Wie man keine Spielerfrau wird – Serie: „Tradition zum Anfassen“ als lebendige Geschichte im Eintracht Museum in Frankfurt Teil 2/2)

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Spielerfrauen in echter Eintracht
Frankfurt am Main (Weltexpress) - Die Spielerfrauen der Glasgow-Elf von 1960, die am Abend auch nach dem offiziellen Abschluß noch viel zu erzählen hatten, sind für vieles gut. Einseits haben sie ihren Männern - damals also nicht Profis, sondern im Berufsleben steckend, vom Drogisten über den Wirt bis zum Postbeamten – den „Rücken frei gehalten“, wie es so schön heißt, haben diese also von Alltagskümmernissen und Alltagsarbeiten entlastet, die Kinder, so vorhanden, erzogen und überhaupt die patenten Frauen gegeben, die ein Fußballerspieler damals brauchte, als noch lange nicht von Luxus, von Prada-Täschchen und Victoria Beckhams die Rede war. Aber geschwärmt haben für die damaligen Spieler auch andere als die eigenen Frauen, erst recht, wenn diese noch unverheiratet waren, wie der junge Spieler X., von dessen Geplänkel mit einem jungen Mädchen wir an diesem Abend von dieser erfuhren. Irgendwie nett, auch harmlos, aber ein Ausdruck dessen, wie Fußball Emotionen leitet, manchmal aber auch alle Gefühle auffrißt.

Eigentlich habe sie, die 17jährige Gymnasiastin – so erzählte C.H. – für Iztvan Stani geschwärmt, der nach dem Ungarnaufstand 1957 zur Eintracht Frankfurt kam, dort die Kohlen aus dem Feuer holte und auch die Meisterschaft 1959 mitherbeiführte, leider die Berliner Hoteliertochter Brigitte heiratete – in Frankfurt in der Katharinenkirche, so zumindest die Erinnerung -, erst recht leider dann die Eintracht verließ und als Profispieler zu Standard Lüttich ging und den ganzen Rummel um Glasgow gar nicht mehr mitbekam. Am falschen Ort zur falschen Zeit also. Daß er später zur Eintracht zurückkam, ist hier unerheblich. Denn jetzt kommt unser X. ins Spiel.

Als nämlich die Eintrachtspieler nach dem verlorenen Europapokalspiel als moralischer Sieger nach Frankfurt zurückkehrten, wurden sie vom Flughafen bis zum Römer von einer begeisterten Menschenmenge begrüßt. Damals hieß es, hundertausend Menschen hätten die Straßen gesäumt, die Geschichtswissenschaft spricht heute von 60 000 Jubelnden. Die junge C.H. war auch dabei und stand mit ihrer noch jüngeren Schwester D.H. direkt am Hauptbahnhof, wo vom Flughafen her auf Fasnachtswagen die Spieler verteilt zum Rathaus gefahren wurden. Da traf sie der Blick eines jungen, dunkelhaarigen Mannes, der auf dem Wagen saß und seinen noch jüngeren Adlatus anstubste, ihm etwas zusteckte, woraufhin dieser vom Wagen runtersprang, auf die Schülerin zulief und atemlos sprach: „Einen schönen Gruß vom”¦und er lädt Sie heute abend zur Eintrachtfeier ins Zoo-Gesellschaftshaus ein“ und ihr ein Billet übergab.

Ist das zu fassen. Schnell entschlossen unser Spieler X., das muß man schon sagen, aber auch hinzufügen, daß die junge Dame wohl außerordentlich hübsch war, was man ihr – altersgemäß – noch heute ansieht. Wie sie sich fühlte, das erzählte sie nun. Prinzessin ist gar nichts dagegen, denn so ausgewählt unter 60 000 bis 100 000, das ist schon was. Und diese Gefühle kann sie noch heute – also fast 50 Jahre danach – nachempfinden. Auch die Katastrophe, als sie auf einer blauen Wolke nach Hause schwebte, ihrer Mutter glücklich von der Abendeinladung erzählte und diese, sonst immer äußerst liberal in der Erziehung, ein Machtwort sprach: „Kind, da gehst Du nicht alleine hin.“ Auch auf Tränen reagierte diese Frau Mama nicht, sondern äußerte nur, die Tochter müsse sich von einer Tante begleiten lassen.

