Bockwurst in der kaiserlichen Kutscheneinfahrt – Ein ’offenes` Gericht in Leipzig

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Der antik-römische bzw. italienische Einfluss auf die Architektur lässt sich nicht verleugnen. Das Gebäude hatte in seiner 105jährigen Existenz viele Hausherren: Von 1895 bis 1945 urteilte hier das Reichsgericht als Oberstes Gericht Deutschlands. Zu DDR-Zeiten, seit Anfang der 50er Jahre waren hier zwei Museen untergebracht, das Georgi-Dimitroff-Museum, zur Erinnerung an den weltbekannten Reichstagsbrandprozess und an seinen Star Georgi Dimitroff und die Galerie der bildenden Künste vor allem mit Werken aus dem 19. / 20. Jahrhundert. Seit 2002 hat das Bundesverwaltungsgericht im Zuge des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik Deutschland ein neues, nicht ganz preiswertes, Domizil erhalten.

Der interessierte Bürger erfährt: „Die Dritte Gewalt des Staates entscheidet hier über alle öffentlich-rechtlichen Streitigkeiten im Verhältnis von Bürger und Staat soweit nicht der Rechtsweg zu anderen Gerichten beschritten werden kann. Dazu gehören zum Beispiel Ausländer- und Asylrecht, Beamtenrecht, Fragen des Wirtschaftsverwaltungs-, Bau- und Planungsrechts, Umweltschutz, Kommunalrecht usw. usf. Maßstab ist aber immer das Anwenden von Bundesrecht.“ Rechtsaufklärung hautnah”¦

Viel Volk mit Kind und Kegel, von der Oma bis zum Kleinstkind im Kinderwagen füllen die Empfangshalle, deren Höhe an eine Kathedrale erinnert. Die weißen Wände und der spiegelnd, helle Steinfußboden wirken prachtvoll, aber freundlich. Am Tag der offenen Tür des Bundesverwaltungsgerichts kommen Besucher aus Leipzig, der näheren und weiteren Umgebung. Freundliche Angestellte des Gerichts helfen beim Gang durch die Räume. Licht fällt durch vier überdimensionale halbrunde farbige Bleiglasfenster an den vier Seiten des hohen Saales des Hohen Gerichts. Ruth S. aus Leipzig lässt sie sich von einem vorbei huschenden Richter erklären: „Die vier Himmelsrichtungen werden dargestellt. Wichtige Städten wie Hamburg und Bremen im Norden oder Straßburg im Westen mit den jeweiligen Wappen und Branchen wie Handel oder Arbeitswelt sind zu sehen”¦“

Es hat sich herumgesprochen, dass der wilhelminische Protz-Verwaltungsbau interessante Räume hat: Der ’Große Gerichtssaal` vollständig eingepackt im edlen, rötlich-braunen Holz und reichlich verziert mit vergoldeten Wappen, Ornamenten und Pflanzenranken erinnert mehr an einen Saal in einem Schloss weniger an einen Raum in einem Verwaltungsgebäude. Zwei Kronleuchter in Form einer Lampentraube spenden gelbliches warmes Licht und erhöhen die Würde des Saales. Hier fanden historisch und politisch wichtige Prozesse statt, wurde über Festungshaft und Todesstrafen, Hoch- und Landesverrat entschieden. Karl Liebknecht wurde z. B. wegen Hochverrat verurteilt. Hier verloren die Nazis im weltbekannten Reichstagsbrandprozess 1933 ihren letzten Prozess.

Einen anderen Saal nutzte der der Reichsgerichtspräsident der Kaiserzeit und der Weimarer Republik als Festsaal für seine privaten Geburtstagsfeiern und offiziellen Empfänge. Im Festsaal arbeitete zu DDR-Zeiten ein bekanntes Studio der DEFA zum synchronisieren von fremdsprachlichen Filmen. Die Rekonstruktion dieses historischen Raumes war deshalb vor zehn Jahren besonders aufwendig. Heute hängen wieder riesige Kronleuchter mit langen Lüstern. Die Wände mit grünem und rötlichem Stuckmarmor, mit Spiegeln, vergoldetem Stuck und überdimensionalen Gemälden bestätigen den Namen „Festsaal“ (heute nüchtern „Versammlungsraum“).

Zu den historischen Räumen gehören das frühere private Speisezimmer des Reichsgerichtspräsidenten mit einer sorgfältig restaurierten Holz-Facetten-Decke sowie das so genannte Kaminzimmer – in dem die heutige Präsidentin des Bundesverwaltungsgerichts ihr Büro hat. Am Tag der offenen Tür des Bundesverwaltungsgerichtes hat auch sie ihr Büro geöffnet und beantwortet bereit-willig die vielen Fragen der Besucher. In der Kutscheneinfahrt zu kaiserlicher Zeit gibt’s heute Bockwurst Schnitzel und Erdbeertorte. Der Lichthof, den die Architekten seiner Zeit im italienischen Innenhofstil gebaut haben, lädt zum Verweilen ein. Eine sehenswerte Prise ’Italien` in mitten eines Verwaltungskomplexes in Leipzig.

„Es ist heute seit dem Umzug des Bundesverwaltungsgerichts von Berlin in dieses Haus im Jahr 2002 unser dritter Tag der ’Offenen Tür’.“, erklärt Richterin Dr. Sibylle von Heimburg, Pressesprecherin des Hohen Hauses. „Interessierten sich während der ersten Tage der ’Offenen Tür’ die Besucher vorrangig für das Gebäude und seine aufwendige Restauration, so nutzen dieses Mal viele Besucher die angebotenen Informationen in Gesprächen, Videos und Schautafeln über unsere Arbeitsweise.“

Resümee: 4.650 Besucher kamen, informierten sich über die Arbeit des Gerichts und erfreuten sich an den restaurierten Räumen, die keine langweiligen Büroräume waren sondern Geschichte preisgaben.

Wer den Termin verpasst hat – kein Problem! Das Gericht führt vorher angemeldete Führungen durch. Leipzig hat einen attraktiven touristische Kleinod, der dosiert wahrgenommen werden kann. Denn in erster Linie hat der Hausherr – das Bundesverwaltungsgericht – die Aufgabe Recht zu sprechen.

Trotzdem sind Gäste willkommen. Bitte vorher anmelden per Fax 0341-2007-1000 oder per Brief (Anschrift: Die Präsidentin des Bundesverwaltungsgerichts, Postfach 100854, 04008 Leipzig) oder mit dem Online-Anmelde-Formular (www.bverwg.de).

Das Bundesverwaltungsgericht befindet sich schräg gegenüber vom Neuen Rathaus etwa 20 Gehminuten vom Leipziger Hauptbahnhof entfent.

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