Schungenfehler, Laibschen und schlechtesch Wetter – Warum „Willkommen bei den Schti’s“ der beste Film gegen Winterdepressionen ist

Philippe und Antoine raufen sich zusamen.

Doch was an diesem Film hat die Franzosen so angesprochen, dass ein derart großer Anteil der Bevölkerung sich in die Kinos aufmacht, um an dieser zunächst nur für einen weit kleineren Rahmen gedachte Komödie teilzuhaben? Zunächst einmal besticht die Thematik des Films gerade, aber eigentlich auch nur den französischen Zuschauer. Humorvoll werden die Klischees zwischen Nord- und Südfranzosen behandelt, aufgegriffen, überzeichnet und entschärft. Dabei ist dem Regisseur Dany Boon das Kunststück gelungen, ohne allzu sentimentale und menschelnde Konstruktionen neben Momenten haarsträubender Komik auch Szenen zu finden, die zu leisem und besinnlichen Schmunzeln führen.

Regisseur und Darsteller des Antoine, Dany Boon, verdankt seiner Heimat sehr viel, denn sie inspirierte ihn zur Kunstfigur des sympathischen Proleten aus dem Norden, die ihn im ganzen Land berühmt gemacht hat. Durch seine Komödie, in der er einen liebevollen Blick auf die Eigenheiten seiner Landsleute wirft, gibt er seiner Heimat auch viel zurück: Die Region Nord-Pas-de-Palais erlebt seit dem Filmstart einen sprunghaften Sympathiezuwachs bei den übrigen Franzosen, ablesbar am enormen Anstieg der Touristenzahlen. Mittlerweile gibt es geführte Schti’s-Touren, Engpässe bei der Produktion des Maroilles-Käses, und schon dreimal wurde das Ortsschild der Stadt Bergues gestohlen.

In Frankreich gibt es eine imaginäre Grenze, die in etwa auf der Höhe Bordeaux-Paris-Metz liegt, die in etwa dem deutschen "Weißwurstäquator" entspricht. Diese Linie trennt die Nord- von den Südfranzosen, die bis zu der Kulur-Clasch-Komödie ihre Kenntnisse über die jeweils andere Gruppe aus Vourteilen, Klischees und Schauergeschichten bezogen. Genau wie bei uns in Deutschland, wo Bayern und Preußen scheinbar unüberwindliche Gräben trennen, von Ossi, Wessis und Ostfriesen ganz zu schweigen. Auf beiden Seiten tummeln sich die Gerüchte.

Die Südfranzosen werden als arbeitsfaule und unzuverlässige Menschen gesehen, während die Nordfranzosen als wortkarg und verschlossen gelten. Aber komödiantische Momente entstehen in erster Linie genau dann, wenn scheinbar unüberwindbare Gegensätze aufeinander prallen und sich eine Lösung eben nur in Form von grotesken Situationen ihren Weg bahnt.

So hat "Willkommen bei den Schti’s" ganz klar einen Nerv bei den Zuschauern getroffen, der in unübersichtlichen Zeiten nach menschlicher Wärme zu suchen scheint.

Dass der Film auch in der deutschen Fassung seinen Reiz nicht verliert, ist wohl der deutschen Synchronisation zu verdanken. Für die deutsche Fassung wurde ein eigener Dialekt entwickelt, der viele sofort an Asterix und der Avernerschild erinnern wird: Anstelle des S wird ein Sch gesprochen und umgekehrt. Die Sprechweise klingt fremdartig, aber keineswegs unfreundlich oder grimmig, sie hat eher einen liebenswürdig-schrulligen Stil, der im Humor des Films eine große Rolle spielt. Dabei glänzt vor allem Christoph "Stromberg" Maria Herbst als Stimme des Postboten Antoine.

Zur Handlung: Der aus Südfrankreich stammende Postbeamte Philippe Abrams (Kad Merad) der in einer Filiale im Hinterland von Marseille lebt, bemüht sich auf Drängen seiner unzufriedenen Frau Julie (Zoé Félix) um eine Versetzung nach Südfrankreich an die Côte d’Azur. Als er erfährt, dass behinderte Angestellte vorgezogen werden und seine Chancen dadurch auf ein Minimum beschränkt werden, täuscht der eigentlich grundgute Mann aus Liebe zu seiner Frau vor, selbst körperlich behindert zu sein. Im Rollstuhl empfängt er den Vermittler und hat den Posten schon beinahe in der Tasche, als er, voller Vorfreude, aus der Rolle fällt und sich zum Abschied mit den Worten "Sie halten mich nicht auf" zum Händedruck aus dem Rollstuhl erhebt. Damit bewirkt er das genaue Gegenteil von dem, was er erreichen wollte. Seine Täuschung fliegt auf, aber ihm wird nicht gekündigt, "schlimmer noch", wie sein Chef ihm sagt, er wird in den Norden versetzt.

