Quebec-Lima: „Stralsund“ hat die Nase vorn – Hoch über den Wolken mit der Lufthansa

Die "Stralsund" rollt zur Startposition. © Deutsche Lufthansa, BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Berlin, Deutschland (Weltexpress). „Herzlich willkommen an Bord der ’Stralsund‘!“, strahl Katja. Freundliche Begrüßung wie vor einem Traumschiff-Törn“. Statt einer Wasser-Reise auf „Höhe Null“ soll es jedoch – „über den Wolken, wo die Freiheit grenzenlos ist…“ – ganz hoch hinausgehen: mit einem Airbus vom Typ A 320-200 der Lufthansa von Berlin-Tegel nach München. An seinen makellos weißen Flanken unübersehbar der blaue Schriftzug STRALSUND.

Dass die Umgebung von Stralsund bevorzugter Rastplatz von Kranichen ist, unterstreicht die Beziehung zusätzlich. Anlass für den Berichterstatter aus der Sundstadt, die Maschine sozusagen im Fluge kennenzulernen. Schließlich macht sie europaweit Werbung– gratis natürlich – für die Hansestadt.

Der Kapitäncheckt ein Triebwerk. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Purserette Katja als Kabinenchefin samt ihren Flugbegleiterinnen Dorothea und Tanja haben sich am Eingang aufgebaut – in Erwartung der Passagiere. 60 sind für den Flug LH 2522 angesagt. „Das sind rund sechs Tonnen Gewicht plus 5,5 Tonnen Treibstoff“, wie 1. Offizier Hanjo erläutert, der gerade vom Außencheck an Bord kommt. Er hat die fast 38 Meter lange und 12 Meter hohe Maschine mit über 34 Metern Spannweite an rund 30 Positionen optisch untersucht, ob nicht irgendwo irgendwelche Unregelmäßigkeiten aufgetreten sind. Sicherheit ist nun mal das A und O in der Fliegerei!

Sechzigmal spulen die drei leger uniformierten Damen – „strahlend natürlich, weil wir auf ‘Stralsund‘ fliegen‘“ – ihre Begrüßungsformeln ab. Immer unterschiedlich, wie auf den jeweiligen Passagier zugeschnitten: „Grüß Gott! Hallo! Guten Morgen! Moin, Moin!“ Zwischendurch sind auch schon mal Jacken und Mäntel knitterfrei in einen Kleiderschrank zu verstauen. Babys und Kleinkinder werden fürsorglich auf den Arm genommen und mit Spielzeug versorgt. Am Ende des Zeremoniells können dann schon mal die Gesichtsmuskeln in „Lächelstellung“ verharren, weiß Katja, ehemalige Krankenschwester, aus Erfahrung.

Gerätecheck im Cockpit zwischen Kapitän (links) und Co-Pilot. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

„Guten Flug!“ wünscht der Techniker, und mit dumpfem Geräusch rastet die Kabinentür ein. „Alles an Bord, es kann losgehen!“ Kapitän Gerd und 1. Offizier Hanjo haben gerade ihren Check-Dialog beendet, wobei Knöpfe und Schalter betätigt werden, Lämpchen und Digitalanzeigen aufleuchten. Gerd hakt es Punkt für Punkt in einer Liste ab.

„Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie herzlich auf unserem Lufthansa-Flug von Berlin nach München!“ vernimmt man über Lautsprecher die sonore Kapitänsstimme. Flugroute und -wetter ergänzen die deutsch-englische Ansprache. Katja, Dorothea und Tanja demonstrieren während des Rollens auf dem Taxiway die Sicherheitsvorschriften, Gurtverschluss und Sauerstoffmaske. Die routinierten Vielflieger der Business-Class „übersehen“ das und blättern weiter in Zeitungen und Geschäftspapieren.

Blick aus dem Cockpit auf den Taxiway. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Hanjo reckt seinen Kopf Richtung Seitenfenster: „Rechts ist frei.“ Katja meldet: „Kabine klar.“ Über den Kopfhörer kann man ein Tower-Cockpit-Programm in deutsch-englischem Fliegerkauderwelsch verfolgen. Das hört sich etwa so an. „Lufthansa 2522, ist noch einer im approach.“ Die „Quebec-Lima“, benannt nach ihrem Rufzeichen QL, muss also noch warten, bis eine andere Maschine gelandet und die Startbahn frei ist.

