Berlin, Deutschland (Weltexpress). Für die deutsche Presse scheint alles ganz klar zu sein – die bösen Russen haben die Bundeswehr abgehört, Planungen für deutsche Raketen auf Moskau sind harmlos, aber das Lauschen ist Grund zur Empörung. Dabei ist noch nicht einmal klar, wer wirklich gelauscht hat, und schon gar nicht, warum.

Die Berichterstattung deutscher Medien über das Bundeswehr-Telefonat ist wirklich erstaunlich. Nicht nur, weil der Inhalt des Gesprächs so gar keine Rolle spielt, als hätten sich die vier Offiziere über die Planung eines Frühlingsballs unterhalten oder die Speisekarte des Kasinos besprochen (stimmt, das gibt es nicht mehr, weil das alles längst privatisiert ist). Aber ebenso erstaunlich ist es, dass ohne jede weitere Überlegung davon ausgegangen wird, nur weil RT-Chefredakteurin Margarita Simonjan andeutete, die Aufnahme von einem russischen Dienst erhalten zu haben, deshalb auch ein russischer Dienst diese Daten beschafft haben muss.

Eigentlich wäre an diesem Punkt erst einmal ein gründlicheres Nachdenken angebracht. Aber es ist natürlich praktischer, so zu tun, als wäre alles klar, schon allein deshalb, weil Aussagen wie die von Verteidigungsminister Boris Pistorius, man dürfe „Putin nicht auf den Leim gehen“, dann nicht mehr funktionieren könnten.

Aber stellen wir uns doch einfach einmal ganz dumm. Da sprechen vier Personen miteinander, über eine Konferenzsoftware im Internet. Der erste Schritt des Nachdenkens besteht darin, aufzuzählen, wer alles Zugang zu den Daten gehabt haben könnte.

Da sind zuerst die vier Teilnehmer selbst. Dann befand sich einer dieser Teilnehmer in einem Hotel in Singapur, mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Raum mit Außenfenstern. Es gab also mehrere Optionen, an diesem Endpunkt mitzuhören, ob nun über eine Wanze im Raum selbst oder über hochtechnologische Varianten wie Abhören über Infrarotlaser. Die Daten liefen aber auch über das Internet, das an einigen Punkte auf der Strecke bekanntermaßen überwacht wird, beispielsweise im Frankfurter Netzknoten. Und dann war die Software, mit der telefoniert wurde, ein Produkt des US-Konzerns Cisco, die wie alle US-Software – und das auf Grund einer bekannten gesetzlichen Vorgabe – eine Hintertür für US-Dienste besitzt (die selbstverständlich auch jeder andere nutzen kann, der im Besitz der erforderlichen Daten ist).

Das sind ziemlich viele Varianten. Mercouris und Christophorou von The Duran tippen beispielsweise entweder auf einen chinesischen Geheimdienst oder auf Singapur selbst, das zwar Sanktionen gegen Russland verhängt habe, aber nur auf Druck der USA und ohne allzu großen Eifer. Über die Hintertüren wäre eine Reihe von US-Diensten denkbar (auch wenn es etwas schwierig ist, sich den weiteren Weg der Daten vorzustellen), und über den Frankfurter Netzknoten eben der BND.

Dabei ist die Frage, ob die Daten im Netz verschlüsselt sind oder nicht, nur in Fällen extrem guter Verschlüsselung relevant; da keine Notwendigkeit besteht, live zu dekodieren, darf das ruhig etwas Rechnerzeit beanspruchen, um so ein Paket aufzuschlüsseln.

Ja, und wenn so etwas über das interne Netz eines Hotels geht, könnte fast jedermann zugegriffen haben. Klar, irgendwie landeten die Daten in Russland, und in den Händen Simonjans. Aber das Wie ist alles andere als eindeutig.

Die eindeutige Zuweisung nach Russland erfüllt hier eher den Zweck, das eigene Narrativ abzusichern. Denn weder darf wahrgenommen werden, wie viele internationale Akteure geneigt sein könnten, dem Westen eins auszuwischen, noch, dass womöglich gar ein innerer Dissens besteht.

