Zur rechten Zeit, aber dennoch spröde – Christof Nel inszeniert Hartmanns Oper „Simplicius Simplicissimus“ an der Frankfurter Oper

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Claudia Mahnke (Simplicius Simplicissimus, links sitzend) sowie Solistenensemble und Chor der Oper Frankfurt

Ist unsere Zeit eine, die auf einmal die Erinnerung an den Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 wachruft, oder ist mit einem potentiellen Zeitgeist eher der allgemeine Kulturverfall gemeint, der eintritt, wenn jeder gegen jeden Krieg führt, denn die Unübersichtlichkeit und Ungleichzeitigkeit dieses europäischen Krieges bleibt eines der irritierenden Tatsachen, wo eine Stadt zum Beispiel gleich fünfmal verwüstet und dagegen ganze Landstriche niemals vom Krieg heimgesucht wurden. Der Sprecher in Hartmanns Oper beginnt: „Anno Domini eintausendsechshundertachtzehn wohnten zwölf Millionen in Deutschland, lebten zwölf Millionen Menschen in Deutschland. ”¦Dreißig Jahre später: Anno Domini eintausendsechshundertachtundvierzig lebten nicht mehr zwölf Millionen, lebten nur noch vier Millionen Menschen in Deutschland.“ Da war aber einer, der nichts wußte und in der Einöde lebte, „ein kleiner Bub bei den Schafen, kannte weder Gott noch Menschen, weder Himmel noch Hölle, weder Engel noch Teufel, wußte weder gutes noch Böses zu unterscheiden, der Allereinfältigste: Simplicius Simplicissimus.“

Diesen Allereinfältigsten stellt in der Oper mit dem Untertitel „Drei Szenen aus seiner Jugend“ Claudia Mahnke dar. Eine schwierige Aufgabe, die sie bravourös meistert, denn ihre Erscheinung in der Hosenrolle mit dem widerspenstigen Haarschopf, dem Hemd über der Hose, das sie vergeblich immer wieder ordentlich in die Hose zu stopfen versucht, bleibt im gewissen Sinn zeitlos und ihre Stimme drückt sowohl das Erstaunen vor dem Unfaßbaren, was der Knabe erlebt, wie auch die Sicherheit im unerschütterlichen Gottvertrauen aus. Sie ist eingebettet in eine vorzügliche Ensembleleistung, dem Einsiedler von Frank van Aken, dem Gouverneur des Hans-Jürgen Lazar, Dietrich Volle als Landsknecht, Florian Plock als Hauptmann, als Bauer Magnus Baldvinsson und der Tänzerin Márcia Haydée als Dame in einer Sprechrolle.

Cristof Nel, dem Frankfurt viele komplexe Inszenierungen verdankt, hatte diese vor fünf Jahren für Stuttgart erfunden und er hat in langen Gesprächen und Interviews erläutert, weshalb er diese Inszenierung und damit die alte Basis für die Frankfurter Oper nur auffrischte, aber nirgends veränderte, zumal die beiden Hauptbesetzungen dieselben sind. Claudia Mahnke war damals noch Ensemblemitglied in Stuttgart, heute Frankfurt, und der Einsiedler ist auch personenidentisch. Worum geht es? Mitten im Krieg darf der umherirrende Schafhirtenknabe beim frommen Einsiedler Unterschlupf finden, was Überleben bedeutet. Denn draußen tobt der Mop in Person der Landsknechte. Der Junge wird christlich erzogen, erhält den passenden Namen für einen Einfältigen – viele Assoziationen an spätere im Wald aufgegriffene Kinder, auch an Wagners Siegfried tumben Tor – und kann nach dem Tode des Ersatzvaters/Großvaters dem Unheil der Festnahme nicht entgehen und wird als „Rest vom Heiligen Römischen Reich“ dem Gouverneur überbracht. Dort darf er, der immer die Wahrheit sagt, die Rolle des Hofnarren spielen, ist am Schluß aber der, der als einziger überlebt, als die unterdrückten Bauern durch Kampf aufbegehren.

Karl Amadeus Hartmann hat seit 1934 diesem Stoff Form und musikalische Struktur gegeben, die nicht einfach zu beschreiben ist. Grundsätzlich wünscht man sich eigentlich einen kleineren, intimeren Rahmen. Die Frankfurter Bühne ist in diesem Sinne eine Nichtszene. Grau in Grau bleibt es in den drei Szenen mit der reduzierten Spielfläche durch die Abtrennungswand mit Durchsicht auf der linken Seite und die Treppe mit dem 180 Grad Winkel ins Nichts, wo mal jemand kommt, mal jemand geht, die Leichen die Treppen hinunterrutschen, denn ein Zuckerlecken ist das nicht. Aber angesichts der eigentlichen Schandtaten wird hier keine mordende Soldateska gezeigt und auch nicht das gesellschaftliche Schreckensbild, das Ricarda Huch in den Kindern und Frauen, den eigentlichen Verlierern so unter die Haut gehend zeigt. Die Musik nun wiederum wird da lauter, wo das Grauen kleiner wird und da leise, wo es um Massenmord, Vergewaltigung und Verstümmelungen geht.

Wenn man ein Werk das erstemal hört, muß man die Leistung des Orchesters ohne Vergleich einschätzen. Uns schien die musikalische Leitung von Erik Nielsen unaufdringlich, aber genau auf die Partitur abgestimmt und diese nun wiederum stark auf die Szene bezogen, eine Instrumentalisierung des Geschehens. Gar zu gerne hätten wir gewußt, ob Hermann Scherchen, der unvergessene und von den Nazis verfolgte Dirigent, der Hartmann überhaupt erst auf den Stoff aufmerksam gemacht hatte und Mitlibrettist war, auch an der Komposition teil hatte. Uraufgeführt wurde die Oper von Hartmann mit starken Veränderungen dann erst am 2. April 1948 in München konzertant und am 20. Oktober 1949 szenisch in Köln. Nach starker Überarbeitung gab es am 9. Juli 1957 eine Zweitfassung in Mannheim. Die Frankfurter Aufführung ist eine Mischform und man erlebt diese Oper nicht so sehr emotional, sondern als durch die reduzierte Form sprödes, artefizielles Ereignis.

Grundlagen:

Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, Der abenteuerliche Simplicissimus Deutsch. Aus dem Deutschen des 17, Jahrhunderts von Reinhard Kaiser. Die andere Bibliothek im Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2009

Ricarda Huch, Der Dreißigjährige Krieg, Insel-Taschenbuch Nr. 22, Frankfurt am Main 2009

Friedrich Schiller, Die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, München 1988

Nächste Aufführungen: 10., 13., 17., 25., und 27. September 2009

www.frankfurt-oper.de

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