Deilmann-Schwestern entmachtet

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Die Münchener Industrieholding Aurelius hat für einen zweistelligen Millionenbetrag 95 Prozent an der angeschlagenen Neustädter Reederei Peter Deilmann erworben. Das sickerte bei einem Pressetermin an Bord der in Hamburg liegenden „Deutschland“ durch. Aurelius wollte diese Zahl nicht dementieren. Bisher war die Höhe der Beteiligung unklar.

Für die bisherigen Geschäftsführerinnen Gisa und Hedda Deilmann (42), die das Unternehmen 2003 von ihrem plötzlich verstorbenen Vater Peter Deilmann übernommen hatten, wird sich aufgrund der neuen Mehrheitsverhältnisse einiges ändern. Interimsgeschäftsführer Andreas Demel erklärte gestern auf Anfrage, Aurelius sei auf der Suche nach zwei Branchenkennern, die in der Neustädter Reedereizentrale das Heft geschäftsführend in die Hand nehmen. Die Deilmann-Zwillinge würden künftig als Botschafterinnen der „MS Deutschland“ Öffentlichkeitsarbeit betreiben, das Schiff somit nach außen hin repräsentieren.

Auch strategisch krempelt Aurelius die Reederei um. Die Einschiff-Reederei müsse im Markt wieder präsenter werden. Deshalb werde das Personal im Bereich Marketing und Vertrieb mit zusätzlichen Mitarbeitern aufgestockt. Der Firmensitz in Neustadt stehe nicht zur Disposition, hieß es weiter. Dort arbeiten heute 44 Mitarbeiter, an Bord der „Deutschland“ sind es 280. Reisebüros gegenüber will sich Aurelius kulanter zeigen als zuletzt bei Deilmann üblich. Ihnen hatte die Neustädter Reederei keine Verkaufsprovisionen mehr für vermittelte Kreuzfahrten bezahlt, die wegen des Brandes auf dem Schiff kurzfristig abgesagt worden waren. Dazu war das Unternehmen zwar nicht verpflichtet. Konkurrenten verfahren aber großzügig. „Wir müssen das Vertrauen unserer Kunden zurückgewinnen“, erklärte Demel gestern.

Weiterer Schritt: Um die Klassifizierung der „Deutschland“ mit fünf Sternen Superior langfristig sicherzustellen, werde das 1998 in Dienst gestellte Kreuzfahrtschiff behutsam modernisiert. So prüfe man, den 175 Meter langen Luxusliner umzubauen, möglicherweise mit Balkonen auszustatten. Bei neuen Kreuzfahrtschiffen gehört dies heute zum Standard. Alternativ werde darüber nachgedacht, ein Schwesterschiff der „Deutschland“ zu bauen. Entsprechende Pläne liegen bei Deilmann bereits seit drei Jahren in der Schublade, wurden aber nicht realisiert, weil, so Gisa und Hedda Deilmann, die Wirtschaftskrise und zuletzt der Brand im Maschinenraum des Schiffes die Reedereierlöse dramatisch reduziert hätten. „Wir haben leider traumatische Erfahrungen mit rücksichtslosen Banken gemacht“, sagten die Zwillinge. Zu ihrer Entscheidung, einen Investor ins Haus zu holen, erklärten sie: „Leider hat heute keine Familie mehr die Finanzmittel, um die Zeiten internationaler Zusammenschlüsse zu bestehen.“ Sie seien sicher, so Gisa und Hedda Deilmann, dass ihr Vater selbst nicht gezögert hätte, „den von uns beschrittenen Weg auch zu gehen“.

Neuigkeiten gibt es auch im Fernsehteam des ZDF-„Traumschiffs“: Schiffsarzt Nick Wilder (57) ersetzt Horst Neumann (84). Die Zusammenarbeit der Reederei mit dem Mainzer Sender tastet Aurelius nicht an. „Das ist eine erfolgreiche Kooperation“, sagte Demel. Der Vertrag war erst vergangenen Jahr bis 2015 verlängert worden. Die „Deutschland“ hat Hamburg inzwischen verlassen und kehrt nach 150-tägiger Weltreise ab Monte Carlo (Preis ab 28 000 Euro pro Person) erst am 25. Mai nach Deutschland zurück. Sie macht in Kiel fest.

Aurelius ist eine börsenorientierte Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in München. Sie hält unter anderem Anteile an dem Spirituosenhersteller Berentzen und dem Radioanbieter Blaupunkt.

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