Hilmar Hoffmann findet starke Worte und ist kein bißchen müde – Der ehemalige Frankfurter Kulturdezernent legt mit „Das Frankfurter Museumsufer“ sein kulturpolitisches Lebenswerk vor

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Mit Ersterem ist sein starker Auftritt gemeint, mit dem er löwenhaft einen derzeitigen Angriff auf sein Museumsufer verbal abwehrte. Kurz vor der Buchvorstellung wurde nämlich durch die Frankfurter Allgemeine Zeitung bekannt, daß eine der Perlen am Museumsufer, das private Museum Giersch, untergebracht in einer gründerzeitlichen Villa am Schaumainkai 83, ein neues Domizil Richtung Innenstadt erhalte und der Eigner, Herr Carlo Giersch, daran denke, dieses Haus – die ehemalige Holzmann-Villa – nun gewerblich zu nutzen, sprich eine dem Haus und Standort angemessene Miete zu erhalten. Tatsächlich stand in nämlicher Nachricht der FAZ dabei, daß der derzeitige Kulturdezernent Felix Semmelroth sich positiv zur Aufhebung der Satzung geäußert habe, in der festgeschrieben ist, daß dieses Haus nur für kulturelle Zwecke gebraucht werden dürfe.

Auf die Nachfrage, wie sich Hilmar Hoffmann denn dazu stelle, daß bei der Herausgabe seines Buches, in dem das Museum Giersch noch extra auf den Seiten 246-253 zu Wort kommt, dieses schon veraltet sei, weil die politischen Pläne mit dem Haus wohl andere seien, fand er deutliche Worte. Es sei nicht hinzunehmen und konterkariere die Idee des Museumsufers, wenn ein Haus, das vom Kunstmäzen Carlo Giersch zu finanziellen Sonderkonditionen für ein Museum von der Stadt erworben wurde, beim Abzug des Museums nicht mehr der beim Kauf festgelegten Bestimmung unterliegen solle. Schließlich habe ihn und seine Mitstreiter Wallmann und Gerhardt, damaliger Stadtkämmerer, es in den Siebzigern Mühe genug gekostet, diese Häuser dem Kapital- und Immobilienmarkt zu entreißen. Verblüfft hörte man dann, daß Carlo Giersch dieses Haus mit der speziellen Nutzung deshalb für nur 1,5 Millionen Deutsche Mark von der Stadt Frankfurt verkauft bekam, weshalb die Notwendigkeit der kulturellen Nutzung auch bestehen bleiben müsse.

Die anwesende Oberbürgermeisterin der Stadt, Petra Roth, verwies darauf, daß sie nichts dazu sagen könne, da auch sie dies nur in der Zeitung gelesen habe. Im Bericht über die Buchvorstellung tags darauf nahm die FAZ allerdings das von ihr selbst angeleierte Thema und die überzeugende Widerrede von Hilmar Hoffmann nicht auf, während die Frankfurter Rundschau nicht nur korrekt darüber berichtete, sondern durch ein nachträgliches Interview den Standpunkt des einflußreichen Kulturschaffenden noch weiter pointierte. Hoffmann hatte nämlich darin von „Unverschämtheit“ und „Verrat am Gedanken des Museumsufers“ gesprochen. Nimmt man den fast 500 Seiten starken und schön bebilderten Band zur Hand, weiß man auch, warum Hilmar Hoffmann und mit ihm alle diejenigen, die der Kultur in Frankfurt Heimaten schufen, sich vehement gegen solche Pläne aussprechen. Dieses Buch leistet, die Widerstände allerorten gegen ein breites Kulturangebot in der als kalte Geldstadt verschrieenen Mainmetropole genauso zu dokumentieren, wie die strategischen und finanziellen Schachzüge, die für das oben genannte Triumvirat nötig waren, um einen Musentempel nach dem anderen hinzusetzen – und nicht nur die von oberen Kreisen favorisierte Hochkultur, sprich Städel, das fest in der Hand des Städeladministrators Josef Abs war, damals Chef der Deutschen Bank. Denn – und darum ist dies Buch auch eine richtige Chronik geworden – das Herz des Kulturdezernenten Hoffmann schlug auch für die Kulturen, die sich wie das Filmmuseum – das erste in der Bundesrepublik – oder das Architekturmuseum erst einmal gegen die Kunstkonkurrenz durchsetzen mußten.

Es sind also die „Gründerjahre“ dieses gewaltigen Kulturprojektes, das im Gegensatz zu anderen Projekten auch verwirklicht wurde und in Hilmar Hoffmann den Initiator und unermüdlichen Vollstrecker fanden, eine spannend zu lesende Geschichte, die nicht beschönigend im Nachhinein alle als Gutmenschen der Kultur da stehen läßt, sondern sehr deutlich Roß und Reiter nennt, sei es im Einsatz für die Frankfurter Museumslandschaft oder dagegen. Das Buch – von dem Verleger zu Recht als eines bezeichnet, das in jeden Frankfurter Haushalt gehört, wir sagen dazu: auch in jede bundesdeutsche Bibliothek und in jedes kunstgeschichtliche und historische Universitätsinstitut – hat aber noch weitere Vorzüge.

