbst aus. Neben der Anstachelung linksextremer Gruppen durch eingeschleuste Agenten zu Anschlägen wurde auch schwarzer Terror pseudorevolutionär getarnt, in dem sich neofaschistische Terrorgruppen einfach „linksradikale“ Namen zulegten. Nach einem Anschlag am 17. Mai 1973 in Mailand neben dem Polizeipräsidium, vier Tote, 47 schwer Verletzte, wurde der Faschist Gianfranco Bertoli verhaftet, der sich als Anarchist ausgab, In den Ermittlungen stellte sich später heraus, dass er ein Agent des Geheimdienstes SID war und er auf den Mitgliederlisten von Gladio stand, und die in Mailand benutzte Bombe aus Gladio-Beständen stammte (Flamigni, Dramen, S. 80f.). Die Zeitschrift „Giorni“ berichtete in ihrer Nr. 16/1977, dass die CIA an italienischen Universitäten Studenten an die John Hopkins-Universität in Kalifornien einlud, wo sie entsprechend ausgebildet wurden und sie danach in Italien in ultralinke Gruppen eingeschleust wurden, in denen sie Terroranschläge organisierten und auch selbst leiteten. An den extremistischen Umtrieben seien auch Agenten des BND beteiligt gewesen.
Unter Moretti/Simioni erfolgte bezüglich der späteren Entführung Moros ein Strategiewechsel. Unter Curcio plante die BR-Leitung, eine herausragende Persönlichkeit der regierenden Democrazia Cristiana zu entführen, um einen entscheidenden Schlag gegen »das Herz des Staates«, wie Franceschini es nannte, zu führen. Zielperson war Giulio Andreotti, den Franceschini als »Schlüsselfigur des neogaullistischen Planes« einer »reaktionären Wende« charakterisierte, auf seine engen Verbindungen zu den Neofaschisten verwies und betonte, dass mit ihm »der große Politiker« getroffen worden wäre, die »Aufdeckung eines Komplotts zwischen Wirtschaft und Politik«. Im Frühjahr 1974 war Franceschini bereits nach Rom übergesiedelt, »um die Entführung Giulio Andreottis vorzubereiten« (S. 86).
Nachdem Moretti offiziell die Führung übernommen hatte, wechselt mit dem Beginn der Tötungsaktionen nicht nur der Brigade-Kurs, sondern auch die Zielperson des »entscheidenden Anschlags«. Sie hieß nun Aldo Moro. Zunächst sei man »aus purem Zufall auf ihn« gekommen, versucht Moretti diesen strategischen Wechsel in seiner simplen Weise zu erklären. Man habe Andreotti und Moro als »Zwillinge« gesehen (Moretti, S. 139f,) und offenbarte damit, dass die Führungsbrigadisten der »zweiten Generation« nicht in der Lage gewesen sein wollen, innerhalb der politisch herrschenden Klasse zu differenzieren. Im Ergebnis dieses Strategiewechsels wurde an Stelle des bedingungslosen Gefolgsmannes der Amerikaner und Exponenten des rechten Flügels der Democrazia Cristiana, als der Andreotti jedem einigermaßen politisch engagierten Linken bekannt war, der linksliberale bürgerliche Reformer und Gegner der rücksichtslosen Einmischung der USA in Italien, Aldo Moro, laut Kissinger der »Allende Italiens« und »gefährlicher als Castro«, Objekt des Anschlags »auf das Herz des Staates«. Bei der Analyse dieses Wechsels und des folgenden Anschlags gegen Moro stößt man zwangsläufig wieder auf den Einfluss des CIA-Agenten Corrado Simioni und der CIA-Zentrale in Paris. »Zu offensichtlich nutzte die Ausschaltung Moros seinen Gegnern, den rechten Christdemokraten um Andreotti und seinen amerikanischen und NATO-Verbündeten, als dass eine Beteiligung der Geheimdienste, vor allem der direkt an die CIA gebundenen geheimen Gladiostruktur, nicht überzeugend wäre«, schrieb Regine Igel. (S. 140). Simioni gelang es, Moretti in sein gefügiges Werkzeug zu verwandeln. Als der Beginn der Operation Moro näher rückte, wurde Anfang 1978 in Rom in der Via Nicotera Nr. 26 eine Zweigstelle des Hyperion-Instituts der CIA eingerichtet.
Über welch hohe Protektion Simioni verfügte, verdeutlichte, dass der Top-Agent im November 1992 in Rom im Vatikan vom polnischen Papst Karel Wojtyla in Privataudienz, begleitet von Abbé Pierre vom päpstlichen Geheimdienst Pro Deo, empfangen wurde. Die späte Ehrung des eigentlichen BR-Chefs Simioni hing mit einem neuen Einsatz zusammen, den der Agent inzwischen absolviert hatte. Er war, wie einem Bericht des »Corriere della Sera« vom 14. März 1993 zu entnehmen war, nach der »Operation Moro« als Verbindungsmann des Vatikans im Auftrag von Pro Deo bei der Solidarnosc Leszek Walesas, die den Sturz der kommunistischen Regierung in Polen betrieb, eingesetzt worden. Am 28. März wurde durch einen Bericht des »Espresso« bekannt, dass der Vatikan unter Wojtyla der Solidarnosc mehr als eine Mrd. US-Dollar zukommen ließ, von denen Wojtyla selbst über 100 Millionen Dollar berappt habe. 5
Die eindeutigen Beweise und klaren Aussagen der Militärs zur Entführung Moros werden im Grunde auch von Mario Moretti, der das BR-Kommando der Entführung anführte, im Interview mit Rossanda und Mosca bestätigt, in dem er in konfuser Weise seinen Anspruch der Alleintäterschaft der Brigate geradezu ad absurdum führt. Im »Interview« gefragt, wo die Brigadisten »mit solcher Präzision zu schießen« gelernt haben, antwortete er: »Übertreiben wir es nicht mit der Präzision. Mit unseren hochgelobten Fähigkeiten und der militärischen Präzision war es nicht so weit her.« Schießübungen hätte es »nur gelegentlich« gegeben und immer nur »im Rahmen der Kampfaktionen«. Für »die Entführung von Moro machten wir noch nicht einmal das, denn die Genossen, die mit der Durchführung der Aktion beauftragt waren, kamen aus unterschiedlichen Kolonnen, aus verschiedenen Gegenden Italiens«, erklärt er und fügt hinzu: »Wir haben sehr wenig geübt, in zehn Jahren habe ich nur ein paar Mal mit der Maschinenpistole geschossen. Ich kenne bei den BR keine herausragenden Schützen.« Laut Moretti haben vier Brigadisten geschossen: Fiore, Gallinari, Morruci und Bonisoli. Als die Brigadisten das Feuer eröffneten, hätten »sowohl die Maschinenpistole von Morruci als auch die von Bonisoli Ladehemmung« gehabt. Eine der beiden Waffen sei eine Zerbino gewesen, die noch aus Mussolinis Salò-Republik stammte. Da es sich um eine 45 Jahre alte Waffe gehandelt habe, müsste es ein Fabrikat von 1933 gewesen sein. Bonisoli stand nach Morettis Schilderung im Augenblick der Ladehemmung dem Polizisten Iozzino gegenüber, dem es als einzigem gelungen war, seine Waffe zu ziehen. Während Moretti vorher behauptete, »das Spiel«, wie er den Überfall nennt, wurde »in einigen Zehntelsekunden entschieden«, sagt er nun, »Bonisolo ließ die Maschinenpistole los, holte seine Pistole raus und traf ihn«.
