Mit den Augen des Künstlers – „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“ – Ein Blick in die Welt Alberto Giacomettis in „Final Porträt“ im Berlinale Wettbewerb 2017

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Szene mit Armie Hammer und Geoffrey Rush in "Final Portrait". © Parisa Taghizadeh

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Ein Kunstwerk entwickelt sich wie die Natur, es braucht Inspiration, es braucht Reflexion und das tatenlose Gären, ein Werden und ein Vergehen, es wächst und es zerfließt wieder, es stirbt und wird neugeboren, – der Prozess ist unendlich und kann ewiglich dauern – so in jedem Fall nach dem Verständnis des weltbekannten Bildhauers und Malers Alberto Giacomettis.

„Was ist ein besserer Nährboden für den Zweifel, als der Erfolg.“, konstatiert so auch Alberto Giacometti demoralisiert über sein Streben nach dem vollendeten Kunstwerk und berichtigt sich sogleich: „Ein Kunstwerk ist nie vollendet, nie fertig.“
Dieses verzweifelte, aber hingebungsvolle Suchen nach dem wahrhaftigen Ausdruck, dem Wesentlichen, porträtiert der Schauspieler und Regisseur Stanley Tucci in seinem Film „Final Porträt“ über den Schweizer Bildhauer und Maler Alberto Giacometti (1901-1966). In Paris, im Jahre 1964, gibt der Regisseur Einblicke in den Schaffensprozess des Künstlers und begleitet ihn bei der Entstehung und Verwerfung seines „letzten Porträts“ – „Final Porträt“ über zwei Wochen, zwei Jahre vor seinem Tod – und das ist ein hochästhetisches und durchaus leichtfüßiges und unterhaltsames Künstlerbiopik.
Das Drehbuch basiert auf der Biografie „A Giacometti Porträt“ von James Lord. „Final Porträt“ feiert seine Premiere im Wettbewerb der Berlinale 2017 außer Konkurrenz.

Geoffrey Rush in "Final Portrait". © Parisa Taghizadeh
Geoffrey Rush in „Final Portrait“. © Parisa Taghizadeh

Der hochgeschätzte Künstler Alberto Giacometti ist allseits bekannt durch seine spindeldürren Figuren mit den überlangen Gliedmaßen und klumpigen Füßen. Plastiken, die wie ohne Körper wirken, ausdrucksvoll und beunruhigend, fokussiert und authentisch, auf der Suche nach dem Wesentlichen, dem was hinter einer Pose steht. Seine Plastiken haben immensen Erfolg und eine einzigartige Stellung in der Kunstgeschichte und doch war der Künstler von großen Selbstzweifeln geplagt und nie wirklich zufrieden mit dem Ergebnis.

Diesem Ringen im künstlerischen Prozess begleiten wir in „Final Porträt“ und bekommen einen Eindruck von dem selbstgequälten, grantigen, provokanten, aber auch extrem humorvollen und lebenslustig-ausschweifenden Bildhauer Alberto Giacometti, brillant verkörpert durch Geoffrey Rush.

Der exzentrische ältere Künstler hat den jungen amerikanischen Kunstkritiker und Biografen James Lord (Armi Hammer) zur Porträtsitzung gebeten: An einem Tag solle das Bild fertiggestellt werden. Auf einem klapprigen Stuhl sitzt nun der junge Amerikaner dem Maler gegenüber. Die Vollendung des Bildes, allerdings, verschiebt sich von Tag zu Tag – ein durchaus humoristisches Element – , der Kunstkritiker ist immer wieder gezwungen seinen Rückflug nach New York zu verschieben und umzubuchen und erwartet doch mit Interesse und Neugier die Entstehung seines Bildes, – die jedoch, immer wieder unterbrochen wird, – übermalt und zerstört, neu begonnen und verändert, denn, wie Giacometti ihm irgendwann mitteilt, ein Kunstwerk endet nie…
Um nicht ewig, im ärmlichen Pariser Atelier des Bildhauers sitzen zu müssen, muss James Lord nun einen Ausweg finden, eine List, wie die Porträtsitzungen ein Ende finden können…

Szene mit Clémence Poésy und Geoffrey Rush in "Final Portrait". © Parisa Taghizadeh
Szene mit Clémence Poésy und Geoffrey Rush in „Final Portrait“. © Parisa Taghizadeh

