Überall und nirgends zu Hause oder auch: der populäre Zwölftöner – „Hanns Eisler. Mensch und Masse“ in der Reihe „musik des aufbruchs“ im Jüdischen Museum Wien

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Hanns Eisler

Hanns Eisler wurde 1898 in Leipzig geboren, als Kind des Wiener Philosophen Rudolf Eisler und seiner schwäbischen Ehefrau Ida Maria, die aus einer Bauernfamilie kommend einen Fleischer zum Vater hatte, der glühender August Bebel Verehrer und Sozialist war. Ziemlich ärmlich lebte die Familie, zu der noch zwei weitere Kinder zählten, der Bruder Gerhart, der später in der DDR Spitzenfunktionär des Rundfunks wurde und die Schwester Elfriede, die sich später Ruth Fischer nannte, linientreue KPD-Vorsitzende war – alle drei waren in die USA emigriert – und in der Nachkriegszeit ihre beiden Brüder in Amerika als Kommunisten anschwärzte, denn sie selber war abtrünnig geworden und bangte vor der russischen Vergeltung. Verfolgungswahn. Das muß man sich mal vorstellen, die eigenen Brüder zu denunzieren, die zwar von linker Gesinnung, aber weder Spione noch überhaupt – wie Hanns – je eingeschriebene Kommunisten waren. Aber wir sind weit voraus, denn 1901 zog die fünfköpfige Familie erst einmal zurück nach Wien in den dritten Bezirk, weil der Vater als Atheist zwar keine Universitätsstelle bekommen konnte, aber auch als Privatgelehrter für das Nötigste sorgen konnte.

Der Vater war zudem sehr musikalisch, spielte Klavier und so wuchs Hanns mit Tönen auf und schrieb seine erste Komposition mit zehn Jahren! In der Ausstellung wird einem der Lebensweg sehr sinnlich nahegebracht. Auf der einen Seite zieht ein Schriftband in Deutsch und Englisch rund um die Ausstellung, auf dem die Jahresdaten und Ereignisse und für Eisler wichtige Menschen verzeichnet sind, dann aber begrüßen einen mannshohe Pappfiguren als Familie Eisler – oben die darstellende Peron unten ein exemplarischer Spruch von ihr – und man lernt die drei Ehefrauen Eisners kennen und seine Hauptgeliebte. Schön das Porträt Viktor Matejka von 1955, das deutlich zeigt, daß Hanns Eisler – schon als Jugendlicher dicklich und eher klein – kein schöner Mann war, aber wohl einen von Frauen sehr goutiertem Charme besaß und einen humorvollen Intellekt dazu. Hanns Eisler war eben Wiener und in der Ausstellung zieht sich dieses Band des Wienerseins durch, einschließlich der Tatsache, daß auch alle drei Ehefrauen Wienerinnen waren, wenngleich Eisler die meiste Zeit seines Lebens außerhalb von Wien verbrachte. Aber, Wiener zu sein, ist eh stärker eine Angelegenheit des Herzens und des Esprit.

Auf jeden Fall zeigen die Vitrinen im Eingangsbereich auch in Form von Briefen und Dokumenten diese Anbindung an Wien, aber auch die familiären Verwicklungen, sei es mit Schwester Elfriede/Ruth (original Eisler: sie denunzierte, „vielleicht weil wir als Kinder nicht immer nett zu ihre waren“) und wie man wenig Geld zu haben mit hohen kulturellen Ansprüchen paaren kann. Auf jeden Fall hat Schönberg aufgefordert, bei ihm von 1919 bis 1924 unentgeltlich Musik und Komposition zu studieren und tatsächlich war er neben Anton Webern und Alban Berg dessen Lieblingsschüler, bis ihm zu Ohren kam, wie despektierlich sich Eisler anlässlich einer Eisenbahnfahrt über ihn – Schönberg – als den trockenen, dem Leben abgewandten Elitären äußerte, während er mit den Massen kommunizieren und für sie komponieren wollte. Er selber hatte Schönberg geschrieben: „Hochverehrter Meister! Ich verdanke Ihnen alles“ Aber wir sind schon wieder der Zeit voraus, die hier in der Ausstellung dokumentiert wird. Denn eines der nichtmusikalischen Schlüsselerlebnisse war in seiner Schulzeit, dem Wiener k. und k. Staatsgymnasium Nr. 2, seine Mitgliedschaft im „Sprechklub“ sozialistischer Mitschüler. Schon vierzehnjährig beschäftigte er sich mit sozialistischen und anarchistischen Theorien und die Erfahrungen im ersten Weltkrieg, wo er als potentieller Linksabweichler gleich in ein ungarisches Regiment gesteckt wurde, damit er nicht agitieren könne, war ihm eine gute Lehre für die Zukunft.

