Der Mann, der Sherlock Holmes war – Robert Downey, Jr. ist „Sherlock Holmes“ in Guy Ritchies Actionkomödie

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Mit seinem Freund und Kollegen Dr. Watson (Jude Law) lebt der Prototyp des Privatdetektivs Holmes (Robert Downey, Jr.) in der Baker Street 221b. Hat er an keinem komplizierten Fall zu tüfteln, zupft er geistesabwesend an seiner Geige, als wäre er Ukulele-Spieler und ergeht sich in abwegigen wissenschaftlichen Experimenten. Holmes Kokain-Abhängigkeit wird hingegen nicht einmal angedeutet. Mag er auch mehrfach im Schlamm, Staub oder den dreckigen Wassern der Themse landen, Holmes behält eine weiße Weste. Doyles zerrissener, skurriler Charakter wird zum viktorianischen Superhelden. Statt dem schnöden London allein, hat er die ganze Welt zu retten vor dem düsteren Lord Blackmoor (Mark Strong). Wer so heißt, muss Teuflisches im Schilde führen. Dabei besinnt sich der Lord auf prominente historische Vorbilder: Blackmoor, Blackmoor, he was intend to blow up the House of…“ – Nicht einmal für einen originellen Kriminalfall reicht die Fantasie Ritchies, der lieber seine Landeshistorie mit der guten, alten Weltherrschaftsfantasie zu einem kruden Actionspektakel vermischt. Gnadenlos hetzt Holmes durch die aufwendigen viktorianischen Kulissen. Manchmal bleibt die Kamera hinter den Charakteren zurück, als habe der Kameramann verzweifelt versucht, in der gelungenen Szenerie Atmosphäre zu erzeugen. Und sei dann von Ritchie gnadenlos weiter gescheucht worden („Jetzt film nicht die Straßenecke! Holmes haut gerade dem Rüpel eins über den Schädel!“) Die Spannung der Romanreihe, welche gerade aus den Details entstand, muss auf der Leinwand leidlich unterhaltsame Action ersetzen.

„Logik? Unterdurchschnittlich gering. Bezüge zur Romanvorlage? Gering. Kampfszenen? Überdurchschnittlich viele. Wende Zeitlupe an, da Choreografie so toll. Wiederhole Szene in Schnelldurchlauf, weil Choreographie so toll. Wiederhole, damit jeder weiß, dass Choreographie so toll. Inszenierter Sachschaden? Immens. Inszenierte Dramatik? Immens gering. Spürsinn? Nicht erforderlich. Kombiniere: ’Sherlock Holmes’ schlechter Film.“ – Wer gerne in diesem Stil kommuniziert und das für überdurchschnittlich intelligent hält, wird den neuen „Sherlock Holmes“ lieben. War der literarische Vorgänger ein brillanter Beobachter, erinnert dessen Leinwandverkörperung an einen Scanner. Mit monotoner Computerstimme rasselt Holmes seine Erkenntnisse und die resultierenden Schlussfolgerungen herunter. Doch selbst ein Meisterdetektiv kann schwerlich blitzschnell die exakte Ausprägung verschiedener Frakturen eines Kampfgegners erkennen. Dergleichen Gegner gibt es reichlich. Ritchie inszeniert sie als primitive, im Cockney-Slang knurrende Trottel, deren Tod weniger zu bedauern ist als das mehrfach befürchtete Verenden von Holmes Haushund. Zu Ritchies Verteidigung muss gesagt werden, dass er seinen „Sherlock Holmes“ nie als originalgetreue Verfilmung ausgegeben hat. Von Anfang an war eine massentaugliche Actionkomödie vorgesehen. Die gelungenen Witze muss man darin mit der Lupe suchen, dafür ist sogar Watson vom Intellektuellen zum gewandten Schläger geworden. In einer verräterischen Szene zückt Holmes einen Hammer, während sein Gegner einen noch größeren schwingt. Der Vorschlaghammer kann Ritchie nicht groß genug sein, gilt es, seinem Publikum die aufgesetzte Coolness seines „Sherlock Holmes“ einzuhämmern. Einzig Robert Downey, Jr. und Jude Law bewahren mit selbstironischen Darstellungen das Detektivspektakel vor der Arroganz, welche Ritchies Werken häufig anhaftete.

Das Böse hat ohnehin schon gesiegt. „Sherlock Holmes“ ist tot, seinen Namen und Wohnung okkupiert Iron Man. Sogar Professor Moriatry mag angesichts des tiefen Falls seines Lieblingswidersachers eine Träne wegdrücken – sehen kann man es nicht, denn der Oberbösewicht darf nur verhüllt in einer Kurzszene auftreten. In den drohenden Fortsetzungen wird er vermutlich so gesichtslos wie der Detektiv bleiben, mit oder ohne Kutte. „Das muss ich unbedingt einmal lesen.“, sagt Dr. Watsons Verlobte in einer Szene mit Blick auf dessen Notizbuchsammlung. Nicht nur sie.

Titel: Sherlock Holmes

Land/ Jahr: Großbritannien 2010

Genre: Actionkomödie

Kinostart: 28. Januar 2010

Regie: Guy Ritchie

Drehbuch: Michael Robert Johnson, Anthony Peckham

Darsteller: Robert Downey, Jr., Jude Law, Mark Strong, Rachel McAdams, Eddie Marsan

Laufzeit: 128 Minuten

Verleih: Warner Bros.

www.SherlockHolmes-DerFilm.de

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