Papierne Mutter, schrundiger Vater, tragischer Onkel – Zum Buch „Skandinavisches Viertel“ von Torsten Schulz

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Torsten Schulz: Skandinavisches Viertel.
Torsten Schulz: Skandinavisches Viertel. © Klett-Cotta-Verlag

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Matthias wächst im Prenzlauer Berg in unmittelbarer Nähe des Skandinavischem Viertels auf. Ein Teil der Gegend liegt im Grenzgebiet, die Mauer und Grenzsoldaten sind allgegenwärtig. Seine Familie ist ein kniffliges Konstrukt, kleine Leute, auf den Schultern einen Rucksack vertrackter Abenteuer. Der Vater hat gern immer recht, arbeitet als Maurer, schwärmt vom Westen Deutschlands. Die träumerische, fast papierne Mutter macht den Haushalt, fasst sich gern ans Herz und übt sich in Abwesenheit, trotz körperlicher Präsenz. Matthias baut sich seine eigene Welt rund um das Viertel, weil er in der seiner Eltern wenig Platz bekommt.

Geschwister hat Matthias nicht, dafür einen Onkel, der nach dem Mauerbau einmal in Finnland war und Zauberer oder Clown im Zirkus sein möchte. Im wirklichen Leben geht das nicht so leicht. Onkel Winfried liebt Molle mit Korn. Er hängt in den Seilen, wohnt noch bei Mutti und Vati und gibt sich ganz dem Müßiggang hin. Ein Nichtsnutz, ein fauler Hund, sagt der Vater voll Wut. Das war einmal anders.

Jeder hat im „Skandinavisches Viertel“ von der Liebe geschwärmt, oder tut es heimlich noch immer. Was es mit diesen Träumen auf sich hat, wer wen warum liebt oder liebte, wird von Torsten Schulz in seinem kunstvollen Roman langsam und sehr überzeugend entblättert.

Schulz ist ein Meister des dialogischen Erzählens, neben den Geschehnissen im Ostberlin der 70er und 80er Jahre, begegnen wir den noch lebenden Protagonisten der Familie in der Gegenwart. Matthias lebt in der Wohnung seiner Großeltern und ist über Umwege Immobilienmakler geworden. Ein sehr spezieller allerdings. Er arbeitet nur mit Wohnungen aus dem Skandinavischen Viertel und versucht verzweifelt, sich die Bewohner „seines“ Viertel selbst zu fabrizieren. Unbestimmte Verluste im Hinterstübchen und voller Angst, sich der eigenen Geschichte zu stellen, lebt Matthias dahin. Ab und an hellen Affären sein dürres Leben auf, wenn die zu kompliziert werden, macht sich Matthias geschwind vom Acker.

Neuberliner Freiheit und Moral. Die Einsamkeit der Gentrifizierten. Familie als Opfergang. Das sind die Themen, die Schulz in seinem meisterhaften Roman zum Klingen bringt. Lesen!

Bibliographische Angaben

Torsten Schulz, Skandinavisches Viertel, 265 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Verlag: Klett-Cotta, 1. Auflage, Stuttgart 2018, ISBN: 3-608-98137-7, Preis: 20 Euro

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