Zutiefst befremdend – Brillantes Trio interpretiert Camus im Studio der Schaubühne

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Szene mit Felix Römer, Bernardo Arias Porras und Iris Becheraus (v.l.) aus "Der Fremde" von Albert Camus an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin. © 2016 Foto: Thomas Aurin

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Auf der leeren Bühne stehen zwei Mikrofone. Leuchtröhren begrenzen den Raum als Gitterstäbe einer Gefängniszelle. Regisseur Philipp Preuss, der auch die Bühnenfassung der Erzählung „Der Fremde“ geschaffen hat, lässt das Stück im Gefängnis beginnen.

Sonst hat Preuss sich eng an den Text von Albert Camus gehalten, hat einiges gekürzt, die deutsche Übersetzung von Uli Aumüller kaum verändert und nichts Aktualisierendes hinzugefügt. Lediglich einen kleinen Gag hat Preuss sich erlaubt, indem er dem räudigen Hund des alten Salamano einen beziehungsreichen Namen gab.

Namenlos bleibt der erschossene Araber. Der algerische Autor Kamel Daoud hat ihn in seinem kürzlich erschienen Roman „Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung“ zur Person werden lassen. Eine Bühnenfassung des Romans wurde bereits an den Münchner Kammerspielen produziert. Philipp Preuss nimmt darauf keinen Bezug. Bei ihm, wie bei Camus, ist Meursault der Erzähler, und der spricht kaum über sein zufälliges Opfer, das auch eine andere Person hätte sein können oder das es gar nicht hätte geben müssen, wenn Meursault einen anderen Weg gegangen wäre, wenn er nicht zufällig eine Pistole bei sich gehabt und wenn die Sonne nicht so gebrannt hätte.

Auch das Publikum bekommt die brennende Sonne zu spüren. Grelle Scheinwerfer richten sich auf den Zuschauerraum. Es ist unangenehm und verwirrend geblendet zu werden von diesem Licht, in dem die Hitze erkennbar ist.

Die ZuschauerInnen sind Teil der Inszierung. Sie sitzen bei der Totenwache für Meursaults Mutter, am Strand, wenn Meursault dort mit Marie herumtollt, werden vor der Gerichtsverhandlung von Meursaults Anwalt begrüßt wie alte Bekannte und sind die AnsprechpartnerInnen, denen Meursault erzählt, wie er in die Todeszelle geraten ist.

Das Programmheft zitiert aus den Tagebüchern von Camus: „’Der Fremde’ baut sich aus drei Gestalten auf: zwei Männer (einer davon bin ich) und eine Frau.“

Philipp Preuss ist dieser Anregung gefolgt und hat Bernardo Arias Porras, Iris Becher und Felix Römer als Meursault auf die Bühne gestellt. Ramallah Aubrecht, für das ausdrucksvolle Bühnenbild ebenso verantwortlich wie für die Kostüme, hat die Drei mit den gleichen grauen Anzügen, weißen Hemden und schwarzen Krawatten ausgestattet.

Drei unterschiedliche Persönlichkeiten, die zusammen genommen irgendeine oder irgendeiner sein könnten. Wer Meursault eigentlich ist, verrät er uns nicht. Wir erfahren nichts über seine Kindheit und Jugend. Seine Geschichte beginnt mit dem Tod seiner Mutter, mit der er zusammen gewohnt hat, bis er sie in ein Altersheim bringen musste, weil er eine Pflegerin nicht hätte bezahlen können. Meursault trauert nicht um seine Mutter. Sie ist ihm schon lange gleichgültig, wie ihm alles gleichgültig ist. Gefühlskälte unterstellt ihm der Staatsanwalt, und der Richter verurteilt ihn als eiskalten Mörder zum Tode.

Bernardo Arias Porras, Iris Becher und Felix Römer sind ein großartiges Team. Sie zeigen unterschiedliche Facetten Meursaults, erproben und verwerfen sie wieder. Sie spielen mit Worten, sprechen einzeln oder im Chor, wiederholen Aussagen der anderen mit anderer Diktion und lassen die Sprache und den Text von Camus mit all der Sinnlichkeit, die er trotz seiner Kargheit beinhaltet, lebendig und fühlbar werden.

