David Rothkopf: Soziale Ungleichheit ist gefährlicher für US-Amerikaner als Islamischer Staat

0
142
Washington, USA (Weltexpress). Eine reale Gefahr für die USA stellt die wachsende Vermögensungleichheit und nicht die Bedrohung seitens der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) dar, schreibt der Chefredakteur des US-Magazins Foreign Policy, David Rothkopf.

90 Prozent der Gewinne würden in den USA von zehn Prozent der Bevölkerung kontrolliert, was für die Amerikaner eine größere Gefahr als die IS-Aktivitäten bedeute. Der Islamische Staat sei natürlich für die Amerikaner und ihre Lebensweise eine reale Gefahr, aber keine so große – wenigstens jetzt nicht, sot Rothkopf. Es handle sich dabei eher um eine Gefahr für die US-amerikanischen Interessen und die US-Verbündeten im Nahen Osten und an anderen Orten.

Die US-Amerikaner sind laut Rothkopf mit viel ernsteren Bedrohungen konfrontiert, die oft übersehen werden. Trotz des Wirtschaftswachstums während der Präsidentschaft von Bill Clinton, des wachsenden US-Aktienmarktes und der Zunahme des Bruttoinlandsprodukts steigen die Löhne nicht und die Qualität der Arbeit sei nicht gut.

Eine solche Situation sei für viele Länder kennzeichnend, aber in den USA sei sie dadurch verschärft, dass die Ungleichheit bei den Löhnen von Durchschnittsarbeitern und Topmanagern eines Unternehmens gravierender ist, als in jedem anderen Land der Welt.

Dieser Prozeß der wachsenden Verarmung großer Schichten des Volkes zugunsten der Bereicherung einer kleinen elitären Schicht im Zentrum des US-Amerikanischen Empires erinnert an das Römische Reich. Anders gesagt: Die da oben werden immer reicher, die da unten bleiben arm und stetig rutschen Massen von Menschen aus der Mittelschicht runter ins Elend. Emmanuel Todd zieht explizit die Parallele vom präsidialen Washington zum kaiserzeitlichen Rom: „Im Zeitraum von 1970 bis 2000 durchliefen die Vereinigten Staaten von Amerika einen Prozeß der gesellschaftlichen Polarisierung ähnlich dem in Rom. Auf der einen Seite bildete sich eine Plutokratie heraus, auf der anderen Seite wuchs die Plebs, eine Plebs in dem Sinne, wie sie im römischen Kaiserreich bestand.“

„Die reale Gefahr, die den Amerikanern keine Ruhe lässt, (”¦) schließt nicht nur Terroristen und nicht kontrollierbare Staaten ein, sondern viel mehr politische und finanzielle Institute im Land, deren sich einige Menschen bemächtigten, die sich von ihren eigenen Interessen leiten lassen“, so Rothkopf. Diese Menschen streben danach, die amerikanische Hoffnung zu unterdrücken, wie es kein Terrorist besser tun könnte.

Die Occupy-Bewegung in den Ländern des "Imperium Americanum“  verdeutlichte, dass den Herren von Gold und Geld Massen an Menschen, genauer: rund 80 Prozent der Bevölkerung, gegenübersteht. die kaum oder kein Vermögen besitzen und deren Portemonnaie und Kreditwürdigkeit immer dünner wird, so dass sie an immer weniger Güter geraten (1).

Dass die Reichen immer reichen werden, darüber schrieb zuletzt Andreas Oswald im Tagesspiegel (2), der an diese These des französischen Ökonomen Thomas Piketty, die derzeit eine neue Debatte um soziale Ungleichheit dominiert, erinnert. „Die ‚New York Times‘ hat die von dem unabhängigen Institut ‚Luxembourg Income Study‘ (LIS) gesammelten Einkommensdaten analysiert und ist zu einem für die US-Amerikaner erschreckenden Befund gekommen.

Danach hat die US-Mittelklasse ihre noch vor 30 Jahren selbstverständliche Vorreiterrolle gegenüber der entsprechenden Schicht aller anderen großen Industrienationen verloren. Seit dem Jahr 2010 verdiene die kanadische Mittelklasse mehr als die US-Mittelklasse. Und: Die Unterschichten in Europa verdienen mehr als die Unterschichten der USA.“

Warum fallen vom Kuchen so wenig Krümel nach unten, warum profitiert nur eine kleine Klasse von der Zunahme des großen Kuchens, des gesellschaftlichen Wachstums der Volkswirtschaft der USA?

„Ursache ist den Zahlen zufolge die Tatsache“, schreibt Oswald, „dass in den vergangenen 35 Jahren in den USA nur eine kleine Schicht Reicher vom wirtschaftlichen Wachstum profitiert hat. In Europa dagegen haben in fast allen Staaten die Unter- und Mittelschichten vom Wachstum profitiert, mit einer Ausnahme: Deutschland. Die Bundesrepublik ist das einzige Land Europas, bei dem die Schere mit den USA zwischen 1980 und 2010 gewachsen ist, was die Einkommen der Mittelschicht angeht. Bei allen anderen Ländern ist diese Einkommensschere kleiner geworden, wenn auch kein Land die USA überholt hat. Dies betrifft einen 30-Jahre-Zeitraum.“

So wundert es wenig, dass auch in Deutschland vor einer Gefahrt des IS gewarnt wird und nicht vor dem aktuellen Kapitalismus.

Quellen:

(1) Vgl: Michael Lobe, USA und ROM, Aufstieg und Niedergang zweier Grossmächte im Vergleich, 17.08.2013

(2) Tagesspiegel, Die Mittelschicht verliert, 23.04.2014

Mit Material von New York Times, RIA Novosti, Tagesspiegel

Anzeige