Laut Moretti soll nach dem Attentat auf der Piazza Montana del Cenacolo ein Wechsel des Entführungsfahrzeuges stattgefunden haben. Moro sei aus dem 132er Fiat in einen alten 850er Transporter umgeladen und dazu in eine 1,20 Meter lange Holzkiste gezwängt worden. Das alles soll auf der zentral gelegenen, von Bürohäusern, Geschäften und einer Bar umgebenen Piazza im dichten morgendlichen Verkehr, darunter zahlreiche Fußgänger, zu einem Zeitpunkt, da bereits Fahndungsalarm ausgelöst war, stattgefunden haben (Moretti, S. 135ff ). Moro ist als ein stiller, aber ebenso geistesgegenwärtiger Mensch bekannt gewesen, der in unzähligen Situationen schnell und entschlossen reagiert hat. In den kommenden Wochen kämpft er furchtlos mit allen Mitteln um sein Leben. Dieser Mann soll sich auf der belebten Piazza widerstandslos dem Einzwängen in eine enge Holzkiste gefügt und noch nicht einmal um Hilfe gerufen haben? Auffällig ist, dass kein Ermittler es jemals für nötig gehalten haben soll, die Fluchtstrecke, einen zweimaligen Fahrzeugwechsel und die »kurze Kontrolle« auf der Cenacolo eingeschlossen, abzufahren. Schon eine unauffällige Rekonstruktion des Tatherganges auf der Cenacolo hätte zu der Erkenntnis führen müssen, dass »es absolut unwahrscheinlich war, dass eine derart entscheidende und gefährliche Operation dort durchgeführt wurde«, schätzt Sergio Flamigni ein (Übereinstimmung, S. 145). Aber vielleicht haben die Untersuchungsbehörden diese Rekonstruktionen durchgeführt, nur wanderten die Ergebnisse, wie viele andere Erkenntnisse auch, in die bis heute verschlossenen Geheimdienstarchive. Dagegen werden die Aussagen Morettis und anderer Brigadisten, auch wenn sie noch so unhaltbar sind, für bare Münze genommen, weil sie ins Konzept der Rädelsführer von der Alleintäterschaft der BR passen.
Der zuständige Ausschuss des Repräsentantenhauses der USA hatte bereits 1968 allen Geheimdienstorganen empfohlen, bei ihren Aktionen stärker linksextreme Kräfte zu nutzen. Das Pentagon erließ daraufhin im November 1970 ein sogenanntes „Field manuel 30-31“, in dem sich ein ganzes Kapitel mit der Einschleusung von Agenten in linksradikale Organisationen befasste. Die Undercoveragenten sollten, wie A. und G. Cipriano enthüllten, den »linken Terrorismus« anheizen und zur gegebenen Zeit Operationen – von der Provozierung von Unruhen bis zu politischen Morden – auslösen, um so Vorwände zu liefern, ein Regime der »starken Hand« zu errichten. Der Carabinieri-General Nicolo Bozzi sagt dazu später aus, dass unzählige Offiziere und Unteroffiziere sich zur Infiltration an den Universitäten in Rom, Turin, Mailand, Genua, Trento, Padua, Neapel und Pisa einschrieben, und wie Studenten unter den Kommilitonen lebten. Sie besuchten die Vorlesungen, legten die Examen ab und nicht wenige machten dann ihren Doktor. Alle Kosten wie Miete, Studiengebühren usw. hätten sie bezahlt bekommen (Flamigni; Übereinstimmung, S. 115). Die Pariser »Le Monde« schrieb 1972, dass mindestens zehn Prozent aller Mitglieder linksradikaler Vereinigungen Agenten der Polizei und der Geheimdienste seien (Cipriano, S. 201 f.). Das FM 30-31 bildete die Operationsgrundlage für die Gladio-Truppe, die in Zusammenarbeit mit den italienischen Geheimdiensten und der Putschistenloge P2 auch das Mordkomplott gegen Moro umsetzte. Sie hielt die Ereignisse unter Kontrolle und verhinderte das Aufspüren des Verstecks. Drei Stunden nach dem Attentat bildete Innenminister Cossiga aus den Spitzen von Geheimdiensten, Militär und Polizei einen Krisenstab. Das Gremium, das Ministerpräsident Andreotti unterstand, setzt sich nahezu ausnahmslos aus Logenmitgliedern zusammen. Die Amerikaner waren durch zwei ihrer eigenen Experten vertreten: Steve Pieczenik, Spezialagent Kissingers und Chef der Antiterrorismus-Abteilung des State Department, sowie Michael Ledeen, der als enger Mitarbeiter von Ray Cline, des Leiters des CIA-Instituts CSIS, direkt an der Ausarbeitung der Strategie zur Beseitigung Moros beteiligt war. Die P2 beherrschte damit, wie Flamigni schrieb, »während der Zeit der Geiselhaft Moros den Viminale (das Innenministerium) mit Cossiga an der Spitze« (Dramen, S. 241).
In der römischen Questura war am Entführungstag Kommissar Antonio Esposito diensthabender Offizier, und das sicher nicht zufällig, denn er war Mitglied der Loge. Er war derjenige, der die Fahndung auszulösen und die ersten Entscheidungen zu treffen hatte. Die lagen ohne Zweifel auf der Linie der P2, was ein schleppendes Anlaufen der Fahndung zur Folge hatte, wie später die Moro-Kommission des Parlaments feststellte. So unternahm Esposito auch nichts, als im Stadtbezirk des Tatorts unmittelbar nach dem Attentat zirka eine Stunde lang die Telefonverbindungen ausfielen, was die Koordinierung der Fahndung erschwerte, das Errichten von Straßensperren verzögerte und das unentdeckte Entkommen der Entführer ermöglichte. Das Verhalten des Kommissars wird »verständlich«, wenn man betrachtet, dass die Unterbrechung des Telefonnetzes auf das Konto des Direktors des römischen Fernsprechamtes, Michele Principe, ging, der ebenfalls ein Mann der P2 war. Später fielen Telefonleitungen der Hauptstadt noch zweimal aus, als Brigadisten mit der römischen Tageszeitung »Messaggero« telefonierten. Verbindungen zu den Medien gehörten zu den Leitungen, die inzwischen abgehört wurden. Der Ausfall verhinderte, dass eventuell der Anrufstandort der Brigadisten festgestellt wird.
Beim Chef des Geheimdienstes SISMI, General Giuseppe Santovito, auch er natürlich Logenmitglied, war ein Gladio-Büro untergebracht. Diesem Büro unterstellte der General die zur Fahndung eingesetzten Spezialeinheiten. Ein bei dem Büro eingehender Hinweis auf vier an der Entführung beteiligte Brigadisten sowie auf eines der benutzten Fahrzeuge wurde unterschlagen und die zuständige Spezialeinheit erst nach vier Wochen informiert. Ebenso wurde einem bereits zwei Tage nach der Entführung anonym eingegangenen Hinweis auf einen Brigadistenstützpunkt in der Via Gradoli in Rom nicht nachgegangen. Lediglich eine Polizeistreife vorbeigeschickt, die sich jedoch wieder entfernte, als niemand öffnete.