Man kann die möglichen Verdächtigen in drei Gruppen unterteilen. Gruppe 1 sind diejenigen, die sich die Daten auf dem Weg des klassischen Abhörens beschafft haben können (also durch akustische Überwachung eines Endes der Kommunikation). Gruppe 2 sind externe Akteure, die möglicherweise in den Datenverkehr eingedrungen sind. Und Gruppe 3 sind unterschiedliche Varianten von internem Dissens.

Klar ist, die Mitglieder von Gruppe 1 brauchen die physische Präsenz. Die Bevölkerung von Singapur ist laut Wikipedia zu 76,8 Prozent chinesischer, zu 13,8 Prozent malaischer, zu 7,9 Prozent indischer und zu 1,4 Prozent sonstiger Abstammung. Nachdem Singapur auch eine Bedeutung als Finanzplatz hat, kann man davon ausgehen, dass die Dienste all jener Länder, deren Einwohner unauffällig als Einheimische durchgehen können, diese Möglichkeit auch nutzen. Also neben den staatlichen Behörden Singapurs selbst wären das China, Malaysia und Indien… alle drei nicht so wirklich in innigster Beziehung zum kollektiven Westen, auch wenn einzig China zu den erkennbaren Opponenten zählt. Wenn man bedenkt, dass derartige Informationen eine Ware sind, mit der man Beziehungen pflegen kann, gibt es allein am Endpunkt Singapur vier Optionen, und keine davon ist russisch.

Ein russisches „Abhören“ läge eher in Gruppe 2, bei jenen, die das Gespräch womöglich aus dem Datenverkehr gezogen haben. Da finden sich noch ganz andere Verdächtige; im Prinzip sind sogar beliebige Hacker vorstellbar, die derartige Daten abfischen und im Falle eines Fundes dann an mögliche Interessenten veräußern. Diese müssen gar nicht hinter dieser Art Daten her sein, politisch relevante Informationen wären da eher Beifang beim Fischen nach Finanzinformationen…

Es gibt allerdings ein kleines Detail, das ein Hinweis sein könnte, der eher gegen Gruppe 2 spricht. Zu Beginn der Aufnahme findet sich der Satz „Sie treten nun der Konferenz bei“. Wenn ein neuer Teilnehmer in eine Telefonkonferenz kommt, ist diese Ansage nicht bei allen Teilnehmern zu hören, sondern nur bei jenem Teilnehmer, der tatsächlich neu hinzukommt. Gesetzt den Fall, dieser Satz ist nicht in das Gespräch hineingeschnitten, bedeutet das, die Daten wurden an dem Ende abgeschöpft, an dem der Teilnehmer saß, der neu hinzugekommen ist. Das ist auch insofern logisch, weil offenkundig die anderen zuvor bereits miteinander gesprochen hatten, dieser Teil des Gesprächs aber nicht übermittelt ist.

Nachdem die ersten Sätze eine ziemlich schlechte Audioqualität haben, bin ich mir zumindest nicht ganz sicher, dass es sich um den Gesprächsteilnehmer aus Singapur handelt. Aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, weil sich dieser Teilnehmer mit „Servus“ meldete, und der Luftwaffengeneral Frank Gräfe, der in Singapur war, große Teile seines Lebens in Bayern verbracht hat.

Was Gruppe 1 vor Gruppe 2 bringt, weil der Ort, von dem die Daten stammen, eindeutig bestimmt ist. Das Problem ist allerdings Gruppe 3.

Drei der Gesprächsteilnehmer wären, sofern die automatische Begrüßung echt ist, persönlich zumindest entlastet. Diese Version des Gesprächs können sie weder aufgezeichnet noch weitergegeben haben, weil dieser Satz bei ihnen nicht zu hören gewesen sein kann. Gräfe selbst könnte es nach wie vor jederzeit gewesen sein.

