Reden über Krieg und kriegerische Reden – Neue Stücke von Theresia Walser und Ulrike Syha bei den Autorentheatertagen Berlin

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Theresia Walsers Stück „Eine Stille für Frau Schirakesch“ , wurde im September 2011 im emma Theater Osnabrück uraufgeführt in einer  Koproduktion der Städtischen Bühnen Osnabrück mit dem Theater Freiburg. Die 1967 geborene Theresia Walser, nach einer Ausbildung als Schauspielerin am Jungen Theater Göttingen engagiert, wurde mit ihrem Stück „King Kongs Töchter“ als Dramatikerin bekannt und von Theater heute1998 zur besten Nachwuchsautorin und 1999 zur Dramatikerin des Jahres gewählt.

„Eine Stille für Frau Schirakesch“ ist eine Groteske über die Kriege, die im Namen der Menschenrechte geführt werden und, eigentlich, über die öffentliche Wahrnehmung und Verdrängung dieser Kriege.

Auf der Bühne findet das Vorgespräch zu einer Talkshow im Fernsehen statt. Moderatorin Hilda Ludowsky  (Franziska Arndt) verkündet das Thema: „In 77 Minuten wird Frau Schirakesch auf dem Marktplatz von Tschundakar gesteinigt.“ Im Studio soll dann Stille eintreten, gefolgt von der Diskussion mit den geladenen Gästen, die alle mit dem Krieg in Tschundakar in Berührung gekommen sind.

Iris Kraft, verantwortlich für Bühnenbild und Kostüme, hat ein improvisiertes TV-Studio entworfen mit Sperrholzwand im Hintergrund, Kisten an der Seite und einem grünen Vorhang, der sich hinter einer im Vordergrund arrangierten violetten Sitzgruppe zuziehen lässt..

Hilda Ludowsky thront in einem drehbaren Schalensessel, breitet immer wieder die Arme aus und holt tief Luft. Offenbar versucht sie, ihr Lampenfieber in den Griff zu bekommen, genießt aber wohl auch die Vorfreude auf die Live-Sendung, von der sie sich den großen Karrieredurchbruch erhofft

Auf dem Sofa sitzen Heidrun (Jennifer Lorenz), die bei einer Wahl zur Schönheitskönigin in Tschundakar Zweite geworden und Ruth (Claudia Wiedemer), die bei dieser Wahl ausgeschieden ist. Herr Gert (Matthias Lodd), General in soldatischem Tarnanzug, nimmt nur unwillig auf dem Sofa Platz, fühlt sich durch die Positionierung auf diesem Möbel in seiner Ehre gekränkt und vermisst im Studio das Podest, auf dem er, erhöht stehend, seine Rede halten will. Hinter dem Sofa baut sich Herr Fahnenberg (Martin Schwartengräber) auf, Vater und Manager der traumatisierten Soldatin Rose (Magdalena Helmig). Rose hockt anfänglich auf den Kisten und muss von der Moderatorin überredet werden, sich auch aufs Sofa zu setzen.

Rose nimmt an den Diskussionen nicht teil, scheint ihre Umgebung kaum wahrzunehmen und spricht nur, wenn ihr Vater sie dazu auffordert. Sie erzählt von zwei Kriegskameraden, von denen der Eine seine Mutter sehr gut imitieren konnte. Als ihr Vater sie ermutigt, einen Witz zu erzählen, berichtet Rose, herzlich lachend, von einem Mann, der über einen Hügel kriecht und sein Bein sucht. Zutraulicher werdend gesteht Rose, sie habe etwas mitgenommen aus Tschundakar so wie alle von dort etwas mitnähmen, und sie bittet Hilda darum, dieses Mitbringsel zeigen zu dürfen.

Hilda vermutet Unangenehmes. Rose ist ihr ohnehin nicht geheuer. Die zerbrechliche junge Frau, die wie eine poetische Märchengestalt erscheint, könnte Hilda die Schau stehlen zumal der ehrgeizige Herr Fahnenberg alles daran setzt, die Traumatisierung seiner Tochter gewinnbringend auszubeuten.