Am 16. März 1978 befand sich Oberst Camillo Guglielmi, Direktor des Büros für innere Sicherheit des Geheimdienstes SISMI, zum Zeitpunkt des Überfalls auf Moro und der Liquidierung seines fünfköpfigen Begleitkommandos in der Via Fani und wurde Augenzeuge des Blutbades. Jahre später wurde der Colonello von der Parlamentskommission zur Untersuchung des italienischen Terrorismus nach dieser »zufälligen« Anwesenheit befragt und erklärte: »Ich befand mich auf dem Weg zu einem Kollegen, Oberst Armando D’Ambrosio, der in der Via Stresa, nur wenige Schritte vom Ort des Massakers entfernt wohnt, mit dem ich zum Mittagessen verabredet war.« Zur Erinnerung: Moro wurde in der Zeit zwischen 9.05 und 9.15 Uhr entführt. Für eine Verabredung zum Mittagessen eine etwas zu frühe Zeit. Der ebenfalls befragte Kollege, ein Armee-Offizier, bestätigt zwar die Begegnung, fügt aber hinzu, er habe Guglielmi »weder erwartet«, noch sei »ein Mittagessen geplant gewesen« (A. u. G. Cipriano, S. 277f.). Eine Verfolgung der Täter hat der Geheimdienstoberst nicht erwogen, eine Zeugenaussage von ihm selbst über den Verlauf des Überfalls, eine Täterbeschreibung und ähnliche Details werden von ihm nie bekannt, zu keinem der in den folgenden Jahren stattfindenden Prozesse gegen die Brigate Rosse wird er als Zeuge einvernommen. (Flamigni: Spinnennetz, S. 53 f.). Die Hintergründe der Handlungsweise Gugliemis kommen 1991 im Ergebnis der Aufdeckung von Gladio ans Licht. Der Colonello gehörte zur Gladio-Truppe, und zwar nicht als irgendein Offizier, sondern als für die Ausbildung der Stay behind-Einheiten auf dem NATO-Stützpunkt Cap Marrargiu auf Sardinien verantwortlicher Kommandeur. Auf Marrargiu wurden auch, wie der Chefredakteur der Zeitschrift »Tempo«, Livio Januzzi, wie bereits erwähnt, am 14. Juni 1976 auf einer Pressekonferenz in Rom enthüllte, Undercoveragenten für Einsätze in den BR ausgebildet.
Am Tatort wurden 92 Patronenhülsen gefunden, von denen 39 mit einem Speziallack überzogen waren, mit dem die Munition für Gladio-Einheiten präpariert wurde, um sie in Erddepots vergraben zu können. Sergio Flamigni stellte fest, dass die Ergebnisse der ballistischen Untersuchung der Patronenhülsen ergab, dass 49 Schüsse aus einer Maschinenpistole des Typs Fna abgegeben wurden, welche die fünf Begleiter Moros praktisch allein ausschalteten. Eine Waffe dieses Typs wurde während der Fahndung nach den BR jedoch niemals gefunden. Die 39 sichergestellten Patronenhülsen aus Gladio-Beständen, die im Innenministerium verwahrt wurden, verschwanden 1991 nach der Aufdeckung von Gladio spurlos. Sie wurden von einem »unbekannten Ermittler« abgeholt und ihm auch, da er offensichtlich über eine entsprechende Vollmacht verfügte, ausgehändigt.
Bei der Entführung hatten die Attentäter aus einer ledernen Aktentasche Moros zwei Mappen entnommen, eine enthielt streng geheime Dokumente, die zweite Medikamente, die der kranke Politiker regelmäßig einnehmen musste. Drei weitere Ordner blieben unbeachtet liegen. Es war ein weiteres Anzeichen, dass die Entführer detaillierteste Kenntnisse von Lebens- und Arbeitsweise des Parteiführers hatten. So kannten sie auch seine Fahrstrecke, die täglich wechselte und nur den Sicherheitskräften bekannt war.
Am 28. März 1978 verwies der Herausgeber des „Osservatore Politico“, Mino Pecorelli, darauf, dass laut Zeugen am Tatort einer der Brigadisten getroffen wurde. Das musste der Begleitpolizist Iozzini gewesen sein, dem es als einzigen gelungen war, seine Waffe zu ziehen. In den Berichten vom Tathergang hatte es geheißen, er habe niemanden getroffen. Das wirkliche Geschehen wurde offensichtlich verschwiegen, weil es sonst auch zur Fahndung nach dem Ort hätte führen müssen, an dem der Verletzte medizinisch versorgt wurde. Brisanter noch war, was Pecorelli über den Fluchtweg der BR mit Moro schrieb. Von der Via Trionfale fuhren die Entführer über die Via Carlo Belli, eine Privatstraße, deren Einfahrt durch eine Metallkette mit Vorhängeschloss gesichert war, die sie mit einem vorsorglich mit geführten Bolzenschneider aufbrachen. Ein Zeuge habe in dem 132er FIAT Moro erkannt, der mit einem schottischen Plaid bedeckt war. Ebenfalls in dem Fahrzeug habe der angeschossene Brigadist gesessen. Einige Zeit später bog der FIAT 132 in die Via Licinio ein, wo er von einem weiteren Zeugen gesehen wurde, diesmal ohne Moro in dem Fahrzeug. Zwischen der Via Belli und der Via Calvo, die die Brigadisten demnach passiert hatten, befand sich die Via Massimi und in dieser die Residenz des Erzbischofs Marcinkus. Gleich nebenan befanden sich zwei kleine Paläste des Istituto per le Opere Religiose, des Instituts für religiöse Werke, IOR, wie die Bank des Vatikans sich sinnigerweise nennt. Diese Bank leitete viele Jahre Marcinkus und er war als deren Finanzberater ebenso lange der Mann der sizilianischen Mafia und Vertrauensmann der USA. Es war deshalb keineswegs Spekulation, sondern reale Möglichkeit, dass die Fahrt des Entführungskommandos bereits an diesem Ort endete und sich das »Volksgefängnis«, in dem Moro gefangen gehalten wurde, zumindest vorübergehend dort befand oder dass da auch nur der Fahrzeugwechsel vorgenommen wurde. Pecorelli hatte geschrieben, dass das betreffende Gebiet Meter für Meter durchkämmt, Moro aber nicht gefunden worden war. Doch ausgenommen von der Durchsuchung waren natürlich die unter diplomatischer Immunität stehenden Gebäude des Vatikans. Wie aus Meldungen der „Unita“ der PCI u.a. Medien bekannt wurde, hätte der Konvoi der Entführer in der Via Bitossi an der Ecke zur Via Massimi auf eine Sicherheitspatrouille stoßen können. Zwei Polizisten waren dort als ständige Eskorte des Untersuchungsrichters Walter Celentano, der als besonders sicherheitsgefährdet eingestuft war, postiert. Sie hätten sich stets unmittelbar bei dem Richter aufgehalten. Am Morgen der Entführung wurden sie jedoch abgezogen und in die Via Fani beordert, die die Brigadisten aber bereits verlassen hatten. Bei der parlamentarischen Untersuchung der Rolle der faschistischen Putschloge P2 bei der Affäre Moro wurde 1981 bekannt, dass die Polizisten auf Weisung diensthabenden Polizeikommissars Esposito in der Questura abgezogen wurden, der Mitglied der P2 war. Die Entführer konnten so die Via Massimi mit ihrer Geisel ohne Gefahr passieren.
