Trübe Aussichten – Fed hat Angst vor einem Abgleiten der USA in eine Deflation

Wie schlecht es besonders vielen kleinen und mittleren Unternehmen und Banken in den USA geht, zeigt deren Reaktion auf Obamas neues 30-Milliarden-Dollar-Hilfsprogramm. Dieses wurde vor einer Woche vom Kongreß verabschiedet. Angestrebt wird, daß die regionalen Banken dieses Mittel in günstige Kredite für lokale Unternehmen umwandeln. Wenn es von der Regierung Geld gibt, dann stehen die Leute normalerweise Schlange. Laut einer aktuellen Untersuchung der National Federation of Independent Business (NFIB) sind aber weder die Unternehmen noch die Regionalbanken an dem Programm interessiert. Das Volumen der Investitionspläne vieler Firmen ist so niedrig wie zuletzt vor 35 Jahren. 91 Prozent der kleineren und mittleren Unternehmen hegen daher keine Kreditwünsche, nicht einmal bei besonders günstigen Zinsen. Und für die wenigen Darlehen, die doch nachgefragt werden, haben die Banken selbst genug Geld, ohne auf das Regierungsangebot eingehen zu müssen, das mit zusätzlichen Regulierungsforderungen einhergeht.

Derweil zeigen andere Untersuchungen, daß die Mehrzahl der US-Unternehmen seit über einem Jahr nur noch durch stetige Preisnachlässe ihren Absatz einigermaßen aufrechterhalten kann. Das hat die US-Notenbank Fed alarmiert, die nun ihre Bereitschaft signalisiert hat, mit einer zweiten Runde des sogenannten »Quantitative Easing« den amerikanischen Markt mit neuer Liquidität in einer Größenordnung von mehreren Billionen Dollar zu überschwemmen.

Zum ersten Mal seit einem Jahr hat die Fed in der vergangenen Woche einen entsprechenden Strategiewechsel offiziell in einer Erklärung eingeräumt. Die entsprechende Textpassage lautet, daß die Notenbank »bereit ist, zusätzliches (finanzielles, R.R.) Entgegenkommen zu zeigen, wenn das notwendig ist, um die wirtschaftliche Erholung zu stützen und um zu einer Inflationsrate zurückzukehren, die mit ihrem Mandat übereinstimmt«. Für Normalsterbliche übersetzt heißt das, daß die Preise kaum noch steigen und die Fed Angst vor einem Abgleiten der USA in eine Deflation befürchtet. Daher signalisiert sie ihre Bereitschaft, notfalls Billionen Dollar quasi aus Hubschraubern zu werfen, um die Nachfrage wieder anzukurbeln.

Allerdings hat auch der erste Versuch des »Quantitative Easing« nicht die erwünschten Wirkung – mehr Kreditvergabe und mehr Konsum – erzielt. 1,25 Billionen Dollar hatte die Fed in den Geldkreislauf gepumpt, indem sie den Banken Schrotthypotheken zum Buchwert ohne Abschläge abkaufte. Das Gegenteil ist jedoch eingetreten, das Volumen der Privat-, Firmen- und Handelskredite sank sogar. Die Banken nutzten das mehr oder weniger geschenkte Geld statt dessen dazu, Reserven bei der Fed einzulagern.

»Ich brauche nicht mehr Kredite, sondern mehr Kunden«, war laut der eingangs erwähnten NFIB-Umfrage die verbreitete Antwort der Unternehmer auf die Frage nach der Kreditvergabe der Banken. Zugleich bemühen sich viele hochverschuldete Verbraucher angesichts der düsteren Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt, ihre Verbindlichkeiten abzubauen. Die Privatverschuldung ist 2009 erstmals seit 65 Jahren in den USA nicht gestiegen, sondern gesunken. Die Fed ist offenbar mit ihrem Latein am Ende und fordert das Finanzministerium auf, ein neues Konjunkturprogramm aufzulegen. Dem aber fehlt für neue, große Programme angesichts der bereits jetzt extrem hohen staatlichen Defizite sowohl das Geld als auch der politische Wille. Eine Lösung der Probleme oder gar ein konsistenter Wirtschaftsaufschwung sind in den USA jedenfalls nicht in Sicht.

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Anmerkungen:

Der von Rainer Rupp verfaßte Beitrag wurde am 30.09.2010 in der jungen Welt auf Seite 9 erstveröffentlicht. Alle Rechte beim Autor.

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