So war aus dem Himmelhochjauchzend ein Tiefbetrübt geworden. Aber noch schluchzend wurde das Telefonbuch geschnappt, die Telefonnummer des Spieler X. herausgesucht, auch er wohnte noch bei seinen Eltern in Niederrad, in der W-straße, und unter Tränen ihm mitgeteilt, man könne leider nicht kommen, weil einen die Mutter nur in Begleitung einer Tante zur abendlichen Eintrachtfeier gehen ließe. Kein Problem, war die problemlösende Antwort, eine weitere Karte würde an der Kasse liegen. Und die ausgesuchte Tante spielte auch mit. Aber wie!

Denn als beide zur Feier kamen, war diese Tante noch 20 Minuten zu sehen. Danach hatte sie einen Mainzer Hofsänger kennengelernt und mit diesem zumindest den Abend verbracht und danach ein halbjähriges Liebesverhältnis gehabt, was ja schon ein Witz ist für einen Anstandswauwau, zu dem sie ausersehen war. Hauptsache, die Form stimmt. Für unsere junge Schöne, die Gymnasiastin, die noch Zöpfe trug, wurde es ein ereignisreicher Abend, denn solche Feiern kannte sie noch nicht. Wer außer unserem X. noch in der Gruppe dabei war, die nun auf je ein Bier einen Jägermeister kippte, weiß sie nicht mehr. Aber sie weiß gut, daß sie, die Antibiertrinkerin, mühelos sieben Jägermeister verdrückte, ohne Folgen! Seit der Zeit weiß sie, daß sie trinkfest ist. Von unserem X. wurde sie gegenüber den Anwesenden als seine Verlobte vorgestellt, was irgendwie offizieller klang, als die Geschichte der Einladung tatsächlich klang, die dafür aber viel romantischer war.

Was soll man sagen? Tatsächlich hielt diese Bekanntschaft – so sagte man damals dazu – drei Monate. Das lag aber nur daran, daß unser X. dauernd in Spanien in Trainingslagern unterwegs war, wo er für die Jugendnationalmannschaft teilnahm. Vielleicht waren die übrigen Trainingslager auch woanders, im Westerwald oder so, aber 1960 klang Spanien schon nach großer weiter Welt. Aber dann war da noch eine Erinnerung unserer ehemaligen C.H., die ihr als ständige Unternehmung in Erinnerung blieb, von der ihr aber dann Friedel Lutz an diesem Abend auf die Sprünge helfen konnte. Sie erinnerte sich an sonntägliche Ausflüge der Spieler nach Rüdesheim. In die Drosselgass. Berühmt und berüchtigt, wo es nicht nur Rheingauer Wein, sondern auch sonst allerlei gibt, und doch eigentlich nicht der rechte Ort für aufstrebende Spieler?

Sie auf jeden Fall fuhr im Auto des Friedel mehrfach mit. Damals hatte nicht jeder Fußballspieler einen Wagen. Und Friedel Lutz konnte erst einmal mit Rüdesheim überhaupt nichts anfangen, aber dann fiel ihm ein: „Da sang der Willy Hagara!“ Den Namen hatten wir alle seit Jahren nicht gehört, aber das stimmt, das war dieser österreichische Sänger, der „Eine Kutsche voller Mädels und die Taschen voller Geld“ schmetterte. Auf was man nicht alles kommt, wenn die Erinnerung angestoßen wird. „Mandolinen und Mondschein“, fügte ein Besucher hinzu und „Cindy, oh Cindy“ intonierte dann auch noch eine. Und auf einmal waren alle mittendrinnen in den Erinnerungen ihrer Jugend. Aus C.H. wurde auf jeden Fall weder eine richtige Freundin, geschweige denn eine Spielrfrau.

www.eintracht.de

www.eintracht-frankfurt-museum.de

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