Am 2. Mai 1978, eine Woche vor der Ermordung Moros, enthüllte Mino Pecorelli noch einmal: »Die Entführer Moros haben nichts mit den gemeinhin bekannten Roten Brigaden zu tun.« Wiederholt hatte er den amtierenden Ministerpräsidenten Giulio Andreotti als den für die Organisation des Komplotts entscheidenden Verantwortlichen genannt. Als er Enthüllungen über Andreotti ankündigte, wurde er am 20. März 1979 vor seinem Haus in Rom von Mafia-Killern erschossen.
14 Jahre später, am 27. März 1993, wurde Andreotti in Perugia wegen Anstiftung zum Mord an Peccorelli angeklagt. Der Mafia-Boß Tommaso Buscetta sagte aus: »Pecorelli ist von Cosa Nostra umgebracht worden, um Giulio Andreotti einen Gefallen zu tun.« Vor dem Gericht kamen auch die Beziehungen zwischen Mafia und P2 sowie Andreottis Rolle in diesem Geflecht zur Sprache. Ein Mafioso sagt aus, es sei bekannt gewesen, dass »einer der Kanäle, um an Andreotti heranzukommen, der Weg über die Geheimloge« war. Dadurch wurden zum ersten Mal die Anschuldigungen, Andreotti sei ein Mann der P2, wenn nicht überhaupt ihre Nummer Eins gewesen, gerichtsoffiziell vorgebracht. Gleichzeitig wurde Andreotti in Palermo von Staatsanwalt Gian Carlo Caselli der Komplizenschaft mit der Mafia beschuldigt. Laut Anklageschrift bestand »ein Geflecht zwischen dem Senator Andreotti und Cosa Nostra, das in einer keineswegs nur beiläufigen oder nur gelegentlichen Weise mindestens schon 1978 eingerichtet wurde und mit Sicherheit bis 1992 weiterbestand«. Andreotti habe »einen Beitrag zum Schutz der Interessen und zum Erreichen der Ziele der Organisation geleistet«, insbesondere »hinsichtlich gerichtlicher Strafverfahren gegen Exponenten der Organisation.« 6 U. a. wurde Andreotti beschuldigt, dass die „ehrenwerte Gesellschaft seiner Partei Stimmen bei Wahlen beschaffte, wofür der Premier dafür sorgte, dass angeklagten Mafiosi Straffreiheit garantiert wurde. Das realisierte der Richter Corrado Carnevale, der in unzähligen Prozessen neofaschistische Terroristen freigesprochen oder die Urteile annulliert hatte, und das auch in Hunderten von Mafiaverfahren so durchsetzte, was ihm den Beinamen »Urteilskiller« einbrachte. In den Ermittlungen gegen Licio Gelli und die P2 verhinderte er eine Anklage wegen umstürzlerischer Tätigkeit, Putschvorbereitung und Mitgliedschaft in einer bewaffneten kriminellen Vereinigung (Galli: Staatsgeschäfte, S. 316f.).
Andreotti wurde von ihm hörigen Richtern vom Typ eines Carnevale in den letzten Instanzen freigesprochen. Aber es war bereits als ein Erfolg zu sehen, dass der jahrzehntelang mächtigste Politiker Italiens über sechs Jahre auf der Anklagebank saß und die Verbrechen, deren er beschuldigt wurde, offen dargelegt werden konnten. Andreotti, der anfangs leugnete, jemals mit Mafiosi zusammengetroffen zu sein, wurde in vielen Fällen der Falschaussagen überführt. Fotos und Filmaufnahmen bewiesen, dass er mehrmals mit Mafia-Bossen zusammengetroffen war. In Palermo konnten die ihm ansonsten wohlgesonnenen Richter die zahlreichen schwerwiegenden Beweise nicht einfach beiseite schieben und ihm nur einen »Freispruch zweiter Klasse«, das heißt »wegen Mangels an Beweisen«, verschaffen. Staatanwalt Caselli, der 15 Jahre Haft gefordert hatte, erklärte, der einst mächtigste Mann der Democrazia Cristiana gehe mit dem Makel des gerichtsnotorischen Verdachts der Komplizenschaft mit den schlimmsten Verbrechern des Landes in die italienische Geschichte ein. Und wenn, das sollte hier schon einmal eingeschoben werden, die Wikipedia Encyclopedia die Enthüllungen zum Fall Moro als „Verschwörungstheorien“ abtut, dann stellt sie sich an ihre Seite.
Auffällig war ferner, dass der die Ermittlungen führende Staatsanwalt Luciano Infelisi erst 14 Tage nach der Entführung einen Termin zur kriminaltechnischen Rekonstruktion am Tatort festlegt. Obendrein ermittelte in diesem in der italienischen Nachkriegsgeschichte einmaligen politischen Kriminalfall Infelisi allein. Schon für weniger gewichtige Fälle waren dazu in der Vergangenheit Sonderkommissionen von Staatsanwälten und Untersuchungsrichtern gebildet worden. Wie erst später durch die parlamentarischen Untersuchungen der Moro-Kommission bekannt wurde, war die Zuständigkeit der Staatsanwaltschaft für die Ermittlungen im Fall Moro entscheidend eingeschränkt und deren Leitung vom Innenministerium übernommen worden.
Staatsanwalt Infelisi hatte auch Fotos von den Entführern, die der Besitzer einer KfZ-Werkstatt, Gerardo Nucci, geistesgegenwärtig von dem Überfall gemacht hatte, verschwinden lassen. Nucci hatte gerade einige Aufnahmen von einem Unfallwagen gemacht, als die Geiselnahme begann. Vom Balkon seiner Wohnung in der Via Fani 109 und vor der Haustür schoss er ein Dutzend Fotos, auf denen die Entführer, die keine Masken trugen, und die von ihnen benutzten Fahrzeuge gestochen scharf zu erkennen waren. Nucci hatte die Fotos in der Presseagentur „Asca“ entwickeln lassen und am 18. März mit dem Negativfilm Staatsanwalt Infelisi übergeben. Dieser besaß damit ein Beweismaterial, wie er sich kein besseres wünschen konnte. Alle am Überfall Beteiligten waren abgebildet. Was jahrelang unklar blieb, ob neun, zehn oder elf Personen beteiligt waren, erfuhr Infelisi also bereits zwei Tage nach dem Attentat. Vor allem aber gaben die Fotos Auskunft darüber, ob die Brigadisten allein die Täter waren, oder ob sie Helfer hatten. Wie Sergio Flamigni schrieb, hatten sie Helfer, und die Fotos hätten das bewiesen. Deshalb verschwanden sie spurlos und tauchten nie wieder auf. Vor der parlamentarischen Untersuchungskommission nach den Fotos befragt, behauptete Infelisi, sie hätten »keinerlei Beweiskraft« besessen und seien deshalb vernichtet worden. Den Negativfilm habe Signor Nucci zurückerhalten. Dieser erklärte dazu erstens, dass auf den Fotos alle Entführer festgehalten waren, und zweitens auf dem zurückgegebenen Film sich nur die Aufnahmen von dem Unfallwagen befanden, alle anderen fehlten (Flamigni: Mein Blut, S. 88 ff.).