1925 ging Eisler nach Berlin, weil er dort Unterricht geben konnte und der neuen proletarischen Musiksprache teilhaftig wurde. Es ging darum, einprägsame Melodien mit eindrücklichen Texten zu finden, die weder die Seichtheit des Schlagers noch die Abgehobenheit der musikalischen bourgeoisen Avantgarde hatten. Später lernte er dort auch Berthold Brecht und Ernst Busch kennen und er war ausgerechnet zu Besuch in Wien, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen und er gleich in seiner Heimatstadt im ersten Exil blieb. Allerdings nicht lange, denn die Austrofaschisten hatten an ihm auch keine Freude und so wanderte Eisler über verschiedene europäische Länder bis nach Amerika, wo er in Mexiko und den USA dann überlebte.

Es war seine musikalische Begabung, mit der er sich über Wasser hielt und deren Ausübung er „angewandte Musik“ nannte, was eine schöne Wendung ist, analog der angewandten Kunst, und die hier Filmmusik, Werbesongs und Theatermusik beschreibt. Er war gut im Geschäft und Hollywood hätte seine Zukunft sein können, wenn nicht die Denunziation seiner Schwester seinen USA-Aufenthalt abrupt beendet hätte. Heimlich verließ er das Land und ging wieder einmal zurück nach Wien. Denn österreichischer Staatsbürger durfte er – wie Bertold Brecht – nun bleiben. Allerdings ohne ordentliche Beschäftigung. deshalb nahm er das Lehrstuhl-Angebot der Musikhochschule in Ost-Berlin an und wurde Mitglied der Akademie der Künste. Er schuf ja nicht nur die Nationalhymne der DDR, sondern auch viele Volks- und Kinderlieder.

In der Ausstellung sind die DDR-Devotionalien schön präsentiert und man mag sich gerne vorstellen, wie ein Künstler sich anerkannt fühlt, wenn seine Lieder gesungen und seine Arbeit insgesamt gewürdigt wird. Schließlich war auch die DDR einmal im Aufbruch und mit ihrer Gründung und dem des Aufbau Verlages hatten sich ja exzellente Geistesgrößen ein Stelldichein gegeben. Wenig war zu ahnen von trögem Staatssozialismus, was eh nicht richtig ist und mit Staatsbürokratismus bezeichnet werden sollte. Und wenn man dann endlich einmal im Leben einen Platz gefunden hat, wo man, anerkannt dazu, bleiben darf, dann sagt man auch laut „Ja“ zur Berliner Mauer, obwohl man es insgeheim besser weiß. Aber Eisler war nie ein Zurechtkommer gewesen, sondern hatte seine – auch seine politische – Meinung jeweils deutlich geäußert, was ihm in der DDR auch Kritik einbrachte. Er starb plötzlich an einem Herzinfarkt 1962 und die Ausstellung schreibt: Es hinterblieben eine Witwe und zwei Ex-Ehefrauen neben seinem Sohn, dem österreichischen Nachkriegsmaler Georg Eisler.

Die Ausstellung macht froh, zu was ein Mensch in der Lage ist und sie macht traurig, wie demselben Menschen durch diktatorische Machtausübung seine wirklichen Möglichkeiten genommen werden. Insgesamt also eine rundherum sehenswerte Ausstellung, an der uns nur eines störte. Seine Musik war in einer Anlage untergebracht, die man nur mit dem Audioguide steuern, d.h. hören konnte. Wenn man sich also selbst auf den Weg macht, die Dokumente und Fotos zu studieren, dann muß man auf die Musik verzichten, es sei denn, man steigt aus dem 2. Stock hinunter, um sich solch ein Gerät zu holen. Und das schiebt man bis zum Schluß auf und dann ist man von Ausstellung und den vielen Informationen vollgefüllt und will gar nix mehr hören.

Und wir haben zwei wichtige Personen im Leben des Hanns Eisler hier unterbelichtet. Das war die Zusammenarbeit und Freundschaft mit Berthold Brecht und die lebenslange intensive Geschwisterbeziehung mit Gerhart Eisler. Selber schauen und dem nachspüren in Wien.

* * *

Ausstellung:

bis 12. Juli 2009 im Jüdischen Museum Wien.

