Werwölfe und Teufel – Ein bestechender Roman über Kämpfer, Geister und das Leben an sich

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© Klever
Wenn es um das Tätowieren und die innere Gesetzmäßigkeit von russischen Straflagern geht, ist der vorliegende Roman Roberts Prossers schon weit fortgeschritten. Der Tätowierer Mikhail in seiner schiefen Hütte erscheint auf Seite 120. Geister kennen wir schon, nun also Tattoos. 
Schlanke 180 Seiten lang komprimiert der 1983 geborene Autor und Kosmopolit Erlebtes und Gehörtes zu beinah lyrischen Fragmenten. Unter dem Kürzel „23 (Raketen. 1992)“ findet sich zum Beispiel der Satz: „Dein Trupp bezieht am Stadtrand Stepanakerts Stellung und du bist auf dich selber wütend, weil du die Angst nicht los wirst, Sirans weiche Haut, die noch unter den Fingern schmerzt, könnte von einem anderen berührt werden, wenn nicht jetzt, so später.“

Du – ist ein pensionierter Krieger, während alle anderen Figuren in der dritten Person beschrieben werden. Siran, die Frau, Naira, die Tochter, Ramela, die Begehrte. Die Männer der Siedlung, alles Ehemalige wie Du selbst. Der Ort: nirgends, Grenzgebiet im Kaukasus. Selbstgewähltes Exil als Tanz auf dem Pulverfass. Kreuze, Raketen, Wald und Schnapskönig sind die kurzen, manchmal nur eine Seite langen Kapitelfragmente überschrieben. Du schlägst deine Frau. Trinkst. Tanzt. Misst dich mit dem Schnee, dem Wolf. Wirst verrückt und hältst doch durch. Redest. „Weil du nie viel vom Krieg erzählst, hört Siran schweigend, neugierig  zu, wie du von einem Mädchen sprichst, in welchem sich dir sämtliche Unmöglichkeiten bündeln.“

Die Wälder und Schluchten des Berg-Karabach und der Schnaps, Jahreszeiten und Sehnsüchte – das sind die Eckpunkte des Lebens dieser kleiner Außenseitergemeinde am Rande Armeniens. Zwei Handvoll Menschen versuchen im Wald zu überleben. Prosser schreibt gnadenlos, wirft den Leser brutal in die verknappte Handlung, lässt ihn Blut und Schnee schmecken, den Wolfsbiss und die Nadel. Kann das gutgehen?

„Alles hat hier mit Schmerz zu tun. Man wächst ins Symbolhafte, trägt Talisman-Tattoos als Schutz gegen Tuberkulose oder Stalinfratzen über dem Herzen, weil kein Soldat oder Polizist aus eine solche schießen wird, glaubt man. Ikonen, Werwölfe und Teufel marschieren auf, weil man zwischen den Welten wechselt, ein Biest sein will und deshalb die Figuren und Schädel und Schriften auf der Haut trägt.“

Fazit: ein posttraumatischer Alptraum, schonungslos, abgründig, poetisch, großartig!

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Robert Prosser, Geister und Tattoos, Roman, 181 Seiten, Klever Verlag, August 2013, (D) 19,90 €

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