Während die Neofaschisten in Rom darauf hinarbeiteten, die von der PCI unterstützte Regierung zu stürzen und einem Regime der »starken Hand« an die Macht zu verhelfen, gaben sich in Washington ihre Vertreter zu entsprechenden Absprachen die Klinke in die Hand. Als Erster reiste der frühere Geheimdienstchef Miceli, der dem Vorstand des MSI angehörte, an den Potomac. „Panorama“ berichtete in seiner Ausgabe 662/1978, dass er während der über einwöchigen Konsultationen mit einflussreichen Politikern, vor allem aber CIA-Experten, forderte, schnellstmöglich den »NATO-Mechanismus«, der »geheimen politischen und militärischen Klauseln des Paktes für Italien«, in Gang zu setzen, dem offensichtlich zugestimmt wurde. Das Nachrichtenmagazin zitierte Miceli: »Der Vormarsch der Kommunisten« könne nur »durch das Eingreifen der NATO« gestoppt werden. Zu den Gesprächspartnern Micelis gehörte der ehemalige CIA-Direktor und Italienexperte William Colby. In den Gesprächen war, wie der „Espresso“ in seiner Nummer 17/1978 einschätzte, eindeutiges Ziel, die Kommunistische Partei »mit faschistischer Unterstützung« aus der Regierung zu werfen. Nächster Gesprächspartner in Washington war MSI-Führer Almirante persönlich, der seine Konzeption zur Lösung der italienischen Krise nach »chilenischem Vorbild« propagierte. Wie die Nachrichtenagentur „ANSA“ am 27. April berichtete, wurde der MSI-Führer auf einem »antikommunistischen Kongress« in Washington »mit großer Ehrerbietung« gefeiert. Ohne Widerspruch konnte der erbitterte Feind der Antihitlerkoalition und später als Kriegsverbrecher abgeurteilte frühere Staatssekretär des „Duce“, wie das „Secolo d’ltalia“ am 30. April herausstellte, auf Kundgebungen zum »globalen Kampf gegen den Kommunismus« aufrufen und für Italien die Errichtung eines Regimes propagieren, das, wie unter Hitler und Mussolini, »den Klassenkampf beseitigt«.
Ein aus den USA eingeflogener Steve Pieczenik, der als Berater für Innenminister Cossiga fungierte, riet, »die Fahndung nicht zu forcieren«. In der „New York Times“ äußerte der »Experte« am 29. April: »Kein Mensch ist für das Leben eines Nationalstaates unentbehrlich.«. Den Gipfel solcherart Unverfrorenheit erklomm der Kolumnist William Buckley, der Moro am 7. Mai, zwei Tage vor seiner Ermordung, in der „Washington Post“ aufforderte, sich das Leben zu nehmen und »mutig zu sterben«.
Moro selbst trat in Briefen, die er aus seinem Gewahrsam schrieb, für Verhandlungen ein und kämpfte auf dieser Grundlage um sein Leben. Sich der seitens der Amerikaner immer wieder gegen ihn ausgestoßenen Drohungen erinnernd oder des Drucks, den die bundesdeutschen Regierungen auf seine Politik auszuüben gesucht hatten, dürfte ihm das Ausmaß des internationalen Komplotts gegen seine Politik und gegen sein Leben klar geworden sein. Schrieb er doch angesichts der Weigerung seiner Partei und der Regierung Andreotti, mit den Entführern zu verhandeln, in einem seiner Briefe aus dem »Volksgefängnis«: »Gibt es vielleicht, um die Härte mir gegenüber durchzuhalten, amerikanische und deutsche Winke?«
Am 9. Mai wurde Moros Leiche im Kofferraum eines roten Renault 4 gefunden. Die Organisatoren des Komplotts hatten die »Konsequenzen«, die sie Moro bereits 1976 in Washington angedroht hatten, nämlich dass er für die Zusammenarbeit mit den Kommunisten »teuer bezahlen« werde, in die Tat umgesetzt. Mitglieder der Brigate Rosse gaben sich dafür als Werkzeuge her. Die rote Farbe des Pkw sollte offensichtlich die Einstellung der BR zu Moros »Verrat« symbolisieren. Der Wagen wurde in der Via Gaetani im Zentrum von Rom abgestellt, fast in gleicher Entfernung vom Sitz des Zentralkomitees der PCI und des Parteivorstandes der DC. Auch das sollte verdeutlichen, dass Moro ein Opfer seiner Zusammenarbeit mit den Kommunisten geworden war.
Der in den Medien veröffentlichte Obduktionsbericht besagte, dass Moro erschossen wurde, nachdem er in den Kofferraum des R 4 gepfercht worden war. Das Opfer trafen elf Kugeln, neun aus einer Maschinenpistole Skorpion mit Schalldämpfer, zwei aus einer Colt-Pistole 9 mm ohne Schalldämpfer. Die letzte der beiden Kugeln aus der Pistole war laut Autopsie ein »Gnadenschuss«. Moro musste seine Mörder kurz gesehen und ihre Absicht erkannt haben. Denn er hatte instinktiv die rechte Hand gehoben, um sich zu schützen. Deshalb traf die erste Kugel seinen rechten Daumen und anschließend seinen linken Lungenflügel. Bei der Obduktion steckten sieben Geschosse in der Lunge, eins unterhalb des linken Schlüsselbeins. Drei Kugeln hatten die Lunge durchschlagen und waren in die Seitenverkleidung des Wagens eingedrungen. Moro hatte einen Liter Blut verloren. Sein Tod war zwischen 9 und 10 Uhr eingetreten.
Die Obduktion hatte weiter ergeben, dass Moro elf Kilo Gewicht verloren hatte, aber, entgegen immer wieder aufgestellten Behauptungen, weder gefoltert noch unter Drogen gesetzt worden war. In Moros Hosenaufschlägen wurde Sand gefunden, der von den Tolfa-Hügeln nördlich von Rom stammte. Dort befand sich ein Gladio-Stützpunkt, der 1991 bei den ersten Anzeichen der Aufdeckung zusammen mit den anderen Basen – noch bevor die Arbeit der eingesetzten Parlamentskommission begann – aufgelöst wurde.
Moro hat in seinen Briefen seine Partei für sein Schicksal verantwortlich gemacht. Er wusste von seinem bevorstehenden Tod. Im letzten Brief an seine Frau, den die Turiner „La Stampa“ veröffentlichte, schrieb er: »Sie haben mir gesagt, dass sie mich bald umbringen werden. … Ich küsse dich zum letzten Mal, küsse die Kinder. … Wenn sie gewollt hätten, hätten sie etwas tun können…«.
Bereits im Herbst 1978 erschien im Trikont-Verlag München ein Buch »Mein Blut komme über Euch«, herausgegeben von Gino Doni. Der Titel »Mein Blut komme über Euch« war ebenfalls eine an seine Partei gerichtete Äußerung Moros gewesen.