Was, und auch das sollte man festhalten, aus einem Mitverschwörer bei der Vorbereitung eines Kriegsverbrechens eventuell einen Helden machen würde, auch wenn die deutschen Medien das wieder völlig anders sähen. Aber es gibt noch einen ganz anderen Punkt.

Der Datenfluss über den Frankfurter Netzknoten wird, das ist seit Jahren bekannt, vom BND überwacht. Eine Überwachung, die durchaus in beide Richtungen geschieht; es ist allerdings nur der Datenfluss aus und nach Singapur, der über diesen Knoten muss. Das wäre die zweite interne Variante – das Gespräch wird im Zuge dieser Überwachung aus dem Netz gefischt, und dann, auf welchem Weg auch immer, weitergereicht. Dafür ließe sich sogar ein politisches Motiv finden; perverserweise gleich doppelt, weil die deutsche Berichterstattung derart verzerrt ist.

Denn wenn man insbesondere die Reaktionen deutscher Politiker liest, wird da immer wieder erklärt, das Telefonat habe die Behauptung von Bundeskanzler Olaf Scholz, die Taurus-Raketen müssten von deutschen Soldaten begleitet werden, widerlegt. Das ist zwar nicht richtig, weil die Voraussetzung für ein „Nichtbegleiten“ darin bestünde, dass andere NATO-Soldaten diesen Teil übernehmen, und die im Gespräch erwähnten vier Monate Ausbildung, die die Ukrainer benötigen würden, ehe sie mit komplexeren Aufgaben umgehen könnten – immer noch unter Lieferung deutscher Daten – sind auch ein Indiz dafür, dass das alles so simpel nicht ist. Interessant war auch, dass für die Anpassung der Taurus an das in der Ukraine überhaupt vorhandene Fluggerät sogar mit acht Monaten gerechnet wurde. Aber gut, dem deutschen Publikum wird die Aufnahme selbst wie auch ihr Transkript vorenthalten, unter diesen Bedingungen kann man viel erzählen.

Wenn man aber davon ausgeht, dass genau dieser Umgang mit der Information erwartet wurde, dann hätten sogar die Befürworter eines derartigen Einsatzes die Aufzeichnung weitergeben können, in der Erwartung, daraus Honig saugen zu können. Gleichzeitig hätte jemand, der sie aus den Reihen der Gegner einer Taurus-Lieferung weitergab, darauf hoffen müssen, dass die enthaltenen Informationen sich trotz der weitgehenden Gleichschaltung in ihrer inhaltlichen Brisanz Bahn brechen würden.

Bei Letzterem gibt es zwei Varianten: die Verbindung zwischen BND und Kanzleramt ist enger als die mit den anderen Diensten, es ist also nicht völlig auszuschließen, dass Olaf Scholz selbst (oder eben der Kanzleramtschef) um Schützenhilfe gebeten hat, weil die Berliner Blase gar so uneinsichtig ist, was das Risiko dieser Lieferung betrifft. Oder aber es gibt doch noch, irgendwo entlang der Lauschkette, Menschen, die verhindern wollen, dass das Land noch tiefer in einen völlig irrwitzigen Krieg verstrickt wird.

Eine weitere Version lieferte im Focus der Oberst a.D. Ralph Thiele. „Wir müssen davon ausgehen, dass zahlreiche Nachrichtendienste deutsche und auch Bundeswehrnetze abhören – übrigens auch deutsche Dienste“, erklärte er.

„Gegenüber Focus online sagte er: ‚Grundsätzlich gibt es zwei »Verdächtige«‘, die das Gespräch abgehört und in Umlauf gebracht haben könnten. Zum einen die westlichen Staaten. Sie könnten ein Interesse daran haben, das vorsichtige Vorgehen von Bundeskanzler Scholz zu untergraben, so der Militärexperte.

Putin wiederum habe ein Interesse daran, das Vertrauen in die Bundesregierung durch Maßnahmen der hybriden Kriegsführung zu untergraben.

