Nachtrag zur Handball-WM 2019: Euphorie für 18 Tage – und was kommt jetzt?

0
171
Ein Handball liegt auf dem Tornetz. Quelle: Pixabay

Berlin, Deutschland; Herning, Dänemark (Weltexpress). 18 Tage lang waren vor allem die Medien in Deutschland „verrückt nach Handball“. Weil die Handballer mit dem Adler auf der Brust bei dieser Weltmeisterschaft mit so viel Herz und Leidenschaft zu Werke gingen, dass eine erstaunliche Handball-Euphorie durch …Schland waberte.

Dass es letztlich nichts mit dem WM-Titel oder wenigstens der Bronzemedaille wurde, musste man fast befürchten, als das Kanzlerinnen-Büro gegen gute alte Sitten des Sports verstieß und bereits nach Erreichen des Halbfinals mit besten Wünschen für den weiteren Turnierverlauf gratulierte und sich Fußball-Bundestrainer Joachim Löw aus dem Schwarzwald – hat er seine WM-Analyse eigentlich schon fertig? – mit einer ähnlichen Depesche meldete. Tenor: WM-Titel ist so eine wunderbare Erfahrung!

Und weil schließlich die Verbandsoberen voreilig ankündigten, man werde nach erfolgreichem Abschluss der WM zusammen mit Mannschaft und Fans eine zünftige WM-Party in der Berliner Max-Schmeling-Halle feiern…

Es blieb unmittelbar nach der 25:26-Niederlage im Spiel um Platz drei gegen Frankreich ein improvisiertes Essen in gedrückter Stimmung in einer Herninger Sportsbar, ehe der Bus in Richtung Bundesrepublik startete.

Selbstsuggestion

Es sind nicht alle Träume bei dieser Handball-WM 2019 in Deutschland und Dänemark aufgegangen. Obwohl und vielleicht gerade weil die Hoffnungen und Wünsche allzu eifrig befeuert wurden. Mit Heldengeschichten en gros, mit Lobliedern auf das „beste Torhüter-Duo der Welt“, auf den „weltbesten Linksaußen“ und natürlich auf die „beste Abwehr in der Handball-Welt“!

Diese Trümpfe stachen in Vorrunde mit Abstrichen bei den Unentschieden gegen Russland und Frankreich sowie in der Hauptrunde. Doch die furchtlosen Norweger erteilten dem Aufgebot von Bundestrainer Christian Prokop trotz des deutschen Heimvorteils in Hamburg bei ihrem verdienten 31:25 im Semifinale geradezu einen Anschauungsunterricht in Sachen modernes Handballspiel. Mit leichtfüßigem Verschieben im Deckungsverbund, schnellen Gegenstößen und intelligenten Lösungen im Angriff lehrten sie der Auswahl des Deutschen Handballbundes, wie`s richtig gemacht wird.

Etwa diese Art des Handballspiels schwebe ihm mit der Nationalmannschaft vor, hatte der Leipziger Prokop bei seiner Berufung 2017 verkündet. Dabei aber nicht berücksichtigt, dass er dafür auch im Abwehrriegel Spieler mit entsprechenden Voraussetzungen benötige. Als er dann gar den 2,10 m großen Abwehrspezialisten Finn Lemke zunächst nicht zur EM mitnahm, gab es massive Kritik und einen Bruch mit Teilen der Mannschaft. Lemke wurde nachnominiert, aber der EM-Rang neun im Vorjahr hätte dem 40-jährigen Routinier um ein Haar den Job gekostet.

Mit einer selbstkritischen Aufarbeitung seines Agierens sowie nach Gesprächen mit den Akteuren fand Prokop wohl den Draht zur Mannschaft wieder. Das Verbandspräsidium bestätigte die Fortsetzung seines 2017 abgeschlossenen Vertrages über zunächst fünf Jahre.

WM-Spiele, Pressekonferenzen, Interviews, der Umgang mit den Fans vermittelten nun das Bild eines bemerkenswert positiv gewandelten Bundestrainers.

Dass die junge und entwicklungsfähige Mannschaft nach dem vorjährigen Einbruch bei der EM nun auf Platz vier und damit in der Weltspitze landete, ist auch Prokops Verdienst.

Neben Leidenschaft und Einsatz im Spiel hat diese Handball-Nationalmannschaft durch ihr bodenständiges und bescheidenes Auftreten viele Sympathien gewonnen. Und mit Hilfe der Medien eine bislang noch nie erlebte Handball-Euphorie über 18 WM-Tage entfacht. Diesen WM-Boom möchte der Verband besser als nach dem WM-Wintermärchen 2007 diesmal weitertransportieren, indem beispielsweise zwei Drittel des Millionen-WM-Gewinns in die Nachwuchsförderung fließen sollen. Handball ist Kindern im Grundschulalter leichter zu vermitteln als Basketball oder Volleyball.

Handball, so ist die Vorstellung, soll an jeder 10. Schule das bevorzugte Ballspiel werden. Was aber ohne Befürwortung der Schulämter und bei beschränkten Hallenkapazitäten ein sehr ambitioniertes Ziel für den 750 000-Mitglieder-Verband sein dürfte.

Durch das WM-Abschneiden dann Rang zwei unter den Mannschafts-Sportarten im Lande festigen, den Abstand zum alles dominierenden Fußball verringern und ganz allgemein die Popularität des Handballs ausbauen – all diese Vorhaben sind von Kapitän Uwe Gensheimer und Kollegen in eindrucksvoller Manier erfüllt worden. Das großen Ziel Gold bei Olympia 2020 in Tokio wurde ausgegeben.

Ob die Anerkennung für den kleinen Bruder des Fußballs aber bereits nachhaltig in den wichtigen Redaktionsstuben des „öffentlich-rechtlich“ genannten Rundfunks (ARD und ZDF) angekommen ist, bleibt abzuwarten. Der Alltag der Handball-Bundesliga spielt sich fast durchweg im Pay-TV genannten Bezahlfernsehen bei Sky ab. Und wenn ARD und ZDF ausführlich über die WM-Spiele der deutschen Mannschaft berichten, aber das WM-Finale zwischen Norwegen und den siegreichen Dänen ignorieren, dann ist noch ein gutes Stück Nachholbedarf in punkto Anerkennung beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk erkennbar.

Anzeige