Doch trotz Hildas Zurückweisung zeigt Rose ihr Mitbringsel, das sie, wie etwas sehr Kostbares, liebevoll mit den Händen umschließt. Es ist ein menschliches Ohr. Rose streichelt es zart und will Hilda dazu bewegen, die Schönheit dieses Ohrs zu würdigen.

In seinem übereifrigen Bemühen, seine Tochter wie ein exotisches Tier vorzuführen, macht Herr Fahnenberg allerdings den Fehler, zu verkünden, dass Rose seit drei Wochen ihre Schuhe nicht ausgezogen hat. Die Schönheitsköniginnen rücken angeekelt von der Soldatin ab, und selbstverständlich kann eine Frau mit ungewaschenen Füßen nicht Star einer Talkshow sein.

Wie Herr Fahnenberg versuchen auch die anderen Gäste, sich in den Mittelpunkt zu drängen. Zwischen den Schönheitsköniginnen kommt es ständig zu giftigen Auseinandersetzungen, bei denen Heidrun sogar gewalttätig wird. Sie hat nichts mehr zu verlieren. Ihr Bikini-Auftritt in Tschundakar hat zu massiven Protesten bei der dortigen muslimischen Bevölkerung und zu internationalen Debatten geführt. Heidrun bezeichnet sich selbst als unbeliebteste Frau der Welt. Provozierend entledigt sie sich im Studio ihres ohnehin schon offenherzigen Kleids um  damit ihr Recht auf persönliche Freiheit zu dokumentieren.

Ruth, die zunächst als naives Blondchen in Erscheinung tritt, schämt sich für ihre hemmungslos egozentrische Konkurrentin und versucht immer wieder, Heidrun den tragischen Anlass für die Talkshow bewusst zu machen. Heidrun fühlt sich dadurch gegängelt und reagiert mit zunehmenden Aggressionen Ruth gegenüber.

Hilda Ludowsky muss eine Eskalation im Streit der jungen Frauen unterbinden, sie muss außerdem Herrn Fahnenberg daran hindern, mit seiner Tochter, die von Hilda mehrfach beim Reden unterbrochen wird, das Studio zu verlassen.

Der stärkste Gegner für die Moderatorin ist aber Herr Gert, denn der General ist offenbar entschlossen, die Führung der Talkshow zu übernehmen. Über den Kriegseinsatz will er nicht sprechen, der ist ja auch nur die Voraussetzung für die humanitären Leistungen, über die Herr Gert berichten will.

Das Außerordentliche, was Herr Gert mitzuteilen hat, ist die Errichtung eines Klohäuschen auf dem Marktplatz in Tschundakar . Die Marktfrauen, die früher keine Möglichkeit hatten, ihre Blasen zu entleeren und deshalb schon am Tag vorher keine Flüssigkeit zu sich nahmen, können sich nun Erleichterung verschaffen, zumindest theoretisch. Praktisch wird diese Einrichtung nicht angenommen, und Wasser gibt es dort auch nicht. Aber immerhin …

Hilda Ludowsky attackiert den General wütend, wirft ihm vor, sich mit einem unsinnigen, lächerlichen Projekt zu brüsten. Die Beiden bewegen sich schreiend aufeinander zu. Aber dann folgt einer der verstörenden Momente in Annette Pullens Inszenierung: Hilda und der General liegen sich in den Armen und tanzen miteinander zu leiser Musik. Für ein paar kurze Augenblicke sind Krieg und Steinigung ausgeblendet. Die kleine Szene ist ebenso Ausdruck für die Sehnsucht nach Frieden wie Entlarvung der Talkshow als fiktive Performance fernab der Realität.

Hilda verlässt dann kurzfristig das Studio, und nachdem sie zurückgekommen ist, präsentiert sie ihren Gästen mit bewegenden Worten auf einem Monitor das Klohäuschen in Tschundakar. Die Moderatorin ist wieder Herrin der Szene, auch wenn ihr die angeblich beabsichtigte Rettung der Frau Schirakesch nicht gelungen ist.

Am Ende hat Hilda auf einmal Blut im Gesicht, Nasenbluten, wie sie erklärt, von dem die Gäste der Talkshow sich angeekelt abwenden.

Annette Pullen hat die unterschiedlichen Ebenen des Stücks sehr fein herausgearbeitet und mit einem großartigen Schauspielensemble eine gelungene Mischung aus Unterhaltung und Irritation auf die Bühne gebracht.

