Film zum Lesen – Serie: Zum Jahresübergang die alten und neuen Bücher aus vielen Bereichen (Teil 20/20)

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Dort sind nicht nur für jeden Tag die Geburtstage, sondern auch die Todestage verzeichnet. Und nur, wenn man sich auskennt, weiß man, daß Giulietta Masina auch schon tot ist, aber ihr Todestag eben am 23. März auftaucht. Das steht auch dort unter dem Datum, versehen mit dem Todesjahr 1994. Wo schaut man zuerst nach? Beim eigenen Geburtstag und sieht verwundert, daß auch Martina Gedeck am selben Tag geboren wurde und weitere, aber vor allem, daß Grace Kelly am selben Tag 1982 starb. Einmal angefangen, gibt es kein Halten mehr und tatsächlich haben wir – an der Seite ein Filmnachschlagewerk – gute zwei Stunden herumgestöbert im Jahreskalender, weil eins zum anderen kam.

Zwischen den Monaten sind dann Essays wie: „Warum in den 1990ern die Beziehungskomödie boomte“ oder über „Die Sünderin – Ein deutscher Kinoskandal wird 60“. Herausgehoben durch Fettdruck sind immer die Stars, die Jubiläen feiern, so wie der 1941 geborene Bruno Ganz am 22. März, dem zwei Seiten gelten, wie auch Ewan McGregor, der am selben Tag 40 Jahre wird. Genauso wichtig die Adressen am Schluß, zu Studium und Ausbildung, Buchhandlungen, Filmverleiher – vier Seiten! -, Institutionen, Verlage, DVD-Kaufstellen, Zeitschriften und vor allem: Festivals! Vier Seiten Deutschland, eine Österreich und von Argentinien bis USA auch die internationalen. Dieser Kalender lohnt! Zudem ist er tatsächlich als normaler Taschenkalender nutzbar.

Von Thomas Elsaesser ist der gut recherchierte Band „Hollywood heute“ mit dem Untertitel „Geschichte, Gender und Nation im postklassischen Kino“, erschienen bei Bertz +Fischer 2009. Das ist ein Buch für den Fachmann, der sehr oft eine Fachfrau ist. Aber ein Großteil des Textes ist auch dem Laien verständlich, allerdings nur den Filminteressierten. Und um die geht es. Hier können sie „Hollywood“ im Umbruch nacherleben, wie es zum „New Economy Hollywood“ kam. Wie dumm es allerdings laufen kann, wenn das Englische zum Ausgangspunkt in deutschen Texten wird, sieht man am „(Post-)Klassisches Hollywoodkino: DIE HARD“, das wir im Inhaltsverzeichnis kontinuierlich als „die Hard“ lasen, uns an solchen Filmtitel nicht erinnern konnten, dann aber noch dachten, die Hardt, dieser kleine schöne Gebirgszug in der Pfalz wird doch mit ’dt` geschrieben, aber was hat der in Hollywood verloren, außer, daß es dort wirklich reichlich Wald gibt, was in Hollywood längst vorbei ist.

Des Rätsels Lösung war dann, als wir endlich vernahmen, daß es um den amerikanischen Film „Stirb langsam“ von 1988 ging, woraufhin wir auch „Die Hard“ verstanden. Das Folgende wird dann verständlich, wenn man die „klassischen“ und „postklassischen“ Lesarten und Analysen wirklich studiert, die zum Fazit führen, dem „Pulp Fiction“ angefügt ist, wo es um“ postmoderne Männer, verzweifelt lässig“ geht. Am „Body-Horror“ des dritten Kapitels wird mit dem ewig jungen Mythos Hollywoods „Bram Stoker’s dracula“ aufgeräumt, der tatsächlich – aufgrund des Zusammenbruchs seiner Filmfirma Francis Ford – einem Versager Coppola ein neues Image gab, von dem er – und wir – bis heute leben.

Wenn Thomas Elsaesser dann das Postklassische Kino mit „Pastiche, Palimpsest, mise-en-abyme“ kennzeichnet, bemüht er Begriffe aus den Bezugswissenschaften der Bildenden Kunst und der Geschichte. Mit gutem Recht. Denn erst einmal geht es um die Viefalt und Menge der Zitate von Gemälden in solchen Filmen, die ein italienischer Forscher bei Stanley Kubricks „Barry Lyndon“ auf 271 berechnete, während der Autor für diesen Draculafilm ’nur` zehn namentlich aufzählt. „Mise-en-abyme“ wiederum ist ein Kunstbegriff und Kunstgriff für Selbstreferentielles, wenn beispielsweise in einer Werbung das Produkt mit dem Konterfei des Bewerbers noch einmal als Produkt im Verwendungszusammenhang erscheint, also bei einer Kaffeewerbung, die Kaffeepackung auf einem Tablett beispielsweise serviert wird. So geht es auch in diesen Filmen zu, die sich unaufhörlich selber zitieren und wie ein Palimpsest das Überholte und Ausgewischte durch Sichtbarmachen der alten Schrift neu ins Leben, neu in den Film rufen.

„Sex & Crime“ nennt sich „Ein Streifzug durch die ’Sittengeschichte` des Tatort, den Dennis Gräf und Hans Krah im Verlag Bertz & Fischer herausgegeben haben. Das ist eine feine kleine Studie, die über 40 Jahre Fernsehgeschichte auf den Zusammenhang von Sex und Verbrechen hin untersucht. Und da kommt Erstaunliches heraus: „In den 70er Jahren wird permanent fremdgegangen, um den bürgerlich-konservativen Ehen zu entfliehen. In den 80er Jahren lockert sich die Sexualmoral, Sex wird zum emotional aufgeladenen Rückzugsort vor der brutalen Gesellschaft. In den 90er Jahren fungiert die Prostitution als Hort internationaler Kriminalität und im 21. Jahrhundert tritt Sex gerne in der pervertierten Form auf“. Überprüfen Sie diese Zusammenfassung jeden Sonntagabend oder auch in den vielen Wiederholungen älterer Tatort-Filme in den Länderprogrammen.

Ein gutes Beispiel für die neue Filmreihe in Rowohlt Verlag ist „True Grit“, Roman von Charles Portis, rororo 25662, ein Film der Brüder Coen, der der bejubelte Eröffnungsfilm der Berlinale war. Das Multimediale ist der Zug der Zeit. Es gab immer schon Romane als Filmvorlagen. Es gibt Drehbücher nach Romanen, es gibt aber längst auch Filme, deren Drehbücher erst gleichzeitig mit dem Film als Romane erscheinen. So geschehen mit „Soul Kitchen“ von Fatih Akin. Aber dieser Roman, jetzt nach dem Film „True Grit“ genannt, ist im traditionellen Sinn Vorlage für den Film der Brüder Coen. Er ist 1968 original als „True Grit“ in New York erschienen und schon 1969 als „Die mutige Mattie“ im Rowohlt Verlag herausgekommen.

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Filmkalender 2011, Schüren Verlag Marburg 2010

Thomas Elsaesser,„Hollywood heute. Geschichte, Gender und Nation im postklassischen Kino, Bertz +Fischer 2009

Dennis Gräf/Hans Krah, Sex&Crime. Ein Streifzug durch die ’Sittengeschichte` des Tatort, Bertz+Fischer Verlag 2010 #

True Grit, Roman von Charles Portis, rororo 25662

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