Maria Callas Haus am Gardasee – Ein unvergesslicher Sonntag in Sirmione am Gardasee

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© Foto: Eva-Maria Koch, 2014

Er hat in uns Journalistinnen gleich einen Fanclub gefunden und plaudert Gott-sei-Dank sehr ausführlich über seine Erlebnisse mit Maria Callas. „Früher hörte ich lieber Beatles. Erst in den 80er Jahren kam ich zur Musica lyrica“, beichtet er uns. Dafür kennt er heute das Who-is-Who der Opernszene und mehr. Er ist ein berühmter, gefragter Mann geworden, der Vorträge in der ganzen Welt über die Callas halten muss. Regelmässig wird er auch von Pulks von Journalisten auf- und heimgesucht.

„Ihr erster Mann, Giovanni Battista Meneghini, ein vermögender Industrieller, baute sie auf“, fasst Michele die Geschichte kurz zusammen. „Onassis kam, angetrunken, kurz beim Gardasee vorbei, nahm sie mit und zerstörte sie.“

„Die Callas trat auch nie auf der Bühne auf, um Madama Butterfly zu singen“, erzählt er weiter. „Sie sagte, sie sei mit ihren 100 kg, die sie damals wog, unglaubwürdig als 18-jähriges Mädchen. Innerhalb von zwei Jahren nahm sie 30 Kilo ab mit einer Nur-Gemüse-und-Fleisch-Diät“, fährt er fort. Lediglich eine Studioaufnahme gäbe es und in Youtube das Video mit nur einem Fotos von ihr. http://www.youtube.com/watch?v=mN9Dipgqdtw

Nebenbei merkt Michele Nocera an, dass ein Callas-Diätbuch schon in Arbeit sei.

Bei köstlich kühlen Weißweinen namens „Il Gruccione“ (Bienenfresser) aus der regionalen Weinanbauzone „Lugana“ (Brescia, Gardasee) kommen wir alle dem „Broken Heart Syndrom“ auf die Spur, der Maria Callas das Herz brach, woran sie letztendlich starb.

© Foto: Eva-Maria Koch, 2014Zwischen einer leckeren Gardasee-Fischsuppe und Olivenpasta, weiß Gentleman Michele, spricht Nocera weiter: „Meine Schwester, damals in den 20ern, war die erste Freundin Maria Callas`, als sie mit ihrem Mann in die Villa in Sirmione einzog.“ Michele war zu der Zeit ein kleiner Junge von zehn Jahren. „Sie war noch nicht so berühmt, jedoch schon eine anerkannt gute Sängerin“, erklärt er die Geschichte. „Weltberühmt wurde sie erst, als sie mit Onassis in den Jet-Set kam.“

Michele hat Maria Callas künstlerische Biografie geschrieben, die künstlerische. „Die beste Biografie über ihr Leben hat ihr erster Mann Meneghini geschrieben“, betont Michele und kritisiert: „Es gibt zu viele Biografien von ihr auf dem Markt, die nicht wahrheitsgetreu sind.“

Wir sitzen im berühmten Hotel-Ristorante „Pace“, direkt am Gardasee gelegen, welches eigentlich Garda-Meer heißen müßte, denn sein Mikroklima lässt mediterrane Pflanzen üppig sprießen. Riesige Bougainvilla ranken an den Häusern hoch, Palmen, Zypressen, Olivenbäume, Mittelmeer-Pinien mit schirmförmigen Kronen und Orangenbäume gedeihen prächtig. Das Blau des Gardasees erinnert an die Côte d’Azur und lädt zum Baden ein.

„An jedem 17. September, ihrem Todestag, veranstalten wir in Sirmione ein reichhaltiges Kulturfestival zu ihrem Gedenken“, lockt Michele uns zum Wiederkommen. Es trägt den Titel Omaggio a Maria Callas.