Nach dem Mord an Moro verdichteten sich die Beweise, dass die Geheimdienste das Komplott inszeniert und in raffinierter Weise die BR für ihre Zwecke manipuliert hatten. So hatte in der Via Caetani, wo Moros Leichnam gefunden wurde, ein Motorradfahrer seit dem frühen Morgen einen Platz freigehalten, in den der Renault mit der Leiche Moros einparken konnte. Die Via Caetani lag mitten im historischen Zentrum. Nur wenige hundert Meter von dem ausgewählten Abstellplatz des R 4 entfernt befand sich die Parteizentrale der DC. Bis zur Abgeordnetenkammer und zum Senat waren es nicht viel mehr als ein Kilometer, und auch der Palazzo del Quirinale, der Amtssitz des Staatspräsidenten, war nicht viel weiter entfernt. Dieses Viertel wurde also schon für gewöhnlich gut bewacht und war seit dem 16. März von einem dichten Polizeikordon umgeben. Hier sollte der Motorradfahrer sich unbemerkt zwei oder auch drei Stunden in der Nähe seiner Maschine aufgehalten und auf den R 4 gewartet haben? Unbehelligt sollte der als gestohlen gemeldete Renault sein Ziel erreicht und dort noch drei Stunden gestanden haben, ohne Aufsehen zu erregen? Das war unglaubhaft.
Nach der Entführung hatten die BR wiederholt erklärt, das angekündigte »Verhör« Moros werde auf Tonband aufgenommen und mit dessen Originalstimme veröffentlicht. Schon im ersten Kommuniqué hatten sie angekündigt, die Ergebnisse des »Prozesses« und des »Verhörs« Moros mit dessen Originalstimme auf einem Tonband »der revolutionären Bewegung bekanntzugeben«. In Kommuniqué Nr. 3 hatten sie behauptet, »das Verhör« gehe »unter bester Mitarbeit des Gefangenen weiter«, und in Nr. 5 vom 11. April versichert, »nichts darf dem Volk verborgen bleiben«. In Nr. 6 vom 16. April war mitgeteilt worden, dass Moro »zum Tode verurteilt« würde und »wir werden alles dem Volk bekannt geben«. Noch im letzten Kommuniqué, der Nr. 9 vom 6. Mai, hatte es geheißen: »Die Ergebnisse des Verhörs von Aldo Moro, die in unserem Besitz befindlichen Informationen und eine umfassende politisch-militärische Bilanz des Kampfes, den wir hier beenden, werden der Revolutionären Bewegung und den K.K.O. (kämpfenden kommunistischen Organisationen) über die Wege der klandestinen Propaganda zugänglich gemacht werden.« Dass das nie geschah, wurde in den Mitteilungen der Medien über die Fahndungsergebnisse einfach übergangen. Ein halbes Jahr nach Moros Ermordung wurde bei einer Razzia in Mailand lediglich die angebliche Abschrift des »Verhörs« in Maschinenschrift gefunden. Das Tonband blieb verschwunden. Dafür gab es eine einleuchtende These. Den »Verhörern« musste eine »Panne« unterlaufen sein. Auf dem Band mussten sich bei der Aufnahme zunächst nicht wahrgenommene Töne, Vibrationen, typische Nebengeräusche befunden haben, die sich nicht aus dem Band entfernen ließen, aber das – für die Fahndungskräfte so unauffindbare – Gefängnis identifiziert hätten. Obendrein musste sich wohl ein Experte das Band angehört und die »Panne« festgestellt haben. Sechs Jahre später kam der Journalist der „taz“, Werner Raith, in seinem Buch »In höherem Auftrag. Der kalkulierte Mord an Aldo Moro« (Westberlin 1984) jedenfalls zu denselben Ergebnissen. Er schlussfolgerte, dass sich Moros »Volksgefängnis« an einem Ort befunden habe, nach dem gar nicht gefahndet wurde, etwa in einer ausländischen Botschaft. Die amerikanische und die israelische Vertretung wurden beispielsweise überhaupt nicht überwacht. Die Fahndung war knapp zehn Minuten nach der Entführung ausgelöst worden, und Moro musste sich nach aller Logik zunächst in Rom befunden haben. Dafür sprach auch, dass der in der Via Gaetani abgestellte Renault ein gestohlener Neuwagen war, dessen Tacho nur 15 km anzeigte. In der Via Caetani befand sich der Palazzo Orsini des Adelssprosses Onorato Caetani, in dem sich wiederum die Residenz des Botschafters des Malteserordens, der Cavalieri di Malta, Prinz Johannes Schwarzenberg, befand. Die Caetanis gehörten dem Orden an; 27 seiner Ordensbrüder wiederum waren Mitglieder der faschistischen Putschloge P2. Prinz Schwarzenberg und seine Frau kamen nach dem Mord an Moro bei einem Autounfall ums Leben. Der Diplomat hatte vorgehabt, sich zu den Ereignissen zu äußern. Bei den späteren Untersuchungen der Parlamentskommission zum Mord an Moro kam auch ans Licht, dass der Palazzo Orsini in BR-Dokumenten eingezeichnet war (Flamigni: Convergenze parallele).
Einige Tage nach dem Mord legte Innenminister Cossiga einen umfangreichen Bericht seines Krisenstabes vor, der die Aktivitäten der Polizeikräfte zwischen dem 16. März und dem 10. Mai auflistete. Danach wurden: Landesweit 510.724 Polizisten, davon 172.270 in Rom, 104.417 Fahrzeuge, davon 21.399 in Rom, 70 Flugzeuge und Hubschrauber, 570 Schiffe eingesetzt; 72.460 Straßensperren errichtet, davon 6.296 in Rom; 75.251 Streifen, davon 17.756 in Rom eingesetzt und 1.986 Razzien landesweit durchgeführt; 37.702 Hausdurchsuchungen vorgenommen, davon 6.933 in Rom; 106 Luftbewegungen und 852 Bewegungen zu Wasser kontrolliert; insgesamt 6.413.713 Personen, davon 167.109 in Rom, landesweit 3.303.123 Kraftfahrzeuge, davon 96.572 in Rom überprüft. Der groß aufgemachte Bericht sollte offensichtlich über den völligen Misserfolg der Fahndung nach den Entführern hinwegtäuschen und den Eindruck erwecken, es sei alles getan worden, um den DC-Vorsitzenden zu retten. Die parlamentarische Moro-Kommission kam zwei Jahre später bei der Einschätzung der Effektivität der Fahndung zu einem völlig anderen Ergebnis. Sie hielt nach Anhörung der Verantwortlichen der Polizeikräfte in ihrem Bericht fest, dass es »für die Stadt Rom keine wirkliche Blockade im Sinne eines dauerhaften und undurchdringlichen Sicherheitsgürtels gegeben hat«, dass »viele Personen in die Stadt hinein- und herauskonnten, ohne kontrolliert zu werden« und es generell »keinerlei Pläne für Vorsichtsmaßnahmen gegeben hat.« Innenminister Cossiga trat angesichts der massiven Kritik in der Öffentlichkeit am »Versagen des Staatsapparates« im Fall Moro im Mai 1978 zurück. Das erwies sich vordergründig als ein geschicktes Manöver, denn dadurch wurden weitere Ablösungen von Verantwortlichen, besonders der Geheimdienstchefs, vermieden. Das katastrophale Versagen im Fall Moro hatte für den DC-Politiker indessen keine weiteren Folgen, im Gegenteil: 1979 wurde er in den Senat gewählt, stieg zu dessen Präsidenten auf und wurde im selben Jahr Ministerpräsident und 1985 Staatspräsident.