Um 14.10 Uhr kommt vom Tower die ersehnte Anweisung: „Take off!“ Der Flugkapitän gibt mit seinem „Go!“ das Zeichen zum Start und schiebt die Gashebel nach vorn. Da ist noch echte Handarbeit gefordert. „Stralsund“ legt sich mit ihren 55,5 Tonnen Startgewicht (maximal 73, leer 43 Tonnen) mächtig ins Zeug. 36 000 PS, pro Turbine also 18 000, heulen auf und drücken dich in den Sitz. Nach rund 1500 Metern hebt der große Vogel ab. „Als wenn’ste schwebst“, würde ein Berliner jetzt seine Gefühlslage beschreiben. Von Tegel bleibt in Sekundenbruchteilen nichts als ein Spielzeugflughafen, zu dem die Ausflugsdampfer auf der Oberhavel passen – und weg. Die QL-Nase ist steil nach oben gereckt. Eine gewaltige Cumulus- Himmelslandschaft aus Quellwolkentürmen hat sich voraus wie eine Wand aufgebaut. „Den Apparat umschiffen wir locker“, legt Gerd seine „Quebec-Lima“ in die Kurve. „Wie hoch, breit oder weit weg so ein Gebilde ist, kann man von hier aus nicht feststellen“, antwortet er und erläutert warum: „Es fehlen einfach die Vergleichsmöglichkeiten.“ Der Kurs führt mit 840 km/h in 10 000 Metern Höhe nach Süden – über das westliche Tschechien hinweg. Man hört’s – am harten Englisch – Akzent der Flugüberwachung. Ein paar Minuten Verspätung werden problemlos aufgeholt. Inzwischen ist auf Autopilot umgeschaltet worden. „Wir haben uns vom aktiven Tun aufs Überwachen verlegt“, erläutert Gerd und Hanjo ergänzt: „Das ist allemal entspannender, als selber zu fliegen.“ Einleuchtend: Konzentrierte Arbeit ermüdet schneller. Bordcomputer erleichtern die Arbeit zwar, aber Handarbeit bleibt. „Holst du mal das Münchner Wetter?“, fragt der Kapitän seinen Co-Piloten. „Wir sind gleich da.“ Und das nach nur knapp einer halben Stunde Flugzeit! Es reicht gerade für einen kurzen Sandwich-Imbiss und ein paar Schlucke Wasser. Nicht mal ein Nickerchen ist drin gewesen, denn das gibt es erst ab acht Stunden Flugzeit.

Die Purserette serviert in der Kabine. © Deutsche Lufthansa, BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Während Purserette Katja und ihre Kolleginnen in der Kabine die letzten Reste von Snack und Getränken einsammeln, ist die QL bereits in den Sinkflug übergegangen. „Ich müsste noch was sagen“, meint Gerd und stimmt seine Passagiere positiv ein: „Das Wetter ist gut in München“. Über Ticker kommen die Landeanweisungen samt Parkposition. „Auch die aktuellen Fußballergebnisse“, grinst Hanjo und zeigt auf ein Spielergebnis am unteren Ende des Papiers.

„Seat belts on!“ leuchtet auf, und 60mal klicken die Gurtverschlüsse. Unter der Maschine das im Gegenlicht glänzende Band eines Flusses: „Kann nur die Donau sein“, spricht der Kapitän wie zu sich selbst. Über den Alpen braut sich – sozusagen in Augenhöhe – ein Gewitter zusammen. Blitze zucken – Wetter-action. Thermikblasen über der erwärmten Erde schütteln die „Stralsund“ kurz durch, während sie nach Anweisung der Flugsicherung München behäbig über der Voralpen-Bilderbuchlandschaft kreist. Die Autobahn München-Salzburg ist mal wieder dicht: Stau. „Juckt uns nicht!“ Vom Autofahren halten die beiden Piloten daher wenig, dafür sind sie umso begeisterte Flieger. Überwiegend staufrei.

Vor dem Riesenrumpf des A 320-200. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

„Kabine ist klar!“ lächelt Katja durch den Türspalt. „300, 200, 100, 50…retard!“, meldet eine künstliche Computerstimme die Höhendifferenz bis zum Aufsetzen. „Stralsund“ hat die Nase vorn! Leicht nach unten geneigt und exakt auf den Mittelstreifen gerichtet. Höchste Konzentration für die beiden dennoch gelassen erscheinenden Piloten. Und dann: absolut pünktliche und weiche Landung. Fast unmerklich das Aufsetzen. Kompliment! Da wäre fast ein Charter-Flieger-Klatschen angebracht gewesen. Bescheidenheit ist den Routiniers lieber. Abschieds-Stress für Katja, Dorothea und Tanja. 60 mal „Auf Wiedersehen! Tschüss! Good bye! Adios! Adieu! Au revoir!“ „Immer nur lächeln“, lautet die Devise für das muntere Team, dass sich mit seinem ausgeprägten Wir-Gefühl gut versteht und daher öfter zusammen fliegt. „Wir haben Spaß an Menschen und das überträgt sich auch auf die Stimmung der Passagiere“, sind sich die drei Frauen sicher. Ein anerkennendes „Dankeschön!“ ist allerdings nur ganze zweimal zu hören, „aber damit können wir auch leben“, meint Katja ohne eine Spur von Bitterkeit.

Prominenteste Gäste an Bord der Maschine mit dem markanten Stadtwappen und dem Hinweis, dass die Maschine nach der Stadt Stralsund benannt worden sei, sind übrigens Michael Gorbatschow und seine Frau Raissa gewesen – auf dem Flug von Moskau nach Frankfurt. Auch eine Bundespräsidentengattin hat die „Quebes-Lima“ schon befördert. „Die sind alle ganz normal und nett gewesen“, erinnert sich Katja, während sie „mit Grausen an die Flausen von so manchem Möchtegern-Promi“ denkt.

Nach der Landung – alle glücklich und zufrieden. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther

Eins hat sich die fliegende „Stralsund“-Crew vorgenommen: mal Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern zu machen und die Hansestadt zu besuchen. Das an Bord verbliebene Info-Material samt Bildband wird dazu motivieren. Die Maschine hingegen hat schon mehrfach „Heimatboden“ unter ihren Rädern gehabt: bei mitternächtlichen Postflügen zwischen Rostock-Laage und Frankfurt. Also, beim nächsten Flugunbedingt Ausschau halten nach den weißen Kennbuchstaben QL auf blauem Lufthansa-Heckflossen-Grund! Eins ist dann sicher: das ist die „Stralsund“.

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