Es ist ein Schauspielerfilm, scharfzüngige und pointierte Dialoge, ein brillanter Geoffrey Rush, als kauziger und provokativ-humorvoller Giacometti mit vielen Launen und als gegensätzliche Persönlichkeit Armi Hammer als James Lord, der es schafft, wie ein aus dem Ei gepellter Harvard Student auszusehen, der die Diplomatie mit der Muttermilch aufgesogen hat und den nichts aus der Ruhe bringt. Beinah. Auch wenn die Eskapaden des Bildhauers, sein Verhältnis zu der Prostituierten Caroline (Clémence Poésy) und sein gleichzeitiges Zusammenwohnen mit seiner Ehefrau Annette (Sylvie Testud) für allerlei Turbulenzen sorgen – was die beiden Hauptdarsteller vereint ist ihre unerschöpfliche Liebe zur Kunst. Da können auch noch so viele skurrile Momente passieren. Der Kunstkritiker James Lord erträgt mit stoischer Ruhe, die Wutausbrüche und verzweifelten Momente des Künstlergenies. Bis er sich dann doch irgendwann mit einem Trick aus der Lage befreien muss.

Wunderschön sind die Bilder. Die Handlung spielt sich hauptsächlich im Atelier des Künstlers, in einem Pariser Hinterhof ab, nur unterbrochen durch einige Spaziergänge, Restaurantbesuche oder spontane Ausflügen. Originalgetreu und naturalistisch bildet Regisseur Stanley Tucci das Paris der 60er Jahre und das Atelier des Bildhauers ab. Die Farbigkeit dort ist monochromatisch und entspricht der Farbpalette Alberto Giacomettis. Es ist eine Spiel mit dem Raum, mit dem Licht, mit der Kunst. Der Film arbeitet mit zwei Handkameras gleichzeitig und erzeugt dadurch, dass nie direktes Licht eingesetzt wird, eine Unmittelbarkeit und authentische Atmosphäre. Der Zuschauer fühlt sich mit hineingenommen in das Atelier, die Welt des Künstlers. Er sitzt gleichsam Porträt, wie der geduldige James Lord.

Szene mit Armie Hammer und Geoffrey Rush in "Final Portrait". © Parisa Taghizadeh
Szene mit Armie Hammer und Geoffrey Rush in „Final Portrait“. © Parisa Taghizadeh

Die Kamera gleitet über die zahlreichen Plastiken Giacomettis, die im Atelier stehen, über die Skizzen an den Wänden, den Staub, der aufgewirbelt wird, bis zur Farbpalette des Malers. In unzähligen Großaufnahmen sehen wir die Gesichter des Künstlers und seines auf einem Stuhl sitzenden Modells, seine Leinwand, seine Pinsel, seine Farben. Wir sehen, wie der Künstler einen Strich auf die Leinwand setzt und sofort wieder vor Ärger über den falschen Strich abbricht. Und dafür lässt sich der Film Zeit. Wir bekommen eine Ahnung von dem Schaffensprozess Giacomettis und einen Einblick, in die vielschichtige und authentische, von Höhenflügen und Zweifeln geplagte Persönlichkeit des Künstlers, der das ausschweifende Leben eines Bohemiens, samt offener Beziehung zur Prostituierten, lebt. Und das ist ganz wunderbar gelöst. Leicht beschwingte französische Musik, geschickte Überblendungen und ein hervorragender Rhythmus, sowie die Glanzleistung von Geoffrey Rush und die humorvollen Einlagen machen das Werk zu einem unterhaltsamen und beschwingten Sehgenuss. Vielleicht ist die Handlung ein wenig reduziert und geht wenig über die Beziehung der Hauptdarsteller hinaus und wir erfahren leider keine tieferen Einblicke über das Schaffen des Malers, aber was soll’s, – sprechen wir mit Giacometti: „Ein Kunstwerk ist nie vollendet…“

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Originaltitel: Final Portrait
Land: Großbritannien, Frankreich
Jahr: 2017
Regie, Buch: Stanley Tucci
Kamera: Danny Cohen
Schnitt: Camilla Toniolo
Musik: Evan Lurie
Mit: Geoffrey Rush (Alberto Giacometti), Armie Hammer (James Lord), Clémence Poésy (Caroline), Tony Shalhoub (Diego Giacometti), James Faulkner (Pierre Matisse), Sylvie Testud (Annette Arm)
Produzenten: Gail Egan, Nik Bower, Ilann Girard

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