Die Philosophin Elma Esrig im WELTEXPRESS-Exklusivinterview: Kentaur – „Die Einheit zwischen Mensch und Pferd“

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Pferde können anders als Menschen aufgrund der Augenposition zwei Bilder sehen. Das eine Auge schaut in der Regel in die Laufrichtung, das andere schaut nach hinten zum möglichen Raubtier. BU Bernd Paschel, 2016 © Elma Esrig

Neuberg, Deutschland (Weltexpress). Elma Esrig und Manfred Antesberger leben seit 2007 auf dem Frühbeshof in Neuburg am Inn, 8 km von Passau entfernt, in wunderschöner Alleinlage. Er ist der ehemalige Gutshof, der zum Schloss Strass gehörte und dessen Haupt­gebäude aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen. Auf dem 12 ha großen Land werden 6 Pferde so artgerecht als möglich gehalten: im Winter und Frühling im zum Innenhof geöffneten Stall mit freiem Zugang zu ihrer Winterkoppel, von Mai bis November auf Weiden, in Streuobstwiesen und lichten Wäldchen.

Elma Esrig studierte an der Hochschule für Philosophie in München mit dem Abschluss Magister in Anthropologie und Ästhetik. Von 1993 an unterrichtete sie Schauspiel und Regie an der Athanor Fachakademie für darstellende Kunst. Über verschiedene Kurse nach Pat Parelli und bei Judith Mauß durchlief sie die Ausbildung zur „Via Equi Pferdetrainerin“ bei Brigitta Wackerl und landete schließlich bei Simone Carlson, bei der sie mehrere Kurse besuchte und schließlich eine dreijährige Trainerausbildung absolvierte (2014-2017).

Manfred Antesberger ist Schauspieler von Beruf, aber „Sachenbauer“ aus Berufung. Er hat den denkmalgeschützten Vierseithof (Frühbeshof) zu einem wunderschönen Ort gemacht, der allen Bewohnern, Gästen und Tieren bleibend oder zeitweise eine beglückende Zeit schenkt.

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Eine saftige Koppel am Hang – ein Pferdeparadies in Neuburg am Inn, BU Bernd Paschel, 2017, © Elma Esrig

Paschel: Von einem Hof in Alleinlage mit 12 ha Land für 6 Pferde kann ich ja nur träumen als Großstädter, der im Umland von Frankfurt/Main lebt.

Artgerechte Haltung muss anscheinend kein Traum sein.

Können Sie uns Ihr Pferdemanagement allgemein etwas näher bringen?

Esrig: Wir versuchen den natürlichen Bedürfnissen der Pferde so weit wie möglich nachzukommen: Bewegung, Luft und Witterungseinflüsse, 24 Stunden Fressen, Sozialkontakte in einer Herde. Das gilt es aber auch mit anderen Komponenten zu vereinbaren: die Wiesen dürfen nicht zu kurz abgefressen werden und brauchen nach dem Beweiden Pflege und eine längere Ruhephase. Wir können es uns leisten, die Weiden aufgrund des Platzangebots jährlich nur einmal zu nutzen, das ist für das gesunde Wachstum und die Artenvielfalt der Gräser wichtig. Unsere alte Stute darf im Winter nachts in einem abgetrennten Bereich direkt neben der Herde 12 Stunden ungestört fressen. Die möglichst den natürlichen Bedürfnissen angepasste Haltung muss auch Rücksicht nehmen auf die individuellen Erfordernisse der Tiere, die in unserer Obhut sind. Nur Natur würde eigentlich auch auf natürliche Selektion hinauslaufen, was sicherlich niemand will.

Paschel: „Pferde-Mensch-Training am alten Gutshof“ ist die Überschrift auf Ihrer Homepage. In der pädagogischen Wissenschaft findet man diverse Pädagogische Modelle, denen man jeweils ein bestimmtes Menschbild zuordnet, wie z. B. der Mensch als Maschine, der Mensch als Lebewesen mit Gefühl und Verstand oder der Mensch als Wesen, das verantwortlich handelt.

Können Sie uns zuerst Ihr Pferdebild etwas näher bringen?