„Eine Stille für Frau Schirakesch“ war an zwei Abenden in den Kammerspielen zu erleben und wurde vom Publikum begeistert aufgenommen.

Ebenfalls sehr erfolgreich waren die beiden Vorstellungen von Ulrike Syhas neuem Stück „Radikale“, mit dem das Theater Chemnitz in der Box zu Gast war.

Ulrike Syha, 1976 in Freiburg geboren, wurde 2002 mit dem Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker ausgezeichnet. Seit 2008 arbeitet Syha mit dem Regisseur Dieter Boyer und dem Schauspiel Chemnitz zusammen. „Radikale“, uraufgeführt im Februar 2012, ist das dritte Auftragswerk der Autorin für Chemnitz.

Das Stück hat keine durchgehende Handlung und keine fest umrissenen Rollen. Schauplätze sind Haltestellen, Bahnhöfe, Großraumbüros, Orte, an denen Menschen sich eingeengt fühlen und deshalb Ängste und Aggressionen entwickeln.

In Dieter Boyers Inszenierung gestalten sechs SchauspielerInnen unterschiedliche Personen, die innere Monologe, heimliche Beobachtungen oder Dialogfetzen zu Gehör bringen, fragmentarische Texte, die eigentlich nur gedacht sind und in denen extreme Gefühle zum Ausdruck kommen.

Bühnenbildner Ralph Zeger hat im Hintergrund hölzerne Kojen, neben-  und, wie Etagenbetten auch übereinander angeordnet. Die oberen Kojen sind durch Strickleitern erreichbar. Spiegel an beiden Seiten der Bühne verdoppeln die Rückzugsmöglichkeiten auf engem Raum und ebenfalls die Personen, zu denen auch vier StatistInnen gehören.

Alle AkteurInnen tragen lediglich Unterwäsche, vorrangig in weiß. Gelegentlich erscheinen zwei der Männer kostümiert als Hamburger und Ein-Euro-Münze. In einer Ecke der Bühne liegt, unbenutzt, ein riesiges Handy aus Schaumgummi.

Die Menschen bewegen sich auf der Bühne oder liegen allein oder zu zweit in den Kojen. Dabei sprechen sie, jammern, schimpfen, bespitzeln einander. Aus den Worten entstehen kleine Szenen, von denen einige bedrohliches Gewaltpotential enthalten. Da ist die Frau im Stadtwald mit der Waffe in der Hand oder der Mann, der lieber in Afghanistan wäre, als in der Werbung zu arbeiten.

Dennoch erscheinen diese Menschen nicht wirklich erschreckend. Das liegt vielleicht daran, dass sie in ihrer Unterwäsche so rührend aussehen. Außerdem haben sie alle auch etwas Liebenswertes.

In einem im Programmheft abgedruckten Interview sagt Ulrike Syha: „Ich mag alle meine Figuren. Das geht für mich nicht anders, ich könnte ihnen sonst nicht meine Stimme leihen. (…) Sie ärgern mich auch nicht. Figuren, die mich ärgern, fliegen raus.“

Die Bruchstücke von Geschichten, die durch die SchauspielerInnen erfahrbar werden, verlocken zum Weiterspinnen, einige könnten sogar ein glückliches Ende finden. Dem Meinungsforscher, der sich mit gefährlich funkelnden Augen dem Publikum genähert hatte, gelingt eine Befreiungsaktion, als er schließlich seine Fragebögen wegwirft.

Die meisten Personen bleiben jedoch stecken in ihrer Trauer, ihrer Wut, ihrer Verzweiflung oder ihrem Genervtsein. Sie können nicht mithalten mit dem Tempo der um sie herum wimmelnden Menschenmenge.

Die SchauspielerInnen bewegen sich in einer brillanten Choreographie und verstehen es hervorragend, die wundervolle Sprache von Ulrike Syha zum Klingen zu bringen.

In 70 Minuten entsteht in dieser Inszenierung ein trauriges, oft auch komisches,  Porträt einer  Großstadt, deren schneller Lebensrhythmus durch radikale Außenseiter aus dem Takt gebracht wird.

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