In den kalten, grauen und unwirtlichen Norden. Von all seinen Freunden bemitleidet, reist er in das so gefürchtete Gebiet. Erbost von seinem Betrugsversuch beschließt seine Frau, mit seinem Sohn im Süden zu bleiben. Das Schlimmste erwartend, kommt er im Norden an, um mit Erstaunen festzustellen, dass die berüchtigten "Nordmenschen" gar nicht so furchtbar, sondern zwar eigenartig, aber ebenso warmherzig und liebenswürdig sind. Obwohl von Einzelheiten, wie dem streng riechenden weit verbreiteten Käse befremdet, beginnt er das Leben in der herzlichen Atmosphäre zu genießen.

Bald wird Antoine (Dany Boon), einer seiner Angestellten, sein bester Freund. Spätestens beim Anblick der seltsamen kleinen Gemeinde, die den Ausgestoßenen herzensguten Philippe aufnimmt und ihm so angenehm die Vorurteile aus dem Kopf schlägt, geht dem Zuschauer das Herz auf. Die eigenartige Liebenswürdigkeit wird durch den sympathischen Dialekt weiter bestärkt.

Nach einigen vergeblichen Versuchen, seiner Frau klarzumachen, wie man sich im Süden in den Menschen im Norden irrt, spielt er ihr Spiel mit und erzählt ihr wehleidig von den vermeintlich gräßlichen Erlebnissen. Als ihn seine Frau besuchen kommt, spielen seine Mitarbeiter sogar überzeugend mit, um die Illusion zu bewahren, denn Philippe wird von nun an bei seinen Besuchen bei seiner Frau und seinem Sohn verwöhnt wie nie zuvor.

Nicht mehr pausenlos nörgelnd sondern sein heroisches Ausharren bewundernd, unterstützt sie ihn wo sie kann. Der Kontrast aus den fingierten Zuständen und der viel milderen Realität bildet eine lange Zeit den roten Faden der Handlung und große Quelle der Komik, denn Kad Merad bedient sich als Schauspieler im Schauspieler eines subtilen Humors, der viel zum Charakter des Films beiträgt.

Mit demütig bestürzter Miene erzählt er, es wäre für ihn gerade noch so auszuhalten, zumindest im Sommer, wenn die Temperaturen sich noch um den Nullpunkt befinden.

Auch diese Lüge fliegt schließlich auf und erneut ist seine Frau erbost über ihn. Mit Antoine als einzigem gebliebenem Freund verbringt Phillipe nun einen Großteil seiner Zeit. Schließlich gelingt es ihm Antoine dazu zu bringen, seiner großen Liebe Annabelle (Anne Marivin) einen Heiratsantrag zu machen, der von der ebenfalls herzensguten Frau angenommen wird.

Beschwingt davon macht er sich auf den Weg um sich aufrichtig bei seiner Frau zu entschuldigen und ihr erneut seine Liebe zu gestehen. Sie lässt sich erweichen, glaubt ihm und zieht mit dem gemeinsamen Sohn zu ihm in den Norden.

Am Ende des Films gibt es eine herzerweichende Abschiedsszene, denn Phillipe wird nun tatsächlich in den Süden versetzt. Mit Tränen in den Augen wiederholt Antoine den Satz, den er bei Phillipes Ankunft schon einmal gesagt hatte: "Ein Fremder, der in den Norden kommt, weint zweimal: wenn er kommt und wenn er wieder geht!"

Zugegeben, das Ende des Films ist etwas maßgeschneidert. Die Probleme werden mehr als einfach gelöst und das Happy End kommt quasi wie von selbst, doch es gab selten einen Film, dem man es so gerne verzeiht, denn der ganze Film ist von einem derart sympathischen und auch subtilen Humor durchzogen, dass er einfach nicht langweilig wird. Und auch ohne großen Showdown, ohne großes Problem das kongenial und überraschend gelöst wird hält er sich bis zum Schluss. Auch wenn das Ende etwas konventionell wirken mag: Der Film beweist Einfallsreichtum und Kreativität schlicht in der Handlung und der Inszenierung der Figuren.

In vielen europäischen Ländern wird bereits darüber nachgedacht, wie man das Konzept dieser Erfolgskomödie kopieren könnte; regionale Unterschiede, damit verbundene Vorurteile und eine von der Arbeitssituation erzwungene Mobilität gibt es schließlich auch anderswo. Dass es eine italienische Neuverfilmung geben wird, steht bereits fest, und es wurde bekannt, dass Will Smith das US-Remake dieses französischen Kinowunders produzieren wird.

Lachen ist gesund und über menschliche Schwächen zu lachen, die man auch bei sich selbst entdecken kann, ist noch gesünder. Weil "Willkommen bei den Schti’s" das bei so vielen Zuschauern geschafft hat, ist schon eine Menge gewonnen. Und vielleicht schafft es der Film ja auch, dass der zur Zeit so frierende Zuschauer dem frostig-grauweißen Alltag doch noch etwas abgewinnen kann.