Mit den Cellinis und dem Kurator Andreas Schumacher bei Botticelli – Serie: Schlußspurt zur großen Botticelli-Schau im Städel in Frankfurt am Main (Teil 3/4)

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Andreas Schumacher

Die Mitglieder haben sich durch vielfältiges Engagement für die Kunst sowohl den Kurator verdient wie auch die Zweisamkeit mit den Bildern. Es gibt kaum etwas, was man derart als Privileg empfindet wie die Situation, daß man mit den Bildern des Sandro Botticelli fast alleine sein kann, wenn ansonsten Trauben davor einen gerade einen Blick auf die Wunderwerke an den Wänden erhaschen lassen. Es ist tatsächlich ein ganz anderes Schauen. Erst recht, wenn derjenige, der die Konzeption der Ausstellung vornahm, die gewünschten Gemälde zusammenstellte, diese unendlich mühevolle Arbeit der Leihgaben in Gang setzte und dadurch mitsamt seiner vielen Führungen zum Botticellispezialisten der Tage avancierte und nun eine kunstinteressierte Gruppe durch ’seine` Ausstellung führt.

Es konnte sich in den knapp zwei Stunden nur um einige Stationen handeln, Akzente sollten gesetzt werden. Auch wenn man die auf zwei Ebenen gehängte Schau des Sandro Botticelli nur kurz überblickt und dort beispielsweise seine „Verkündigung“ hängen sieht, die man aus den Uffizien von Florenz kennt, ein Bild voller Aktion und gleichzeitig verhaltener Stille und noch dazu von absoluter Schönheit und Hingegebenheit der Gebärde, dann überkommt einem mitten im Städel schon ein kleiner heiliger Schauer, was Kunst vermag und was Museumsleute fertigbringen, dem Normalbürger solche Kunst sichtbar zu machen. Und gleich beim ersten Bild, bei dem wir länger verweilen, Minerva und Kentaur, in den Maßen 207 x 148 cm wird klar, was es an historischem und kunstgeschichtlichem Wissen braucht, um aus diesem Sujet das herauszuholen, was Andreas Schumacher nun ausführt.

Erst einmal sieht man zwei überlebensgroße Figuren, eine in durchsichtige bestickte Gewandung gehüllte herrschaftliche Frau und einen derben mächtigen Kentauren, das sind diese mythologischen Pferdemenschen, denen aus dem Pferdeunterleib ein männlicher Torso erwächst. Diesem Kentauren fährt die Dame sanft, aber entschieden in den Haarschopf, ja, zieht an diesem, was er mißmutigen Gesichts zulassen muß. Es ist eine Unterwerfungsszene, wie der Unterlegene hier, den großen Bogen mit der Rechten auf dem Boden aufgestützt, und die Pfeilertasche umgelegt, den Triumph dieser Göttin erträgt. Um diese handelt es sich bei dieser mit langem rotlockigem Haar – wie ein Vorbild für die Frauengestalten der Präraffaeliten des 19. Jahrhunderts! – , Gestiefelten und mit einer riesenhaften Hellebarde als Minerva kenntlichen Göttin, die als römische Fortführung der griechischen Athene zuständig war für die Kriegskunst, aber auch die Weisheit und das Wissen generell sowie das Handwerk. Hinter dem links stehenden Kentaur ragt eine eindrucksvolle Felsformation auf, die den geschlagenen Kentaur weiter einengt, so als ob sie ihm gleich auf den Kopf falle. Hier nimmt die Natur die Funktion eines einstürzenden Tempels war, so architektonisch gekonnt ist dieser Felsenvorsprung konzipiert, der auf seiner Rechten den Blick hinunter auf einen flachen See und Schiffahrt mit auslaufendem Gebirge gibt, zu dem hin ein Zaun unser Paar eingrenzt.

Je länger man dieses Bild betrachtet, desto rätselhafter wird es. Erst aber einmal hat man es mit der Fülle der Details der Malerei zu tun, mit den Myrten- oder Olivenzweigen, die jeweils eine andere Aussage ergäben, aber auch mit der Stickerei, die geradezu unanständig Rosetten auf die Brustwarzen setzt, und durch den Faltenwurf des durchsichtigen Kleides unter dem zusammengebauschten dunkelgrünen Mantel gerade das Zipfelchen hervorlugen läßt, das offiziell die Scham bedeckt, aber durch die Drapierung den Blick um so mehr auf diese lenkt. Das ist eine so ungeheure Mischung aus Tugend und Erotik, die hier dem Betrachter geboten ist, daß man aus dem Wundern nicht herauskommt. Richtig, die ineinander verschlungenen Ringe, die dem Schleiergewand eingestickt sind, sind aus dem Tondo mit dem Diamantringe-Emblem der Medici als mediceisch zu entschlüsseln, aber was bedeutet das? Sollen die Diamanten den Hinweis stärken auf die Tugendhaftigkeit infolge ihrer extremen Härte und der Klarheit des Steins? Die weibliche Figur, die hier als Minerva/Athene gedeutet, deren herkömmliche Attribute wie Helm, Lanz und apotropäisches Medusenhaupt aber nicht vorweist, trägt den Widerspruch von Tugend und Erotik in sich. Ihre sanfte Miene drückt Trauer aus, und wenn man so weit nicht gehen will, dann zumindest eine Verhaltenheit, die zur Siegerpose nicht paßt.

