In Wanderstiefeln stempeln gehen – Die Wiederentdeckung des polnischen Jakobsweges

Stempel können süchtig machen. Und dies zu einer Zeit, in der sie an europäischen Grenzübergängen fast völlig aus der Mode gekommen sind. Stolz hält Wanderführer Piotr Goralczyk während einer Wanderpause seinen Wanderpass empor, in dem es vor dekorativen Stempelmotiven nur so wimmelt. Freie Felder nur noch am unteren Rand. Und auch die scheinen schon darauf zu warten, die bisher erbrachte Wanderleistung auf dem großpolnischen Streckenabschnitt des Jakobswegs demnächst perfekt zu machen.

Großflächiges Spinnennetz von Wanderwegen

Auf jenem Pilgerpfad, der sich weitab vom spanischen Zielort Santiago de Compostela in den zurück liegenden Jahren immer weiter in Richtung Osteuropa ausgeweitet hat. Hier gab es ihn zwar schon  entlang den alten Handelswegen von der Ostsee nach Zentraleuropa. Doch angesichts des gegenwärtig überall aufflackernden Jakobs-Wanderfiebers ist man  hier nach Jahrzehnten des Vergessens erst jetzt wieder auf ihn aufmerksam geworden. Besonders in der Woiwodschaft Großpolen (Wielkopolska), wo man sich vor wenigen Jahren mit gezielten Fördermaßnahmen der westeuropäischen Camino-Bewegung anschloss.
 
Wodurch man hier mit seinen Pfunden wuchern konnte und ein respektables Teilstück einbrachte in das großflächige Spinnennetz von Wanderwegen ins nordspanische Pilgerziel Santiago. Denn wie Perlen an einer Kette reihen sich in Großpolen fruchtbare Landschaften und traditionsreiche Städte aneinander, deren nähere Betrachtung einer Zeitreise durch die polnische Geschichte gleichkommt. Doch wirken die auf den sorgfältig aufgestellten Wegweisern angekündigten 3400 Streckenkilometer nach Santiago nicht bereits vor dem Start entmutigend?

Initiationsritus für den Jakobspilger

Dorfpfarrer Gregor Porzecki in der Kirchengemeinde Wydarlowo versucht zu beruhigen. Direkt am Altar seiner Dorfkirche berichtet er von Pilgergruppen und Einzelpilgern, die sich seit dem Jahr 2005 von diesem östlichsten Ausgangspunkt des großpolnischen Jakobsweges auf den Weg machen. Natürlich nicht, um von hier aus die ganze Strecke zurückzulegen, und schon gar nicht in einem Stück. Wichtig sei für ihn vielmehr die Erkenntnis, dass auch ein langer Weg immer im Herzen beginne und mit dem ersten Schritt vor der eigenen Haustür anfange.

Durch die lässt er die kleine Pilgerschar nun ein zu der nahezu heiligen Handlung, ohne deren Vollzug niemand diesen Ort verlassen möchte. In der guten Stube des Pfarrhauses liegt auf dem Schreibtisch der Stempel schon bereit, mit dem der noch blütenweiße Pilgerausweis nun seinen ersten Eintrag erhält. Ein Initiationsritus für jeden Jakobspilger, der sich spätestens jetzt auf seinem Weg in westlicher Richtung mit all den anderen Weggefährten auf der Strecke innerlich verbunden weiß. Sei es in dem Bemühen um spirituelle Selbstfindung oder bei der Bewältigung der zu erwartenden körperlichen Herausforderungen. Vielleicht sogar beides?

Erfolgsgeschichte von Gnesen

Motivierend wirkt zumindest ein nur wenige Kilometer entfernter Aussichtsturm, denn von dessen oberer Plattform aus werden bereits die Türme der Kathedrale von Gnesen (Gniezno) am westlichen Horizont erkennbar. Als letzte Ruhestätte des Heiligen Adalbert ist sie zugleich eines der am meisten verehrten kirchlichen Gebäude in  Polen. Hatte dieser doch vor tausend Jahren als Missionar den heidnischen Pruzzen die christliche Botschaft gebracht und dafür – so berichtet die berühmte romanische Bronzetür in eindringlichen Darstellungen – mit seinem Leben bezahlt. In ihrer handwerklichen Präzision ist die schwere Metalltür ein Gruß des Mittelalters an jeden Jakobspilger.  

Dennoch war bei aller persönlichen Tragik dem Anliegen des Missionars Erfolg beschieden. Denn  mit der gelungenen Missionierung wurden die Voraussetzungen geschaffen für die Krönung Boleslaws I. zum ersten König von Polen. So erlangte Gnesen den Rang der ersten Hauptstadt des Landes, und auch dem Erzbischof der Stadt wurde der Titel des Primas von Polen zugesprochen. Bis heute ist die Würde dieses Ortes bis hinauf zu den farbenfrohen Bürgerhäusern am Marktplatz mit Händen zu greifen.

Bürgerstolz in Posen

Nicht für jeden war dieser Sonderstatus der Stadt leicht zu ertragen. Denn hatte nicht auch Posen (Poznan) mit seiner St.-Peter-und-Paul-Kathedrale auf der Dominsel ähnliche Verdienste aufzuweisen? Denn auch hier fanden polnische Könige aus der Dynastie der Piasten ihre letzte Ruhe, woran deren  prachtvolle „Goldene Kapelle“ im Innenraum der Kathedrale jeden Pilger sogleich erinnert. Zumindest darf die Stadt den Titel der Hauptstadt von Großpolen führen und damit ihre wahre Bedeutung ins rechte Licht rücken.

