Ägypten: Abschied von Mubarak-Ära

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Es gibt wohl viele mögliche Antworten auf diese Frage. Einige Soldaten haben damit begonnen, sich den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz anzuschließen, was die Generäle in Angst versetzt hat. Es sieht so aus, dass dies der Grund war, weshalb die Generäle den Präsidenten zum Rücktritt zwangen.

Darüber hinaus ist Mubarak zu alt (1928 geboren), um gegen die schwerste Krise in der Geschichte des Landes anzukämpfen. Am wahrscheinlichsten ist, dass Mubarak selbst zu diesem Enschluss gekommen ist, nachdem seine TV-Botschaft an das Volk am Donnerstag nicht die erwünschte Wende brachte.

In den kommenden Monaten und Jahren werden zu diesem Thema eine Reihe von Artikeln, Büchern geschrieben oder sogar Filme gedreht. Dreißig Jahre am Ruder der Macht liefern viel Stoff, um das Wirken Mubaraks zu beleuchten.

Experten ziehen derweil ihre Schlüsse aus der Regierungszeit des dritten Präsidenten Ägyptens.

Mit Mubarak ist ein korrupter Diktator gestürzt worden, der sich bis zuletzt an die Macht geklammert hatte. Er verstand nicht, dass das Land nicht mehr so regiert werden darf, wie er es seit 1981 gemacht hat – mit Hilfe des Ausnahmezustands, der Referenden über die Verlängerung der Amtszeit und der undemokratischen Wahlen mit falscher Verfassung und falschen Wahlgesetzen.

Mubaraks Sturz hinterlässt viele Fragen aus. Doch einige schreiten bereits zur Tat. Die Schweizer Regierung hat bereits beschlossen, das Vermögen des Mubarak-Clans einzufrieren, wenn es gefunden wird. Das ist eine sehr europäische Entscheidung – eine ganz schnelle.

Dennoch kann man das Geschehen in Ägypten auch anders interpretieren. Ein echter Militär hat die politische Bühne verlassen, der während einer Krise nicht abdanken wollte, und alles Mögliche getan hat, um eine reibungslose Machtübergabe zu sichern. Zumindest hat er dies versucht.

Es gibt jedoch nicht nur die Hunderttausende Ägypter, die aus verständlichen Gründen auf die Straßen gegangen waren. Etwas weniger als 80 Millionen ihrer Landsleute gingen nicht auf die Straßen. Viele von ihnen bildeten beispielsweise Bürgerwehre, um ihre Stadtviertel vor den Plünderern zu schützen. Es ist möglich, dass sie ebenfalls der Ansicht sind, dass Mubarak schon lange zurücktreten musste. Aber niemand hat nach ihrer Meinung gefragt.

Die Ergebnisse der dreißigjährigen Regierungszeit Mubaraks werden unterschiedlich eingeschätzt. Ägypten hatte dank seiner Außenpolitik (Neutralität mit Israel und die stille Unterstützung der USA) die ölreiche Sinai-Halbinsel zurückbekommen. Mubarak kann auch seine proisraelische und proamerikanische Politik zum Vorwurf gemacht werden.

Doch eines ist eine unumstößliche Tatsache:  Ägypten ist nach wie vor ein armes Land mit einer Arbeitslosenquote von zehn Prozent (vor allem unter Jugendlichen, was zu den Massenunruhen führte). Unter Mubarak stieg Ägypten zu einem der beliebtesten Reiseziele auf – vor allem bei Russen. Allerdings wurden bereits vor dem Machtantritt Mubaraks die ersten Schritte zur Entwicklung des Tourismus gemacht.

Hervorzuheben ist, dass das BIP Ägyptens von 1980 bis 2006 auf das Fünffache gestiegen ist und 4800 Dollar pro Kopf ausmacht. Das ist zwar nicht viel, nicht alle haben jedoch so einen Erfolg gehabt.

Tunesien ist Ägypten wirtschaftlich um einiges voraus (jedoch auch mit einer hohen Arbeitslosenquote). Das BIP des Nachbarlandes liegt bei 9500 Dollar pro Kopf.

Trotz der besseren Wirtschaftszahlen flüchete Präsident Zine el-Abidine Ben Ali (ebenfalls ein Militär) kurz nach Beginn der Kundgebungen aus Tunesien.

Es gibt auch viele Varianten, was mit Ägypten demnächst geschieht. Man kann kaum daran glauben, dass Ägypten von jenen regiert wird, die sich auf dem Tahrir-Platz versammelten. In den letzten 15 Jahren hat es Fälle gegeben, in denen die Auserwählten des wütenden Volks an die Macht kamen. Keiner von ihnen hat aber Erfolg gehabt.

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