Zwischen den Stühlen – Der Film »Pop Islam« bietet interessante Einblicke in ein TV-Reformprojekt in Ägypten

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Der ägyptisch-kanadische Dokfilmregisseur Ismail Elmokadem geht einem Projekt nach, im ägyptischen Privatsender 4 Shbab Musik und Mode mit dem Glauben vereinbar zu machen. Der Fernsehproduzent Abu Haiba will mit neuen Formen des Fernsehens Allahs Botschaft verkünden und dem modernen Islam eine Plattform geben. Popmusik zelebriert islamische Glaubensformeln. Die Moderatorin, das ehemalige Topmodel Yasmine Mohsen, diplomierte Kommunikationswissenschaftlerin, will die Alltagsprobleme der Frauen ins Fernsehen bringen. Ihre Sendungen richten sich direkt an verschleierte Frauen, was in Ägypten aber nicht das Tragen von Hijab, Tschador oder einer Burka, sondern lediglich das eines Kopftuches schlechthin meint. »Verschleierte« Frauen sollen ihren Beruf frei wählen können und muslimische Mode tragen. Sie brechen mit restriktiven Traditionen, ohne ihren Glauben zu verleugnen.

Die von Yasmine und ihren Designern entwickelte Mode ist leicht, farbig, wird oft über engen Hosen getragen, aber immer mit elegant gebundenem, farblich auf die Bekleidung abgestimmtem Kopftuch. Sie produziert Frauensendungen zu aktuellen Themen wie sexuelle Belästigung. Das aber ruft  wütende Reaktionen der islamischen Geistlichkeit hervor: Die Jugend würde zur Sünde verführt. Die Musik lenke vom Glauben ab und setze den Islam herab. Die saudiarabischen Geldgeber ziehen sich zurück. Der Sender ist dem Bankrott nahe und Yasmine Mohsen vom Bildschirm verschwunden. Abu Haiba hat sich zwischen alle Stühle gesetzt. Es ist das unausbleibliche Schicksal der Reformatoren, weil sie einen Irrglauben nur verschlimmbessern.

Der Film sag nichts darüber, wie das islamisch-ideologisierte Fernsehen bei den Zuschauern ankommt. Ismail Elmokadem aber weckt die Neugier auf die ideologischen Motive der revolutionären Bewegung in Ägypten sowie auf den Ausgang der Reformbestrebungen innerhalb des Islam.

ARTE und ZDF treffen mit dem Film sicherlich auf das wache Interesse der bereits sensibilisierten Zuschauer. Mit der Sendezeit um 23.20 Uhr jedoch erweisen sie der Solidarität mit der arabischen Reformbewegung keinen guten Dienst.

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Pop Islam, Dokumentation von Ismail Elmokadem, Deutschland 2011, Produktion ARTE/ZDF, 52 Minuten, Erstaustrahlung auf ARTE, heute 23,20 Uhr.

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