The English Patient

Boris Johnson während einer Rede am 2. Oktober 2019 in Manchester. Quelle: Facebook, Screenshot 2019-10-02

Wien, Österreich (Weltexpress). Inzwischen sind 215 (0,08 Prozent) der insgesamt 263 000 britischen Juden an Sars-CoV-2 verstorben – gegenüber 12 900 britischen Covid-Opfern insgesamt, aus einer Bevölkerung von 66,65 Millionen (also 0,02 Prozent). Die jüdischen Briten sind also bei den Virus-Opfern sehr deutlich, nämlich vierfach überrepräsentiert. Das prominenteste jüdische Opfer, das zu beklagen ist: Rabbiner Avroham Pinter, der im Alter von 71 Jahren an Sars-CoV-2 verstarb – eine der prominentesten rabbinischen Persönlichkeiten in der nordenglischen Haredi-Gemeinschaft von Stamford Hill.

Der britische Premierminister Boris Johnson identifiziert sich gern mit Winston Churchill und hat schließlich auch ein biographisches Werk über sein Idol („The Churchill Factor“) verfasst. Johnson vergleicht die erfolgreiche Kampagne seines Vorbilds gegen Nazideutschland mit seinem Kampf gegen den „unsichtbaren Feind“, das Sars-CoV-2-Virus: Er stehe jetzt, proklamierte er pathetisch, an der Spitze eines Kriegskabinetts, eines „Wartime Government“.

Doch während der Kriegspremier am 18. Juni 1940 die Nachwelt mit den berühmten Worten beschwor, sie werde über die Briten sagen „This was their finest hour“, landete Johnson gefechtsunfähig, erkrankt an eben jenem Virus, in der Intensivstation. Als er sich, durch ein ausgewähltes Team medizinischer Kapazitäten im hochkarätigen St.Thomas Hospital gegenüber dem Westminster-Parlament nach einer Woche notdürftig wiederhergestellt, im Gegensatz zu so vielen auf der Seite der Lebenden und nicht der Toten wiederfand, spendete er dem Team des Nationalen Gesundheitsdienstes NHS Beifall: Er werde diesen Leuten „für den Rest meines Lebens“ dankbar sein.

“Never was so much owed by so many to so few”, sagte Churchill: Während die Nation dem heldenhaften NHS-Personal kollektiv Beifall spendete – landauf traten die Menschen vor die Türen und klatschten Beifall, während auf dem Meer die Schiffe in einem gespenstischen Chor ihre Schiffssirenen ertönen ließen – klangen des Premiers wohlgemeinte Dankesworte doch reichlich hohl.

Außer dem (korrekten) Aufruf zum Händewaschen ist Kriegspremier Johnson allzu lange nichts Gescheites eingefallen – außer dem wahnwitzigen Experiment mit der „Herden-Immunität“ („Durchseuchung“), das inzwischen kleinlaut fallengelassen wurde und dann „Social Distancing“ kombiniert mit „Total Lockdown“, wie anderswo auch – nur eben viel zu spät. Johnsons Partei, die Tories, haben jahrelang das NHS gründlich kaputtgespart, es fehlt an allen Ecken und Enden. Die Situation wäre grotesk zu nennen, wäre sie nicht schlicht katastrophal: Krankenschwestern stülpen sich Müllsäcke über (und sterben denn auch, prompt infiziert, reihenweise), weil in den letzten sechs Jahren 40 Prozent der Schutzausrüstung unbrauchbar wurde. Atemmasken von medizinischem Personal werden mit Taucherbrillen und Schnorcheln sowie Schutzbrillen aus Chemiebaukästen improvisiert, ein funktionsfähiges Beatmungsgerät, Requisit einer TV-Soap-Opera, wurde eilig requiert – so groß sind hier Mangel und Not. Johnson und seiner so erfolgreichen Brexit-Strategie haben es die Briten auch zu verdanken, dass die Briten dreimal die Chance verpassten, sich an der EU-Beschaffung für die so dringend benötigte Schutzbekleidung zu beteiligen.

Inzwischen verzeichnet Großbritannien mehr als 12900 Corona-Tote, Nummer Fünf im Weltvergleich, doch die (nach den USA) steilste Kurve -inzwischen deutlich steiler als Spanien und Italien der Corona-Toten in Großbritannien – lässt befürchten, dass das Schlimmste noch bevorsteht.

Anmerkung:

Vorstehender Artikel von Dr. Charles E. Ritterband wurde am 16.4.2020 im jüdischen Wochenmagazin „Tachles“ veröffentlicht.

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