Schuld und Sühne im 21. Jahrhundert – Serie: Zoran Drvenkar erhält für „Sorry“, erschienen bei Ullstein, den Friedrich-Glauser-Preis 2010 (Teil 1/2)

Das war Mitte September und da wir uns von „sorry“ selbst ein Bild machen wollten und erst nach dem Lesen über den Preis schreiben wollten, weil wir dann besser mitreden können, baten wir um das Buch, das flugs kam, sofort – wo auch immer – gelesen wurde, aber dann in der deutschen Bahn gestohlen wurde, in einem Regionalzug von Mannheim nach Frankfurt. Gibt’s denn so was? Und da war keiner, der sich danach für diese Tat bei uns entschuldigt hätte oder einen beauftragt hätte, das bei uns zu tun. Womit wir mitten im Roman um Schuld und Sühne sind, den wir inzwischen trotz Entwendung gelesen haben, aber noch immer schieben, denn erst kommt Friedrich Glauser dran.

Kennen Sie Friedrich Glauser? Den Schweizer Schriftsteller, in Wien 1896 geboren und in Italien 1938 gestorben, mit 42 Jahren also, in denen er schon alles erlebt hatte, was vorstellbar war, einschließlich der Fremdenlegion. Ein Leben wie ein Kriminalroman, vor allem mit den dunklen Schattenseiten des Lebens, die ihn, den Kreativen, Ungebärdigen, Suchtabhängigen zum Außenseiter machten, aber eben auch sensibel für die Welt, in der Ungerechtigkeit den Ton angibt und so viele Anzeichen auf etwas deuten, was die Umwelt nicht verstehen will, weshalb Schlimmes passiert. Eigentlich hat er Gedichte wie Mallarmé geschrieben, die aber erst nach seinem Tode gedruckt wurden. Bekannt wurde er für das Werk seiner letzten drei Jahre: die fünf Kriminalromane um den Wachmeister Studer, der als alter ego keine glatte Beamtenkarriere macht, sondern sich auf den Weg macht, die Schuldigen zu finden, die oft nicht diejenigen sind, zu denen die Gesellschaft sie gerne machen möchte.

Den Friedrich-Glauser-Preis zu erhalten, ist also – unter uns – so etwas wie eine olympische Medaille für Kriminalschriftsteller und zusammen mit dem Deutschen Krimi-Preis die höchst mögliche Auszeichnung.  Erfunden haben den Preis die Autorenvereinigung „Das Syndikat“, in der viele hundert deutschsprachige Krimischriftsteller zusammengeschlossen sind, die sich dann einmal im Jahr an wechselnden Orten zur „Criminale“ treffen. Der Preis, dessen Namengeber man auch als ersten deutschsprachigen Krimischriftsteller bezeichnet, wird seit 1987 in nunmehr mehreren Sparten verliehen. Für den Hauptpreis, den besten Kriminalroman, erhält man 5 000 Euro Preisgeld. Auch im Vorjahr hatte ein Krimi von Ullstein den Sieger gestellt, die Siegerin: Gisa Klönne, Nacht ohne Schatten.

Zu ihrer Auswahl auf Zoran Drvenkar, der 1967 in Kroatien geboren wurde und seit 1970 in und um Berlin lebt, sagt die Jury: „Zoran Drvenkars ’Sorry` ist ein innovativer und ungewöhnlicher Roman, der den in vielen Krimis thematisierten Grundtenor von Schuld und Sühne gehörig auf den Kopf stellt. Ausgehend von der Idee, eine moderne Form des Ablasshandels in der heutigen Gesellschaft darzustellen, schildert der Autor in beklemmender und verstörender Weise, welche unheilbaren, gravierenden psychischen Folgen Kindesmissbrauch bei den Opfern nach sich zieht. Dabei verschwimmen mit zunehmendem Fortgang der Geschichte die Grenzen zwischen Gut und Böse, Schuld und Unschuld, Verbrechen und Strafe sowie Täter und Opfer. Verfasst in einer deutlichen, stilsicheren, kompromisslosen und glasklaren Sprache im Verbund mit drei unterschiedlichen, zeitlichen Erzählebenen mit diversen Erzählinstanzen treibt Drvenkar nicht nur mit seinen Hauptpersonen, sondern auch mit seinen Lesern ein geradezu sardonisches Spiel.“ Fortsetzung folgt.

Infos:

Die Kriminalromane von Zoran Drvenkar erscheinen im Ullstein Verlag. „Du“ ist für den 15. Oktober angekündigt. Wir haben von Friedrich Glauser noch die alte Archeausgabe, aber sicher sind die neuen Ausgaben auf den heutigen Stand ediert. Die Romane, 7 Bänder, hrsg. von Bernhard Echte, Limmat Verlag Zürich, darunter die fünf Kriminalromane vom Wachmeister Studer. Als Taschenbuchausgabe sind diese sieben Bänder erschienen im Unionsverlag, Zürich, ab 1999.

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