Der Angeschmierte – Die Schaubühne eröffnet die Spielzeit mit „Der Menschenfeind“

Szene mit Lars Eidinger und Judith Rosmair

Molières Kritik lässt sich auf die Gesellschaft unserer wie auch jeder anderen Zeit übertragen, wobei nicht mehr herauskommt als die alte Wahrheit, dass die Schönen und Reichen häufig nicht die Guten und Edlen sind.

Neben den vergnügungssüchtigen oberflächlichen gab und gibt es immer auch die tiefsinnig ernsthaften Menschen. Wenn nun einer von diesen in blinder Leidenschaft für ein flatterhaftes Wesen entbrennt, sich von diesem täuschen lässt und in dem unsteten Geschöpf einen reinen Engel zu erkennen glaubt, so ist das eine altbekannte Tragödie, deren Betrachtung sowohl Schadenfreude als auch Mitleid hervorrufen kann.  In seiner vor 337 Jahren uraufgeführten Tragikomödie porträtiert und karikiert Molière menschliche Verhaltensweisen, die sich seit damals nicht verändert haben.

Andreas Kriegenburg hat das Stück aktualisiert, indem er die heutige Single-Gesellschaft auf die Bühne brachte, die es zu Molières Zeiten in der Form nicht gab, Menschen, die ihre Jugend hinter sich haben und, weil sie nicht bereit oder imstande sind, dauerhafte Bindungen einzugehen, sich in einem Leben mit ständig wechselnden Affären einrichten.

In Ivo van Hoves Inszenierung in der Schaubühne sind Célimène und ihre Verehrer eine Clique von albernen, egozentrischen jungen Menschen, die sich offenbar noch austoben müssen. Ob sie tatsächlich hinterhältig und verlogen sind oder sich einfach einen Spaß daraus machen, über abwesende Personen herzuziehen, denen sie in Anwesenheit mit größter Liebenswürdigkeit begegnen, lässt sich nicht ausmachen.

Geistreich sind diese Unterhaltungen jedenfalls nicht, und so ist es verständlich, dass Alceste sich davon abgestoßen fühlt. Er tut sich die ausgeflippte Gesellschaft nur an, weil er in die schöne Célimène verliebt ist, wobei er von dem Wunschdenken beherrscht ist, dass Célimène sich in dieser Gesellschaft ebenso wenig wohl fühlen möge wie er selbst.

Zu Beginn erscheint Lars Eidinger als Alceste seriös und sympathisch. Er übertreibt mit seinem Ehrlichkeitsfanatismus, aber das erscheint als nachvollziehbare Reaktion auf den leichtfertigen Umgang mit der Wahrheit, die er bei den Anderen erlebt.

Auf die Provokationen des Dichterlings Oronte reagiert Alceste zunächst mit bewundernswert höflicher Zurückhaltung. David Ruland legt eine ungeheuer penetrante Aufdringlichkeit an den Tag, wenn er als Oronte die Freundschaft von Alceste einfordert, ihm ein schlechtes Gereimsel vorliest und diesbezüglich ein unbedingt ehrliches Urteil zu hören befiehlt, das jedoch unbedingt positiv auszufallen hat. Alceste zeigt ein hohes Maß an Beherrschung bis er, derart genötigt und in die Enge getrieben, schließlich die Geduld verliert. Dann aber grölt Alceste einen Songtext, der auch nicht unbedingt zur Weltliteratur gehört und preist diesen als allerhöchste Kunst. So entsteht der Verdacht, dass der Menschenfeind nur ein Rechthaber ist, nicht besser als der Rechthaber Oronte und, wie dieser, lediglich darauf aus, seine Meinung als die allgemein gültige durchzusetzen.

Auf einer Party legt Lars Eidinger sich auf den Tisch, beschmiert sein Gesicht mit Nahrungsmitteln, drückt sich eine Torte und eine ausgehöhlte halbe Melone auf den Kopf und lässt schließlich die Hose herunter, um sich Wiener Würstchen zwischen seine Hinterbacken zu schieben, was auch auf einem Bildschirm in Großaufnahme zu verfolgen ist.

Bei einem Teil des Publikums löste diese Szene brüllendes Gelächter aus, während der andere Teil wohl eher leicht angeekelt war.  Eidinger befreit sich dann zwar von den Esswaren und wischt sich das Gesicht ab, bietet jedoch bis zum Schluss einen schmierigen Anblick.

Sein Alceste leistet sich später noch weit Übleres als den Party-Gag, wenn er Eliante, die für ihn schwärmt, zu vergewaltigen versucht und danach Célimène beinahe erwürgt.

Der Mann verliert den Verstand, nicht aus Ekel aus über die Verlogenheit seiner ZeitgenossInnen, sondern aus leidenschaftlicher, verzweifelter Liebe.