Eine Göttin darf siegen. Eine normale Frau schon weniger. Aber eine Göttin der Weisheit und Kampfeskraft, die über einen Vertreter einer derben sinneslustigen Männlichkeit obsiegt, und ihn nicht hohnlächelnd abblitzen läßt, sondern noch fast wehmütig in die Haare faßt, das wundert einen schon. Das sind so Momente, wo man nach 500 Jahren gerne den Maler befragt hätte, was er der Nachwelt mit seinem Bild erzählen wollte. Denn gerade dieses Bild, wo es doch eigentlich nur um zwei Personen geht, zeigt, welchen Aufforderungscharakter zum gedanklichen Weiterspinnen einen Botticelli in die Augen und ins Hirn treibt. Und da wir es nicht besser wissen, nicken wir zur Aussage, daß dies Bild den Triumph der Keuschheit über die Wollust symbolisiere, der die Sittenleitlinie der offiziellen Gesellschaft von Florenz dieser Zeit war.

Bilder erklären ihre Bedeutung auch oft durch den Ort, wo ihre Auftraggeber sie an die Wände hängen. 1498 befand sich „Minerva und Kentaur“ am Florentiner Stammsitz der Medici, in der inzwischen die Nebenlinie residierte. Das Gemälde hing über einer Tür im Vorzimmer zu den Gemächern des Cousins von Lorenzo il Magnifico, wo auch Botticellis um 1480 gemalte berühmte Holztafel „Primavera“ hing und ob ihrer Thematik als Triumph der ehelichen Liebe dem Zimmer insgesamt das Gepräge einer Hommage an die Braut des Cousins gab. Ursprünglich jedoch gab es zwischen beiden Bildern keinen Zusammenhang, zumal stilistische Vergleiche dieses Gemälde auf Leinwand in das Ende der Achtziger Jahre datieren. Es hieß auch anders. Ursprünglich als „Camilla und ein Satyr“ bezeichnet, auf deren Interpretation wir hier verzichten, die aber beispielsweise Frank Zöllner in seinem Prachtband detailliert vorträgt, wurde es erst 1515 als „Minerva und Kentaur“ inventarisiert. Und dieses Bild ist nur eines der vierzig von Botticelli und seiner Schule – und nur eines von über zehn, die uns Andreas Schumacher nahebringt -, denen weitere vierzig zeitgenössische Werke zugeordnet sind, die im Kontrast oder als Herleitung den besonderen kunsthistorischen Wert dieser Ausstellung würdigen, die einzigartig ist.

INTERVIEW MIT ANDREAS SCHUMACHER

Wir befragten den Kurator der Botticelli-Schau, noch Leiter italienische, französische und spanische Malerei vor 1800 am Frankfurter Städel und – leider, von Frankfurter Interessen aus – zukünftiger Sammlungsleiter der italienischen Malerei an der Alten Pinakothek in München:

Hat diese Ausstellung Ihr Bild von Botticelli verändert und wie?

Die Ausstellung verändert das eigene Bild vom Meister vor allem durch die direkte Begegnung von Werken, die zuvor nie nebeneinander zu sehen waren – Gegenüberstellungen wie die der Giuliano-Bilder, der Venus-Bilder und Zenobius-Tafeln etc. sind wissenschaftlich von größtem Wert. 

 Die Ausstellung macht in besonderer Weise Botticellis sensible Porträtkunst greifbar. Botticelli war in seiner Zeit ganz offensichtlich führend auf diesem Gebiet und verstand es, alle Facetten der Bildniskunst ebenso traditionsverbunden wie innovativ auszuformen. Botticelli begegnet in der Ausstellung mit der "Minerva und dem Kentauren" oder auch der großen "Verkündigung" als herausragender Bild-Regisseur. Er inszeniert die "neuen" Themen des Lorenzo und die religiösen Inhalte gleichermaßen mit größter malerischer Intelligenz.

Der Ausstellung ist es gelungen, wieder mehr ins Bewusstsein zu rücken, dass Botticelli – wie alle Meister der Zeit – vor allem religiöse Inhalte zur Darstellung bringen musste. Als Maler der privaten Andachtsbilder steht er aber – was Qualität und geistige Durchdringung angeht – seinen Ansprüchen als Meister der profanen Themen in keiner Weise nach. 