„Das „Pace“, plaudert unsere nette Guida Giuliana aus dem Nähkästchen, „war früher ein Treff berühmter Leute. Hemmingway, George Orwell, Churchill, Callas, Sting – die Promiliste ist open end. Viele prominente SängerInnen kamen nach Sirmione, um in dem Schwefel-Thermalbad mit Inhalationen und Kuren ihren Stimmen Gutes zu tun.“

„Hier ist die „Autobahn!“ Scherzend weist Massimo von Bresciatourism auf den See. Wir sitzen direkt am Ufer. Ein Schiff nach dem anderen ist zu sehen: Luftkissenboot, Ausflugsdampfer, Boote und Kanus aller Art. C’è sole – ein sonniger Ausflugssonntag!

© Foto: Eva-Maria Koch, 2014„In zwei Jahren möchte ich ein Callas-Museum eröffnen“, überrascht uns Michele mit Neuigkeiten. Maria Callas vermachte ihm circa 80 Opernroben und Schmuck, den sie für die Aufführungen trug. Er zeigt uns Fotos davon und auch ein paar von den Talmi-Präziosen. Das Museum würde ein „Renner“. Sirmione mit seiner phantastischen Scaligerburg wird von Touristen sowieso schon überlaufen und platzt aus allen Nähten. Neuschwanstein ist dagegen eine verlassene Einöde.

„Fans aus aller Welt pilgern täglich an ihrem Haus vorbei und machen Fotos“, weiß Michele zu berichten. Michele Nocera ist Sirmionese und besitzt ein Haus am See. „Täglich um halb elf springe ich in den See, um zu baden“, erzählt er stolz. Mir fällt hierzu nur der diesjährige Radio-Ohrwurm von Peter Fox ein: „Haus am See“. „Und am Ende der Strasse steht mein Haus am See, Orangenblütenblätter liegen auf dem Weg”¦“, fällt mir bei seiner Erzählung ein. Vorsichtshalber habe ich in Brescia Enalotto gespielt und hoffe auf mindestens eine Villa.

Während unserer Sportbootfahrt mit Capitano Enzo über den Gardasee zeigt Giuliana uns die Blubberblasen, die an einer bestimmten Stelle im See selbst aufsteigen – man riecht es von weitem! „Der Schwefel kommt vom Monte Baldo vom gegenüberliegenden Ufer in Venetien. Er strömt unter dem Gardasee entlang und kommt am anderen Ufer wieder nach oben. Schon die Römer haben dort Bleirohre verlegt, um die Thermalströme zu ihren Heilbädern in der Villa des Catull fließen zu lassen.“

„Das Boot von George Clooney!“. Scherzend weist Michele auf ein Luxusgeschoss, welches über das Wasser jagt. „Eher sein Double“, antworte ich und verkünde: „Clooney heiratet doch gerade in Venedig seine Amal und dann geht es an den Comer See.“ Michele jedoch toppt die Story. „Die Callas hat in Venedig geheiratet und ihr Hochzeitskleid bei der Ankunft zur Hochzeitsnacht in ihrem Haus am Gardasee an die erste Frau, die sie sah, verschenkt. Diese Frau hat das Kleid immer noch.“

© Foto: Eva-Maria Koch, 2014Wir zischen über den See und Wasserfontänen stieben hinter uns auf. Das Sportboot hat Speed. Capitano Enzo erklärt uns ein Schmuckstück am Ufer nach dem anderen. Alleine die Highlights am Südwestufer des Gardasees sind bücherfüllend. Das muss man erlebt haben. Eine Fahrt mit dem Sportboot ist ein Anfang und der Hauch einer Ahnung. Einer der Highlights ist die Privatinsel "Isola di Garda" mit ihrem Neuschwansteinschloss. Hier sprang eine verzweifelte junge Bewohnerin von hoch oben herab, um sich zu töten. "Noch ein Broken Heart Syndrom“, denke ich.

Ich will auch nur noch in den See springen, aber zum Baden. Bei 28 ° C,  Sonnenschein und strahlend blauem Himmel ruft dieser göttliche Mittelmeer-Gardasee ständig: „Spring herein!“ Die charmante Giuliana schafft es Gott-sei-Dank doch noch, an meine Bildungsbürger-Ehre zu appellieren, und noch mit die „Grotti di Catullo“ anzuschauen.