Aufschlussreich war, was Flaminio Piccoli, Moros Nachfolger als DC-Vorsitzender, am 6. August 1978 in der Südtiroler Zeitung „L’Alto Adige“ sagte: „Ich bin überzeugt, dass, wenn die Wahrheit über die Entführung und Tötung Moros herauskommt, wir entdecken werden, dass er ausgeschaltet wurde, weil er nicht wollte, dass Italien der Schauplatz von Konkurrenzkämpfen geheimer Mächte wird, wie im Ersten und Zweiten Weltkrieg; er wurde ausgeschaltet, weil er in den letzten drei Monaten in Gesprächen mit Amerikanern und den Russen seine Fähigkeit gezeigt hat, Initiativen zur Herstellung des nationalen Ausgleichs zu ergreifen.“
Dieser Frage ging auch im September 2002 eine Konferenz der Associazione Ricreativa Culturale Italiana (ARCI) zu »Politik und Terrorismus in Italien« nach. Der Veranstalter hatte hochrangige Politiker, Juristen und andere Experten eingeladen, darunter Senator Giovanni Pellegrino, seit vielen Jahren Mitglied der Parlamentskommission zur Untersuchung der Ermordung Aldo Moros, das Mitglied der Parlamentskommission der Abgeordnetenkammer zur Untersuchung der Staatsmassaker der Spannungsstrategie Marco Boato und der Richter Guido Salvini, der seit etwa 20 Jahren das von faschistischen Terroristen begangene Blutbad in der Mailänder Landwirtschaftsbank untersuchte. Während seiner Ermittlungen hatte er durchgesetzt, dass ihm als erstem Staatsanwalt Einsicht in die Archive des Innenministeriums und des Geheimdienstes SISMI gewährt werden musste, die Verbindungen der faschistischen Attentäter zur NATO und ihren Diensten offenbarten.
Marco Boato ging auf die von Kreisen der Staatsapparate und der Geheimdienste in den 70er und 80er Jahren in Italien geschürten Spannungen ein, in deren Verlauf immer wieder die Anschläge faschistischer Terroristen von solchen Kräften gedeckt und die Schuldigen in linken Kreisen gesucht wurden. Staatliche Machtinstrumente der USA waren Organisatoren der Spannungsstrategie – die CIA und ihre Gladio-Truppe. In Italien dienten ihnen Faschisten und rechte Kreise des Staates, waren ihnen Ministerpräsidenten wie Giulio Andreotti, Militärs und Geheimdienstkreise ihnen behilflich, Juristen und Journalisten willfährige Werkzeuge, und nicht zuletzt einflussreiche Leute der Wirtschaft.
Teilnehmer äußerten die eine oder andere Vermutung zur Rolle Moros, der eine Finnlandisierung Italiens vorgehabt habe. Moskau sollte er den Austritt Polens aus dem Warschauer Vertrag vorgeschlagen haben. Als Gegenleistung wollte er bewerkstelligen, dass Italien aus der NATO austritt. Dazu würden die Dossiers, die Auskunft darüber geben könnten, verschlossen gehalten.
Professor Siegfried Prokop und ich hielten auf der Konferenz die Hauptreferate, Prokop zur RAF und ich zur Rolle der CIA bei der Manipulierung der Roten Brigaden. Die renommierte Zeitung für Wirtschaft und Politik »Il Sole 24 Ore« gab am 15. September 2002 unter der Schlagzeile »Per lo Storico Feldbauer i Servizi avevano degli Infiltrati anche nelle BR« ausführlich den Vortrag wieder. 7 In einem ausführlichen Gedankenaustausch bestätigte mir Richter Guido Salvini, dass mein Buch „Agenten…“ ein wichtiger Beitrag zur Aufdeckung auch auf internationaler Ebene der Inszenierung des Mordes an Aldo Moro durch die CIA und ihre italienischen Komplizen auf höchster Ebene sei.
Im Januar 1989 trat die PCI aus der Regierungskoalition aus. Andreotti hatte den Historische Kompromiss zum Scheitern gebracht. Es kam zu einer generellen Wende nach rechts. Der Einfluss linksradikaler Intellektueller sank, der Jagd auf sie fielen ganze Universitätsfakultäten zum Opfer, die sie früher dominierten. In Padua fast der gesamte Lehrkörper für Politische Wissenschaften, darunter angesehene Professoren wie Antonio Negri, der angeklagt wurde, Leiter der Brigate Rosse zu sein und die Entführung und Ermordung Moros organisiert zu haben. In Mailand gehörte der Direktor der katholischen Universität, Professor Maro Borromeo, zu den Verhafteten. Tausende Linksradikale, viele von ihnen ohne sich eines Vergehens schuldig gemacht zu haben, wurden in die Gefängnissen gesperrt. Zirka 100.000 Personen von den polizeilichen Ermittlungen erfasst, rund 40.000 vor Gericht gezerrt, Tausende verurteilt.
Am 24. Januar 1983 wurde vor dem Corte d’Assise von Rom der dritte Prozess gegen die Brigate Rosse abgeschlossen. Angeklagt war die sogenannte „zweite Generation“, worunter die BR seit der Übernahme der Führung durch Moretti zu verstehen waren. Gegenstand der Anklage waren die Delikte zwischen 1977 und 1980. Darunter fielen 17 Morde, eingeschlossen der an Moro und seinem fünfköpfigem Begleitkommando, elf Mordversuche, vier Körperverletzungen, vier Entführungen, vier Attentate auf Sachwerte sowie vier Raubüberfälle. Insgesamt ergingen 59 Urteile, davon 32 mal lebenslänglich. In dem Prozess kam nahezu alles zur Sprache, was die BR als die alleinigen Täter überführen sollte, wurde alles vertuscht, was die Hintermänner des Komplotts betraf. Der den Prozess autoritär beherrschende Vorsitzende des Schwurgerichts, Severino Santiapichi, ignorierte das Ergebnis der parlamentarischen Untersuchungskommissionen zum Fall Moro sowie der zur P2, die deutlich die Verantwortung höchster Regierungskreise sowie der Geheimdienste und der Polizei bis hin zum damaligen Premier Andreotti für den Tod des Parteiführers aufgezeigt hatten, und behauptete: „Es gibt nicht einen Beweis, nicht ein einziges Indiz, nicht eine einzige Seite im gesamten Prozess, die zu der Hypothese berechtigen würde, beim Fall Moro handele es sich um eine Verschwörung des ‚Palazzo‘.8 Das Regiebuch der Untaten im Fall Moro wurde von den BR angeordnet, und nichts kann andere Mutmaßungen rechtfertigen.“ Die „Repubblica“ zitierte am 29. Mai 1983 den bekannten Strafrechtler Stefano Rodotà, der fragte, „wie viele Aldo Moros Tod wollten“, und antwortete, dass das Gericht das völlig missachtete. Die CIA wurde von jeder in der Öffentlichkeit unüberhörbar geäußerten Verantwortung freigesprochen, wenn es im Urteil hieß: „Die Entstehung des Terrorismus kann auf keinen Fall Initiativen angelastet werden, die von ,außerhalb der Landesgrenzen Beschlüsse fassen und Planungen durchführen.“ Zu den skandalösen Fakten des Prozessverlaufs gehört, dass noch immer nicht bekannt war, wo Moro während der 55 Tage der Geiselhaft versteckt gehalten wurde. Die sonst gesprächigen Brigadisten, von denen einige inzwischen als Pentiti (Kronzeugen) auftraten, schwiegen sich dazu beharrlich aus. Luigi Pintor bezeichnet das „Geheimnis um Moros Aufenthalt“ im „Manifèsto“ als „die Metapher eines ,nichtexistenten Gefängnisses“ und hielt fest: „Man erkläre mir nur eins: Wie kann man eine Untersuchung ernst nehmen, eine Verhandlung, ein Urteil, wenn im Laufe von fünf Jahren trotz Verhaftungen, Anklagen, Verhören, Gegenüberstellungen und Geständnissen und am Ende von 59 Schuldsprüchen und 32mal lebenslänglich nicht herausgefunden worden ist, wo der Abgeordnete Moro 55 Tage lang eingesperrt war?“ Dass sie alle schweigen, »kann nur eins bedeuten, dass mit dem Gefängnis der gesamte Hintergrund des Falles Moro aufkommen würde«, sagte auch der sozialistische Senator und Mitglied der Moro-Kommission Luigi Covatta. (Raith, S. 163, 191f.).