Esrig: Ich glaube immer mehr, dass wir mit den Pferden eine größere Gemeinsamkeit haben, als es auf den ersten Blick erscheinen mag – zumindest gibt es diese Gemeinsamkeit mit einer Schicht in uns, die im gesellschaftlichen Leben des Menschen „unnütz“ geworden ist, nach der wir uns jedoch sehnen, weil sie eben doch ein ursprünglicher Teil von uns Menschen ist. Pferde sind hochsensible fühlende und denkende Wesen. Als Fluchttiere und Herdentiere haben sie eine komplexe soziale Befähigung und große Kooperationsbereitschaft, die oft ausgenutzt und nur selten gewürdigt wird. Tatsächlich sehe ich – je länger ich mit Pferden lebe und arbeite – die wirklich gravierenden Unterschiede zum eigentlichen Menschsein schwinden, was möglicherweise auch an einem veränderten Menschenbild liegt, das Logik, Intellekt und Zivilisation weniger wertschätzt als empathisches Denken, Verhaftetsein im Jetzt und Sensibilität.

Paschel: Diesen Gedanken finde ich äußerst interessant, denn letztlich stellt sich die Frage, ob eine veränderte Sicht auf Tiere überhaupt nur möglich ist, wenn man auch bereit ist, sein Selbstbild in Frage zu stellen. Gleichzeitig verstehe ich erst jetzt, worum es auf Ihrer Homepage unter der Überschrift Thema „Aufmerksamkeit und Zuneigung“ geht:

„Pferde reagieren auf persönliche Integrität, besinnliche Führung, ein stimmiges Ener­giemanagement, mentales und körperliches Gleichgewicht, auf emotionale Kongruenz, Flexibilität, Aufnahmebereitschaft und auf klare, verlässliche Absichten.“

Können Sie das noch durch ein paar praktische Beispiele verständlich machen?

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Manfred spielt auch zuweilen mit, hier im Dialog mit Rocc. BU Bernd Paschel, 2010, © Elma Esrig

Esrig: Ja, gern. Wir sind Pferden körperlich gesehen beschämend unterlegen, sie sind stärker und schneller als wir und ihre Sinne übertreffen die unseren. Wodurch und mit welchen – schwer zu erringenden – Eigenschaften, können wir diesen Wesen rechtmäßig Führung anbieten? Zunächst einmal durch eigene innere Stabilität, die mich nicht von dem Bedürfnis nach Liebe des Tieres oder persönlichem Ehrgeiz abhängig macht. Ich bin für das Tier da, nicht umgekehrt. Ich muss in der Lage sein, den Spiegel, den es mir unvoreingenommen vorhält, als klugen Wegweiser meines weiteren Handelns zu verstehen, ohne in meiner Selbstliebe und Eitelkeit getroffen zu sein. So ist ein „Fehler“ des Pferdes immer als Anlass für die eigene Verbesserung zu nehmen. Kein Handeln, um vom Pferd geliebt zu werden, keins, um meine Fähigkeiten zu demonstrieren – weder mir selbst, noch anderen und schon gar nicht dem Pferd. – Das meinte ich mit „persönlicher Integrität“, „emotionale Kongruenz“ und „besinnliche Führung“.

Paschel: Das kann ich unterschreiben mit dem Zitat eines bekannten Horseman: „Das Pferd macht keine Fehler, es reagiert nur so, wie es glaubt, reagieren zu müssen – die Fehler macht immer der Mensch“ (Alfonso Aguilar).

Esrig: So ist es wohl. – Darüber hinaus ist es notwendig, dass sich das Pferd auf meinen Standpunkt verlassen kann. Wenn dieser klar und nicht wechselhaft ist, z.B. in puncto Stillstehen beim Geputztwerden oder Gesatteltwerden, dann findet das Pferd darin Ruhe und Sicherheit. Wir benötigen, um das bisherige umsetzen zu können, ein stabiles mentales Gleichgewicht, das nicht von Launen, Umständen und anderen Menschen abhängig ist. Wenn ich heute mit Freunden Ausreiten möchte und mein Pferd nun Schwierigkeiten beim Satteln hat, dann muss ich – egal, was die anderen sagen und wie gerne ich reiten wollte usw. – mich dieses Problems annehmen und das Sattelthema bearbeiten, während meine Freunde oder gar meine ehemaligen Schüler ohne mich wegreiten. Und schließlich sind einige körperliche Fähigkeiten auch unabdingbar, um dem Pferd Führung anzubieten: ein gutes Körpergefühl, das natürlicher Ausdruck meiner Absicht ist, expressiv ohne Übertreibung, Sensibilität für die Bedeutung meiner Position zu bestimmten Körperteilen des Pferdes z. B. wo wirke ich treibend, wo Geschwindigkeit hemmend, wo sollte Spannung bzw. Stabilität in meinem Körper sein ohne Ver-Spannung, wo Flexibilität, welche Körperhaltung lädt das Pferd in meine Nähe ein, welche lässt es weichen uvm.