Wir fahren mit dem Touristenbimmelbähnchen den Hügel hinauf. Bei nunmehr 30 ° C eine gute Idee. Oben angelangt laufen wir an paradiesisch blauem Wasser durch die gut erhaltenen Ruinen der ehemals riesigen Anlage. „Hier könnt Ihr Euch ein Zimmer mieten“, sagt Giuliana und lacht. Sie weist auf die Rudimente von Zimmern – mit Blick auf das (Garda-)Meer. "Das würde ich sofort machen", denke ich, wenn ich könnte.

„Hier ist das Fenster zum Paradies“, meint Giuliana und zeigt auf eine Art von Panoramafenster im Relikt der riesigen römischen Anlage, die erst seit kurzem archäologisch erschlossen und gesichert wurde. „Die Anrainer bedienten sich schon an dem Marmor und Materialien für den Neubau ihrer Häuser. Alles war durch Erdrutsche verschüttet“, erklärt sie.

© Foto: Eva-Maria Koch, 2014„Catull, der junge, römische Dichter aus Verona, war auch so ein ‚Broken Heart“-Kandidat’“, erläutert Giuliana uns in der Kürze der Zeit und berichtet, was geschah: „Er liebte eine sehr viel ältere Frau, Clodia, die ihm gegenüber jedoch äußerst grausam war und seine Liebe nicht erwiderte. Sie war seine Muse und er nannte sie Lesbia in seinen Gedichten.“

„Ich hasse und ich liebe – warum, fragst du vielleicht. Ich weiß es nicht. Ich fühl’s – es kreuzigt mich“, lautet Catulls berühmtestes Gedicht. Vielleicht haben die Schwefelgase der Therme doch Nebenwirkungen, die ein „Broken Heart“ begünstigen? "Da muss was in der Sole sein, was nicht gut tut", denke ich mir. Überall junge Werthers. Goethe war schließlich auch einmal hier.

Auf dem Rückweg trappern wir endlich in Fotoschussweite am Callas-Haus vorbei. Ein altes Rentnerehepaar kommt profan aus dem Haus durch das schmiedeeiserne Tor. Das Callas-Haus wurde an Privatleute verkauft in einzelnen Wohnungsportionen – Schadéee! Jetzt muss Michele sich ein anderes Domizil für sein Callas-Museum suchen. Er will die 80 Kleider der Stadt vermachen, die dann für alles weitere sorgen wird.

Kultur, Kultur und nochmal Kultur – wunderbar! „Wonderbra“, kolportiert Massimo von Bresciaturismo auf gute, dem Klischee von einem italienischen Mann entsprechende Art die deutsche Vokabel. (Herr Ober, eine Gabel, der Witz klemmt!).

Ich will jetzt endlich ins Wasser. Am Public Beach wage ich mich zu den mich misstrauisch beäugenden Schwänen in den See – vor mir die Berge und ein unglaubliches Seepanorama. Catull, was würdest Du hierzu sagen? In Anlehnung an ein ähnliches Gedicht von ihm klage ich: “Ich Arme, ich Arme, ich Arme – muss jetzt wieder nach Berlin, arm, aber sexy! Seufz!“

Unsere Sponsoren spendieren uns noch eine „Nobel geht die Welt zugrunde“-Taxifahrt nach Mailand in einer VIP-Karosse. „Ich Glückliche, Ich Glückliche, Ich Glückliche, Herr Catull!“, dichte ich weiter.

Im Berlin-Heimflieger haben sie die Rolling Stones aufgelegt. Im Bordradio ertönt: „You can’t always get what you want!“ Da ist was Wahres dran! Schade! Zurück in die grausame Welt.

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Weiterführende Infos zum Gardasee unter http://www.bresciatourism.it

Unterstützerhinweis:

Die Recherchereise wurde von der Italienischen Zentrale für Tourismus ENIT unterstützt.

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