Basti, was nun? – „Also doch eine Minderheitsregierung – mit Ablaufdatum?“

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Bundeskanzler Sebastian Kurz, Wien, 20.5.2019. © BKA, Foto: Dragan Tatic

Wien, Österreich (Weltexpress). Zwar ist Sebastian Kurz kein Pyrrhus. Wir erinnern uns – König Pyrrhos I. von Epirus soll, nach seinem verlustreichen Sieg über die Römer 279 v. Chr ausgerufen haben: „Noch so ein Sieg und wir sind verloren!“ Nein, der Wahlsieg dieses jüngsten Altkanzlers der Geschichte war keineswegs ein Pyrrhussieg – vielleicht ein Sieg mit Wermutströpfchen, hatte Kurz doch die hohe 42,3-Prozent-Schwelle seines Vor-Vorgängers Wolfgang Schüssel im 2000 deutlich verfehlt. Dennoch: Kurz scheint genau zu wissen, was die Wähler wollen; die Umfärbung vom miefigen Schwarz ins trendige Türkis war erfolgreich – und nachhaltig.

Nur in der Wahl seines Koalitonspartners hat Kurz in den Fußstapfen seines Vorbilds und Mentors letztlich genauso danebengegriffen wie einst Schüssel, der sich mit der FPÖ einen willfährigen Steigbügelhalter in die Regierung geholt hatte. Die FPÖ, einst aus dem braunen Sumpf des Nationalsozialismus gekrochen, ist – weiterhin – nur sehr beschränkt demokratietauglich und daher kaum regierungsfähig.

Jörg Haider war einst ebenso der strahlende „Sunny Boy“, Idol der solariumsgebräunten Wohlstandsjünglinge aus der Provinz und den Vorstädten wie sein (nicht ganz so intelligenter) Nachfolger H-C Strache. Beide haben trunken von Alkohol, Korruptheit und Selbstherrlichkeit ihr schönes Vehikel mit Vollgas gegen die Wand gefahren: Haider im Vollsuff seinen VW Phaeton V6 (und zuvor das von ihm regierte Bundesland Kärnten) – und Strache gleich seine ganze Partei, die sich mit einem Verlust von 10 Prozentpunkten bis auf weiteres von einer Regierungsbeteiligung verabschiedet haben dürfte.

Doch – Basti was nun? Die beiden großen Verlierer – FPÖ und SPÖ – sind also für ihn als Partner kaum akzeptabel: Bei der SPÖ beruht die Abneigung auf Gegenseitigkeit. Und ein neues Bündnis mit der FPÖ wäre höchst riskant und in den eigenen Reihen sehr umstritten.

Die glanzvoll rehabilitierten Grünen wären angesichts der Aktualität des Klima-Themas als Partner durchaus verlockend, zumal Kurz junge Wähler ansprechen will und muss. Schüssel hatte dies 2003 in zähen Verhandlungen mit Van der Bellen versucht – und kapituliert.

Ein Drittel der Kurz-Wähler kommt heute aus dem rechten Lager: 260 000 von der FPÖ, nicht gerechnet jene, die 2017 vom BZÖ und der Liste Stronach zur ÖVP gestoßen sind. Die sozialen Forderungen der Grünen würden bei diesen auf Granit stoßen und Kurz müsste vor allem auf seine Migrationspolitik verzichten – bekanntlich sein Markenzeichen. Und bei den Neos könnte der Konservatismus der ÖVP auf Widerstand stoßen. Also vielleicht eine Minderheitsregierung – mit Ablaufdatum? Das könnte diesen Wahlsieg am Ende doch in einen Pyrrhussieg verwandeln.

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