Katalog:

Hanns Eisler. Mensch und Masse, in der Reihe „musik des aufbruchs“, hrsg. von Michael Haas und Wiebke Krohn, Jüdisches Museum Wien 2009

Dem Begleitbuch zur Ausstellung liegt eine CD bei, die der Herausgeber Michael Haas auf den Seiten 226 ff kommentiert. Eisler war ja nicht nur der von Schönberg musikalisch hoch geschätzte und eingeschätzte Schüler, sondern auch der Meister des Agitprop, den Brecht von allen seinen Mitschaffenden am meisten schätzte. Eisler war aber auch Komponist für Film und Fernsehen und er war der Staatskomponist der DDR, allesamt Tätigkeiten, von denen man sich nur schwer vorstellen kann, wie die alle unter einen Hut paßten. Aber sie taten es, denn Eisler war dem praktischen Vollzug der Musik verpflichtet und kümmerte sich wenig, um ideologische Scheuklappen, aber auch wenig um die Archivierung seiner Kompositionen. Für die CD haben die Herausgeber deshalb die im Exil entstandenen und an Mahler orientierte „Deutsche Sinfonie“ mit Zwölftonelementen und das Kammermusikwerk „14 Arten den Regen zu beschreiben“, Schönberg gewidmet und eine Schlüsselkomposition, von der Eisler auch sagte: „Vierzehn Arten, mit Anstand traurig zu sein“.

Versäumt hatten wir die Ausstellungen Hans Gál und Egon Wellesz (20049), Franz Schreker (2005), Endstation Schein – Heiligenstadt (2006) und die Korngolds (2008), die aber alle in Form von Begleitbüchern als Kataloge aufbewahrt und noch zu kaufen sind.

Zu empfehlen ist auch das Buch: Theodor W. Adorno und Hans Eisler, Kompositionen für den Film, Suhrkamp Verlag 2006, in dem eine DVD "Hanns Eislers Rockefeller-Filmmusik-Projekt 1940-1942 "steckt. Der Text selbst liefert sowohl theoretische Grundlagen wie auch Notenbeispiele von Eislers Kompositionen.

Reiseliteratur:

Felix Czeike, Wien, DuMont Kunstreiseführer, 2005
Baedecker Allianz Reiseführer Wien, o.J.
Lonely Planet. Wien. Deutsche Ausgabe 2007
Walter M. Weiss, Wien, DuMont Reisetaschenbuch, 2007
Marco Polo, Wien 2006
Marco Polo, Wien, Reise-Hörbuch

Tipp:

Gute Dienste leistete uns erneut das kleinen Städte-Notizbuch „Wien“ von Moleskine, das wir schon für den früheren Besuch nutzten und wo wir jetzt sofort die selbst notierten Adressen, Telefonnummern und Hinweise finden, die für uns in Wien wichtig wurden. Auch die Stadtpläne und U- und S-Bahnübersichten führen– wenn man sie benutzt – an den richtigen Ort. In der hinteren Klappe verstauen wir Kärtchen und Fahrscheine, von denen wir das letzte Mal schrieben: „ die nun nicht mehr verloren(gehen) und die wichtigsten Ereignisse hat man auch schnell aufgeschrieben, so daß das Büchelchen beides schafft: Festhalten dessen, was war und gut aufbereitete Adressen- und Übersichtsliste für den nächsten Wienaufenthalt.“ Stimmt.

Anreise:

Viele Wege führen nach Wien. Wir schafften es auf die Schnelle mit Air Berlin, haben aber auch schon gute Erfahrungen mit den Nachtzügen gemacht; auch tagsüber gibt es nun häufigere und schnellere Bahnverbindungen aus der Bundesrepublik nach Wien.

Aufenthalt:

Betten finden Sie überall, obwohl man glaubt, ganz Italien besuche derzeit Wien! Überall sind sie auf Italienisch zu hören, die meist sehr jungen und ungeheuer kulturinteressierten Wienbesucher. Wir kamen perfekt unter in zweien der drei Hiltons in Wien). Sinnvoll ist es, sich die Wien-Karte zuzulegen mitsamt dem Kuponheft, das auch noch ein kleines Übersichtsheft über die Museen und sonstige Möglichkeiten zur Besichtigung in Wien ist, die Sie dann verbilligt wahrnehmen können. Die Touristen-Information finden Sie im 1. Bezirk, Albertinaplatz/Ecke Maysedergasse.

Mit freundlicher Unterstützung von Air Berlin, dem Wien Tourismus, der Wiener Festwochen und diverser Museen und den Hilton Hotels Wien.

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