‚Da in der hybriden Kriegsführung – in der zum Beispiel auch die Briten Meister sind – bevorzugt über Dritte agiert wird, ist zunächst nichts so, wie es scheint.‘ Vor einer vorschnellen Bewertung sei größte Vorsicht geboten, meint Thiele.“

Das sind Sätze, die man dechiffrieren muss. Und es ist sehr interessant, dass er auf die Briten hinweist; schließlich hat die Bemerkung, dass „bevorzugt über Dritte agiert wird“, in diesem Zusammenhang im Grunde die Bedeutung, dass gerade, weil russische Dienste diese Daten zur Veröffentlichung gegeben haben, sie mit hoher Wahrscheinlichkeit eben nicht von russischen Diensten erlangt wurden.

Thiele ist nun jemand, der mit Sicherheit beste Verbindungen hat, sowohl in Richtung Bundeswehr als auch in Richtung verschiedenster Dienste; außerdem sitzt er im Beirat des Arbeitgeberverbands. Während man die meisten Aussagen von Personen wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann einfach so weglesen kann, ist Thiele jemand, der eine Botschaft an der Oberfläche, und eine andere im Subtext liefern kann. Und er deutet auf deutsche Dienste und auf die Briten; der Satz zu Putin ist Dekoration.

Bei derart vielen Möglichkeiten kann man schon einige Zeit damit verbringen, sie hin- und herzuwälzen und zu jeder einzelnen davon Motiv und Ziel überlegen. Die sichtbare Handlung, also die Übergabe der Aufnahme an Simonjan mit darauf folgender Veröffentlichung, ist nur die äußerste Oberfläche eines Ereignisses, dessen tatsächliche Akteure mitnichten mit dem übereinstimmen müssen, was auf den ersten Blick zu sehen ist.

Man kann aber auch die Version für ganz Dumme liefern, wie Strack-Zimmermann. Die ignoriert, dass es auch auf russischer Seite nicht eine Person gibt, die alles entscheidet, sondern einen politischen Entscheidungsspielraum, der sich erweitern und verengen kann. Wobei die bisherige Haltung der russischen Regierung sehr zurückhaltend war, diese Zurückhaltung aber desto schwerer wird, je massiver die Beteiligung wird.

Ihre Formulierung, „Putin (…) empfindet uns schon als Feinde. Und deswegen greift er uns an. Nicht mit Raketen, sondern mit hybriden Möglichkeiten“, ist völlig absurd, wenn es gerade um die Grenze zwischen einer nicht-kinetischen und einer kinetischen Auseinandersetzung geht. Der Zeitpunkt, an dem die russische Regierung feststellt, nicht mehr umhin zu können, Deutschland als Teilnehmer an diesem Krieg zu betrachten, dürfte allerdings auch für Strack-Zimmermann erkennbar sein – das ist an dem Morgen der Fall, an dem sie aufwacht und sieht, dass sich an der Stelle des Bundeskanzleramts eine rauchende Trümmergrube befindet. Und das ist noch die konventionelle Version.

Manchmal hat man den Eindruck, die gesamte Berliner Blase ginge davon aus, dass jedes Land der Welt es so schweigend hinnimmt, wenn wichtige Infrastruktur zerstört wird, wie sie selbst es bei Nord Stream tun. Und man könne es – unter dem Schutz des feindseligen Verbündeten USA – wagen, mal eben ein paar Raketen gegen eine Atommacht zu schicken. Dabei wäre gründliches Nachdenken und, darauf basierend, vorsichtiges Agieren das Minimum, was im nationalen Interesse gefordert wäre. Ganz abgesehen von den vielfältigen Möglichkeiten, die sich unter der Oberfläche dieses Leaks verbergen, wird nicht einmal die Botschaft an der Oberfläche verstanden. Die schlicht lautet:

Denkt nach. Noch habt ihr Zeit dafür.

Anmerkungen:

Vorstehender Beitrag von Dagmar Henn wurde am 4.3.2024 in „RT DE“ erstveröffentlicht. Die Seiten von „RT“ sind über den Tor-Browser zu empfangen.

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