Der größte Blickfang jedoch ist nach mehrtägiger Wanderung auf dem Jakobsweg der großzügig angelegte Marktplatz im Zentrum der Stadt, der sich auch als Treffpunkt hervorragend eignet. Unübersehbar das stolze Renaissance-Rathaus in der Nordostecke des Areals, das mit seinen hohen Türmen und kunstvoll ausgestalteten Fassaden wie kein anderes Bauwerk den Bürgerstolz der Bewohner repräsentiert. In seinem Schatten ist ein ständiges Kommen und Gehen, aus dem besonders bei dem jungen Studentenpublikum stets eine ausgelassene Stimmung erwächst.

Umgang mit Greifvögeln

So erscheint es nicht verwunderlich, dass selbst Napoleon sich hier bei seinem Durchzug in Richtung Osten einquartierte und im barock ausgestalteten Jesuitenkolleg seine Regierungsgeschäfte aufnahm. Selbst wenn er nicht gerade willkommen war, machte er damit doch Posen für eine Weile zur  Hauptstadt Europas. Und selbst Kaiser Wilhelm II., während dessen Herrschaft Großpolen noch zu Deutschland gehörte, beeindruckte durch die Errichtung eines stolzen Schlosses, mit dem er hier zweifellos eine markante Duftnote setzen wollte.

Doch auch außerhalb der Städte ermöglicht der Jakobsweg stets neue Zeitreisen in die polnische Geschichte. Zum Beispiel westlich von Posen in dem Ort Pobiedziska, wo unter fachkundiger Anleitung von Konstrukteur Norbert Styszinski die aktive Handhabung mittelalterlicher Belagerungsmaschinen geprobt werden kann. Oder nahe dem Ort Cichowo, wo der tiergerechte Umgang mit Greifvögeln vom Falken bis zum Adler auf dem von Trainer Marek Pinkowski erstellten Übungsprogramm steht. Und all dies innerhalb einer ansehnlichen Freilicht-Filmkulisse, die im Jahr 1999 von dem polnischen Regisseur Andrzej Wajda als Ensemble für seinen berühmten Film „Pan Tadeusz“ errichtet wurde.
 
Verkostung edler Liköre

Demgegenüber die ehrwürdige Benediktinerabtei in Lubin, deren Geschichte fast tausend Jahre zurückreicht. Hoch gelegen auf einem Hügel und abgehoben wie aus einer anderen Welt präsentiert sie sich bei der Anreise von Kunowo auf einer mit Muskelkraft angetriebenen Draisine. Diese ist in der Tat, wenn sie langsam und ruhig auf alten Schmalspurgleisen dahin gleitet, eine willkommene Abwechslung zum herkömmlichen Fußmarsch auf dem Wanderweg. Das Kloster ist neben seiner die Sinne verwirrenden barocken Ausgestaltung im Inneren vor allem bekannt wegen seiner hervorragenden Liköre, die es hier mit ein wenig Glück in einem der holzgetäfelten Säle zu verkosten gibt. Ebenfalls die Sinne verwirrend?

Pater Patryk sieht darin kein Problem. Im Gegenteil! Denn auch bei einer Pilgerreise sollte seiner Meinung nach niemand die Gesundheit vernachlässigen und sich den Kräuterlikör nach Art des Hauses mit 21 verarbeiteten Kräutern zur besseren Verdauung gönnen. Oder, um einer Grippeattacke vorzubeugen, ein Gläschen von dem bewährten Anislikör. Die kleine Pilgerschar vernimmt es mit Freuden und verdreht auch bei einem abschließenden Kaffeelikör genießerisch, ja verzückt die Augen. Eine Pilgerherberge, in der sich das Spirituelle auf einer gänzlich unerwarteten Ebene manifestiert!

Höhepunkt des Erlebens

Irgendwann ist dann mit Lezno die letzte Station des Jakobsweges in Großpolen erreicht. Und damit ein weiterer Höhepunkt des Erlebens. Denn nahe dem Marktplatz und damit direkt am Jakobsweg begegnet dem Pilger die in barocker Pracht ausgestaltete St. Nikolas Pfarrkirche, der soeben von Rom der Status einer „Basilica Minor“ zugesprochen wurde. Stadtführerin Maria Dobron weiß sie fachkundig vorzustellen: die Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit am Hochaltar sowie die prächtigen Grabskulpturen des einstigen Herrschergeschlechts der Leszczynskis.

Abschließend noch schnell hinüber zum Rathaus, um die stolze Reihe der Stempelvermerke im Jakobs-Pilgerpass zu vervollständigen. Raum wäre noch genug für den folgenden Streckenabschnitt durch Niederschlesien bis hinüber nach Görlitz an der deutschen Ostgrenze. Wenn nicht jetzt, dann sicherlich später ein guter Anlass, um erneut mit Wanderstiefeln in Polen stempeln zu gehen.

Reiseinformationen „Jakobsweg Großpolen“

Anreise

Mit dem Auto über Görlitz oder Frankfurt an der Oder. Mit der Bahn über Berlin und Frankfurt an der Oder. Mit dem Flugzeug ab Frankfurt am Main, München und Düsseldorf nach Posen mit Lufthansa oder LOT

Einreise

Im Schengen-Bereich ist ein Personalausweis ausreichend.

Reisezeit

Optimal zum Wandern sind die Sommermonate von April bis September. Die Städte können auch im Winter bereist werden.

Reiseveranstalter

Neckermann: www.neckermann-reisen.de und TUI: www.tui.com/Reisen

Auskunft

Polen: www.polen.travel/de; Großpolen: www.wielkopolska.travel (auch Unterkunft); Jakobsweg: www.camino.net.pl

Reiseliteratur

Großpolnischer und Niederschlesischer Jakobsweg. Pilgerführer Gnesen-Görlitz-Prag, mit Kartenmaterial, Erstausgabe: Janice 2008, ISBN 978-83-924296-4-7, Neuauflage in Vorbereitung

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