Haben die Führungen für Sie neue Aspekte seines Werkes ergeben?

Im Rahmen der Führungen wird der eigene Blick durch die spontanen Beobachtungen der Besucher immer wieder geöffnet für den ersten, unmittelbaren Eindruck der Bilder. Außerdem wird die Aufmerksamkeit vielfach auf kuriose Details gelenkt, die in der kunsthistorischen Auseinandersetzung zurücktreten. 

Was war das schönste Führungserlebnis, gab es peinliche?

Es ist sehr eindrucksvoll zu erleben, wie präzise kleine Kinder die mythologischen Werke Botticellis hinsichtlich der Grundstimmung der Figuren etc. lesen. Das spricht für die erzählerische Klarheit seiner Bildsprache.  

Nette Besucherkommentare: Zum Beispiel: Der Verweis auf das "einsame" Kopfkissen auf dem Bett Mariens in der großen "Verkündigung" – kein Platz für Joseph…   

Was macht Botticelli so populär bzw. auch heute wieder so anziehend? 

Botticellis Malerei ist in ihrer Zeit einzigartig und bis in die heutige Zeit faszinierend, weil sich der Meister mit außergewöhnlicher künstlerischer Intelligenz den profanen Bildthemen gewidmet hat: Er begegnet uns als sehr sensibler, innovativer Porträtmaler. Und er zeigt sich als großartiger Regisseur, wenn es darum geht, die Stoffe der antiken Mythologie im Sinne der Medici zu erzählen. Darüberhinaus ist seine Kunst im positiven Sinne plakativ, klar und präzise in der auf den Umriß konzentrierten Darstellung, und zugleich sehr tiefgehend hinsichtlich der einfühlsamen Wiedergabe der Stimmungen seiner Zeit.  

Tatsächlich ist Botticellis Malerei insofern ein rätselhafter Zauber eigen, als sein Schönheitsideal vielfach einhergeht mit einer melancholischen Grundstimmung seiner Figurenerfindungen – das hat schon die Menschen des 19. Jahrhunderts besonders beeindruckt. Die Faszination seiner Werke lebt zudem aus der engen Bindung der Bilder an die Ereignis- und Geistesgeschichte von Florenz im späten Quattrocento.

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Ausstellung: bis 28. Februar 2010

Bücher zur Ausstellung

Katalog: Botticelli. Bildnis. Mythos. Andacht, hrsg. von Andreas Schumacher, Verlag HatjeCantz 2009

Da dies die erste monographische Schau in unseren Ländern ist, ist der Katalog wichtig, um all das, was sich an falschem Wissen festgesetzt hatte, herauszubekommen und mit heutiger Erkenntnis anzureichern, denn er steckt voll kluger Essays und Anmerkungen zu den Bildern. Das gilt für die, die zum Schauen der Bilder auch lesen wollen. Aber wer nur den Eindruck aus der Ausstellung von Schönem und Eindringlichem mit nach Hause nehmen möchte, erwirbt auch dieses mit diesem Katalog.

Kunst zum Hören; Botticelli, HatjeCantz 2009

Kinderbuch zu Botticelli, HatjeCantz 2009

Aktuelle Bücher zu Botticelli

Damian Dombrowski, Botticelli. Ein Florentiner Maler über Gott, die Welt und sich selbst, Verlag Wagenbach SALTO 2010

In ungewöhnlicher Art setzt sich der Autor mit dem Maler auseinander, die für Leser natürlich hinreißend ist: Er läßt die Bilder sprechen, siebzehn an der Zahl, die quer durch die Genres religiöse und mythologische Malerei, Altarbilder und Porträts ausgewählt sind. Natürlich ist es der Autor, der seine Reflexionen einbringt. Sehr interessant.

Frank Zöllner, Sandro Botticelli, Prestel Verlag 2005, Neuauflage 2009

Nach Michelangelo und Leonardo legt Frank Zöllner, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Leipzig, mit diesem überdimensionierten Prachtband seinen dritten Renaissancemeister vor, wobei dieser eben aus der frühen Zeit der Wiedergeburt der Antike kommt, die im übrigen kontinuierlich über das Mittelalter vorhanden blieb. Der Band ist chronologisch aufgebaut und verbindet die Bilder mit dem Leben des Malers. Auch Simonetta Vespucci bekommt ihren Raum.

Frank Zöllner, Botticelli, Verlag C.H.Beck

In dem kleinen Bändchen faßt Zöllner seine Erkenntnisse in der ähnlichen Gliederung wie im Band von Prestel zusammen, wobei gerade die Funktion des Malers als Porträtmaler der Medicis ausgebaut wird. Ein Buch, das man sogar in der Handtasche unterwegs zur Ausstellung sehr gut lesen kann.

Internet: www.staedelmuseum.de

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