Ganz abgesehen davon, daß der Band pragmatisch zu handhaben ist, denn gleich auf den Umschlagsinnenseiten finden Sie auf einer Karte der inneren Stadt 69 Museen mit Standort und Benennung, greift diese Chronik über Beschreibungen hinaus die Überlegungen auf, die wie „Zum Selbstverständnis historischer Museen“ unsere heutigen ’demokratischen` Museen abgrenzen zu den Anfängen ihrer Entstehung als Wunderkammern von prunksüchtigen fürstlichen Sammlern. Hoffmann äußert in der Ablösung dieser zu Museen des Volkes auch Entscheidendes zur Rolle der Künstler in den revolutionären Zeiten des 19. Jahrhunderts. Diese waren damals durch die Bank weg auf Seiten der Aufständischen, ob es nun wie der 1830 diese sogar malende Delacroix war („Die Freiheit führt das Volk an“) oder 1848 Courbet und viele viele andere, auch deutsche Künstler.

Wie von selbst gelingt es Hilmar Hoffmann dabei, den Ort des Museums als zentrale Anlaufstelle für Selbstvergewisserung von Gesellschaften zu definieren sowie ihr demokratisches Potential als historischen Lernort für die Bevölkerung herauszustellen. An fünf Frankfurter Museen, darunter „Das jüdische Museum“ und „Das Museum Judengasse“, wird dies im einzelnen belegt. Und dann gibt es auch noch ein Kompendium zur Geschichte des Museums in Frankfurt, wo für das 19. Jahrhundert die Bürgerstadt über Stiftungen die ersten Museen Deutschlands gründete und wohin auch nach 1970 das Frankfurter Museumsufer mit dem Ausbau dann hineingehört, der heute noch nicht abgeschlossen ist.

„Linksmainisch“ und „Rechtsmainisch“, alles wird aufgeführt und im Kapital: „Frankfurter Museen stellen sich vor“ kommen dann 24 Museen selbst zu Wort und erläutern neben den statistischen Daten ihre speziellen Museumsabsichten. Hilmar Hoffmann vergißt aber auch die Produzenten der in den Museen gesammelten Kunst nicht. Die Kunsthochschule kommt zu ihrem Recht, wie auch hier gelebt habende Künstler Erwähnung finden, vor allem aber Max Beckmann, den die Nazis als Lehrerenden noch im März 1933 entließen und vertrieben und dessen Frankfurt-Bilder seine Wehmut über den Verlust der Heimat atmen. Auch die Aufbruchsszene nach 1945 spielt eine Rolle, wie alle heutigen – über 200 – Ateliers und Galerien, die deutlich machen, daß Museum das eine ist, lebendiger Künstlerbezug das andere. Daß die biographischen Notizen zu den Museumsdirektoren genauso vorhanden sind, wie ein lehrreiches Personenregister, versteht sich bei einem Autor wie Hilmar Hoffmann von selbst. Er schreibt viel, er schreibt auch viele Bücher. Sie alle zeichnet aus, daß hier mit dem Atem der Geschichte die Bedeutung von Kultur so wichtig wie Essen und Trinken erklärt wird, was für alle diejenigen stimmt, die dies für ihr eigenes Leben erleben durften. Was Hilmar Hoffmann seit jeher gemacht hatte und auch mit über 80 Jahren nicht aufgibt, ist für diesen lebendigen Kulturbegriff zu streiten und den heute Verantwortlichen die Munition in die Hand zu geben, diesen Weg fortzusetzen. Dazu muß man allerdings den Ball aufnehmen.

P.S. Das hatten wir erwartet, daß in einem Kapitel auch „Desiderate am Museumsufer“ genannt werden. Schließlich ist Frankfurt noch immer nicht das Museumsparadies. So fehlen eine richtige Kunst- und Ausstellungshalle und ein gerade in die ehemalige Industriestadt gehörendes Industriemuseum neben anderem, wobei Hilmar Hoffmann vor allem die Untertunnelung der Uferstraßen für den Straßenverkehr als dringend notwendig erachtet. Warum sollte nicht auch eine Stadt, die sich gerne mit den Metropolen der Welt in einem Atemzug nennt, das nachmachen, was Paris zumindest an einem Seineufer vorgemacht hat?

Hilmar Hoffmann, Das Frankfurter Museumsufer, Societäts-Verlag 2010

Internet: www.societaets-verlag.de

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