Fast 30 Jahre nach der Ermordung Moros trat der achtzigjährige Giovanni Galloni, zur Zeit der Affäre Moro Vizesekretär der Democrazia Cristiana und Freund Moros, an die Öffentlichkeit und erklärte: ’’Die Vereinigten Staaten wussten, wo Aldo Moro gefangen gehalten wurde. Und Francesco Cossiga wusste darüber viel mehr als er in diesen Jahren berichtete.“ Er bestätigte ebenso, dass die Brigate Rosse von Geheimdienstagenten infiltriert waren und die BR die Kulisse der geheimdienstlichen Operation gebildet hätten. 9
Bis heute bleibt Wikipedia bei der Leugnung und Vertuschung des von der CIA und ihren italienischen Komplizen, die aus den höchsten Kreisen der Regierung kamen, inszenierten Mordkomplotts, dem Aldo Moro zum Opfer fiel, und verbreitet, er sei von der Terrororganisation Rote Brigaden entführt und von Mario Moretti ermordet worden. Die in Fülle dargelegten Enthüllungen, die das Gegenteil beweisen, so der parlamentarischen Untersuchungskommission zum Fall Moro unter Vorsitz der Abgeordneten Tina Anselmi (DC), die eindeutig die Verantwortung höchster Regierungskreise sowie der Geheimdienste und der Polizei bis hin zum damaligen Premier Andreotti für den Tod des Parteiführers aufgezeigt hatten, werden als „Spekulationen über eine Involvierung staatlicher und geheimdienstlicher Akteure“ abgetan.
Anmerkungen:
1 Siehe Umbruchsjahre in Italien. Als Auslandskorrespondent in Rom 1973 bis 1979, PapyRossa Köln 2019.
2 Flamigni, Sergio:
- La tela del ragno. Il delitto Moro. (Das Spinnennetz. Das Verbrechen an Moro). Mailand 1993.
- Trame atlantiche. Storia della Loggia massonica segreta P2. (Atlantische Dramen. Geschichte der geheimen Freimaurerloge P2). Mailand 1996.
- Il mio sangue ricadrà su di loro«. Gli scritti di Aldo Moro, prigioniero delle BR. (Mein Blut komme über sie. Die Aufzeichnungen Aldo Moros, Gefangener der BR). Mailand 1997.
- Convergenze parallele. Le Brigate rosse, i servici segreti e il delitto Moro (Parallele Übereinstimmung. Die Roten Brigaden, die Geheimdienste und das Verbrechen an Moro). Mailand 1998.
- Il Covo di Stato. Via Gradoli 96 e il delitto Moro. (Das Staatsversteck. Die Gradoli-Straße 96 und das Verbrechen an Moro). Mailand 1999.
3 U. a. deckte Flamigni auf, dass Andreotti der eigentliche Chef der faschistischen Putschloge P2, der Führungszentrale im Mordkomplott gegen Moro, war (Dramen, S. 110, 389 ff.). Die Zeitschrift »Europeo« berichtete am 15. Oktober 1983 ebenfalls , daß es sich bei Andreotti um »den wahren Chef der Progaganda due« handelt.
4 Siehe auch Flamigni Das Sinnennetz, S. 170ff.
5 »Der Tagesspiegel«, 16. März 2009, siehe auch E. R. Carmin: Das Schwarze Reich, München 2000. Der nach der Aufdeckung der P2 gerichtlich verfolgte Calvi war vor der Verhaftung nach London geflohen und drohte dort, die Verwicklung des Papstes in die Machenschaften der P2 aufzudecken. Er wurde danach am 18. Juni 1982 unter der Blackfriars Bridge erhängt aufgefunden. In Italien wurde nie bezweifelt, dass ihn die Mafia umbrachte.
6 Die Zeitung »Avvenimenti«, Nr. 13/1993.
7 Siegfried Prokop: »Gladio und der 11.9. Politik und Terrorismus in Italien. Internationale Konferenz der ARCI in Bretonico«, junge Welt, 28. 9. 2002.
8 Die Regierung
9 ’’Liberazione“ (Zeitung der Partito della Rifondaziione Comunista – PRC, des Nachfolgers der 1989/90 in die sozialdemokratische Linkspartei PDS umgewandelten PCI) vom 23. Oktober 2007.
Bücher des Autors, die die Ermordung Aldo Moros, den Compromesso storico der PCI und die Rolle der Brigate Rosse einbeziehen:
- Agenten, Terror, Staatskomplott. Der Mord an Aldo Moro, Rote Brigaden und CIA. PapyRossa, Köln 2000.
- Aldo Moro und das Bündnis von Christdemokraten und Kommunisten im Italien der 70er Jahre. Aldo Moro gewidmet. Neue Impulse, 2003.
- Warum Aldo Moro sterben musste. Die Recherchen des Commissario Pallotta. Eine Kriminalerzählung nach Tatsachen. Erich-Weinert-Bibliothek der DKP Berlin, Heft 1/2011
- Wie Italien unter die Räuber fiel. Und wie die Linke nur schwer mit ihnen fertig wurde. PapyRossa, Köln 2012.
- Compromesso storico. Der Historische Kompromiss der IKP und die heutige Krise der Linken. Schriftenreihe Konsequent der DKP Berlin, Heft 2/2013.
- Geschichte Italiens. Vom Risorgimento bis heute. 2. aktualisierte Auflage, PapyRossa, Köln 2015.
- Die Niederlage der Linken in Italien und der Renegat Napolitano. Schriftenreihe Konsequent der DKP Berlin, Heft 1/2015.
- Umbruchsjahre in Italien. Als Auslandskorrespondent in Rom 1973 bis 1979, PapyRossa, Köln 2019.
Anzeige:
Reisen aller Art, aber nicht von der Stange, sondern maßgeschneidert und mit Persönlichkeiten – auch Reisen mit Themen aus Politik und Wirtschaft (Politische Ökonomie und Geopolitik), Kunst, Kultur und Kulinarik durch die Welt –, bietet Retroreisen an. Bei Retroreisen wird kein Etikettenschwindel betrieben, sondern die Begriffe Sustainability, Fair Travel und Slow Food werden großgeschrieben.