Bei Molière trennen sich Célimène und Alceste am Ende. In van Hoves Inszenierung stehen sie in enger Umarmung da, zwei Menschen, die überhaupt nicht zu einander passen und dennoch nicht von einander loskommen.

Judith Rosmair als Célimène zieht allein schon durch ihr flammend rotes, leicht geschürztes Kleid alle Blicke auf sich. Kostümbildnerin An d’Huys hat die übrigen Mitwirkenden mit wenig auffallender heutiger Alltagskleidung versehen.

Diese Célimène ist ein Zauberwesen, schön, charmant, verführerisch und geheimnisvoll. Bosheiten und Komplimente kommen ihr gleichermaßen beiläufig und elegant über die Lippen. Sie versteht es, zu schmeicheln und zu becircen, ist aber auch imstande, sich gegen bösartige Attacken ausdrucksvoll zur Wehr zu setzen, wie Judith Rosmair in einer hinreißenden Szene mit Corinna Kirchhoff (Arsinoé) beweist.

Corinna Kirchhoff, in schlichtes Grau gekleidet, erscheint dennoch wie eine große Dame, formvollendet, zu Beginn leicht unterkühlt, sehr beherrscht und scheinbar einfühlsam. Unter der vorgeblichen Besorgnis, mit der Arsinoé die jüngere Célimène wegen ihres leichtfertigen Lebenswandels rügt, schwelt, fein dosiert, der Hass auf die Rivalin, der dann, im Schlagabtausch mit Célimène, zum Ausbruch kommt.

Auch später erweist Corinna Kirchhoff sich als eine Meisterin der Nuancen. Wenn Arsinoé dem gerade von Célimène bitter enttäuschten Alceste einen eindeutigen Antrag macht, so klingt der  wie der vernünftige Vorschlag, auf der Basis von Seelenverwandtschaft eine Partnerschaft einzugehen. Arsinoés brennende Leidenschaft ist dennoch spürbar, aber so weit unter Kontrolle gehalten, dass Arsinoé die Abfuhr von Alceste hinnehmen kann, ohne das Gesicht zu verlieren.

Eliante (Lea Draeger), Cousine von Célimène, wird am Ende erwachsen. Lea Draeger findet wundervoll verinnerlichte Töne in ihrer kindlichen Schwärmerei für Alceste, empört sich wie eine jugendliche Heldin über Célimènes Betrügereien, und schließlich erscheint die quirlige Eliante ganz harmonisch in sich ruhend, nachdem sie sich entschieden hat, Philinte (Sebastian Schwarz) zu heiraten, den Mann, der sie seit langem heimlich geliebt hat.

An Philintes aufrichtiger Liebe zu Eliante scheint es in der Tat keinen Zweifel zu geben, obwohl Philinte auch der Mann ist, der seinem Freund Alceste erklärt hat, Heuchelei sei eine gesellschaftliche Übereinkunft, mit der man sich abfinden müsse und könne, und Philinte ist auch der Mann, der, obwohl ihm Orontes Gedicht ebenso wenig gefiel wie Alceste, dem Dichter ein aufrichtig klingendes großes Lob für sein Machwerk ausgesprochen hat.

Alle Menschen in diesem Stück haben mehrere Gesichter, verlogene ebenso wie wahrhaftige, so wie alle Menschen.

Bühnenbildner Jan Versweyveld hat eine Art Ausstellungsraum geschaffen, ganz in weiß mit wenigen weißen Versatzstücken. Die Stahlstreben an der Rampe erwecken den Eindruck, hier seien Menschen hinter Glas zu sehen. In der Rückwand ist ein als Sprossenfenster getarnter Bildschirm zu sehen. Dort sind Details der Aufführung und häufig, in Großaufnahmen, die Gesichter der SchauspielerInnen zu sehen während sie auf der Bühne agieren, aber auch die Garderobe kommt ins Bild, in der Alceste randaliert und die Straße, auf die Célimène hinausläuft, als sie Alceste verlassen will.

Die Videokameras überwachen alle, und die handelnden Personen überwachen sich gegenseitig. Sie sind mit den nötigen technischen Geräten ausgestattet, die es ermöglichen, einander auszuspionieren und Beweise in Bild und Ton zu präsentieren.

Das Schaubühnen-Ensemble zeigte ein großartiges Zusammenspiel, und besonders beeindruckend ist der Umgang mit der Sprache bei allen AkteurInnen, die Molières gedrechselte Verse in der Übersetzung von Hans Weigel gut artikuliert und so beiläufig und selbstvertändlich zu Gehör bringen, als handle es sich um heutige Alltagssprache.

„Der Menschenfeind“ von Molière hatte am 19. September Premiere in der Schaubühne. Weitere Vorstellungen: 24.09., 21., 22. und 23.10.2010.

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