Die drei Meursaults rauchen nicht vorhandene Zigaretten und produzieren dazu Qualmwolken mit einer kleinen Nebelmaschine. Wasser, aus Plastikflaschen geschickt und sparsam ausgegossen oder von Iris Becher protzig auf ex getrunken, steht für Lebensfreude, Spaß und das Baden im Meer. Zu sehen und zu spüren ist, wie Meursault auf ganz naive Weise sein Dasein genießt.

Bernardo Arias Porras, Iris Becher und Felix Römer spielen auch die anderen Personen des Textes. Wundervoll komödiantisch verzerrt Iris Becher ihr Gesicht und verwandelt sich in die zahnlosen, verrunzelten BewohnerInnen des Altenheims. Bernardo Arias Porras nimmt untertänige Haltung an als devot verlogener Heimleiter. Als Untersuchungsrichter wirft Felix Römer sich brüllend auf den Boden, weil Meursault sich nicht zu Jesus bekehren lässt und offenbart zugleich seine eigene Todesangst, die ihm sein Glaube nicht nehmen kann.

Die Rollenwechsel geschehen ganz leicht und so präzise, dass die nur angespielten Charaktere sofort erkennbar sind.

Dem Tempo des Spiels kommt es zugute, dass die Handlung nicht chronologisch verläuft. Die einzelnen Episoden sind die Erinnerungen, die Meursault überfallen. Höhepunkt sind die Schüsse am Strand. In grellem Licht rennen die drei Meursaults nebeneinander auf der Stelle und schreien ihre Texte gegen eine dramatische Musik, in der Sturm und tobendes Meer zu hören sind.

Das Gericht, sogar sein Verteidiger, wertet es zu Meursaults Ungunsten, dass der keine Reue zeigt. Dem Publikum jedoch erzählt Bernardo Arias Porras: „Mir wurde klar, dass ich das Gleichgewicht des Tages zerstört hatte, die außergewöhnliche Stille eines Strandes, an dem ich glücklich gewesen war.“

Die Inhaftierung belastet Meursault wenig. Er kann im Gefängnis ebenso leben wie anderswo. Während des Prozesses schweigt er, versucht nicht, sich zu verteidigen. Was könnte er auch sagen, wenn der Staatsanwalt ihn nicht deshalb für einen Mörder hält, weil er einen Menschen getötet, sondern weil er bei der Beerdigung seiner Mutter nicht geweint hat?

Meursault, der alles unbewegt hinnimmt, fürchtet sich dann doch vor dem Tod unter dem Fallbeil, versucht vergeblich sich vorzustellen, dass sein Herzschlag, den auch das Publikum hört, auf einmal und für immer aussetzt. Er überlegt, ob es möglich sei, aus der Todeszelle zu entfliehen. Als der Pfarrer ihn besucht, bekommt Meursault einen Wutanfall. Dann aber überlässt er sich „angesichts dieser Nacht voller Zeichen und Sterne zum ersten Mal der zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt.“

Bernardo Arias Porras sieht glücklich aus, während er diesen poetischen Text spricht, dem allerdings, ganz am Ende, Meursaults Wunsch folgt, dass an seinem Todestag eine große Menschenmenge da sein möge, die ihren Hass herausschreit, während er zum Schafott geht.

Die Inszenierung bietet spannende 90 Minuten, in denen Meursault, der in der Erzählung oft starr und selbstgerecht erscheint, zu einem fast liebenswerten Menschen wird, einer, der in Situationen hineingerät, die er nicht versteht, verloren in einer absurden Welt, in der alle, auch die Unschuldigen, zum Tod verurteilt sind.

„Der Fremde“ von Albert Camus, deutsch von Uli Aumüller, in einer Bühnenfassung von Philipp Preuss hatte am 13.11. Premiere im Studio der Berliner Schaubühne. Nächste Vorstellungen: 17.11. sowie 13., 14. und 15.12.2016

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