Mut zum Neinsagen – Mit „Sheytan vojud nadarad“ („Es gibt kein Böses“) hat die 70. Berlinale einen würdigen Gewinner für den Goldenen Bären

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Mohammad Seddighimehr und Baran Rasoulof im Spielfilm "Sheytan vojud nadarad" ("Es gibt kein Böses") von Regisseur Mohammad Rasoulof. © Cosmopol Film

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Die 70. Berlinale ging in der gewohnten Preisverleihungsgala zu Ende. Jetzt sind also wieder einmal die Bären los. Wobei die Jury um Jeremy Irons ein gutes Händchen bei der Vergabe bewies. Wurden am Ende die Bären doch durchgängig an Filme vergeben, die auch zu überzeugen verstanden. Wie weit diese Filme dann wieder ein breites Publikum erreichen bleibt abzuwarten. Der goldene Bär ging verdientermaßen an „Sheytan vojud nadarad“ („Es gibt kein Böses“) des iranischen Regisseurs Mohammad Rasoulof. Dieser Film stellte schon ein Politikum dar, sowohl inhaltlich als auch in seinen Umständen. Den Mohammad Rasulof ist mit einem Ausreiseverbot behaftet. Die Premiere und Preisverleihung fanden daher ohne ihn statt. Nahmen hier die Produzenten und seine Tochter Baran Rasoulof den Preis stellvertretend für ihn entgegen. Dennoch war er geistig stets präsent und in der Abschlusskonferenz dann kurz über Handy zugeschaltet. Anders als bei Jafar Panahi, ebenfalls mit einem Ausreisverbot behaftet, der vor ein paar Jahren für „Taxi Teheran“ den Goldenen Bären erhielt und dessen Platz bei der Berlinale symbolisch leer blieb. Bär ohne präsenten Preisträger, hier zumindest Bär mit Stimme. Und dies gilt insbesondere für den Film „Sheytan vojud nadarad“.

Rasulof Film handelt im Kern von der Verantwortung und der Wahl, die jeder einzelne hat, nämlich „Nein“ zu sagen. Diese orientiert sich bei ihm an der Thematik Todesstrafe. Wobei es hier in erster Linie nicht direkt um die Todesstrafe als ausführenden Akt an sich geht. Der Schwerpunkt liegt vielmehr im Privaten, in der Familie und wie jeder Einzelne damit umgeht. Rasulofs Film ist in vier Geschichten aufgeteilt. Die Geschichten hängen nicht miteinander zusammen. Ihre überbauliche Verbindung aber sind der Umgang des Einzelnen mit der Todesstrafe und die moralischen Fragen dahinter. Da ist in der ersten Geschichte Heshmat (Ehsan Mirhosseini), der ein normales unaufgeregtes Leben als Familienvater führt. Sein Geheimnis wird erst in der letzten Szene offenbart. Die zweite Geschichte handelt von Pouya (Kaveh Ahangar), der seinen Militärdienst leistet und doch eigentlich lieber mit seiner Freundin ein eigenes Leben aufbauen will. Er ist am nächsten Tag aber verpflichtet den Todeskandidaten den Hocker unter dem Galgen wegzureißen, was er nicht will und sich daher zu einer riskanten Aktion entschließt. Und dann ist da Javad (Mohammad Valizadegan) der Urlaub vom Militärdienst hat und seine Freundin Nana (Mahtab Servati) an ihrem Geburtstag einen Heiratsantrag machen will. Doch die Familie ist vom Tod eines engen Freundes tief betroffen. Hier wird Javad klar dass er mit dem Tod dieses Freundes mehr zu tun hat als er ahnt. Und schließlich die Geschichte des Paares Bahram (Mohammad Seddighimehr) und Zaman (Jila Shahi), die Besuch von ihrer Nichte Darya (Baran Rasoulof) aus Deutschland bekommen. Doch Bahram ist todkrank und hier wird Darya mit einem Familiengeheimnis konfrontiert, das ihre Welt auf den Kopf stellt.

Die Stärke von „Sheytan vojud nadarad“ ist, das er vier sehr verschieden Geschichten erzählt, die sich mit der Thematik Todesstrafe im Iran auseinandersetzten. Es gibt hier keine Stereotypen sowohl bei den Charakteren, wie den Geschichten. Und so verschieden sie auch sind, ist der gemeinsame Kern, wie der einzelne damit konfrontiert wird sich zwischen Gewissen und Pflicht zu entscheiden hat. Ob er sich verweigert oder die ihm anvertrauten staatlichen Aufgaben ausführt. Rasoulofs Film will uns verdeutlichen, dass wir als Individuen allein die Wahl haben.

Da er die Thematik Pflicht gegen Gehorsam in unterschiedlicher Weise erzählt hat zu Folge, dass diese Thematik in einem menschlichen und empathischem Spektrum erörtert wird und sich so der vereinfachten geradlinigen Darstellung und Interpretation entzieht. Menschen in verschieden Situation, Junge wie Alte, Familien und eben das Individuum an sich. Und Rasoulof tut dies ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben.

„Sheytan vojud nadarad“ ist in erster Linie ein politischer und gesellschaftskritischer Film. Aber wie er es erzählt, ist wiederum universell. Eben da der Blick hauptsächlich auf das Private ausgerichtet ist und die Todesstrafe hier nur stellvertretend für eine staatliche Ungerechtigkeit im Hintergrund dargestellt wird, können die Geschichten und die Gewissensfragen um die sie handeln überall auf der Welt stattfinden. Dort wo das moralische Individuum und der Staatsapparat aufeinandertreffen. Und die damit universelle Frage, wie wir uns verhalten würden. Die Antwort, dass jeder Nein sagen kann und unter Umständen auch muss ist grundsätzlich richtig, dann vielleicht auch wieder eine Idee zu einfach. Dennoch stellt Mohammad Rasoulof die richtigen Fragen und regt zu Diskussionen an. Denn letztendlich ist diese Gewissenfrage zeitlos und stets überall auf der Welt präsent. Das macht „Sheytan vojud nadarad“ wiederum zu einem zeitlosen Film.

Filmographische Angaben

  • Originaltitel: Sheytan vojud nadarad
  • Englischer Titel: There is No Evil
  • Deutscher Titel: Es gibt kein Böses
  • Originalsprache: Farsi
  • Staaten: Iran, Deutschland, Tschechische Republik
  • Jahr: 2020
  • Regie, Drehbuch: Mohammad Rasoulof
  • Kamera: Ashkan Ashkani
  • Schnitt: Mohammadreza Muini, Meysam Muini
  • Musik: Amir Molookpour
  • Darsteller: Ehsan Mirhosseini, Kaveh Ahangar , Mohammad Valizadegan, Mahtab Servati, Mohammad Seddighimehr, Jila Shahi, Baran Rasoulof
  • Produzenten: Mohammad Rasoulof, Kaveh Farnam, Farzad Pak
  • Dauer: 150 Minuten
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