Paschel: Ein gutes Körpergefühl würde ich noch ergänzen durch ein gutes Bewegungsgefühl, das aus meiner Sicht als Sportlehrer nur wenige Reiterinnen haben durch einen Mangel an Bewegungserfahrungen und frühzeitige Spezialisierung. Diese Tendenz hat in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen, was erst jetzt durch Langzeituntersuchungen festgestellt wird, da die Kinder im Computerzeitalter immer weniger Zeit haben, vielseitig Bewegungserfahrungen zu sammeln. Wie soll ich beim Reiten die Bewegungen des Pferdes erspüren, wenn mein eigenes sensomotorisches System unterentwickelt ist, zu deutsch, das Zusammenspiel von sinnlicher Wahrnehmung und der eigenen Bewegung.

Esrig: Ja, das ist wohl die permanente Herausforderung für uns. Zur Frage der praktischen Beispiele will ich noch sagen, dass ich bei all diesen mentalen und körperlichen Aufgaben das Pferd, seine Gedanken, sein Befinden nicht aus dem Fokus verlieren darf. Vielmehr begleitet und durchdringt die Aufnahmebereitschaft für das Empfinden des Pferdes, für das, was es sagt, all mein Tun und stimmt dieses immer neu in einen Dialog mit dem Pferd ein. Mache ich z. B. vom Boden aus den Vorschlag zu traben und das Pferd zieht, es ausführend, den Kopf hoch und macht den Rücken fest, lade ich es erneut in den Schritt ein und achte darauf, meinen Vorschlag nun sanfter, weicher, mit weniger Abruptheit zu präsentieren.

Paschel: Es freut mich zu hören, dass Sie jetzt nicht den Vorschlag machen, das Pferd mit Seitengängen zu lösen, also es noch mehr zu fordern, wie ich das oft beobachte, sondern geduldig mit weniger Druck neu zu beginnen. In diesem Sinne noch einmal grundsätzlich: Was bedeutet für Sie Partnerschaft und Führung? Schließt eine gleichberechtigte Partnerschaft nicht eine Führung aus?

Esrig: In der gleichberechtigten Partnerschaft kann man sich auch wechselseitig der Führung des anderen anvertrauen.

Paschel: Danke für diesen Satz, wir können eigentlich damit das Gespräch beenden

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Elma mit Kairon bei der Arbeit „wer führt wen?“, BU Bernd Paschel, 2016, © Elma Esrig

Esrig: Lassen sie mich das noch kurz exemplarisch darstellen. Wenn ich – wie oben als Beispiel erwähnt – den Trabvorschlag mache, führe ich, dennoch vertraue ich mich der Führung der Reaktion des Pferdes an und korrigiere und verbessere meinen Vorschlag so lange, bis es das Pferd annehmen kann, als wäre er seine eigene Idee. Ich gebe mich also nicht damit zufrieden, dass das Pferd auf meinen Vorschlag hin trabt, wenn es das mit allen Anzeichen des Drucks ausführt. Das Paradoxale an meiner Arbeit mit dem Pferd liegt darin, dass ich zwar die Initiative des Vorschlags habe, oder mir nehme, diesen aber so lange in seinem Ausdruck verbessern muss, bis das Pferd ihn wie einen eigenen Gedanken annimmt. In dieser Verbesserungsarbeit überlasse ich mich der Führung des Pferdes. Es selbst bestimmt, wann meine Initiative korrekt und verlockend genug war, um in Schönheit und Selbstbestimmtheit ausgeführt werden zu können.

Paschel: Aber eine monodirektionale Führung ist doch dann notwendig, wenn es um meine eigene und um die Sicherheit des Pferdes geht oder?

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Pferde beim Smalltalk im Herbst (Galeon, Kairon, Andrej, Geronimo, Kara), BU Bernd Paschel, 2015, © Elma Esrig

Esrig: Jetzt wird es weniger philosophisch. Wir haben die Pferde in eine Menschenwelt verpflanzt. Hier muss ich Führung übernehmen, weil ich verantwortlich bin für die Sicherheit und darüber hinaus für das Wohlergehen von uns beiden, z. B. muss das Pferd an der Straße anhalten etc.. Auf seiner Weide kann ich dem Pferd auch mal die Führung überlassen. Wenn ich mich zur Herde setze, können die einzelnen Pferde entscheiden, ob sie zu mir kommen oder nicht.

Und noch ein letzter Gedanke zu Partnerschaft und Führung: auch wenn der Mensch die Initiative in der Arbeit hat, kann und sollte man dies so gestalten, dass das Pferd selber Lösungen findet.

Paschel: In der Sportpädagogik wird  das „Erfahrungsoffenes Lehren“ genannt.

Esrig: Wenn man es versteht hier Offenheit zuzulassen und die falschen Möglichkeiten schwieriger zu machen als die richtigen, dann kommt es zu einer Zusammenarbeit. Es gibt oft nicht nur eine mögliche richtige Antwort auf einen Vorschlag und die beste Antwort ist immer die, die das Pferd selbst gefunden hat und anbietet.

Paschel Wenn Sie so einfühlsam mit Pferden arbeiten, haben Sie sich sicher auch Gedanken über das Eisen am Huf gemacht, das eine überholte Tradition aus dem Mittelalter ist.

Warum fällt es dem Menschen so schwer, von solchen Traditionen weg zu kommen?

Esrig: Ich glaube, dass sich mehr und mehr durchsetzt, Pferde barhuf gehen zu lassen. Dennoch gibt es vielleicht Umstände, die vorübergehend einen Beschlag, Eisen oder eher Kunststoff, rechtfertigen. Nur der Wunsch nach uneingeschränkter „Nutzung“ des Pferdes rechtfertigt das Beschlagen meiner Meinung nach nicht. Unsere jüngste Stute hatte in einem Winter einen zu großen Abrieb im Offenstall, der Betonboden hat. Hufschuhe funktionierten nicht, weil die Pferde immer Zugang zur Winterkoppel haben und die Stute im teilweise matschigen Boden immer wieder die Schuhe verlor. Nun hatte sie aber eine zu dünne Sohle und Schmerzen, also bekam sie zur Schonung einen Beschlag.

Paschel: Vielleicht lag auch hier der Fehler bei dem Menschen, der die Hufe der jungen Stute bearbeitet hatte oder bei Ihnen, dass die Hufe der Stute durch den Matsch weich geworden waren oder nicht genügend auf den harten Boden vorbereitet worden war.

Esrig: Das mag sein, denn ich kaufte Gummimatten, die den Abrieb verringerten und nach sechs Monaten konnte ich sie wieder auf barhuf umstellen. Sie sehen, auch in dieser Frage richte ich mich nur nach den Bedürfnissen des Pferdes und habe keine feste Doktrin.

Paschel: Das sehe ich auch so. Gerade zu Beginn einer 14-tägigen Urlaubsreise bekam mein Pferd ein Hufgeschwür, das vom Tierarzt geöffnet wurde. Da ich Niemanden auf die Schnelle fand, der das Hufgeschwür versorgen konnte, ließ ich es kurzerhand beschlagen. Nach 14 Tagen konnte ich die Eisen wieder entfernen und die Sache war erledigt.

Selbst bei schweren Krankheiten wie Hufrehe und Hufrollenentzündung werden in einer ganzheitlichen Hufpflege die Pferde vom Eisen befreit, denn mit dem Rehebeschlag oder  dem Spezialbeschlag gegen Hufrolle werden leider nur die Symptome bekämpft, nicht die Ursachen.

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Zwischen zwei kräftigen Pferden, rechts Kairon, links Galeon. BU Bernd Paschel, 2017, © Elma Esrig

Wenn ich selbst jetzt meine Anfangsfrage zu Ihrem Pferdebild beantworten dürfte, würde ich mich für die Variante 3 entscheiden, das Pferd als verantwortlich handelndes Wesen.

Durch dieses Gespräch ist mir klar geworden, dass Sie in Ihrer ganzheitlichen Sicht den mentalen Aspekt als wesentlich mit einbeziehen.

Die Einheit zwischen Pferd und Mensch, der Kentaur, ist in diesem Sinne bei Ihnen nicht der Reiter, der in der Dressur mit dem Pferd in Harmonie verschmilzt, sondern …….

Können Sie den Satz beenden?

Esrig: Pferd und Mensch, die in einem Dialog verschmelzen ohne ihre Eigenständigkeit dabei zu verlieren.

Paschel: Vielen Dank liebe Elma für diesen „kentaurischen“ Dialog, der uns hoffentlich gelungen ist.

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Weiterführende Informationen auf: https://www.kentaur-pferdetraining.de/

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